Steffen Freund erklärt Tottenham Hotspur

»Wir sind ganz nah dran«

Als Co-Trainer von André Villas-Boas ist Steffen Freund auf Grashalmhöhe an der White Hart Lane - dem Stadion der Tottenham Hotspur. Im Interview verrät er, welche Hoffnungen er in der Europa League hegt und wie er die Spurs im nationalen Vergleich einschätzt.

Steffen Freund, was hätte für Sie den höheren Stellenwert: Platz drei in der Premier League und damit die direkte Qualifikation für die Champions League oder der Gewinn der Europa League?
Es wäre falsch, das gegeneinander aufzurechnen. Aber Tottenham hat den Anspruch, endlich mal wieder einen Titel zu gewinnen. Und in dieser Saison ist das nur noch im Europapokal möglich. Andererseits ist es für uns auch sehr wichtig, in der Premier League unter die ersten vier zu kommen. Die Champions League ist der Traum eines jeden Spielers.

Tottenham-Teammanager André Villas-Boas erklärte, man spiele in der Europa League, um den Cup zu gewinnen. Seinem Vorgänger Harry Redknapp wurde nachgesagt, dass er den Wettbewerb nicht so ernst nahm...
… weil er oft junge Spieler in der Europa League eingesetzt hat. André Villas-Boas gewann mit dem FC Porto vor zwei Jahren die Europa League und durfte die Erfahrung machen, wie großartig es ist, einen so langen Weg erfolgreich abzuschließen. Zehn Spiele haben wir in der Europa League jetzt schon hinter uns und Klubs wie Olympique Lyon oder Inter Mailand geschlagen. Jetzt wollen wir weiter kommen. Wir haben die große Chance, den Cup zu holen.

Was fällt Ihnen zum FC Basel ein, dem nächsten Gegner in der Europa League?
Das ist der FC Bayern München der Schweiz. Der FC Basel hat ein wunderschönes Stadion und eine Mannschaft, der viele der besten Spieler der Schweiz angehören und die über große internationale Erfahrung verfügt.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass der FC Basel als Vertreter der Schweiz, die nicht gerade als Fußballmacht gilt,  von einem Premier League-Klub unterschätzt wird?
Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Allein schon wegen der Erfahrungen aus der vergangenen Champions-League-Saison. Dass der FC Basel Manchester United aus dem Wettbewerb geworfen hat, war ein Ausrufezeichen, an das man sich in England  heute noch erinnert. Seit diesem Sieg ist der FC Basel eine international gute Adresse.

Tottenham Hotspur versucht in die Phalanx der vier großen englischen Klubs – Manchester United, Manchester City, FC Chelsea und FC Arsenal – vorzudringen. Wie weit ist der Klub dabei schon gekommen?
Wir sind ganz nah dran. Im letzten Jahr haben wir  es geschafft und in dieser Saison  sind wir auch wieder gut dabei im Kampf um Platz vier. Das war zu der Zeit, als ich selbst noch bei Tottenham Hotspur spielte (1999 bis 2003, die Red.), anders. Damals bewegten wir wir uns immer im Tabellenmittelfeld. Seitdem hat sich der Verein aber stetig weiterentwickelt. Wir haben gerade erst ein neues Trainingsgelände auf allerhöchstem Niveau bezogen. Das war ein ganz wichtiger Schritt für die Zukunft.

Der nächste soll der Bau eines neuen, größeren Stadions sein.
Ins jetzige Stadion passen 36.800 Zuschauer, aber es könnten 60.000 Karten verkauft werden. Derzeit nimmt der Verein bei einem Heimspiel durch den Ticketverkauf rund eine Million Euro ein. Bei Arsenal mit dem deutlichen größeren Emirates Stadium sind es 2,5 Millionen Euro. Das macht auf die Saison gerechnet einen deutlichen Unterschied. Würden wir am Ende unter den ersten vier stehen und uns dort etablieren, käme der Verein beim Thema Stadionneubau sicher einen großen Schritt voran. Aber der Klubpräsident und die Leute an seiner Seite überstürzen nichts. Der Verein wird sauber und seriös geführt und steht finanziell gut da.

