Stefan Jürgens über Homophobie

»Das war kläglich vom DFB«

Stefan Jürgens spielt im Theaterstück »Seitenwechsel« einen Trainer, der aufgrund seiner Homosexualität ins gesellschaftliche Abseits gedrängt wird. Wir sprachen mit ihm über das Stück und Homophobie im Fußball. Stefan Jürgens über HomophobiePrivat

In Ihrem Theaterstück »Seitenwechsel« spielen Sie einen Trainer, der öffentlich wegen seiner Homosexualität an den Pranger gestellt wird. Für dieses Thema konnten Sie sich nur schwer an bekannten Beispielen orientieren. Wie geht man diese Rolle an?

Ich habe mir ganz genau angesehen, wie sich Trainer der ersten und zweiten Bundesliga auf dem Platz und bei Pressekonferenzen geben, habe mir viele Filme und Interviews angeschaut. Zudem kenne ich zwei Trainer aus dem Ruhrgebiet, mit denen ich gesprochen habe. Doch in erster Linie ist es ein sehr emotionales Stück und man muss sich mit der extremen Situation dieses Menschen auseinandersetzen.

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Sie meinen die öffentliche Hetzjagd auf einen Homosexuellen?

Dass der Trainer homosexuell ist, ist natürlich nicht unerheblich, aber es ist eigentlich zweitrangig. Es ist ein Stück über Toleranz. Er könnte auch ein Farbiger sein oder jemand anderes, der in der Gesellschaft diskriminiert wird. Es geht um die Leidenschaft eines Menschen, der dann durch seine Sexualität vor dem Totalverlust seiner Existenz steht.

Der Trainer ist dennoch in dieser Konstellation eine besondere Figur. Man sagt immer, er sei das schwächste Glied in der Kette. Sowohl Erfolg als auch Misserfolg werden auf seine Person projiziert. Bietet sich die Figur des Trainers deswegen besonders an, wenn man zeigen möchte, wie die Öffentlichkeit jemanden ins gesellschaftliche Abseits befördern kann?

Da gibt es einen enormen Existenzdruck. Für diese Figur gilt: Sie muss permanentem Druck standhalten, hat enorme Existenznot verbunden mit Leidenschaft – das ist das Entscheidende. Zudem muss ein Trainer Menschen motivieren. Menschen, die vielleicht gar nicht seine Sprache sprechen und einer ganz anderen Generation entstammen. Er muss sich mit dem Gegenüber auseinander setzen, einen Mannschaftsgeist formen.

Sie sprechen den Mannschaftsgeist an. Sie stehen in ihrem Stück komplett alleine auf der Bühne. Wie schaffen Sie es da, eine ganze Mannschaft präsent zu halten?

Es gibt eine Szene, in der ich die ganze Mannschaft vorstelle, ohne dass man die Einzelpersonen sieht. Es geht darum, jeden einzelnen Spieler zu charakterisieren. Die Kabine ist der ideale Ort dafür. Denn da lässt sich am besten etwas erzählen, Mannschaftsnähe und -enge wird vermittelt. Enge im psychologischen und räumlichen Sinne. Die Kabine ist ein Synonym für viele Dinge im Sport und im Stück. In den Kabinentrakten gibt es Duschen und an diesem Punkt sind wir bei der aktuellen Debatte. Wir reden hier von Vorwürfen, die in Assoziationsketten münden und dann zur Vorverurteilung führen. 

Sie sprechen den »Fall Amerell« an. Inwieweit gibt es Parallelen zwischen der öffentlichen Aufnahme dieses Themas und dem Theaterstück?

