31.03.2011

Stefan Reinartz über seinen Weg in den Profifußball

»Leverkusen ist eine harte Schule«

Nur die wenigsten wissen: Stefan Reinartz ist eine echtes Leverkusener Urgestein. Mit uns sprach der 22-Jährige über seinen Weg zum Nationalspieler, Bruno Labbadia und motzende Eltern am Spielfeldrand.

Interview: Marco Jankowski Bild: Imago
Stefan Reinartz, was bedeutet Fußball für Sie?

Stefan Reinartz: Ich habe Fußball immer zum Spaß gespielt. Es ist ein schöner Gemeinschaftssport. Deshalb bin ich wohl auch nicht beim Tennis gelandet. 



Die Anfänge ihrer Karriere liegen auf dem Tenniscourt?

Stefan Reinartz: Nein, nein, ich habe auf dem Land angefangen zu kicken. Ganz kl klassisch bei meinem Dorfverein namens Heiligenhauser SV. Da habe ich fünf Jahre gespielt ehe ein Leverkusener Talentscout auf mich aufmerksam geworden ist. Ich war sogar schon beim Probetraining, aber wurde leider nicht angenommen. Danach war ich ein Jahr in Bergisch-Gladbach und wurde kurioserweise wieder von einem Bayer-Talentscout beobachtet. Diesmal war ich wohl gut genug, denn sie haben mir genommen. 

Leverkusen fand Sie quasi auf dem zweiten Bildungsweg.

Stefan Reinartz: Ach was, da war ich zehn. Seitdem habe ich bei Bayer gespielt, bis zur A-Jugend. Als der Sprung zu den Profis nicht im ersten Anlauf funktioniert hat, wurde mir klar, dass ein Ausleihgeschäft Sinn machen würde. Eigentlich war die Ausleihe nach Nürnberg auf anderthalb Jahr ausgelegt, aber nachdem wir direkt in die Bundesliga aufgestiegen sind und es auch bei mir sehr gut lief, wollte Leverkusen mich schon nach einem halben Jahr zurückhaben. Also habe ich 09/10 bereits meine erste Bundesliga-Saison für Bayer gespielt.

Was war der entscheidende Faktor, damit Sie zum Profi werden konnten?

Stefan Reinartz: Ab der A-Jugend war es das erste Mal so, dass nicht nur meine Eltern, Freunde und der Trainer bei den Spielen standen, plötzlich ist da auch ein Berater, der sich einmischt. Für mich war das sehr wichtig, um überhaupt den Schritt nach Nürnberg zu machen. Ohne ihn wäre das Ganze kaum möglich gewesen. Du brauchst schließlich einen, der so einen Wechsel mit den Vereinen einfädelt.

Dabei wird den Beratern von Vereinsseite gerne die Rolle der bösen Buben zugeschoben.

Stefan Reinartz: Das ist sicher auch ein bisschen Lotterie. Ich war damals in der U-Nationalmannschaft und da kriegst du schon alle paar Wochen Anrufe, weil die Berater natürlich registrieren, dass man ordentlich spielt und noch keinen Berater hat. Dann triffst du dich mit denen vielleicht zweimal und musst dich auch schon entscheiden, wer der richtige ist. Und sich in diesen paar Gesprächen gut zu verkaufen, das kriegen die Berater fast alle hin.

Letztendlich war die Ausleihe nach Nürnberg für Sie der entscheidende Schritt nach vorne.

Stefan Reinartz: Ja, das war sehr wichtig. Es ist als Eigengewächs immer schwierig, sich im eigenen Stall durchzusetzen. Klar gibt es auch Beispiele von Jungs, die es gepackt haben und direkt durchgeschossen sind, zum Beispiel Badstuber und Müller bei Bayern München oder eben bei uns Castro und Adler. Aber da spielen viele Faktoren mit rein: Man braucht den richtigen Trainer, aber auch das Quäntchen Glück, direkt einen guten Eindruck zu machen, wenn man seine Chance bekommt. Ich hatte bei meinem damaligen Trainer Bruno Labbadia eben keine Möglichkeit erhalten, mich zu beweisen. 





Sie verdanken den schnellen Sprung in die erste Mannschaft einem schlichten Trainerwechsel in Leverkusen?

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob ich in meinem letzten A-Jugend Jahr den direkten Sprung geschafft hätte, wenn Jupp Heynckes schon Trainer gewesen wäre. Vielleicht hätte er mich als ordentlichen Spieler gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich zu dieser Zeit selbst überhaupt schon weit genug war. Für mich war Nürnberg der Schlüsselmoment, auch wenn es nur ein halbes Jahr war. Aber die Erfahrung war wichtig: mich in einem neuen Umfeld zu beweisen, Spielpraxis zu sammeln. 

