Stefan Kießling über Wohlfühlpakete und Formschwankungen

»Der beste Kießling aller Zeiten?«

Kein Bundesligaspieler hat 2012 mehr Tore geschossen als Stefan Kießling. Wir sprachen mit dem 28-Jährigen über Leverkusens Trainerduo Lewandowski/Hyypiä, Wohlfühlpakete und den Laufstil von Jürgen Klinsmann.

Stefan Kießling, welche Frage haben Sie zuletzt häufiger gehört: Ob Leverkusen jetzt der neue Bayern-Jäger ist, oder warum Joachim Löw Sie nicht mehr anruft?
Zuletzt war es dann doch der Bayern-Jäger, aber durch den großen Abstand müssen wir uns damit überhaupt nicht beschäftigen. Wir wollen jetzt den zweiten Platz verteidigen.
 
Und was denken Sie, wenn Sie abends vor dem Fernseher sitzen und die Nationalelf mangels Personal mit Mario Götze im Sturm aufläuft?
Diese Frage geht mir auf jeden Fall mehr auf den Keks, als das mit dem Bayern-Jäger. Ich war 2010 bei der WM dabei und habe davor eine gute Saison gespielt. In Südafrika habe ich dann aber nie eine wirkliche Chance bekommen, was nicht einfach für mich war. Seither wurde ich nicht mehr nominiert. Für mich ist das total in Ordnung. Ich bin fit und kann für Leverkusen spielen. Alles andere ist mir im Moment völlig egal.
 
In der Bundesliga hat im Kalenderjahr 2012 kein Spieler mehr Tore erzielt. Warum sehen wir jetzt den stärksten Stefan Kießling, den es je gab?
Ob das der beste Kießling aller Zeiten ist? Ich habe in der Saison 2009/2010 schon 21 Tore gemacht. Auch kein schlechtes Jahr. Es freut mich, dass es so gut läuft und ich will im nächsten Jahr, wenn keiner mehr über die Tore von 2012 spricht, wieder genau da anknüpfen.
 
Wie würden Sie Ihren Spielstil beschreiben?
Ich bin ein Stürmer, der viel für die Mannschaft läuft und ackert, sich Räume frei macht und sich selbst Torchancen erarbeitet. Ich versuche immer, mannschaftsdienlich zu spielen, die Anderen in Szene zu setzen. Bei einem so aufwändigen Spiel ist es aber wichtig, dass man vor dem Tor noch genügend Power und Konzentration hat. Es gilt also immer einen gesunden Mittelweg zwischen Aufwand und Ertrag zu finden.
 
Sie bestreiten mit großem Abstand die meisten Zweikämpfe aller Bundesligaspieler.
Ich bin eben nicht der Typ, der zurücksteckt und versuche in jeden Zweikampf zu gehen. Und als Stürmer hat man ja bei langen Bällen immer automatisch einen Zweikampf. Aber dass ich in den letzten Jahren erheblich mehr Zweikämpfe gemacht habe, als der Zweitplatzierte, das wundert mich selbst.
 
Kritiker werfen Ihnen gelegentlich einen unorthodoxen Laufstil vor. Wie viel haben Sie sich von Jürgen Klinsmann abgeschaut?
Ich bewege mich sicherlich nicht wie Jürgen Klinsmann, sondern habe meinen eigenen Laufstil. Wenn jemand meint, dass der unorthodox ist, dann soll er das tun.
 
Sie haben neulich gesagt, der zweite Tabellenplatz sei das Ergebnis einer neuen Mentalität. Wie meinen Sie das?
Einige Siege hätten wir so in der vergangenen Saison nicht geholt. Neben dem Spiel in München meine ich vor allem auch das DFB-Pokalspiel gegen Bielefeld. Eine unheimlich schwere Partie, die wir nach Rückstand noch drehen konnten. Dieser Wille hat uns in der Vergangenheit vielleicht etwas gefehlt.
 
