Stefan Reuter im Interview

»Populismus hilft uns nicht«

Stefan Reuter im InterviewImago

Herr Reuter, 0:2 in Offenbach, seit neun Spielen kein Sieg, Platz 18 in der Zweitliga-Rückrundentabelle - hätten Sie nach der guten Vorrunde gedacht, dass es mit 1860 so bergab geht?

Nie im Leben. Mit Rückschlägen habe ich gerechnet, aber mit einer solchen Negativserie beim besten Willen nicht - weil zu viel Qualität im Kader steckt und weil wir schon in der Hinrunde immer wieder Ausfälle hatten. Nur haben wir sie da kompensieren können.

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Warum wird die Qualität, von der Sie sprechen, nicht mehr abgerufen?

Es gibt nicht den einen Grund, es gibt viele: unsere Verletzten; die jungen Spieler, die ganz natürlich einen Substanzverlust erleben. Und das noch viel größere Problem ist: Unsere erfahrenen Spieler fabrizieren regelmäßig Fehler. In einer Phase, wie wir sie haben, braucht eine Mannschaft Säulen, die dagegenhalten. Die haben wir im Moment nicht.

Warum sind Führungssspieler - wie Torben Hoffmann und Gregg Berhalter in der Abwehr - so von der Rolle?


Man muss da über alle Führungsspieler reden. Vielleicht haben gerade diese Spieler zuletzt zu viel gewollt - und das hat sie überfordert. Wir sind von unserem konsequenten Weg der Vorrunde abgekommen, da haben wir uns immer nur mit dem nächsten Gegner beschäftigt. Ab der Winterpause hat das aufgehört. Zu viele haben angefangen zu träumen, es wurde nur noch über Ziele und Aufstiegsplätze geredet. Dann hast du im ersten Spiel ein Negativerlebnis gegen Augsburg (0:3) - und schon bricht einiges zusammen. Knackpunkte waren auch die Pokalspiele gegen Aachen und Bayern. Solche Highlights haben den zähen Liga-Alltag übertüncht.

Am Sonntag in Offenbach sprachen Sie von einem »peinlichen« Auftritt. Ist die Zeit des Schönredens vorbei?

Wir haben intern schon immer die Themen anders diskutiert als in der Öffentlichkeit und wir werden das auch weiterhin so halten. Und man muss inzwischen auch ganz klar sagen: Wenn du so über einen so langen Zeitraum keinen Erfolg hast wie wir, kannst du den Leuten nicht immer wieder erzählen: Das war Pech, wir waren gut! Das geht bei ein, zwei Spielen ohne Sieg, nicht bei neun.

Der Eindruck ist: 1860 spielt immer nett mit, macht aber hinten viele Fehler - und findet auf den letzten 30 Metern vor dem Tor keine Lösungen.

Dort fehlt die Durchschlagskraft, ganz klar, und es fehlt vorne auch die Ballsicherheit, damit der Rest der Mannschaft komplett nachrücken kann. Göktan und Di Salvo sind nach ihren langen Verletzungen bei weitem noch nicht in derselben körperlichen Verfassung wie im Sommer nach der Vorbereitung.

Sie haben viel versucht mit gutem Zureden, waren vorige Woche sogar im Kurztrainingslager. Was passiert nun vor dem Heimspiel gegen Wehen am Donnerstag: Peitsche statt Zuckerbrot? Personelle Konsequenzen des Trainers?

Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass Marco Kurz den Konkurrenzkampf schürt. Es gilt aber immer zu unterscheiden: Manche brauchen Streicheln, manche Tritte.

Im Umfeld von Sechzig wird fast nur noch über die kommende Saison diskutiert. Bestärkt Sie die aktuelle Krise darin, den Kader deutlich aufzurüsten?

Das ist für mich ein weiterer Punkt, der im Moment stört: Dass wir viel zu viel über Neuzugänge und die nächste Saison reden. Ich verstehe, wenn Außenstehende solche Debatten führen. Ich habe aber kein Verständnis, wenn Leute emotionale Diskussionen über Neuzugänge anfangen, die hier im Verein in den Gremien sitzen - Leute, die unsere Zahlen kennen und wissen, wie es finanziell aussieht und auf welch schwierigem Weg wir uns deshalb befinden.

