Steffen Baumgart im Interview

»Ich habe keinen Trick drauf«

Steffen Baumgart im InterviewImago
Heft #73 12 / 2007
Heft: #
73

Steffen Baumgart, wen würden Sie zum besten Stürmer aller Zeiten küren?

Ich glaube, aufgrund seiner Quote, aufgrund dessen, was er erreicht hat, wie er es erreicht hat und welche Mannschaften durch ihn etwas besonderes geworden sind - Gerd Müller.

Im Detail...

...hat er aus einer sehr guten Bayern-Mannschaft eine überragende Bayern-Mannschaft gemacht, und dazu, vor allem 1974, aus einer eher durchschnittlich spielenden Nationalmannschaft eine aus Sicht der Ergebnisse überragende Nationalmannschaft. Ich glaube, selbst Franz Beckenbauer sagte einmal, dass jeder Bayern-Spieler, der in diesem Zeitraum mit Gerd Müller zusammenspielte, ihm das meiste zu verdanken hat. Der FC Bayern hatte dank ihm das, was andere eben nicht hatten.

[ad]

Wenn man überhaupt einen realistischen Vergleich ziehen kann: Wie nah kommt der damalige Gerd Müller einem heutigen Thierry Henry?

Henry ist ein ganz anderer Spielertyp aus einer ganz anderen Spielergeneration. Es ist vollkommen richtig, dass man den Fußball der 60er nicht mit dem der 70er, den wiederum nicht mit dem der 80er und so weiter vergleichen kann. Wenn wir uns frühere Fußball-Spiele anschauen, beispielsweise die Weltmeisterschaft 1974, und dann Spiele auf diesem Niveau von heute, besteht die einzige Gemeinsamkeit darin, dass auch damals jeweils elf Spieler gegeneinander angetreten sind. Was Henry besonders auszeichnet, ist, dass er alles mitbringt – überragende Schnelligkeit, tolle Technik, und und und. Dazu zähle ich ebenso Miroslav Klose.

Wie groß sind die Unterschiede zwischen Gegenwart und der Zeit Ihres Karrierebeginns?

Ich habe vor 13 Jahren im Profi-Bereich angefangen. Selbst dieser Fußball ist mit dem gegenwärtigen nicht mehr zu vergleichen. Alles ist auf einer ganz anderen Ebene so athletisch, so schnell und so aggressiv geworden.

Fehlt den überragenden Stürmern der gegenwärtigen Generation auch die Aura eines Gerd Müller, Pelé oder di Stefano?

Sagen wir so: Ein wertvoller Oldtimer wird immer teurer sein und die größere Faszination ausüben als ein neuer Sportwagen. Was aber nicht heißen soll, dass dieses neue Auto später nicht vielleicht einmal einen ähnlichen Wert besitzt.

Bei aller Effizienz: Wie wichtig ist Ihnen fußballerische Eleganz?

(Benötigt einige Momente, um mit dem Lachen aufzuhören) Also, das fragen sie nicht wirklich mich. Sie müssen mich verwechseln!

Doch, ich frage gerade Sie.

Wer mich spielen sieht, sieht wenig an Eleganz. Die Eleganz und ich, wir beide haben nichts gemeinsam (lacht).

Steffen Baumgart, die Antipode der Eleganz – von wegen! Beim FC Hansa gelang Ihnen gegen den Hamburger SV einmal ein Kunsttor von der Seitenlinie aus, das Sie mit dem Spruch quittierten: »Wenn ich ein Brasilianer wäre, hätte ich gesagt, das war Absicht, aber das glaubt mir sowieso keiner.«

Das weiß ich noch, als wenn er mir gerade abgerutscht wäre. In der Mitte lief Magnus Arvidsson frei in Richtung HSV-Tor, ihn wollte ich anspielen und treffe den Ball eigentlich gar nicht, und der fällt hinter Butt rein. Unhaltbar. Manchmal ist es gut, wenn man selbst nicht weiß, wo man ihn hinschiebt. Das war damals eigentlich ein Tor des Jahres, und ich bin nur aus der Wertung gefallen, weil mal jemand gegen Bayern aus 25m das 1:0 geschossen hatte.

