Stefan Schnoor im Interview

„Wolfsburg will zu schnell zu viel“

Und wieder einmal hat den VfL Wolfsburg die Großmannssucht gepackt: Mit Felix Magath als Superminister sollen möglichst bald Titel gewonnen werden. Wir fragten den langjährigen Wolf Stefan Schnoor, wo der Verein tatsächlich steht. Imago

Herr Schnoor, zu Beginn Ihrer Profikarriere haben Sie beim HSV gespielt. Sie waren Teil dieses Traditionsvereins und spielten mit alten Recken wie Thomas von Heesen und Dietmar Beiersdorfer zusammen.

Ja, gerade für mich als Norddeutschen und Fast-Hamburger war das natürlich etwas ganz Besonderes. Ich hatte vorher schon in der A-Jugend und bei den Amateuren gespielt und war ein Eigengewächs des HSV. Obendrein war es eine tolle Sache, für den Verein zu spielen, der noch nie aus der Bundesliga abgestiegen ist.

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Nach sieben Jahre beim HSV und drei Jahren in England wechselten Sie jedoch zum vermeintlichen Retortenverein VfL Wolfsburg. Ein Kulturschock?


Bei Auswärtsspielen sind natürlich weniger Fans dabei, und die gesamte Fangemeinde ist um einiges kleiner als zum Beispiel beim HSV. Aber ich tue mich schwer damit, wenn es heißt, der VfL Wolfsburg sei ein Retortenverein. Man kommt nicht so ohne weiteres in die erste Liga. Wenn man dort spielt, dann hat man auch die Berechtigung dazu. Und so verhält es auch mit dem VfL Wolfsburg. Der Klub hat viel dafür getan, in der ersten Liga zu sein, und das sollte man auch anerkennen.

Sie sind ein vereinstreuer Spieler von altem Schrot und Korn. Fiel es ihnen nicht manchmal schwer, in einer zusammengekauften Söldnertruppe zu spielen?

Heutzutage ist es im Zuge der Globalisierung einfach so, dass viele Spieler aus dem Ausland zu uns kommen, und umgekehrt auch deutsche Spieler ins Ausland gehen. Ich selbst bin ja auch jahrelang bei Derby County in England gewesen. Es ist in einer Mannschaft mit Spielern aus aller Herren Länder schon manchmal etwas schwierig. Man kann natürlich Spieler aus dem Ausland verpflichten, keine Frage. Aber man sollte nicht vergessen, was den deutschen Fußball stark gemacht hat. Die eigentliche Mentalität, die eine deutsche Mannschaft und den deutschen Fußball ausmacht, die darf man nicht verlieren.

Hat das in Wolfsburg geklappt?

Nein. Eindeutig nein.

Woran hat das gelegen?

Das hatte sicherlich mehrere Gründe. Das lag keineswegs nur an den deutschen oder nur an den ausländischen Spielern. Der Verein wollte von oben herab eine Hierarchie bestimmen und zusammenkaufen. Aber so funktioniert das nicht. So etwas muss sich entwickeln. Man kann nur eine Hierarchie in der Mannschaft aufbauen, wenn diese auch durch Leistung untermauert ist. Macht ein Spieler seinen Mund auf, bringt aber seine Leistung nicht, dann macht er sich unglaubwürdig, und das ganze bringt nichts. Genau das war das Problem in Wolfsburg. Wolfsburg ist eine Arbeiterstadt. So wurde da auch seit jeher Fußball gespielt. Im alten Stadion wurde 90 Minuten malocht, und es ging ständig Attacke nach vorne. Doch dann wurde von oben versucht, durch neue Einkäufe Zauberfußball zu spielen. Aber das ist nicht aufgegangen. Dann verliert man bei den Fans an Glaubwürdigkeit und Ansehen.

Was haben sie in Ihrer Zeit als Kapitän der Mannschaft versucht, um den Teamgeist zu fördern?


