Stefan Wächter im Interview

„Wir sind keine Söldnertruppe“

Stefan Wächter musste lange auf sein erstes Bundesligaspiel warten. In diesen schweren Zeiten spielt er für den Verein - und selbstredend auch für seinen Trainer Thomas Doll. Neue Trainer sind für den Torwart keine Erfolgsgarantie. Imago

Herr Wächter, mit 16 waren Sie noch weit davon entfernt, Bundesligatorwart zu werden. Sie waren ein Spätstarter.

Wenn Spätstarter bedeutet, dass man mit 16 noch nicht unter professionellen Bedingungen trainiert – dann ja. Bei Westfalia Herne, meinem Heimatverein, hatten wir nur zweimal die Woche Training, das reicht nicht, um sich für die Bundesliga zu empfehlen.

Wollten Sie denn überhaupt so hoch hinaus?

Es war mein Traum, aber ehrlich gesagt, dachte ich nicht, dass er jemals in Erfüllung gehen würde. Das einschneidende Erlebnis: Als ich mit 17 in die A-Jugend vom VfL Bochum wechselte, fragte mein damaliger Trainer: „Willst du Profi werden?“ Ich war überrascht und es verschlug mir die Sprache. „Dann ab an die Arbeit!“ (lacht) Ein halbes Jahr später hatte ich meinen ersten Vertrag in der Tasche.

[ad]

Über die Station Uerdingen kamen sie 2001 nach Hamburg. Sie absolvierten 5 Spiele für die Amateure, bei den Profis drückten Sie nur die Bank. Wie lange kann ein Torwart diese Warteschleife ertragen?

Es ist sehr schwierig, die Motivation über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten. Zwischenzeitlich hätte ich mich wohl mit nur einem einzigen Einsatz zufrieden gegeben. Schließlich war es bereits mein drittes Jahr beim HSV, als ich endlich zum ersten Mal auflaufen durfte – und beinahe das letzte. Mein Vertrag lief gerade aus, und hätte sich Martin Pieckenhagen nicht verletzt, hätte ich mein Glück mit Sicherheit woanders versucht.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel?

Ein 2:2 gegen Schalke. Beim Anschlusstreffer sah ich wirklich nicht gut aus, die Flanke habe ich vollkommen falsch berechnet. Und zu allem Überfluss fiel der Ausgleich in der Nachspielzeit.

Das ist der Stoff, aus dem schlechte Träume sind.

Das ist schon lange her – darüber kann ich heute nur lachen.

Sascha Kirschstein, Ihr Konkurrent im Tor des HSV, hat sich das Datum seines Debüts auf dem Arm tätowieren lassen.

In meinem Fall, wäre das definitiv die falsche Entscheidung gewesen. (lacht)

Kirschstein profitierte damals von Ihrer Verletzung. Des einen Freud, des anderen Leid.

Es ist nun mal ein hartes Geschäft. Die Erfahrung zeigt, dass Torhüter nicht so häufig gewechselt werden wie etwa Abwehrspieler, Verletzungen spielen häufig die entscheidende Rolle. Diesmal war ich halt der Leidtragende.

Dieses Wechselspiel wiederholte sich noch einmal. Wieder waren Sie verletzt, wieder mussten sie den Kasten räumen – für acht Monate.


Es war ein bitterer Tag, an dem ich dachte, die Welt gehe unter. Ich fiel in ein tiefes Loch. Doch spätestens nach ein, zwei Wochen musst du dich da wieder rauskämpfen – was anderes bleibt einem als Profi nicht übrig.

Wie schmal ist in dieser Situation der Grat zwischen Schadenfreude und Mitgefühl für den Konkurrenten?

Mitfühlen kann ich nicht, denn ich bilde mir nicht ein, zu wissen, was der andere denkt. Und Schadenfreude – nein, das gibt es eigentlich nicht. Wenn man wieder im Tor steht, ist es Genugtuung - die Belohnung für den Trainingsschweiß der letzten Monate und ein versöhnliches Ende einer dunklen Zeit.

Auf das warten die HSV-Fans aus aktuellem Anlass. Vergleichen Sie die heutige Situation mit der von 2003. Kurt Jara wurde entlassen, Klaus Toppmöller...

...kam mitten in eine sehr heiße Phase beim HSV. Doch es war nicht der erste und sollte auch nicht der letzte Trainerwechsel bleiben, den ich erlebt habe. Ein Vergleich ist schwierig. Mit etwas Abstand sieht man die Dinge gelassener und kann die richtigen Schlüsse ziehen. So wie der Verein jetzt handelt, indem er dem Trainer den Rücken stärkt, zeugt von einem Lernprozess. Intern müssen alle cool bleiben. Das Ziel sollte es dabei sein, etwas in Ruhe und über Jahre hinweg und nicht im Hauruckverfahren aufzubauen. Thomas Schaaf stand bei Werder Bremen am Anfang, als es Niederlagen hagelte, auch in der Kritik – und heute? Fazit: Neue Trainer sind keine Erfolgsgarantie.

Sind die Medien also übertrieben kritisch?

Man muss unterscheiden, denn nicht alle berichten lediglich in Schwarz und Weiß. Und obwohl ich weiß, dass Boulevardmedien davon leben, habe ich manchmal kein Verständnis für diese Einseitigkeit. Es kann doch nicht sein, dass zurzeit jeder Bundesligist in der Krise steckt. Ich habe das Gefühl, es geht nur noch um möglichst negative Bilder und nicht um Sachlichkeit.

Welche Schlagzeile hat Sie am meisten geärgert?

Dass wir angeblich eine Söldnertruppe sind.

Wollen Sie das richtig stellen?

Natürlich sind wir eine sehr heterogene Mannschaft, aber der Zusammenhalt, gerade in dieser Phase ist enorm. Wir dürfen uns von außen nicht provozieren lassen.

Die Mannschaft ist nicht nur heterogen, sondern auch sehr jung.

Hut ab vor Benny Feilhaber und Mario Fillinger, von denen man diese Leistung nicht erwarten konnte, weil die Situation momentan alles andere als leicht ist. Wenn Fehler passieren, darf man ihnen daher keinen Vorwurf machen.

Routiniers wie Sergej Barbarez oder Stefan Beinlich...

...sind nicht mehr im Verein. Wir haben genug erfahrene Spieler, nur – sie sind zurzeit alle verletzt.

Der HSV hat in dieser Saison das Glück tatsächlich nicht gepachtet. Haben Sie Mitleid mit Ihrem Trainer Thomas Doll?

Er will gar kein Mitleid.

Schämen Sie sich vor ihm?

Nach einer Niederlage würde ich mich am liebsten eingraben und nicht mehr blicken lassen. Das Schamgefühl bezieht sich aber nicht nur auf den Trainer, sondern auf den gesamten Verein und die Fans.

Kann Thomas Doll die Mannschaft noch erreichen?

Er findet vor jedem Spiel die richtigen Worte, das ist eine regelrechte Kunst, wie er das macht. Wenn er von Kampfgeist spricht, dann klingt das sehr authentisch – er lebt das alles vor. Und der Funkte springt immer noch über.

Spielen Sie für den Trainer?

In erster Linie spielen wir für den Verein. Da ich, und ich bin nicht alleine auf weiter Flur, keinen anderen Trainer haben will, spiele ich selbstredend auch für Thomas Doll.

Schenken Sie seinen Durchhalteparolen noch Glauben?

Das sollten Sie den Trainer fragen. (lacht) Vieles ist doch nur für die Öffentlichkeit. Intern wird knallhart analysiert – da fällt die Kritik anders aus, als es nach außen hin wirken mag.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!