Wann war dieser Moment, in dem Sie dachten: »Ey, das kann wirklich klappen mit dem Profifußball«?

Stefan Reinartz: So ein spezielles Aha-Erlebnis hatte ich nicht. Man rutscht eher in den Job hinein. Es war eigentlich nie mein ganz großer Traum, Profifußballer zu werden. Ich habe Fußball vor allem zum Spaß gespielt. Aber klar, wenn es gut läuft, beschäftigt man sich irgendwann damit. 

Sie haben nie mit Mannschaftskollegen von der großen Karriere geträumt?

Stefan Reinartz: Ich kann mich noch sehr gut an das A-Jugend-Finale 2007 gegen Bayern München erinnern. Da haben wir uns schon überlegt, ob es wohl ein oder zwei von uns bis zum Profi schaffen – und vielleicht ein oder zwei von Bayern. Das wäre von der Statistik her wahrscheinlich gewesen. Im Endeffekt sind dann 16 Profis aus diesem Finale hervorgegangen. Aber dass ich selbst dazu gehöre, wurde mir erst bewusst, als ich mit dem Kulli vor meinem ersten Profivertrag saß.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man diesen ersten Vertrag unterzeichnet? Etwas: »Puh, das Gröbste habe ich hinter mir!«

Stefan Reinartz: Nein, überhaupt nicht. Vom Verdienst her ist es kein großer Unterschied zu einem guten Amateurgehalt. Der Vertrag selbst bringt dir vor allem einen Vorteil: Du kannst jeden Tag mit den Profis trainieren. Nur das hilft dir wirklich weiter. Außerdem sagt man ja, dass das zweite Jahr immer schwerer wird als das erste. 

In dieser zweiten Saison spielten Sie mit Leverkusen in der Europa League, in der nächsten winkt sogar die Champions League. Wie groß ist der  Sprung von zweiter Liga ins internationale Geschäft wirklich?

Stefan Reinartz: Auch das ging ja nicht von null auf hundert bei mir. Letztes Jahr war hier in Leverkusen auch nur Bundesliga angesagt. Ich bin Schritt für Schritt gegangen: Aufstieg mit Nürnberg, eine erste, gute Bundesligasaison mit Bayer, in diesem Jahr die ersten Erfahrungen in der Europa-League.

Das Schritt-für-Schritt-Prinzip passt zu Ihrem Klub. In der letzten Saison hat Bayer in diesem Takt erst die Meisterschaft, dann Platz zwei und kurz vor Schluss sogar noch die letzte Chance auf den dritten Platz verspielt.

Stefan Reinartz: Ich weiß nicht, ob das so eine Krankheit hier in Leverkusen ist, am Ende immer die Spiele zu verdaddeln. Ich persönlich kann mir nicht erklären, was da abgelaufen ist. Der Trainer und das Management haben es so gedeutet, dass unser Kader nicht breit genug war. Aber in der Hinrunde sind wir vom Kader her teilweise auch auf dem Zahnfleisch gegangen und haben die Spiele trotzdem gewonnen. In der Rückrunde hat das auf einmal nicht mehr geklappt. Es kam viel Pech hinzu, Ausfälle, die Gelbsperren für unsere zentralen Spieler. Warum wir das in der Hinrunde kompensieren konnten und in der Rückrunde nicht, ist mir bis heute ein Rätsel. 

Dafür gibt es ein geflügeltes Wort: Vizekusen, eine ironisierte Rolle, in der sich Bayer ganz wohl zu fühlen scheint. Hand aufs Herz, wie hoch ist die Titel-Sehnsucht in Leverkusen?

Stefan Reinartz: Ich bin jetzt knapp zehn Jahre hier und habe leider noch nichts gewonnen. Mein Eindruck ist, dass die Sehnsucht hier im Umfeld schon sehr groß ist. Und in diesem Jahr gab es auch wieder die Erwartungshaltung, in einem der drei Wettbewerbe was zu holen. Ich denke, das war auch berechtigt. Wir haben ein starkes Team und müssen uns am Ende an diesen Erwartungen messen lassen. 

Anmerkung: Das Interview wurde im Rahmen der Dreharbeiten zur DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« geführt (seit dem 25. März im Handel). Weitere Infos auf: www.hauptsachefussball-film.de.
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