Geht Tottenham Hotspur einen anderen Weg als die Ligakonkurrenten, bei denen der Geldbeutel lockerer zu sitzen scheint?
Wenn Sie so wollen, ja. Wir können und wollen uns die extremen Ablösesummen nicht leisten. Aber es ist ja auch nicht schlecht, einen Mann wie Gareth Bale in jungen Jahren zu kaufen. Talentierte Spieler früh zu holen und dann hier auszubilden, das ist der Weg von Tottenham Hotspur. Aber natürlich zahlen auch wir gute Gehälter. Und was die Einnahmen angeht, liegt Tottenham in der Größenordnung von Schalke 04 oder Borussia Dortmund.

Sie sind jetzt seit acht Monaten bei Tottenham Hotspur. Wie schätzen Sie das Niveau der Premier League ein?
Das ist nach wie vor sehr, sehr hoch. Jede Mannschaft ist auf ihre Art stark. Die einen in technischer Hinsicht und andere wie Stoke City, die extrem gut gegen den Ball spielen, oder Norwich, das noch den einfachen Stil mit langen Bällen nach vorne verfolgt, aber auch sehr schwer zu spielen ist.

Weil kein englisches Team den Sprung ins Champions League-Viertelfinale geschafft hat, werden Zweifel laut, ob die Premier League tatsächlich noch die stärkste Liga der Welt ist.
Das ist eine große  Verschiebung, keine Frage. Aber daraus gleich abzuleiten, dass die Premier League ihre Spitzenposition verloren hat, halte ich für falsch. Das darf man nicht an nur einer Saison festmachen. Zumal im Duell gegen Real Madrid mit Manchester United die bessere Mannschaft ausgeschieden ist. England war in den vergangenen Jahren das Top-Land in der Champions League, mit teilweise drei Klubs im Halbfinale. Und für mich ist die Premier League nach wie vor die stärkste Liga der Welt. Das Potenzial ist immer noch enorm, auch was die Einnahmen angeht.

Allein an Fernsehgeldern werden die 20 Premier League-Klubs in der kommenden Saison 1,9 Milliarden Euro einnehmen. Ein beträchtlicher Teil wird dafür verwendet, um mit horrenden Gehältern und Ablösesummen den Ligakonkurrenten die Spieler gegenseitig abzujagen.
Das war doch schon immer so, und ich sehe das auch nicht so negativ. Wenn viel Geld zur Verfügung steht, kann auch viel Geld ausgegeben werden. Natürlich gibt es Negativbeispiele wie Leeds United oder Portsmouth, die über ihre Verhältnisse gewirtschaftet haben.

Ist die ehemals so gerühmte Nachwuchsarbeit der englischen Klubs in jüngster Vergangenheit etwas vernachlässigt worden – vielleicht auch, weil viele Spieler aus dem Ausland geholt wurden?
Bei Tottenham Hotspur wird die Nachwuchsförderung weiterhin sehr groß geschrieben. Das zeigt sich schon am neuen Trainingsgelände, wo es sieben Rasenplätze allein nur für die Jugendteams gibt. Der Präsident unseres Klubs legt auch großen Wert auf eine gute Balance innerhalb der Mannschaft zwischen jungen und erfahrenen Spielern. Um die Nachwuchsarbeit bei den anderen Vereinen beurteilen zu können, bin ich zu weit weg. Tatsache ist aber, dass die englischen U-Nationalmannschaften nach wie vor erfolgreich sind. Von daher kann die Nachwuchsausbildung nicht so schlecht sein. Was die hohes Zahl ausländischer Spieler angeht, ist das natürlich schon ein Punkt, den man bedenken sollte. Denn umso weniger englische Talente schaffen den Sprung nach ganz oben.

Aber insgesamt sehen Sie den englischen Klubfußballs nicht in der Krise?
Nein, absolut nicht. Es stehen drei englische Teams im Europa-League-Viertelfinale – das darf man nicht vergessen.

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