Stefan Kuntz im Interview

„Ich wäre fast geplatzt“

1991 brachte Stefan Kuntz als FCK-Kapitän seinem Idol Fritz Walter die Meisterschale. Doch in der Folge erlebte er den schleichenden Niedergang des Vereins. Wir sprachen mit ihm über Identitätsverlust, Abstiegsangst und bittere Tränen. imago
Heft #76 03 / 2008
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Herr Kuntz, machen Sie sich Sorgen um den FCK?

Wenn ich mir die Tabelle anschaue und in Betracht ziehe, dass der Verein in der Öffentlichkeit schon mal besser dastand – ja, auf jeden Fall.

Der Verein steht in der Zweiten Liga im Keller, bei einem Abstieg droht sogar der Lizenzentzug. Wie konnte es soweit kommen?


Ich glaube, dass im sportlichen Bereich des öfteren Fehlentscheidungen getroffen wurde. Vor allem wurde die Pole Position, die der Verein nach der Meisterschaft 1998 innehatte, leichtfertig verspielt.

Sie stammen aus der Region. Welche Bedeutung hat der FCK dort?

Er ist nach wie vor die Nummer eins und hat eine riesige Bedeutung für die Fans.

Es wird oft gesagt, mit dem Verein sterbe die ganze Region. Stimmt das?

Das ist natürlich überzogen, schließlich wird niemand buchstäblich sterben. Aber es ist so, dass der FCK für viele ein Lebensinhalt ist und diese Menschen ihre Identifikationsfläche verlieren würden.

Ist diese Bedeutung eine Last für die Spieler?

Nein. Sie ist ein Antrieb. Als Profi spielt man lieber für einen emotionalen Verein wie den FCK. Die Last macht gegenwärtig allein der Tabellenplatz aus. Man sollte darauf achten, dass Spieler auch damit umgehen können.

Welche Bedeutung hatte der FCK für Sie in der Kindheit und Jugend?


Der FCK war immer mein Verein! Meine Familie stammt schließlich aus Kaiserslautern. Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich spielte bei Bayer Uerdingen und hatte großes Heimweh. Da riefen die Verantwortlichen des FCK an und machten mir ein Angebot. Ich glaube, ich hätte auch umsonst gespielt (lacht)! Ich hatte in der Folge meine größten Erfolge beim FCK – und ein unglaubliches Verhältnis zu den Fans.

Wie war Ihr erster Eindruck, als Sie 1989 als Profi zum FCK stießen?

Ich habe gedacht: »Endlich bin ich zu Hause!« Und gleich die erste Saison war extrem: Einerseits waren wir bis zum Schluss abstiegsgefährdet, andererseits haben den DFB-Pokal gewonnen. Das hat die Spieler untereinander zusammengeschweißt – und auch Mannschaft und Fans.

Sind solche Wechselbäder symptomatisch für diesen Verein?


Eines steht fest: Wir hätten in dieser Saison nicht gegen Abstieg spielen müssen. Dazu waren wir zu stark besetzt und zu sehr mit dem Herzen bei der Sache. Auf der Weihnachtsfeier 1989 haben wir mal durchgezählt: Wir waren elf Spieler aus der Region. Und gerade wir wollten nicht die Ersten sein, die mit dem FCK absteigen.

Eine Frage der Identifikation, die heute so nicht mehr gegeben ist.


Damals waren wir den Fans auch noch näher, sind privat zu Fanabenden gegangen. Außerdem haben wir allesamt in der Stadt gelebt. Schon deshalb kam es immer wieder zu Begegnungen, beim Einkaufen, im Kino, im Café. Das hat eine starke Bindung erzeugt, so dass wir, wenn wir aufgelaufen sind, immer wussten: Wir haben die Fans im Rücken.

Kaiserslautern ist eine kleine Stadt mit kaum 100.000 Einwohnern. Hat das von Ihnen beschriebene Familiengefühl den FCK seit 40 Jahren im Profi-Fußball gehalten?

Auf jeden Fall! Der Rückhalt ist etwas ganz Besonderes. Selbst jetzt, in schwierigen Zeiten, gibt es überhaupt keine Probleme mit den Fans.

Welche Rolle spielten in dieser Familie die vier Weltmeister, Horst Eckel, Werner Liebrich und die Walter-Brüder?

Wir haben immer die Verpflichtung gespürt, der großen Tradition der 1954er gerecht zu werden. Wir saßen mit vier Weltmeistern zusammen, und wenn die von früher erzählt haben, war das natürlich großartig und eine starke Motivation für uns.