Man organisiert da natürlich die üblichen Sachen wie Mannschaftsabende und geht zusammen feiern. Aber viel entscheidender war zu meiner Zeit als Kapitän die Ansprache unseres damaligen Trainers Erik Gerets an die Mannschaft. Er hat dafür gesorgt, dass sich kein Spieler seines Platzes im Team zu sicher war. Von der Nummer eins bis zur Nummer 22 musste jeder immer 100% geben, egal ob es im Spiel oder im Training war. Wenn jemand aus der ersten Elf mal nicht seine volle Leistung gezeigt hat, wusste jeder Spieler von der Nummer zwölf bis zur 22, dass er dann stattdessen spielen konnte, wenn er im Training seine Leistung gebracht hat.

Vom guten, alten „Elf Freunde müsst Ihr sein“ konnte also nicht mehr die Rede sein.

Wie man’s nimmt. Auf diese Weise herrscht in jedem Training jedenfalls eine gute Atmosphäre, und es ist auch der nötige Zug in der Mannschaft. Wenn es andersrum vom Trainer heißen würde: „Das sind meine elf Spieler, die spielen immer“, dann kann die Stimmung in der Mannschaft nicht gut sein.

Dennoch konnte Wolfsburg den Abstieg in den letzten beiden Jahren nur knapp vermeiden und hat die Spielzeiten jeweils auf Platz 15 beendet.


Wenn keine Mannschaft auf dem Platz gestanden hätte, dann wären wir abgestiegen. Für die Misere gab es mehrere Gründe, warum wir nicht besser abgeschnitten haben. Da sind auch nicht immer allein die Spieler schuld. Dafür sind auch andere Leute im Verein verantwortlich gewesen. Vielleicht wollte der Verein zu schnell zu viel.

Wie schätzte die Mannschaft sich selbst ein?


Einige Spieler haben das realistisch gesehen und auf gewisse Missstände hingewiesen. Aber diese Spieler wurden belächelt, oder man hat ihnen einfach nicht geglaubt.

Gehörten Sie zu diesen Spielern?

Ich denke schon, ja.

Sie kennen Felix Magath noch aus ihrer Zeit beim HSV. Ist er jetzt der richtige Mann für den VfL Wolfsburg?

Felix ist der richtige Trainer für jeden Verein. Wenn man sieht, was er in den letzten Jahren geleistet hat und welche Titel er geholt hat, das spricht für sich. Er hat ein immenses Fachwissen und ist auch im Umgang mit seinen Spielern sehr fair. Er ist den Spielern gegenüber ehrlich. Jeder Spieler weiß bei ihm, woran er ist. Das ist entscheidend, und darum hat er mit seinen Mannschaften auch Erfolg.

Wie sein Vorgänger Augenthaler legt auch Magath viel Wert auf Disziplin und spricht eher wenig mit seinen Spielern. Augenthaler ist in Wolfsburg gescheitert.


Das letzte halbe Jahr war ich ja nicht mehr dabei. Aber ich vermute, Augenthaler hat bei einigen Spielern aufs falsche Pferd gesetzt. Felix hat den Vorteil, dass er jetzt freie Hand bei den Spielerverpflichtungen hat. Da kann er den Kader nach seinen Vorstellungen zusammenstellen. Der neue Kader wird ein stark verändertes Gesicht gegenüber dem alten haben.

Sie sprechen an, dass Magath in Wolfsburg nicht nur Trainer, sondern auch Manager ist. Sie kennen das Modell aus Ihrer Zeit in England, wo es weit verbreitetet ist. Haben die Teammanager da wirklich diese Machtfülle?


Ja. Die Teammanager bestimmen die Transferpolitik des Vereins und legen auch die Taktik fest. Aber unter der Woche sind sie des öfteren nicht beim Training. Den Trainern, die ich in England hatte, standen mehrere Assistenz-Trainer zur Seite. Diese erledigten dann vieles der eigentlichen Trainingsarbeit. Vor den Spielen setzten die sich dann mit dem Teammanager zusammen und bastelten an der Aufstellung.

Könnte das ein Modell werden, das sich auch in der Bundesliga etabliert?

Man muss das immer von zwei Seiten betrachten. Das Modell hat Vor- und Nachteile. Doch ich weiß nicht, ob es so gut ist, wenn die ganze Entscheidungsmacht nur bei einer Person liegt. Das ist wirklich schwer zu sagen.