Vizepräsident Karsten Wettberg sagt, es sei seine Aufgabe, auf die Notwendigkeit von Verstärkungen hinzuweisen.

Öffentlich sollte eine solche Diskussion nicht populistisch geführt werden. Jeder im Präsidium und in den Gremien müsste unsere Zahlen genau so kennen, wie ich sie kenne. Als Herr Wettberg früher Trainer war, konnte er auch nicht nach Lust und Laune Ribérys einkaufen. Man sollte sich immer mit den Realitäten befassen. Für uns wäre finanzielle Hilfe aus den Vereinsgremien wichtiger als solche Debatten.

Ist ruhiges Arbeiten bei 1860 nur bei sportlichem Erfolg möglich?

Es gibt keinen Ersatz für Siege. Trotzdem müssen wir professionell und kontinuierlich denken. Trotz der schlechten Rückrunde sage ich: Es steckt viel Gutes in der Mannschaft. Ich sehe nicht so schwarz. Und wir Geschäftsführer sind jeden Tag unterwegs, um einen finanziellen Rahmen zu schaffen, damit wir uns punktuell verstärken können.

Im Verein wird gegrummelt, dass nur Sie die Notwendigkeit neuer Spieler erkennen - ihr Geschäftsführer-Kollege Stefan Ziffzer hingegen nicht.

Blödsinn. Wir können beide die Zahlen lesen, wir schätzen die Dinge sachlich ein und wir liegen voll auf einer Wellenlänge. Auch unser Trainer ist Realist. Marco wusste von Anfang an, dass wir nicht nach Belieben dazukaufen können, dass Rückschläge kommen werden und dass wir unsere Spieler entwickeln müssen. Da gibt es keine zwei Meinungen zwischen Ziffzer, Kurz und mir.

Gibt es Zweifel am Trainer?

Nein, Marco wird die Mannschaft wieder zum Laufen bringen. In Nürnberg hatte ich als Spieler mal einen Saisonstart mit 1:19 Punkten, aber alle waren vom Trainer überzeugt - am Saisonende waren wir Zwölfter. Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man schwere Zeiten gemeinsam durchstehen.

Wäre es klüger gewesen, statt zwei Talenten wie Pagenburg und Kucukovic im Winter einen »Kracher« zu holen?

Für einen Kracher, der uns unter Garantie sofort hilft - da musst du andere Summen investieren. Wir sind gezwungen, Spieler zu holen, die aktuell keine Topverfassung haben und die wir erst wieder zu alter Leistungsstärke bringen müssen. Das braucht manchmal Monate Geduld. Dass man bei solchen Transfers keine hundertprozentige Trefferquote hat, ist normal. Aber es ist eben so: Wir müssen immer noch um jeden Euro kämpfen! Das bleibt auch nach zwei Jahren so. Nur: Damals, als ich hier anfing, waren die Voraussetzungen katastrophal.

Karl-Heinz Wildmoser sagte in einem Interview: Alles, was zu seiner Zeit aufgebaut wurde, gehe jetzt kaputt.


Normalerweise sage ich zu so etwas kein Wort. Aber wenn jetzt auch noch Leute erzählen, es würde alles kaputtgehen, in deren Amtszeit bestehende Stadionverträge abgeschlossen wurden, und zwar Verträge mit Garantiebelastungen, die 1860 als Zweitligist nie im Leben stemmen kann - nicht einmal mit vertraglichen Anpassungen für den Abstiegsfall -, dann fehlt mir absolut jedes Verständnis. Diese Verpflichtungen nehmen dem Klub noch heute die Luft zum Atmen. Diese Leute müssten ganz ganz still und leise zu Hause sitzen und sagen (faltet die Hände): Hoffentlich bringen meine Nachfolger den Verein wieder auf den Weg.

Warum gibt es bei 1860 immer wieder diese kritischen Einlassungen ehemaliger Spieler, Trainer, Funktionäre?

Das ist wohl eine Stilfrage: Da wird einfach mal auf den Putz gehauen, da geht es meist weniger um die Sache. Leuten ohne Insiderwissen gestehe ich ja gewisse Aussagen zu. Aber alle, die unser Innenleben kennen, müssen endlich kapieren: Es gibt keine Alternative dazu, die Dinge realistisch darzustellen.

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