11.07.2007

Stefan Schnoor im Interview

„Wolfsburg will zu schnell zu viel“

Und wieder einmal hat den VfL Wolfsburg die Großmannssucht gepackt: Mit Felix Magath als Superminister sollen möglichst bald Titel gewonnen werden. Wir fragten den langjährigen Wolf Stefan Schnoor, wo der Verein tatsächlich steht.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Schnoor, zu Beginn Ihrer Profikarriere haben Sie beim HSV gespielt. Sie waren Teil dieses Traditionsvereins und spielten mit alten Recken wie Thomas von Heesen und Dietmar Beiersdorfer zusammen.

Ja, gerade für mich als Norddeutschen und Fast-Hamburger war das natürlich etwas ganz Besonderes. Ich hatte vorher schon in der A-Jugend und bei den Amateuren gespielt und war ein Eigengewächs des HSV. Obendrein war es eine tolle Sache, für den Verein zu spielen, der noch nie aus der Bundesliga abgestiegen ist.



Nach sieben Jahre beim HSV und drei Jahren in England wechselten Sie jedoch zum vermeintlichen Retortenverein VfL Wolfsburg. Ein Kulturschock?


Bei Auswärtsspielen sind natürlich weniger Fans dabei, und die gesamte Fangemeinde ist um einiges kleiner als zum Beispiel beim HSV. Aber ich tue mich schwer damit, wenn es heißt, der VfL Wolfsburg sei ein Retortenverein. Man kommt nicht so ohne weiteres in die erste Liga. Wenn man dort spielt, dann hat man auch die Berechtigung dazu. Und so verhält es auch mit dem VfL Wolfsburg. Der Klub hat viel dafür getan, in der ersten Liga zu sein, und das sollte man auch anerkennen.

Sie sind ein vereinstreuer Spieler von altem Schrot und Korn. Fiel es ihnen nicht manchmal schwer, in einer zusammengekauften Söldnertruppe zu spielen?

Heutzutage ist es im Zuge der Globalisierung einfach so, dass viele Spieler aus dem Ausland zu uns kommen, und umgekehrt auch deutsche Spieler ins Ausland gehen. Ich selbst bin ja auch jahrelang bei Derby County in England gewesen. Es ist in einer Mannschaft mit Spielern aus aller Herren Länder schon manchmal etwas schwierig. Man kann natürlich Spieler aus dem Ausland verpflichten, keine Frage. Aber man sollte nicht vergessen, was den deutschen Fußball stark gemacht hat. Die eigentliche Mentalität, die eine deutsche Mannschaft und den deutschen Fußball ausmacht, die darf man nicht verlieren.

Hat das in Wolfsburg geklappt?

Nein. Eindeutig nein.

Woran hat das gelegen?

Das hatte sicherlich mehrere Gründe. Das lag keineswegs nur an den deutschen oder nur an den ausländischen Spielern. Der Verein wollte von oben herab eine Hierarchie bestimmen und zusammenkaufen. Aber so funktioniert das nicht. So etwas muss sich entwickeln. Man kann nur eine Hierarchie in der Mannschaft aufbauen, wenn diese auch durch Leistung untermauert ist. Macht ein Spieler seinen Mund auf, bringt aber seine Leistung nicht, dann macht er sich unglaubwürdig, und das ganze bringt nichts. Genau das war das Problem in Wolfsburg. Wolfsburg ist eine Arbeiterstadt. So wurde da auch seit jeher Fußball gespielt. Im alten Stadion wurde 90 Minuten malocht, und es ging ständig Attacke nach vorne. Doch dann wurde von oben versucht, durch neue Einkäufe Zauberfußball zu spielen. Aber das ist nicht aufgegangen. Dann verliert man bei den Fans an Glaubwürdigkeit und Ansehen.

Was haben sie in Ihrer Zeit als Kapitän der Mannschaft versucht, um den Teamgeist zu fördern?


Man organisiert da natürlich die üblichen Sachen wie Mannschaftsabende und geht zusammen feiern. Aber viel entscheidender war zu meiner Zeit als Kapitän die Ansprache unseres damaligen Trainers Erik Gerets an die Mannschaft. Er hat dafür gesorgt, dass sich kein Spieler seines Platzes im Team zu sicher war. Von der Nummer eins bis zur Nummer 22 musste jeder immer 100% geben, egal ob es im Spiel oder im Training war. Wenn jemand aus der ersten Elf mal nicht seine volle Leistung gezeigt hat, wusste jeder Spieler von der Nummer zwölf bis zur 22, dass er dann stattdessen spielen konnte, wenn er im Training seine Leistung gebracht hat.

Vom guten, alten „Elf Freunde müsst Ihr sein“ konnte also nicht mehr die Rede sein.

Wie man’s nimmt. Auf diese Weise herrscht in jedem Training jedenfalls eine gute Atmosphäre, und es ist auch der nötige Zug in der Mannschaft. Wenn es andersrum vom Trainer heißen würde: „Das sind meine elf Spieler, die spielen immer“, dann kann die Stimmung in der Mannschaft nicht gut sein.

Dennoch konnte Wolfsburg den Abstieg in den letzten beiden Jahren nur knapp vermeiden und hat die Spielzeiten jeweils auf Platz 15 beendet.


Wenn keine Mannschaft auf dem Platz gestanden hätte, dann wären wir abgestiegen. Für die Misere gab es mehrere Gründe, warum wir nicht besser abgeschnitten haben. Da sind auch nicht immer allein die Spieler schuld. Dafür sind auch andere Leute im Verein verantwortlich gewesen. Vielleicht wollte der Verein zu schnell zu viel.

Wie schätzte die Mannschaft sich selbst ein?


Einige Spieler haben das realistisch gesehen und auf gewisse Missstände hingewiesen. Aber diese Spieler wurden belächelt, oder man hat ihnen einfach nicht geglaubt.

Gehörten Sie zu diesen Spielern?

Ich denke schon, ja.

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