Auch der damalige Präsident Norbert Thines ist ein Mann von altem Schrot und Korn.

Ja, Herr Thines ist ein Präsident des Volkes, ein Präsident für die Fans. Er ist ein herzensguter Mensch, der sich auch sehr für soziale Belange einsetzt.

Bitte beschreiben Sie das Gefühl, als Sie als FCK-Kapitän diesen Männern nach dem letzten Saisonspiel 1991 gegen Köln die Meisterschale bringen konnten.

Ich wäre fast vor Stolz geplatzt! Das war die totale innere Befriedigung. Diesen alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Wie war dieser Triumph möglich?


Maßgeblich war der Zusammenhalt in der Mannschaft. Wir haben gemerkt, was möglich ist, wenn man zusammenhält. Wir haben uns super ergänzt – es waren nette Spieler im Kader, auch solche, die auf dem Platz mal ein Dreckschwein sein konnten. Es waren Laute dabei und Leise. Hinzu kommt die unglaubliche Euphorie, nachdem wir trotz des Beinahabstiegs Pokalsieger geworden waren. Dadurch hatten wir ein Selbstvertrauen, dass es uns ermöglicht hat, viele Spiele umzubiegen. Ich kann mich noch erinnern, dass wir einige Male 0:2 hinten lagen, uns dann aber angeschaut und gesagt haben: »Na und? Die gewinnen trotzdem nicht gegen uns!« Als wir dann oben standen, trug uns auch eine Sympathiewelle. Viele wünschten sich, dass mal wieder ein Außenseiter Deutscher Meister wird. All diese Komponenten haben sehr gut ineinander gegriffen.

Zentrale Figur dieser Zeit war Trainer Karl-Heinz Feldkamp. Braucht der FCK manische Trainer wie ihn oder später Otto Rehhagel?

Ein FCK-Trainer muss den Fans das Gefühl geben, dass er ehrliche, harte Arbeit abliefert. Ich würde das nicht unbedingt an einem bestimmten Trainertypen festmachen.

Nach dieser Saison verließen in Person von Schupp, Labbadia und Friedmann gleich drei Spieler den Verein, die ihre Wurzeln in der Region hatten. Hätte man sie halten müssen?


Das kann ich aus der heutigen Sicht schwer beurteilen. Unser Manager Reiner hat jedenfalls einen sehr guten Job gemacht und immer wieder ein gutes Auge bewiesen. Schließlich konnten wir uns ja auch in den Folgejahren im oberen Tabellendrittel halten.

Das Vorrundenspiel im Europacup der Landesmeister gegen den FC Barcelona endete mit 3:1 nach 0:3 im Hinspiel. Dieses Tor durch Bakero kurz vor Schluss...

...war schlimm! Es war nach langer Zeit mal wieder ein Negativerlebnis. Wir hatten solche Spiele sonst immer nur am Fernseher verfolgt. Diesmal waren wir dabei und hatten eine der besten Mannschaften Europas kurz vorm Ausscheiden. Dieses späte Gegentor war also eine große Enttäuschung. Andererseits hat es uns aber auch gezeigt, wozu wir theoretisch in der Lage gewesen wären. Das hat uns wiederum für die Bundesliga motiviert, wo wir das nächste Spiel ja auch gleich gewonnen haben.

Am Ende landete der FCK jedoch nur auf Platz 5. Nach der Saison verließ Feldkamp den FCK und sagte zum Abschied: „Jedem Nachfolger sollen die Schuhe, die ich hinterlasse, zu groß sein.“ War das ein Fluch?

Ach, das ist der Kalli! Er hat das aus der Verärgerung heraus gesagt, weil man vom fünften Platz enttäuscht war. Das hielt er für unangebracht.

Sein Nachfolger Reiner Zobel nahm ihnen die Kapitänsbinde weg. Was sollte das?

Das sah in der Öffentlichkeit anders aus, als es tatsächlich war. Reiner Zobel hat versucht, zu mir zu halten. Aber ich habe in dieser Saison nicht die Leistung gebracht wie in den Jahren zuvor. Es war meine schlechteste Saison in Kaiserslautern. Und es hat mich traurig gemacht, dass ich nicht durch eine wenigstens durchschnittliche Leistung dazu habe beitragen können, dass Zobel Trainer geblieben ist.