Abgesehen von diesem Tor, ist Ihnen mal ein Trick gelungen, den sie später selbst nicht begriffen haben?

(lacht wieder) Ich hatte nie einen Trick im Repertoire. Ich habe mir den Ball geradeaus vorbei gelegt und bin mit guter Hoffnung hinterher gestiefelt. Zwei, drei verwunderliche Sachen sind schon mal geglückt, aber ich habe nicht krampfhaft über meine fußballerischen Verhältnissen gelebt. Das kann mir auch jeder bestätigen. Damit bin ich auch am besten gefahren.

An welches Tor erinnern Sie sich besonders gerne zurück?


Puh! Für mich persönlich schoss ich eines meiner schönsten Tore letzte Saison gegen Bayern. Es war mein erstes Spiel von Anfang an nach langer Zeit, dann gegen Olli Kahn, dann in der neuen Arena. Jeder Spieler hat seinen Wunsch, was er gerne noch vollbringen würde. Und den Wunsch habe ich damit erfüllt. Aber so ganz kann ich mich nicht entscheiden. Das erste Tor in der Bundesliga war ein tolles Gefühl (am ersten Spieltag 1995 gegen Bayer Leverkusen, Anm. der Red.). Oder mein erstes Tor im Profifußball für Hansa gegen Hertha BSC - ein 1:0. Danach sind wir durch die zweite Liga marschiert. Das sind Dinge, die man nicht vergisst.

Welche Tore sind am schwierigsten?


Jedes Tor ist schwer. Ob ich ihn über die Linie drücke oder aus 40 Metern den Winkel massiere. Am besten finde ich die Reporter-Kommentare: Wenn einer alleine auf den Torwart läuft und ihn reinschiebt, hat er es cool und lässig gemacht. Aber wenn er den Pfosten trifft oder vorbei legt, ist er überheblich, unkonzentriert und kläglich. Deshalb weiß ich, dass jeder Ball auch erstmal rein muss. Um am Beispiel Henry zu bleiben: In dieser Situation ist er herausragend in Quote und Können.

Sie als langjähriger Stürmer müssen es ja wissen.

Ich war nie ein Torjäger, über den man sagte, er sei im Jahr für so und so viele Tore gut. Das muss man ja mal klar zugeben. Ich wäre es gern, bin es aber auf diesem hohen Niveau nie gewesen. Als Stürmer habe ich vorne mit dem Grätschen für die Defensive angefangen. Ich habe auch meine Tore gemacht, meine Vorlagen gegeben. Aber in erster Linie sieht man bei mir Arbeit, Kampf, ab und zu ein Aua für den Anderen und dass ich bei Fouls nicht den Kunstturner mache und schnell wieder aufstehe.

Wie geht man als Stürmer mit wochenlangen Torflauten um?

Das macht jeder auf seine Art. Ob mit Kampf, mit seiner Technik, der andere flippt vielleicht mal aus. Auf Krampf funktioniert das jedoch nicht. Vielleicht lege ich in Situationen dann auch lieber noch mal rüber. So kann man sich genauso Selbstvertrauen zurückholen.

Das eigene Tor zählt nur halb so viel wie der Erfolg der Mannschaft. Stimmt diese Weisheit?

Wenn ich fünf Wochen hintereinander nicht treffe, und meine Mannschaft fünfmal hintereinander gewinnt, habe ich auch fünfmal Geld verdient. Das lindert den Schmerz. Natürlich schmerzt es, selber nicht zu treffen.

Kann ein Stürmer tatsächlich ein Spiel alleine entscheiden?


Ja und aber.

Aber?