Warum ist Bayer so schwach in die Saison gestartet?
Wir haben den Bundesligaauftakt in Frankfurt verloren und mussten dann am dritten Spieltag zum Deutschen Meister nach Dortmund. Da kannst du schon mal verlieren. Aber wie man sieht, ist die Mannschaft ist super damit umgegangen
 
Was läuft unter Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä anders als unter Robin Dutt?
Es ist kein Geheimnis, dass es letztes Jahr nicht mehr so gut funktioniert hat. Mit Sascha und Sami lief der Neuanfang reibungslos. Die Beiden haben klar formuliert, was sie von uns erwarten und wie sie spielen wollen. Ein Vorteil ist, dass ich mit Sami noch zwei Jahre zusammen gespielt habe und wir genau wissen, wie der Andere tickt. Am Ende hat uns die Qualifikation für die Europa League den entscheidenden Aufschwung gegeben, den wir mit  in die neue Saison genommen haben.

Wie muss man sich die Rollenverteilung des Trainer-Duos vorstellen?
Sascha hält die Mannschaftsbesprechungen und macht die Pressekonferenzen, Sami hingegen stellt sich vor dem Spiel der Presse und richtet noch die letzten Worte an die Mannschaft. Wenn man so will, ist er also für die Motivation zuständig. Im Training und auf der Bank haben beide aber den gleichen Einfluss und arbeiten voll auf Augenhöhe.
 
Leverkusen spielt ein anderes System als die meisten Vereine. Was ist der Vorteil, mit einem Sechser und zwei Achtern zu spielen?
Der Unterschied ist gar nicht so groß. Mittlerweile stehen die Außenverteidiger bei allen Systemen sehr hoch. Bei einem Konter sind es bei uns eben die Achter, die aufpassen müssen, bei anderen Vereinen die beiden Sechser. Für uns ist wichtig, dass wir unser Aufbauspiel durchziehen können, was momentan ja ganz gut funktioniert.
 
Die Mannschaft steht sehr kompakt. Gibt es, wie bei Jürgen Klopp, eine Maßnahme, wie viel Meter sie im Idealfall höchstens vom eigenen Innenverteidiger entfernt sein dürfen?
Es wäre sicher kontraproduktiv, jedes Mal das Maßband rauszuholen. Aber die Vorgabe, sehr kompakt zu stehen, ist da und wir setzen diese, wie gegen Schalke, auch immer besser um. Aus dieser Kompaktheit heraus können wir dann auch unsere schnellen Spieler nach vorne schicken.
 
Wie viel Spaß machen Donnerstagabend-Spiele gegen Metalist Charkiw, Rosenborg Trondheim und Rapid Wien eigentlich wirklich?
Trotz der Klatsche gegen den FC Barcelona war die Champions League ein absolutes Highlight. Da wollen wir im Idealfall wieder hin. Die Europa League ist aber eine ordentliche Herausforderung. Im neuen Jahr kommen ja noch erstklassige Mannschaften dazu. Ich glaube, es ist genau so schwer, die Europa League zu gewinnen wie die Champions League.
 
In England spielen Fußballer wie Steven Gerrard, Wayne Rooney oder John Terry fast eine gesamte Karriere lang für einen Verein. Sie gelten in Deutschland nach sechs Jahren in Leverkusen als besonders vereinstreu. Man hat auch nicht das Gefühl, als würden Sie sich bald eine neue Herausforderung suchen wollen.
Simon Rolfes und Gonzalo Castro sind ja sogar noch länger im Verein als ich. Wenn ein neuer Trainer kommt, muss man sich natürlich fragen: Sitze ich jetzt hier auf der Bank oder versuche ich mich vielleicht irgendwo anders durchzubeißen? Bei mir war das aber nie der Fall, weil hier in Leverkusen einfach das Gesamtpaket stimmt.
 
Wie sieht dieses Gesamtpaket aus?
Obwohl Bayer ein großer Verein ist, geht es hier relativ ruhig und familiär zu. Wir haben ein tolles Stadion und ich verstehe mich bestens mit den Fans. Ich bin ein Typ, der sich rundum wohl fühlen muss. Deswegen bin ich hier.

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