11.08.2007

Steffen Baumgart im Interview

„Ihr könnt mich alle mal“

Er ist eine der letzten Kampfsäue der Bundesliga. Doch Steffen Baumgart sieht die eigene Spezies vom Aussterben bedroht. Dabei zeigt er in Cottbus, wie man durch Kampf und Wille seinen Platz im Team behaupten kann.

Interview: Juern Kruse Bild: Imago
Sie waren beim Pokal-Spiel Union Berlin gegen Eintracht Frankfurt im Publikum. War es eine zweite Niederlage für Sie?

Irgendwo schon, ja. Denn ich bin dem Verein Union Berlin immer noch sehr verbunden.

Die Erstrunden-Niederlage mit Energie Cottbus am Tag zuvor in Essen war aber sicherlich schmerzhafter?

Natürlich. Gerade unter den Umständen: Im Elfmeterschießen lagen wir ja vorne und hatten alles selbst in der Hand. Dann noch zu verlieren, ist sehr ärgerlich.



Wurde der Sieg leichtfertig verspielt?

Nein. Es ist ja nicht so, dass wir dahin fahren und nicht gewinnen wollen. Wir hätten vor der Pause das 2:0 machen müssen, und dann brennt da auch nichts mehr an. Nach unserem 1:0 haben wir den Gegner durch individuelle Fehler wieder stark gemacht. Aber wenn wir keinen Willen gehabt hätten, wären wir in der Verlängerung nach 1:2-Rückstand nicht mehr zum Ausgleich gekommen. Diese Darstellung, dass Essen uns an die Wand gespielt hätte, stimmt einfach nicht. Die haben in 120 Minuten drei mal auf unser Tor geschossen. Essen hat gut gespielt, aber nur, weil wir es zugelassen haben.

Fällt es Energie leichter, wenn sie nicht das Spiel machen müssen?

Das ist eine typische Vorgehensweise kleinerer Vereine. Gegen Essen fehlten uns die Mittel, um sie spielerisch zu besiegen. Wir haben andere Tugenden, die uns stark machen. Wir sind keine Mannschaft, die eine andere spielerisch beherrscht. Ich fahre ja nicht zu Bayern München und sage: „Die spielen wir an die Wand.“ Man muss den Gegner erst bekämpfen, ihn auf das eigene Niveau runterholen und dann im richtigen Moment zuschlagen.

Passt Cottbus somit perfekt zu ihrer Art, Fußball zu arbeiten? Sie sagen von sich selbst, dass es viele andere mit mehr Talent gab, und Sie kein großer Fußballer seien.

So ein Spielertyp wie ich passt in jeden Verein. Ich hatte und habe wesentlich mehr Biss als andere. Es gab Trainer, die mir zu verstehen gegeben haben, dass ich es nie packen werde. Aber ich habe mich nie hingesetzt und gesagt „ihr habt Recht“, sondern „ihr könnt mich alle mal“.

Sergiu Radu und Vlad Munteanu, die letzte Saison zusammen auf 25 Tore und elf Assists kamen, haben den Verein verlassen. Wer kann dieses Loch stopfen?

Radu und Munteanu haben das nicht alleine geschafft. Sie konnten sich auf ihre Offensivaufgaben konzentrieren, weil wir die Abwehrarbeit verrichtet und lange das 0:0 gehalten haben. Wir waren alle froh, dass das so gut funktioniert hat. Dieses Jahr müssen wir es anders versuchen und die Last des Toreschießens auf mehrere Schultern verteilen.

Was trauen Sie den beiden in Wolfsburg zu?

Ein Spieler wie Radu passt durch seine Schnelligkeit in jede Mannschaft. Er wird auch in Wolfsburg zehn bis 15 Tore schießen. Bei Munteanu muss man erstmal abwarten, bis er wieder fit ist.

Trauern Sie den Abgängen nach?

Mund abputzen und weiter. Cottbus hätte die beiden sowieso nicht halten können. Man muss die wirtschaftlich positive Seite sehen: Energie hat für beide Spieler zusammen 300.000 Euro bezahlt und jetzt 4,5 Millionen kassiert. Das ist ein Riesengewinn. So sind wir jetzt einer der wenigen Vereine, die fast keine Schulden haben. Wir können darauf stolz sein, das mit guter Einkaufspolitik erreicht zu haben. Außerdem ist es Sergiu Radu nach zwei Jahren, in denen er außergewöhnliche Leistungen gezeigt hat, zu gönnen, etwas mehr Geld zu verdienen. Er kann nun woanders zu zeigen, was für ein guter Stürmer er ist. Man muss dem Verein und den Spielern gratulieren.

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