03.11.2007

Stefan Kuntz im Interview

„Ich muss das Gras nicht riechen“

Stefan Kuntz hat sich verändert: Er hat den Schnauz abrasiert, er schießt keine Tore mehr und hat deshalb auch die nach ihm benannte Säge weggepackt. Wir sprachen mit dem Manager des VfL Bochum über seinen Weg in die Chefetage.

Interview: Johannes Lindenlaub Bild: Imago
Seit dem 1. April 2006 sind Sie Manager vom VFL Bochum. Welche Rolle hat Ihr Verhältnis zu Herrn Altegoer bei Ihrem Wechsel von Koblenz nach Bochum gespielt?

Nun, er hat das Gesicht des Vereins entscheidend geprägt, und er war für mich in Fußballangelegenheiten immer schon eine Art väterlicher Berater. Als es dann zu den Vertragsgesprächen kam, war bereits im Vorfeld alles sehr klar strukturiert. Die Konzeptionen des Vereins waren so genau auf den Punkt gebracht, dass ich mit klaren Vorstellungen bezüglich meiner Tätigkeit aus diesem Gespräch gekommen bin. Diese Professionalität hat mich beeindruckt und war ein Riesenunterschied zu anderen Vereinen, die in der Zeit ebenfalls Interesse hatten.

Für den VFL Bochum mussten Sie dieses Jahr fast eine komplette Mannschaft verpflichten. Wie ist das Verhältnis zwischen Glück und Können bei einem solchen Mammutakt?

Ich wusste natürlich, dass in Bochum von mir erwartet wurde, Spieler zu finden, deren Potential noch nicht ganz ausgeschöpft ist. Umso wichtiger war es, dass mir Trainer und Vorstand viel Vertrauen entgegengebracht haben. Und wissen Sie, Glück gehört immer dazu. Als ich damals als Stürmer entdeckt wurde, war der Scout eigentlich wegen meines direkten Gegenspielers da. Ich habe in diesem Spiel aber drei Tore geschossen, und dann hat er eben mich empfohlen.

Welche Aufgaben umfasst Ihre Tätigkeit beim VfL?

Bei uns ist es so, dass ich mit meinem Vorstandskollegen Ansgar Schwenken das komplette operative Geschäft führe. Neben den Leuten, die gegen den Ball treten, zählt auch die Öffentlichkeitsarbeit zu meinem Aufgabenbereich. Der VfL ist insgesamt dadurch geprägt, dass flache Hierarchien herrschen, und es insofern zwischen den einzelnen Abteilungen einen sehr regen Informationsaustausch gibt. Ich könnte zwar nicht jederzeit eine Bilanz schreiben, um mal ein Aufgabengebiet von Ansgar Schwenken zu nennen, aber er könnte zum Beispiel immer eine von mir begonnene Verhandlung weiterführen. Diese enge Zusammenarbeit war auch für die Entwicklung unseres Leitbildes und die gesamte Markenentwicklung sehr förderlich.

Ihr Leitbild beinhaltet eine klare Zielsetzung des Vereins: Sie wollen sportlich und wirtschaftlich auf Dauer erstklassig sein. Dies verknüpfen Sie mit bestimmten Werten wie der Nähe zu den Fans, der Identifikation mit der Region und sozialer Verantwortung. Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Auf der einen Seite wirtschaften wir sehr solide, und auf der anderen Seite bauen wir unsere Mannschaften vor allem mit Leuten aus der Stadt und der Region auf. Dann versuchen wir durch gezielte Aktionen wie unsere Schuloffensive, bei der bekannte Persönlichkeiten aus unserem Verein Klassenbesuche machen, die Identifikation mit dem VfL zu stärken und gerade Kinder und Jugendliche für uns zu begeistern. Wir legen großen Wert auf unsere Nachwuchsarbeit.

Versuchen Sie, den VfL auf diese Weise zwischen den beiden großen Ruhrgebietsmannschaften zu positionieren?

Mit unserem Leitbild versuchen wir mehrere Dinge gleichzeitig: Zum Einen sollen unsere Mitarbeiter eine Art Orientierungsleitfaden bekommen. Sie sollen wissen, worum es beim VfL eigentlich geht - das kann man natürlich nicht voraussetzen, wenn jemand von außerhalb kommt. Zum Anderen ist es aber auch eine klare Positionierung für die Öffentlichkeit. Und darüber hinaus sollen über das Leitbild Vereinstraditionen lebendig gehalten werden. Dass es darüber zu einer klaren Positionierung kommt, ist gewissermaßen ein angenehmer Nebeneffekt der ganzen Geschichte.

Sehen Sie schon Ergebnisse?

Alle Mitarbeiter haben an dem Entwicklungsprozess des Leitbildes aktiv teilgenommen, und allein das hat dazu geführt, dass jeder Mitarbeiter sensibilisiert wurde, sich also stark mit unserem Leitbild identifiziert. In Zukunft wird es interessant, wenn neue Mitarbeiter hinzu stoßen. Spannend wird es auch bei den nächsten Verhandlungen, wenn ich die Spieler mit unserem Leitbild konfrontiere und sie frage, ob sie sich damit identifizieren können.

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