Steffen Baumgart im Interview

»Man sollte Fehler erlauben«

Sucht man nach der Blaupause eines Arbeiters im Fußball, ist der Name Steffen Baumgart nicht fern. Wir sprachen mit dem heutigen Trainer über die Hektik der Bundesliga und den anstehenden Flex-Strom-Hallencup in Berlin. Steffen Baumgart im InterviewImago

Steffen Baumgart, von Ihnen stammt der Satz: »Ich kann keine Tricks.« Sie sind allerdings ein begeisterter Hallenfußballer. Wie passt das zusammen?

Ganz hervorragend. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Hallenfußball besteht aus Übersteigern und Hackentricks. Hallenfußball ist sehr einfach: der gerade Pass, die kurze Finte, das Anspiel in die Gasse, der stramme Schuss. Wer in der Halle auf hohem Niveau mit Übersteigern und ähnlichem Schnickschnack ankommt, wird sich nach zwei Minuten auswechseln lassen.

[ad]

Sie treten am 8. Januar 2011 beim Berliner FlexStrom-Cup mit dem FC Union an. Das große Wiedersehen mit alten Kumpels?

Auch das, klar. Werder, Hertha, Leverkusen – es gibt schon einige Mannschaften, auf die ich mich sehr freue. Insbesondere hoffe ich, dass Mirko Votava und Andreas Reinke da sein werden.

Sie galten zu Ihrer aktiven Zeit stets als einer, der den Fußball gelebt und gearbeitet hat. Vermissen Sie das tägliche Ackern mit dem Sport?

Was mir immer am meisten Freude im Fußball gemacht hat, habe ich auch heute noch: Das Zusammensein mit der Mannschaft – dieser Geist eines Kollektivs. Ich trainiere dreimal die Woche das D-Jugend-Team meines Sohnes und spiele in der Landesklasse beim SV Woltersdorf.

Und dort sind Sie der Superstar?

Das Wort mag ich nicht. Ich bin ein wenig bekannter als andere Spieler, das schon, und dennoch schwebe ich nicht über den Mit- und Gegenspielern. Letztendlich ist es Fußball, es geht um Tore, 90 Minuten – und die Gegenspieler, die immer noch beweisen wollen, dass sie einen Tick besser sind als du.

Nach 14 Jahre im Profibereich ist die Landesklasse überhaupt keine Umstellung für Sie? 

Glauben Sie mir, anders als heute liefen in Rostock noch die Ratten durch den Keller, als ich dort anfing. Und trotzdem fand ich das toll.

Weil Sie Teil einer Entwicklung waren?


Genau. Das war auch in Wolfsburg so. Der Klub hatte damals noch keine moderne Arena und wurde nicht so stark wie heute vom Konzern gebuttert. Alles war ein bisschen rauer, ein bisschen maroder. Vielleicht auch ehrlicher.

Bei Ihrem letzten Verein haben Sie nahezu jede Position gespielt. Wie ist es beim SV Woltersdorf?

Jetzt darf ich wieder Sturm spielen.

Gibt es heute noch Spieler, die auf allen Postionen spielen können?

Ich kenne wenige. Und ich glaube auch, Spieler wie mich findet man nicht an jeder Ecke. Das meine ich auch so deutlich, wie ich es sage. Viele die gedacht haben, dass sie besser sind als ich, sind im Endeffekt nur auf fünf oder zehn Profispiele gekommen. Vielleicht hatte ich nie die große Technik, aber ich hatte einen Willen und habe mich nicht ablenken lassen. Mein Kopft war zu 100 Prozent beim Fußball. Spieler, die denken, alles läuft von alleine, alles läuft mit Talent, spielen vielleicht eine oder zwei gute Saisons – und dann sind sie wieder weg.

Sie begannen im März 2009 ihre Chef-Trainerkarriere in Magdeburg. Nach einem Jahr wurden Sie wieder entlassen. Wieso?

Es erging mir wie vielen Trainern, die heute bei Vereinen mit illusorischen Zielen arbeiten. Nehmen wir mal Bielefeld, der Verein schmiss mehr oder weniger jeden Spieler raus, dann stellte man einen neuen Trainer, Thomas Gerstner, an die Linie und sagte: »Jetzt bau was auf. Aber: Wir haben kein Geld.« Die Experten sagten im Chor: Unmöglich. Und so kam es natürlich. Der Trainer wurde wieder rausgeschmissen, dann kam der nächste, Christian Ziege, der für 1,2 Millionen Euro Spieler kaufen sollte.

War das ähnlich in Magdeburg?

Absolut. Der Verein wollte was aufbauen, verlor aber nach einem Jahr wieder die Geduld. Mit einem Mal ist alles dahin, der Verein geht mit der Brechstange vor und dann wundert man sich, warum man kurz vor dem Abstieg steht. Es ist in so vielen Vereinen so: Da sitzen Leute, die keine Ahnung vom Fußball haben.

Die Geduld ist dem Fußball abhanden gekommen.

Die erfolgreichen Vereine in der Bundesliga – etwa Bayern, Werder, Leverkusen – arbeiten alle mehr oder weniger kontinuierlich. Dortmund sollte man auch dazuzählen. Die sind doch jetzt nur so erfolgreich, weil man vor zwei oder drei Jahren den jungen Leuten erlaubt hat, Fehler zu machen, Erfahrungen zu machen.

Können kurzfristige Konzepte nicht auch Erfolg haben?

Wirklich? Ein anderes Beispiel ist Red Bull Leipzig. Die kaufen etliche Spieler, hervorragende Einzelspieler mitunter, und stehen mit diesem Starensemble trotzdem nur im Mittelfeld der Regionalliga, einfach, weil sie die Liga nicht kennen. Das heißt also, dass auch ein Verein mit einer qualitativ sehr guten Mannschaft eine langfristige Planung benötigt.

Was brauchen die Vereine noch?

Ich würde mir noch Vereinskonzepte wünschen. Also Leute, die die Philosophie des Vereins verstehen und darauf aufbauend adäquate Trainer und Spieler holen. Doch da sitzen etliche Leute auf der Tribüne, die Wirtschaftszusammenhänge verstehen, und die glauben, weil sie fünf Fußballspiele gesehen haben, nun auch Ahnung vom Fußball zu haben. Nur weil ich jeden Tag eine Zeitung lese, sage ich ja auch nicht: Jetzt kann ich eine eigene Zeitung veröffentlichen.

Die 80 Millionen Bundestrainer gab es immer schon.

Doch heute hört man ihnen häufiger zu – und dann wird es gefährlich.


Steffen Baumgart wird beim FlexStrom Cup 2011 gegen den Ball treten. Auch Ihr wollt am 8. Januar 2011 in der Max-Schmeling-Halle Fußball-Legenden live erleben? Dann schickt eine Mail mit eurer Anschrift an flexstrom-cup@11freunde.de Wir verlosen 5x2 Karten für den Fanblock von Union Berlin. Viel Glück!

Alle Infos zum FlexStrom-Cup 2011!

Verwandte Artikel

0Steffen Baumgart im Interview

Steffen Baumgart im Int…

»Ich habe keinen Trick drauf«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!