Stefan Reinartz über seinen Weg in den Profifußball

»Leverkusen ist eine harte Schule«

Nur die wenigsten wissen: Stefan Reinartz ist eine echtes Leverkusener Urgestein. Mit uns sprach der 22-Jährige über seinen Weg zum Nationalspieler, Bruno Labbadia und motzende Eltern am Spielfeldrand. Stefan Reinartz über seinen Weg in den Profifußball

Stefan Reinartz, was bedeutet Fußball für Sie?

Stefan Reinartz: Ich habe Fußball immer zum Spaß gespielt. Es ist ein schöner Gemeinschaftssport. Deshalb bin ich wohl auch nicht beim Tennis gelandet. 

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Die Anfänge ihrer Karriere liegen auf dem Tenniscourt?

Stefan Reinartz: Nein, nein, ich habe auf dem Land angefangen zu kicken. Ganz kl klassisch bei meinem Dorfverein namens Heiligenhauser SV. Da habe ich fünf Jahre gespielt ehe ein Leverkusener Talentscout auf mich aufmerksam geworden ist. Ich war sogar schon beim Probetraining, aber wurde leider nicht angenommen. Danach war ich ein Jahr in Bergisch-Gladbach und wurde kurioserweise wieder von einem Bayer-Talentscout beobachtet. Diesmal war ich wohl gut genug, denn sie haben mir genommen. 

Leverkusen fand Sie quasi auf dem zweiten Bildungsweg.

Stefan Reinartz: Ach was, da war ich zehn. Seitdem habe ich bei Bayer gespielt, bis zur A-Jugend. Als der Sprung zu den Profis nicht im ersten Anlauf funktioniert hat, wurde mir klar, dass ein Ausleihgeschäft Sinn machen würde. Eigentlich war die Ausleihe nach Nürnberg auf anderthalb Jahr ausgelegt, aber nachdem wir direkt in die Bundesliga aufgestiegen sind und es auch bei mir sehr gut lief, wollte Leverkusen mich schon nach einem halben Jahr zurückhaben. Also habe ich 09/10 bereits meine erste Bundesliga-Saison für Bayer gespielt.

Was war der entscheidende Faktor, damit Sie zum Profi werden konnten?

Stefan Reinartz: Ab der A-Jugend war es das erste Mal so, dass nicht nur meine Eltern, Freunde und der Trainer bei den Spielen standen, plötzlich ist da auch ein Berater, der sich einmischt. Für mich war das sehr wichtig, um überhaupt den Schritt nach Nürnberg zu machen. Ohne ihn wäre das Ganze kaum möglich gewesen. Du brauchst schließlich einen, der so einen Wechsel mit den Vereinen einfädelt.

Dabei wird den Beratern von Vereinsseite gerne die Rolle der bösen Buben zugeschoben.

Stefan Reinartz: Das ist sicher auch ein bisschen Lotterie. Ich war damals in der U-Nationalmannschaft und da kriegst du schon alle paar Wochen Anrufe, weil die Berater natürlich registrieren, dass man ordentlich spielt und noch keinen Berater hat. Dann triffst du dich mit denen vielleicht zweimal und musst dich auch schon entscheiden, wer der richtige ist. Und sich in diesen paar Gesprächen gut zu verkaufen, das kriegen die Berater fast alle hin.

Letztendlich war die Ausleihe nach Nürnberg für Sie der entscheidende Schritt nach vorne.

Stefan Reinartz: Ja, das war sehr wichtig. Es ist als Eigengewächs immer schwierig, sich im eigenen Stall durchzusetzen. Klar gibt es auch Beispiele von Jungs, die es gepackt haben und direkt durchgeschossen sind, zum Beispiel Badstuber und Müller bei Bayern München oder eben bei uns Castro und Adler. Aber da spielen viele Faktoren mit rein: Man braucht den richtigen Trainer, aber auch das Quäntchen Glück, direkt einen guten Eindruck zu machen, wenn man seine Chance bekommt. Ich hatte bei meinem damaligen Trainer Bruno Labbadia eben keine Möglichkeit erhalten, mich zu beweisen. 