Ihr Mitspieler Markus Marin schlug Alarm: „Wir sind eine Intrigentruppe.“

Das waren die Nachwirkungen, nachdem Kalli Feldkamp gegangen war. Er hatte nichts aufkommen lassen, und auch durch den Erfolg ist vieles unter der Oberfläche geblieben. Erst danach kam verspäteter Neid aus der Meistersaison auf, der vielleicht auch von außen geschürt wurde. Das hat uns ein sehr lehrreiches, weil erfolgloses Jahr beschert. Ein Jahr später hat Friedel Rausch als neuer Trainer diese Entwicklung wieder umkehren können. Er hat vieles aus dem Bauch heraus gemacht, eine gute Ansprache gefunden und einiges wieder aus uns herausgekitzelt, was uns so stark gemacht hatte.

1995 verließen Sie den FCK und gingen zu Besiktas Instanbul. Sie waren der Letzte der Linie Walter-Friedrich-Briegel-Kuntz. War es ein Fehler, Sie gehen zu lassen?

Ohne in die Details gehen zu wollen: Ich wäre zu einer Vertragsverlängerung bereit gewesen, wenn man mir eine Anschlussbeschäftigung für die Zeit nach meiner Karriere zugesichert hätte. Darauf konnten wir uns nicht einigen, und der Verein hat mir in Person von Reiner Geye signalisiert, dass ich gehen könne.

Sie sagten: „Ich lebe und sterbe für diesen Verein.“ Gab es nach Ihnen noch Spieler beim FCK, die auch dazu bereit waren?

Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Abgesehen von meinem biografischen Hintergrund: Ich war sechs Jahre beim FCK. Ich glaube nicht, dass viele nach mir so lange dort gespielt haben. Da fallen mir eigentlich nur Axel Roos und Gery Ehrmann ein. Hinzu kommt, dass meine Art zu spielen immer so aussah, als würde ich das letzte Hemd für den Verein geben (lacht). Bei anderen, die technisch beschlagener waren, sah es vielleicht nicht so aus, die Einstellung war aber dieselbe.

Haben Sie bei Ihrem Abschied geahnt, dass die rosigen Zeit beim FCK vorbei sein würden?

Nicht in diesem Ausmaß.

Haben Sie gelitten, als der FCK abstieg?

Ich war damals Co-Kommentator beim letzten Spiel in Leverkusen – und habe mich meiner Tränen nicht geschämt.

Wenn Ihnen vorher jemand erzählt hätte: Zwei Jahre später ist der FCK Meister...

Das hätte ich mir gewünscht, aber nicht geglaubt.

War dieser Meistertitel für die weitere sportliche und wirtschaftliche Entwicklung des Vereins wirklich von Vorteil?

Wie ich eingangs sagte: Durch diesen Erfolg gab es eine Plattform, die nicht wirklich genutzt wurde – sowohl sportlich als auch wirtschaftlich.

Haben Sie DSF-Sendung im September 2002 gesehen, in der Vorstandsmitglied Robert Wieschemann den Offenbarungseid leistete und sagte: »Wir haben ein Defizit an Durchblick – alle!«?

Ja, die habe ich gesehen.

Was dachten Sie?


Dass genau das stimmt.

Warum hatten Sie dieses Vorgefühl?

So wie Fußballer nicht immer die Richtigen sind, wenn es um wirtschaftliche Dinge geht, sind Wirtschaftsleute nicht immer die Richtigen, wenn es um Sportliches geht. Wenn man da keine gute und realistische Aufgabenteilung hinbekommt, dann kann das zum Niedergang eines Vereins führen.

René C. Jäggi übernahm 2002 das Ruder. War er der Richtige für diese Aufgabe?

Oberflächlich betrachtet, hat er den Verein finanziell saniert. Doch das, was gespart wurde, ist nicht optimal in die Mannschaft investiert worden.

2005/2006 wollte man Sie als Sportdirektor holen. Woran ist das Engagement letztlich gescheitert?


Letztendlich an der Arbeitsplatzbeschreibung. Ich hätte beim FCK nicht so eigenverantwortlich arbeiten können wie jetzt beim VfL Bochum.

Hätte Sie die Aufgabe denn gereizt?


Ich habe Probleme mit Konjunktiven, vor allem in der Vergangenheitsform.

Was wäre im Groben Ihr Konzept gewesen?


Ich möchte mich jetzt nicht als Besserwisser hinstellen.

Nur diese eine Frage: Hätten Sie auf Spieler aus der Region gesetzt?


Das kann man nicht grundsätzlich beantworten. Wünschenswert wäre es gewesen.

Kann der FCK sich noch vor dem Abstieg retten?


Eindeutig ja!

Aber wäre ein Abstieg nicht auch eine Chance zur Wiedergeburt?


Grundsätzlich vielleicht. Aber ich befürchte, dass die wirtschaftlichen Zwänge dann zu groß wären.


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