Stefan Kuntz im Interview

»Nicht jeder hat Bayern als Ziel«

Stefan Kuntz hat in nur zwei Jahren als Manager des VfL Bochum nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Als potenzieller Nachfolger von Uli Hoeneß bei den Bayern möchte sich der gebürtige Saarländer dennoch nicht ins Spiel bringen. Stefan Kuntz im InterviewImago

Herr Kuntz, Ihr Vertrag beim VfL Bochum läuft zum Jahresende aus. Wie gehen die Verhandlungen voran?

Wir sind schon länger in Gesprächen, Wasserstandsmeldungen gebe ich nicht ab.

Es mehren sich Spekulationen über Differenzen zwischen Ihnen und Aufsichtsratsboss Werner Altegoer. Was ist da dran?

Mein Verhältnis zu Herrn Altegoer ist bekannt. Er hat mich durch meine Karriere als väterlicher Freund begleitet und ist dafür verantwortlich, dass ich hierhergekommen bin. Das ist die eine Geschichte, die garantiert durch nichts angetastet wird. Wir sind jetzt aber auch im geschäftlichen Sinne Gesprächspartner, die sich im Sinne einer Sache annähern müssen.

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Zuletzt wurde Herr Altegoer mit den Worten zitiert, er würde deshalb nicht sofort mit Ihnen verlängern, weil »wir dann Terrain bei den Verhandlungen mit ihm preisgeben würden«. Dieser Satz deutet eher auf ein sehr geschäftsmäßiges Verhältnis hin.

Dieser Satz, das hat Herr Altegoer bereits gesagt, ist so nie gefallen.

Es wird bereits spekuliert, dass Herr Altegoer die vielen Positivschlagzeilen um Ihre Person mittlerweile ein Dorn im Auge sind.

Zu solchen Gerüchten kann ich nichts sagen, weil ich weder direkt noch indirekt Initiator dieser Gerüchte bin. Grundsätzlich muss man hervorheben, dass gute Personalpolitik auch gut für den Verein ist. Nicht gut für den Verein ist, dass solche Gerüchte auftauchen. Ich gebe zu, dass mich das überrascht hat.

Würden Sie denn überhaupt kurzfristig mit dem VfL verlängern wollen?

Wenn ich grundsätzlich nicht der Ansicht wäre, dass es sich lohnen würde weiterzumachen, würden wir uns gar nicht erst zusammensetzen.

Was wäre, wenn die Bayern anriefen?

Dann würde ich »Guten Tag« sagen.

Mal ernsthaft: Die Bayern befinden sich im Umbruch und sind derzeit für jede Überraschung gut. Jürgen Klinsmann, mit dem Sie 1996 Europameister geworden sind und 2000 den Fußballlehrerschein gemacht haben, wird Trainer. Uli Hoeneß hört 2009 als Manager auf, und Sie haben in den vergangenen zwei Jahren positiv auf sich aufmerksam gemacht.

Letztendlich habe ich noch nicht den Nachweis erbracht, bei einem Klub, der auf die Champions League ausgerichtet ist, arbeiten zu können. Die Bayern werden jemanden suchen, der auf diesem Feld Erfahrung hat. Deshalb halte ich ein Engagement dort für unrealistisch.

Sie waren als Profi sehr erfolgreich: Europameister, deutscher Meister, Pokalsieger, Fußballer des Jahres. Wenn Sie sich auch als Manager an solchen Erfolgen orientieren, glauben Sie dann, dass Sie sie beim VfL Bochum erreichen können?

Unser nächstes Ziel heißt, langfristig einen gesicherten Mittelfeldplatz zu halten. Dieser Schritt wird seine Zeit dauern. Er wäre für den VfL genauso viel wert wie für Werder Bremen der Einzug in die Champions League. Man muss Ziele passend für den jeweiligen Verein formulieren. Jeder muss aber auch seine persönlichen Ziele definieren: Will ich schnell zu einem Verein kommen, der international spielt, oder will ich weiter die Ziele verfolgen, die ich momentan verantworte?

Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Das, was wir in den letzten beiden Jahren in Bochum erreicht haben, ist sensationell und erfüllt mich mit Stolz. Ich spreche jetzt ausdrücklich nicht von meinen Verdiensten, sondern von der Teamarbeit, die wir geleistet haben. Was mich betrifft: Ich habe auch als Spieler nie bei Bayern München, Werder Bremen oder Schalke 04 gespielt. Es muss nicht jedermanns Ziel sein, bei solchen Klubs zu landen.

Das heißt, Sie könnten sich vorstellen, noch über Jahre hinweg in Bochum zu arbeiten, auch wenn hier eher kleine Brötchen gebacken werden?

Ja, grundsätzlich ist das so.

Wann fängt der VfL an, risikoreicher zu wirtschaften, damit Spieler wie Theofanis Gekas oder aktuell Stanislav Sestak gehalten werden können?

Was Sestak betrifft: Ich sehe momentan überhaupt keine Anzeichen, dass er weg will. Und grundsätzlich gilt, dass wir immer nur das ausgeben werden, was wir einnehmen. In puncto TV-Einnahmen werden wir nach der Saison wohl einen kleinen Schritt nach vorne machen. Aber wenn wir nicht irgendwann unser Stadion modernisieren, werden wir bei Tageseinnahmen und Vermarktungsmöglichkeiten bald so weit hinterherhinken, dass wir grundsätzlich nicht mehr konkurrenzfähig sind. Die Stadionmodernisierung ist für uns überlebensnotwendig.

Wie ist da der Stand der Dinge?

Wir sind in Gesprächen. Wir hoffen, dass wir Spielort bei der Frauen-WM 2011 werden. Diesen Zeitpunkt haben wir fest im Blick. Außerdem haben wir festgestellt, dass wir bei der Stadt auf offene Ohren stoßen.

Im Vorverkauf zum letzten Heimspiel gegen den deutschen Meister VfB Stuttgart hat der VfL gerade mal 18.000 Karten abgesetzt. Vize-Kapitän Marcel Maltritz meinte daraufhin: »Irgendwann wird der VfL Meister, und keiner bekommt es mit.«

Natürlich ist es für uns nicht schön, nach Dortmund zu blicken und zu sehen, dass ein Verein, der zwei Plätze hinter uns steht, 50.000 Dauerkarten verkauft hat. Aber auch unsere durchschnittlichen Zuschauerzahlen haben wir in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert und uns in anderen Bereichen ebenfalls verbessert. Damit das so bleibt, müssen wir natürlich langfristig die Klasse halten.

Und deswegen endlich auch mal die Leistungsträger.

Ich wehre mich dagegen, dass dies ein VfL-Problem ist. Mit Bremen und Diego ist es dasselbe, vielleicht sogar irgendwann mit den Bayern und Ribery, wenn der plötzlich nach Mailand will. Wir werden in der nächsten Saison nicht mehr den Druck haben, gleich zehn oder zwölf neue Spieler holen zu müssen. Weil wir schon hohe Qualität im Kader haben, müssen wir uns vielleicht nur noch für drei oder vier Positionen umschauen.

Aussagen wie Uli Hoeneß, der einen Verkauf Riberys selbst bei der Intervention eines Ölscheichs ausgeschlossen hat, können Sie aber nicht machen?

Nein, das ist schon eine Frage des Gesamtumsatzes der beiden Klubs. Da steht es 220 Millionen zu 35 Millionen. Und selbst bei Bayern wird es eine Schmerzgrenze für Ribery geben. Bei einem Angebot von 50 Millionen Euro wird auch Uli Hoeneß ins Grübeln kommen.

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