Steffen Baumgart im Interview

„Ihr könnt mich alle mal“

Er ist eine der letzten Kampfsäue der Bundesliga. Doch Steffen Baumgart sieht die eigene Spezies vom Aussterben bedroht. Dabei zeigt er in Cottbus, wie man durch Kampf und Wille seinen Platz im Team behaupten kann. Imago

Sie waren beim Pokal-Spiel Union Berlin gegen Eintracht Frankfurt im Publikum. War es eine zweite Niederlage für Sie?

Irgendwo schon, ja. Denn ich bin dem Verein Union Berlin immer noch sehr verbunden.

Die Erstrunden-Niederlage mit Energie Cottbus am Tag zuvor in Essen war aber sicherlich schmerzhafter?

Natürlich. Gerade unter den Umständen: Im Elfmeterschießen lagen wir ja vorne und hatten alles selbst in der Hand. Dann noch zu verlieren, ist sehr ärgerlich.

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Wurde der Sieg leichtfertig verspielt?

Nein. Es ist ja nicht so, dass wir dahin fahren und nicht gewinnen wollen. Wir hätten vor der Pause das 2:0 machen müssen, und dann brennt da auch nichts mehr an. Nach unserem 1:0 haben wir den Gegner durch individuelle Fehler wieder stark gemacht. Aber wenn wir keinen Willen gehabt hätten, wären wir in der Verlängerung nach 1:2-Rückstand nicht mehr zum Ausgleich gekommen. Diese Darstellung, dass Essen uns an die Wand gespielt hätte, stimmt einfach nicht. Die haben in 120 Minuten drei mal auf unser Tor geschossen. Essen hat gut gespielt, aber nur, weil wir es zugelassen haben.

Fällt es Energie leichter, wenn sie nicht das Spiel machen müssen?

Das ist eine typische Vorgehensweise kleinerer Vereine. Gegen Essen fehlten uns die Mittel, um sie spielerisch zu besiegen. Wir haben andere Tugenden, die uns stark machen. Wir sind keine Mannschaft, die eine andere spielerisch beherrscht. Ich fahre ja nicht zu Bayern München und sage: „Die spielen wir an die Wand.“ Man muss den Gegner erst bekämpfen, ihn auf das eigene Niveau runterholen und dann im richtigen Moment zuschlagen.

Passt Cottbus somit perfekt zu ihrer Art, Fußball zu arbeiten? Sie sagen von sich selbst, dass es viele andere mit mehr Talent gab, und Sie kein großer Fußballer seien.

So ein Spielertyp wie ich passt in jeden Verein. Ich hatte und habe wesentlich mehr Biss als andere. Es gab Trainer, die mir zu verstehen gegeben haben, dass ich es nie packen werde. Aber ich habe mich nie hingesetzt und gesagt „ihr habt Recht“, sondern „ihr könnt mich alle mal“.

Sergiu Radu und Vlad Munteanu, die letzte Saison zusammen auf 25 Tore und elf Assists kamen, haben den Verein verlassen. Wer kann dieses Loch stopfen?

Radu und Munteanu haben das nicht alleine geschafft. Sie konnten sich auf ihre Offensivaufgaben konzentrieren, weil wir die Abwehrarbeit verrichtet und lange das 0:0 gehalten haben. Wir waren alle froh, dass das so gut funktioniert hat. Dieses Jahr müssen wir es anders versuchen und die Last des Toreschießens auf mehrere Schultern verteilen.

Was trauen Sie den beiden in Wolfsburg zu?

Ein Spieler wie Radu passt durch seine Schnelligkeit in jede Mannschaft. Er wird auch in Wolfsburg zehn bis 15 Tore schießen. Bei Munteanu muss man erstmal abwarten, bis er wieder fit ist.

Trauern Sie den Abgängen nach?

Mund abputzen und weiter. Cottbus hätte die beiden sowieso nicht halten können. Man muss die wirtschaftlich positive Seite sehen: Energie hat für beide Spieler zusammen 300.000 Euro bezahlt und jetzt 4,5 Millionen kassiert. Das ist ein Riesengewinn. So sind wir jetzt einer der wenigen Vereine, die fast keine Schulden haben. Wir können darauf stolz sein, das mit guter Einkaufspolitik erreicht zu haben. Außerdem ist es Sergiu Radu nach zwei Jahren, in denen er außergewöhnliche Leistungen gezeigt hat, zu gönnen, etwas mehr Geld zu verdienen. Er kann nun woanders zu zeigen, was für ein guter Stürmer er ist. Man muss dem Verein und den Spielern gratulieren.

Vertrauen Sie darauf, dass die Einkaufspolitik auch dieses Jahr so gut ist?

Man braucht dabei immer ein wenig Glück. Am Anfang der letzten Saison wusste zunächst auch keiner, dass es so gut laufen würde. Aber ich bin ein Teil dieser Mannschaft und absolut überzeugt davon, dass wir die Klasse halten. Auch wenn es schwieriger wird als im letzten Jahr, in dem wir nur einmal auf einem Abstiegsplatz standen. Unser Ziel lautet Platz 15. Ob der am Ende mit 33 oder 42 Punkten erreicht wird, ist mir egal.

Was macht den Spieler Baumgart aus?

Es gibt in jedem Verein Künstler und Arbeiter. Ich bin Letzteres. Es gibt mehrere Arbeiter, die in ihren Vereinen eine ganz wichtige Rolle spielen.

An wen denken Sie dabei?