Weil jeder Spieler ein Spiel alleine entscheiden kann. Ganz besonders auch Torhüter, im Positiven und Negativen. Doch genauso jeder andere, selbst wenn es den Anschein einer noch so belanglosen Aktion hat.

Wenn Stürmer ein Spiel entscheiden und in der Sonne glänzen, kann es dann zu Eifersüchteleien, Neid oder Missgunst kommen?

Ein guter Stürmer erkennt die Arbeit anderer an, und er erkennt, warum er das Tor machen konnte und wer ihm dabei geholfen hat. Sergiu Radu hätte nicht glänzen können, wenn wir nicht hinten mit acht Mann das Ding dicht gehalten hätten. Ich glaube, dass sich jeder sehr gute Stürmer durch Mannschaftsdienlichkeit auszeichnet. Miroslav Klose ist das Paradebeispiel. Der läuft sechsmal alleine auf das Tor und legt fünfeinhalb davon rüber.

Wie haben Sie als Stürmer gehandelt: Abgeben oder auf eigene Faust?


Das kam ganz darauf an, und ich entschied aus dem Gefühl heraus. Hat man gerade das überragende Selbstvertrauen, dann hat man natürlich geschossen, und wenn’s schief ging, bekam man natürlich von den Kollegen Ärger.

Sie erwähnten, dass Sie kein Typ sind, der nach Zweikämpfen oder Fouls lange lamentiert und liegen bleibt. Welche Aktionen zwischen Gegnern bringen ein moralisches Ungleichgewicht ins Spiel?

Was bedeutet Moral? Bei uns geht’s um Fairplay auch den Kollegen gegenüber. Und das ist wichtig und bleibt auch dabei. Aber eine Moraldiskussion hat in unserem Job nichts zu suchen. Wenn sich Spieler nach Abpfiff vor die Kamera stellen, sich selbst zum Richter machen und auf Moral pochen, dann ist genau das scheinheilig und unmoralisch. Wir sind in einem Kampfsport, und es passieren in der Emotion Dinge unter der Gürtellinie. Mittlerweile wird jede Szene von jedem kommentiert. Vor dem Spiel unterhalte ich mich mit alten Freunden, im Spiel bekommen sie auch mal einen auf die Socken von mir. Und ich erwarte von ihnen, dass sie mir gegenüber genauso hart zur Sache gehen. Nach dem Spiel sollte alles vergessen sein. Mich ärgert es viel mehr, wenn sich einer 25 Mal wälzt und nicht wieder hochkommt, weil er einen Drehwurm hat.

Wer war Ihr unangenehmster Gegenspieler?

Da gab es einige. Aber ich bin auch kein Waisenknabe. Ich hatte den meisten Spaß mit Leuten, mit denen man sich gegenseitig ungehauen hat. Und nach dem Spiel war alles vergessen. Diese waren mir eigentlich sogar die Angenehmsten. Ich möchte ja einen Gegner, der mich fordert. Dabei muss man auch einstecken können.

Verliert man irgendwann die Lust, nach Fouls wieder aufzustehen?

Nie! Das macht doch gerade Spaß. Das will ich ja. Es hat doch jeder mit dem Fußball angefangen, weil er im Dreck und im Matsch spielen konnte. Und jetzt, da wir erwachsen sind, tun wir gerade so, als ob im Spiel die Haare liegen müssen.

Viele, vor allem Kreative und Stürmer erfahren oft eine regelrechte Glorifizierung. Sind sie wirklich die Hauptattraktion des Spiels?


Die Hauptattraktion ist und bleibt der Fußball. In den letzten Jahren ist der Fußball zum Showgeschäft geworden. Es wird immer der Fokus auf einzelne gelegt - ob das bei Schauspielern oder Sängern ist. Bei »Tokio Hotel« kennen alle auch nur den einen. Das ist in den meisten Fußballmannschaften genauso, die diesen Verein nach außen vor der Öffentlichkeit verkörpern.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!