Sie verdanken den schnellen Sprung in die erste Mannschaft einem schlichten Trainerwechsel in Leverkusen?

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob ich in meinem letzten A-Jugend Jahr den direkten Sprung geschafft hätte, wenn Jupp Heynckes schon Trainer gewesen wäre. Vielleicht hätte er mich als ordentlichen Spieler gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich zu dieser Zeit selbst überhaupt schon weit genug war. Für mich war Nürnberg der Schlüsselmoment, auch wenn es nur ein halbes Jahr war. Aber die Erfahrung war wichtig: mich in einem neuen Umfeld zu beweisen, Spielpraxis zu sammeln. 

Wann war dieser Moment, in dem Sie dachten: »Ey, das kann wirklich klappen mit dem Profifußball«?

Stefan Reinartz: So ein spezielles Aha-Erlebnis hatte ich nicht. Man rutscht eher in den Job hinein. Es war eigentlich nie mein ganz großer Traum, Profifußballer zu werden. Ich habe Fußball vor allem zum Spaß gespielt. Aber klar, wenn es gut läuft, beschäftigt man sich irgendwann damit. 

Sie haben nie mit Mannschaftskollegen von der großen Karriere geträumt?

Stefan Reinartz: Ich kann mich noch sehr gut an das A-Jugend-Finale 2007 gegen Bayern München erinnern. Da haben wir uns schon überlegt, ob es wohl ein oder zwei von uns bis zum Profi schaffen – und vielleicht ein oder zwei von Bayern. Das wäre von der Statistik her wahrscheinlich gewesen. Im Endeffekt sind dann 16 Profis aus diesem Finale hervorgegangen. Aber dass ich selbst dazu gehöre, wurde mir erst bewusst, als ich mit dem Kulli vor meinem ersten Profivertrag saß.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man diesen ersten Vertrag unterzeichnet? Etwas: »Puh, das Gröbste habe ich hinter mir!«

Stefan Reinartz: Nein, überhaupt nicht. Vom Verdienst her ist es kein großer Unterschied zu einem guten Amateurgehalt. Der Vertrag selbst bringt dir vor allem einen Vorteil: Du kannst jeden Tag mit den Profis trainieren. Nur das hilft dir wirklich weiter. Außerdem sagt man ja, dass das zweite Jahr immer schwerer wird als das erste. 

In dieser zweiten Saison spielten Sie mit Leverkusen in der Europa League, in der nächsten winkt sogar die Champions League. Wie groß ist der  Sprung von zweiter Liga ins internationale Geschäft wirklich?

Stefan Reinartz: Auch das ging ja nicht von null auf hundert bei mir. Letztes Jahr war hier in Leverkusen auch nur Bundesliga angesagt. Ich bin Schritt für Schritt gegangen: Aufstieg mit Nürnberg, eine erste, gute Bundesligasaison mit Bayer, in diesem Jahr die ersten Erfahrungen in der Europa-League.

Das Schritt-für-Schritt-Prinzip passt zu Ihrem Klub. In der letzten Saison hat Bayer in diesem Takt erst die Meisterschaft, dann Platz zwei und kurz vor Schluss sogar noch die letzte Chance auf den dritten Platz verspielt.

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob das so eine Krankheit hier in Leverkusen ist, am Ende immer die Spiele zu verdaddeln. Ich persönlich kann mir nicht erklären, was da abgelaufen ist. Der Trainer und das Management haben es so gedeutet, dass unser Kader nicht breit genug war. Aber in der Hinrunde sind wir vom Kader her teilweise auch auf dem Zahnfleisch gegangen und haben die Spiele trotzdem gewonnen. In der Rückrunde hat das auf einmal nicht mehr geklappt. Es kam viel Pech hinzu, Ausfälle, die Gelbsperren für unsere zentralen Spieler. Warum wir das in der Hinrunde kompensieren konnten und in der Rückrunde nicht, ist mir bis heute ein Rätsel. 