An Rüdiger Kauf von Bielefeld beispielsweise. Das ist eine reine Kampfsau. Der gibt immer Gas und reißt damit auch andere mit. Solche Spieler braucht jeder Verein. Auch Mark van Bommel setzt mit seiner Aggressivität auf dem Platz Ausrufezeichen. Und ein Thomas Gravesen spielte schließlich auch nicht bei Real Madrid, weil er so gut aussieht. Die brauchten einen, der dazwischen haut. Auf dem Spielfeld zeigt sich der Wille eines Spielers.

Hatten Sie schon immer diesen Willen?

Ich war schon immer ein athletischer Typ, der über Eigenschaften wie Kampf und Wille ins Spiel gekommen ist. Dazu habe ich meine Grundschnelligkeit und Kopfballstärke in die Waagschale geworfen.

Ist dieser Spielertyp vom Aussterben bedroht?

Ja, aber das ist ein gesellschaftliches Problem: Heute muss sich doch keiner mehr hocharbeiten. Heute haben alle Kinder ihre Computer, Gameboys und wahrscheinlich eine Maschine, die ihnen den Hintern abwischt. Denen wird alles abgenommen.

Sehen Sie das auch bei jungen Fußballern?

Auf jeden Fall. Hertha BSC ist das beste Beispiel. Dort fordern junge Spieler mit gerade einmal drei Bundesligaeinsätzen Respekt ein, den man sich eigentlich erst erarbeiten muss. Ich bewundere Leute, die über Jahre Leistung gebracht und immer gekämpft haben. Junge Spieler, die nur wegen ihrer Tattoos, Mode oder Frisuren in den Zeitungen stehen, respektiere ich nicht.

Wen aus dem aktuellen Fußballgeschäft respektieren Sie?

Oliver Kahn hat immer super Leistungen gebracht und versucht, das Optimale aus sich herauszuholen. Oder Miroslav Klose, der in der letzten Saison trotz der Kritik uneigennützig viele Tore vorbereitet hat.

Sie sind in Cottbus ein Publikumsliebling, waren dies auch bei Hansa Rostock und vor allem bei Union Berlin. Sind Sie so ein netter Kerl?

Ich bin mit meiner Art Fußball zu spielen bei den Leuten immer gut angekommen. Nicht als Künstler, sondern als ein Spieler, der jedem verlorenen Ball hinterher geht und nie aufsteckt. Für mich ist Fußball nach wie vor ein Kampfsport, in dem es Mann gegen Mann geht. Man kann nur bestehen, wenn man immer an seine Grenzen geht.

22 ihrer 36 Zweitligatore haben Sie für Union geschossen. Was lief da besser als bei anderen Vereinen?

Ehrlich gesagt, sind elf Tore pro Saison für einen Stürmer nicht sonderlich viel. Aber Union war sicher meine geilste Zeit. Ich passte zu dem Verein wie die Faust aufs Auge. Das war Fußball, wie ich ihn liebe. Ich wurde allerdings auch kritisch beäugt. Die Anhänger dachten, dass da einer käme, der mit 30 Jahren eine ruhige Kugel schieben und ein bisschen Geld verdienen will. Doch ich habe schnell gezeigt, dass ich mehr wollte. Das haben die Zuschauer erkannt und mir gezeigt, dass sie das anerkennen – trotz des Abstiegs. Diese Achtung der Fans mir gegenüber habe ich nie vergessen. Hinzu kamen die besonderen Umstände, über die ich zum Verein gelangte.

Was waren diese besonderen Umstände?

Ich war vorher drei Monate arbeitslos. Union hat mir die Chance geboten, weiter meinem Beruf nachzugehen. Normalerweise ist die Geschichte doch gegessen, wenn du mit 30 arbeitslos wirst.

Lässt Sie diese Erfahrung gelassener in die Zukunft blicken?

Ich weiß heute, dass mein Leben ein Traum ist, den ich jeden Tag genießen muss. Ich bin jetzt seit über 12 Jahren Profifußballer, hatte erst zwei ernsthafte Verletzungen und habe im Durchschnitt jede Saison 25 Spiele gemacht. Heute ist mir bewusst, wie schnell das vorbei sein kann. Ich nehme das Ganze nicht mehr als selbstverständlich hin.

Wie darf man sich die Jobsuche eines Fußballprofis vorstellen?

Ich hatte einen Berater, der über viele Kontakte verfügte und bei etlichen Vereinen nachgefragt hat, ob die auf meiner Position noch einen suchen. Ich war dann bei vielen im Gespräch, aber 2002 war es im Zuge der Kirch-Krise für viele Vereine nicht so einfach, mal eben einen Spieler zu verpflichten.

Mussten Sie auch von Gehaltsvorstellungen abrücken?

Die hatte ich am Ende meiner Suche eigentlich gar nicht mehr. Union hatte Interesse bekundet. Dann hat man sich unterhalten und die haben mir ein Angebot unterbreitet. Man hat noch mal nachgefragt, und dann wurde unterschrieben. Die Verhandlungen dauerten höchstens eine halbe Stunde. Komplizierte Verhandlungen über fünf Wochen gab es bei mir nie. Wenn ich lese, wie lange anderorts gefeilscht wird, frage ich mich, welche Klauseln in solchen Papieren drin stehen.

Ist es auch ein Problem für junge Spieler, dass ihnen von Beraterseite von Anfang an eingebläut wird, dass es nur um das große Geld geht?

Wir brauchen die Augen nicht davor zu verschließen, dass es in diesem Geschäft nun einmal um Geld geht. Die Vereine haben selbst Schuld, wenn sie Spielern, die erst ein paar Bundesligaspiele gemacht haben, Gehälter zahlen, bei denen ich mit den Ohren schlackere. Wenn die Klubs meinen, dass sich das rentiert, ist das in Ordnung. Aber sie sollen nicht anfangen rumzujammern, wenn ihnen das Geld ausgeht.

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