Ist das „englische Modell“ nach Jahren der sportlichen Stagnation so etwas wie ein letzter verzweifelter Versuch der VfL-Verantwortlichen, in der Liga voranzukommen
?

Wenn die VfL-Verantwortlichen nicht von Magath und diesem Modell überzeugt gewesen wären, hätten sie ihn nicht verpflichtet. Aber wie gesagt, Felix Magath ist ein kompetenter Trainer und der richtige Mann, um den VfL dahin zu bringen, wo der Verein hin will und um das zu leisten, was speziell auch der VW-Konzern von ihm erwartet.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Klaus Augenthaler nach der Rettung des VfL am vorletzten Spieltag in Aachen wortlos in die Kabine entschwand und stattdessen die VfL Führungsriege mit den Spielern auf dem Platz feierte?

Es sah schon etwas kurios aus, das stimmt (lacht). Ich weiß nicht, auf wessen Veranlassung das passiert ist, und es steht mir auch nicht zu, mir darüber ein Urteil zu erlauben.

Statt des Klassenerhalts hatten die VfL-Verantwortlichen nach dem Aufstieg von 10 Jahren in die 1. Liga viel höhere Ambitionen und sehr ehrgeizige Pläne formuliert. Sogar von der Champions League war die Rede. Ist Wolfsburg ein Musterbeispiel für das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit?


Jeder Verein hat Höhen und Tiefen. Vor Jahren stand der VfB Stuttgart auch nicht gut da, und nun ist er Deutscher Meister. Fußball ist nicht planbar, und das ist auch das Schöne daran. Wichtig ist, aus den Fehlern, die begangen worden sind, auch zu lernen. Wenn man das nicht macht, wird sich die Geschichte wiederholen.

Jetzt redet Magath indirekt auch schon wieder von Titeln.

Er hat ja nicht gesagt, dass er das Double in der kommenden Saison holen will. Er hat gesagt, dass er um Titel mitspielen will, und das ist auch das Recht eines jeden Trainers. Er geht da bestimmt nicht hin, um die Mannschaft vor dem Abstieg zu retten. Das kann nicht der Sinn der Sache sein.


Was passiert, wenn Magath scheitern sollte? Könnte VW sich dann als Sponsor zurückziehen?

Ich glaube nicht, dass VW sich zurückzieht. Aber ich glaube auch nicht, dass Magath scheitern wird. Von daher stellt sich die Frage nicht.

Würde der neutrale Beobachter den VfL Wolfsburg auf der Fußballlandkarte überhaupt vermissen?

Die Wolfsburger haben die Berechtigung, in der 1. Liga zu spielen, also tun sie es auch. Das gilt auch für Cottbus. Fertig, aus. Und der Fußball, den Cottbus spielt, ist keiner, den man sich besonders gerne anschaut.

Wie kann der VfL zu einem emotionalen Klub werden, wie es zum Beispiel die traditionsreiche Eintracht aus Braunschweig ist?

Was heißt hier emotionaler Klub? Braunschweig spielt 3. Liga. Das interessiert doch kein Mensch. Ob man da Emotionen hat oder nicht.

Aber zu Braunschweig kommen in etwa so viele Zuschauer wie nach Wolfsburg, obwohl die Eintracht unterklassig spielt.

Die Frage lautet: Schau ich mir lieber Drittligafußball oder Erstligafußball an? Aber natürlich kann man keine Tradition von heute auf morgen schaffen, so etwas dauert seine Zeit. Das muss sich der VfL Wolfsburg genauso erkämpfen wie jeder andere Verein auch.

Wo landet Wolfsburg am Ende der Saison?

Das ist schwer zu sagen. Man muss abwarten, wie die Mannschaft letztendlich aussieht. Aber der VfL wird unter Felix Magath sicher in ganz anderen Tabellenregionen landen als in den letzten beiden Jahren.

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?

Ich habe meine aktive Karriere beendet. Ich habe die Trainer A-Lizenz und werde wahrscheinlich auch noch den Fußballlehrerschein machen. Außerdem mache ich zur Zeit ein Fernstudium im modernen Fußballmanagement. Ich möchte gerne im Fußballgeschäft bleiben, das ist klar.

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