Dafür gibt es ein geflügeltes Wort: Vizekusen, eine ironisierte Rolle, in der sich Bayer ganz wohl zu fühlen scheint. Hand aufs Herz, wie hoch ist die Titel-Sehnsucht in Leverkusen?

Stefan Reinartz: Ich bin jetzt knapp zehn Jahre hier und habe leider noch nichts gewonnen. Mein Eindruck ist, dass die Sehnsucht hier im Umfeld schon sehr groß ist. Und in diesem Jahr gab es auch wieder die Erwartungshaltung, in einem der drei Wettbewerbe was zu holen. Ich denke, das war auch berechtigt. Wir haben ein starkes Team und müssen uns am Ende an diesen Erwartungen messen lassen. 

Anmerkung: Das Interview wurde im Rahmen der Dreharbeiten zur DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« geführt (seit dem 25. März im Handel). Weitere Infos auf: www.hauptsachefussball-film.de.

Viele Nachwuchstrainer gestehen, wie sehr Spieler-Eltern nerven, die sich schon während der Jugendzeit als Ersatztrainer aufführen. Kennen Sie dieses Problem?

Stefan Reinartz: Hier in Leverkusen setzt man sich auch damit auseinander und hat klare Richtlinien entwickelt. Da gibt es sowas wie Elternabende, bei denen man die Eltern darum bittet, sich am Platz zu zügeln. 

Haben sich Ihre Eltern an diese nett gemeinten Anweisungen gehalten?

Stefan Reinartz:  Mein Vater ist selbst Trainer und hat mich in Heiligenhausen auch trainiert. Klar haben wir dann auch hier nach den Spielen immer geredet, aber während der 90 Minuten hat er sich zurückgehalten und nicht herumgebrüllt. Vielleicht hätte er dann auch von Vereinsseite ein bisschen auf die Finger bekommen (lacht). Und je professioneller es wird, desto schwerer wird es dann auch für die Eltern, die Situation einzuschätzen. 

Sie haben den kompletten Nachwuchs in Leverkusen durchlaufen. Können Sie den ausgezeichneten Ruf dieser Abteilung bestätigen?

Stefan Reinartz: Wir haben sicherlich eine recht harte Schule, allein von den Trainertypen, die hier arbeiten. Selbst bei der D-, C- und B-Jugend waren schon ein paar harte Hunde dabei. Das ist nicht unbedingt üblich. Aber in Leverkusen werden die Spieler technisch sehr gut ausgebildet und es gibt ein Umfeld, in dem man gut arbeiten kann. Den guten Ruf hat Leverkusen also sicher zu Recht. 

Hat der für Sie damals den Ausschlag pro Leverkusen gegeben?

Stefan Reinartz: Nein, es hat sich nur ganz einfach sonst kein Verein bemüht (lacht). Es war halt ein Leverkusener Talentscout da – und keiner vom 1. FC Köln. Sonst hätte das auch in eine andere Richtung laufen können. Ich war in dem Alter noch relativ flexibel. Mit acht Jahren war ich sogar mal BVB-Fan. Das lag sicher auch am Champions-League-Sieg damals. 

Im Rheinland lebt man die Konkurrenz zu den Städtenachbarn gerne aus. Gib es diese Rivalität auf dem Platz überhaupt noch?

Stefan Reinartz: In der Jugend habe ich zigmal gegen den FC gespielt. Untereinander kannten sich die Spieler recht gut. Auch privat. Wir haben da eher vom Trainer und dem Umfeld eingetrichtert bekommen, dass es ein besonderes Spiel zu sein hat. Im Profibereich sind es die Fans, die die Brisanz hineinbringen. Wobei ein Derby zwischen Leverkusen und Gladbach längst nicht so intensiv ist. Da habe ich mit Nürnberg-Fürth in der zweiten Liga eine ganz andere Nummer erlebt.  Mir als Spieler ist es letztendlich egal, gegen wen ich drei Punkte hole. Obwohl ich zugeben muss, dass man gegen den FC schon lieber gewinnt als gegen irgendeine andere Mannschaft.

