03.03.2008

Stefan Kuntz im Interview

„Ich wäre fast geplatzt“

1991 brachte Stefan Kuntz als FCK-Kapitän seinem Idol Fritz Walter die Meisterschale. Doch in der Folge erlebte er den schleichenden Niedergang des Vereins. Wir sprachen mit ihm über Identitätsverlust, Abstiegsangst und bittere Tränen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Kaiserslautern ist eine kleine Stadt mit kaum 100.000 Einwohnern. Hat das von Ihnen beschriebene Familiengefühl den FCK seit 40 Jahren im Profi-Fußball gehalten?

Auf jeden Fall! Der Rückhalt ist etwas ganz Besonderes. Selbst jetzt, in schwierigen Zeiten, gibt es überhaupt keine Probleme mit den Fans.

Welche Rolle spielten in dieser Familie die vier Weltmeister, Horst Eckel, Werner Liebrich und die Walter-Brüder?

Wir haben immer die Verpflichtung gespürt, der großen Tradition der 1954er gerecht zu werden. Wir saßen mit vier Weltmeistern zusammen, und wenn die von früher erzählt haben, war das natürlich großartig und eine starke Motivation für uns.

Auch der damalige Präsident Norbert Thines ist ein Mann von altem Schrot und Korn.

Ja, Herr Thines ist ein Präsident des Volkes, ein Präsident für die Fans. Er ist ein herzensguter Mensch, der sich auch sehr für soziale Belange einsetzt.

Bitte beschreiben Sie das Gefühl, als Sie als FCK-Kapitän diesen Männern nach dem letzten Saisonspiel 1991 gegen Köln die Meisterschale bringen konnten.

Ich wäre fast vor Stolz geplatzt! Das war die totale innere Befriedigung. Diesen alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Wie war dieser Triumph möglich?


Maßgeblich war der Zusammenhalt in der Mannschaft. Wir haben gemerkt, was möglich ist, wenn man zusammenhält. Wir haben uns super ergänzt – es waren nette Spieler im Kader, auch solche, die auf dem Platz mal ein Dreckschwein sein konnten. Es waren Laute dabei und Leise. Hinzu kommt die unglaubliche Euphorie, nachdem wir trotz des Beinahabstiegs Pokalsieger geworden waren. Dadurch hatten wir ein Selbstvertrauen, dass es uns ermöglicht hat, viele Spiele umzubiegen. Ich kann mich noch erinnern, dass wir einige Male 0:2 hinten lagen, uns dann aber angeschaut und gesagt haben: »Na und? Die gewinnen trotzdem nicht gegen uns!« Als wir dann oben standen, trug uns auch eine Sympathiewelle. Viele wünschten sich, dass mal wieder ein Außenseiter Deutscher Meister wird. All diese Komponenten haben sehr gut ineinander gegriffen.

Zentrale Figur dieser Zeit war Trainer Karl-Heinz Feldkamp. Braucht der FCK manische Trainer wie ihn oder später Otto Rehhagel?

Ein FCK-Trainer muss den Fans das Gefühl geben, dass er ehrliche, harte Arbeit abliefert. Ich würde das nicht unbedingt an einem bestimmten Trainertypen festmachen.

Nach dieser Saison verließen in Person von Schupp, Labbadia und Friedmann gleich drei Spieler den Verein, die ihre Wurzeln in der Region hatten. Hätte man sie halten müssen?


Das kann ich aus der heutigen Sicht schwer beurteilen. Unser Manager Reiner hat jedenfalls einen sehr guten Job gemacht und immer wieder ein gutes Auge bewiesen. Schließlich konnten wir uns ja auch in den Folgejahren im oberen Tabellendrittel halten.

Das Vorrundenspiel im Europacup der Landesmeister gegen den FC Barcelona endete mit 3:1 nach 0:3 im Hinspiel. Dieses Tor durch Bakero kurz vor Schluss...

...war schlimm! Es war nach langer Zeit mal wieder ein Negativerlebnis. Wir hatten solche Spiele sonst immer nur am Fernseher verfolgt. Diesmal waren wir dabei und hatten eine der besten Mannschaften Europas kurz vorm Ausscheiden. Dieses späte Gegentor war also eine große Enttäuschung. Andererseits hat es uns aber auch gezeigt, wozu wir theoretisch in der Lage gewesen wären. Das hat uns wiederum für die Bundesliga motiviert, wo wir das nächste Spiel ja auch gleich gewonnen haben.

Am Ende landete der FCK jedoch nur auf Platz 5. Nach der Saison verließ Feldkamp den FCK und sagte zum Abschied: „Jedem Nachfolger sollen die Schuhe, die ich hinterlasse, zu groß sein.“ War das ein Fluch?

Ach, das ist der Kalli! Er hat das aus der Verärgerung heraus gesagt, weil man vom fünften Platz enttäuscht war. Das hielt er für unangebracht.

Sein Nachfolger Reiner Zobel nahm ihnen die Kapitänsbinde weg. Was sollte das?

Das sah in der Öffentlichkeit anders aus, als es tatsächlich war. Reiner Zobel hat versucht, zu mir zu halten. Aber ich habe in dieser Saison nicht die Leistung gebracht wie in den Jahren zuvor. Es war meine schlechteste Saison in Kaiserslautern. Und es hat mich traurig gemacht, dass ich nicht durch eine wenigstens durchschnittliche Leistung dazu habe beitragen können, dass Zobel Trainer geblieben ist.

Ihr Mitspieler Markus Marin schlug Alarm: „Wir sind eine Intrigentruppe.“

Das waren die Nachwirkungen, nachdem Kalli Feldkamp gegangen war. Er hatte nichts aufkommen lassen, und auch durch den Erfolg ist vieles unter der Oberfläche geblieben. Erst danach kam verspäteter Neid aus der Meistersaison auf, der vielleicht auch von außen geschürt wurde. Das hat uns ein sehr lehrreiches, weil erfolgloses Jahr beschert. Ein Jahr später hat Friedel Rausch als neuer Trainer diese Entwicklung wieder umkehren können. Er hat vieles aus dem Bauch heraus gemacht, eine gute Ansprache gefunden und einiges wieder aus uns herausgekitzelt, was uns so stark gemacht hatte.

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