Haben Sie sich jemals um einen Plan B gekümmert, falls es mit dem Profifußball nicht geklappt hätte?

Stefan Reinartz: Ich habe mich damit natürlich auseinandergesetzt, als ich mein Abi in der Tasche hatte. Da stand die Frage im Raum: Studierst du was? Aber das ist nicht so einfach, ich hatte eben erst meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Ich habe mir gesagt: »Jetzt versuchst du es halt. Wenn es nicht klappt, kannst du in  zwei Jahren immer noch studieren.« Das wäre auch gar nicht so dramatisch gewesen – andere machen auch erst ein freiwilliges soziales Jahr oder gehen zum Bund. Von daher hätte nicht mehr Zeit verloren.

Das klingt sehr locker.


Stefan Reinartz: Man muss sich schon klare Ziele setzen: Ich habe mir diese zwei Jahre Zeit gegeben. Das es bis hierhin geklappt hat, ist herausragend. Wenn es nicht funktioniert hätte, hätte ich mich aber auch umorientieren können. Wenn man sich  über die eigene Zukunft gar keine Gedanken macht und stattdessen 15 Jahre im Amateurfußball rumgurkt, dann ist das sicher der falsche Weg. 

Darüber hinaus kann jede Grätsche das Karriereende bedeuten.

Stefan Reinartz: Darüber denke ich nicht nach. Aber es ist ein weiterer Grund, sich abzusichern. Ich glaube, ich muss nicht Profifußballer sein. Und wenn es eben wegen einer Verletzung nicht mehr klappt, würde ich nicht den ganzen Tag weinend zuhause sitzen, sondern etwas anderes finden, das mir Spaß macht. 

Zum Beispiel?

Stefan Reinartz: Mir geistern relativ viele Sachen im Kopf herum, die mich interessieren. Psychologie finde ich zum Beispiel spannend. Wirtschaftspsychologie, Meinungsforschung, Marketing – alles Dinge, die ich interessant finde. 

Psychologie spielt auch beim Umgang mit sportlichen Rückschlägen eine Rolle. Wie verarbeiten Sie herbe Schlappen?

Stefan Reinartz: Wenn wir in der A-Jugend mal sechs Stück bekommen haben, dann bekam man vom Trainer auf die Mütze und die Eltern und Freunde fragten zaghaft nach, was denn los war. Aber das war es dann auch. Wenn dir das in der Bundesliga passiert, kannst du dein Leben die nächsten zwei Tage einpacken; die Zeitung darfst du sowieso nicht aufschlagen. Nach sehr schlechten Spielen ist es für mich auch nicht so leicht – da denkt man schon mal zwei Tage danach, dass man nie wieder Fußball spielen will. Zum Glück kommt dann auch schon schnell das nächste Spiel.

Sie sind in diesem Jahr zum ersten Mal für die Nationalmannschaft nominiert worden. Was läuft anders in diesem erlauchten Kreis?

Stefan Reinartz: Das ganze Drumherum ist schon spannend. Da läuft beim DFB schon dreimal so viel Personal wie Spieler um dich herum. Und das Blitzlichtgewitter, wenn du nur ins Hotel gehst. Das ist eine andere Welt, aber auch ein schönes Erlebnis. Ich hoffe, dass ich die Chance in Zukunft noch einmal bekomme. 

Gibt es für Sie einen Verein, zu dem Sie nie wechseln würden?


Stefan Reinartz: Nein. Das wäre unprofessionell, aber auch aus einem anderen Grund völliger Quatsch: Ein Verein ist etwas Abstraktes, das man nicht im Ganzen sieht. Es kann sein, dass ein bestimmtes Management oder eine bestimmte Philosophie nicht zu einem passt. Aber im Fußball ist eines ganz sicher: Personal und Philosophien können sich sehr schnell ändern. 

Anmerkung: Das Interview wurde im Rahmen der Dreharbeiten zur DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« geführt (seit dem 25. März im Handel). Weitere Infos auf: www.hauptsachefussball-film.de.

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