Ich habe natürlich auf dieses Thema besonders geachtet. Man schlägt die Zeitung auf und denkt, dass man sich darüber eigentlich kein Urteil erlauben kann. Aber alle anderen scheinen es bereits getan zu haben.  Eines kann man mit Sicherheit sagen: Der DFB hat wieder einmal eine klägliche Arbeit geleistet. Die Art und Weise, wie das Ganze breitgetreten worden ist, ist der eigentliche Skandal.Fest steht, dass es beim DFB ein wirkliches Kommunikationsproblem gibt. Niemand weiß, welche Vorwürfe konkret behandelt werden. Im DFB ist das Thema wohl so gehandhabt worden, dass es der dritte Milcheimer von links ausschütten durfte. Und das war nicht das erste Mal, dass der DFB so agiert hat.

Wer ist ihrer Meinung nach Schuld an diesem Kommunikationschaos?

Da ist Herr Zwanziger auch mal gefordert, seine Lippenbekenntnisse in die Tat umzusetzen und Strukturen innerhalb des Verbandes zu ändern. Übrigens auch bei einer anderen Sache: Die Frage ist, ob Theo Zwanziger heute noch ein Interview von Christoph Daum kommentarlos stehen lassen würde, in dem dieser auf  peinlichste Weise Homosexuelle grundsätzlich in die Nähe von Kinderschändern rückt. Damals hätte Zwanziger an extremster Stelle der Öffentlichkeit verdeutlichen müssen, dass der DFB sich von solchen Aussagen distanziert.

In einer DSF-Reportage hatte Daum folgende Aussage getätigt: »Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten«. (d. Red.)


Was müsste denn aus Ihrer Sicht im deutschen Fußball passieren, um sich gegen Homophobie stark zu machen?

Es gibt meines Wissens keinen Verein außer dem FC St. Pauli, der in seiner Satzung gegen Homophobie vorgeht. Da fängt es doch schon an. Da ist der DFB als zentrale Führungsstelle gefragt. Vorurteile werden in erster Linie durch Bildung ausgemerzt. Manchmal muss man Bildung auch kloppen, das sage ich ganz drastisch. Bei der breiten Masse fängt es an und man darf die Überwindung von Vorurteilen natürlich nicht nur auf Gesetze schieben. Aber jemand, der im Stadion »schwule Sau« schreit, der gehört rausgeschmissen. Punkt. Aus.

Ist diese Regelung umsetzbar?

Die Öffentlichkeitsarbeit des DFB muss einfach noch massiver werden bei diesem Thema. Auch muss die Trainerschulung im Sinne der Toleranz erweitert werden . Da könnte man in den Jugendvereinen doch schon viel Positives pflanzen. Daum wäre trotz derartiger Ansichten beinahe Bundestrainer geworden. Unvorsstellbar. Natürlich ist zur Verteidigung des DFB zu sagen, dass unter Zwanziger die Unterstützung für Homosexuelle gesteigert wurde. Aber da muss noch viel mehr kommen.

Glauben Sie denn, dass sich jemals ein Fußballer outen würde?

Warum sollte er das tun müssen? Von einem heterosexuellen Spieler wird auch nicht verlangt, dass er über seine Sexualleben Auskunft gibt. Es sollte von allen Seiten signalisiert werden, dass es eine grundlegende Akzeptanz von Homosexualität im Fußball gibt. Da ist die Öffentlichkeit gefordert. Es muss in den Vereinen mehr passieren. Ich erwarte von großen Bannerträgern wie Hoeneß oder Beckenbauer klare Stellungnahmen.

Marcus Urban, der erste Fußballer in Deutschland, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat, sprach von einem »Gefängnis«. Er musste immer wieder eine Rolle einnehmen, damit niemand ihm etwas unterstellen konnte. Sie selbst sind Schauspieler, kann man das nachfühlen, permanent nur eine Rolle verkörpern zu müssen?

Nein, das kann man nicht. Der Situation eines Menschen, der 15 Jahre lang sein Innerstes nicht nach außen kehren durfte, wird man sich auch nicht als Schauspieler komplett nähern können. Ich kann mir nicht anmaßen, diese Tortur nachvollziehen zu können.  Man nimmt sich selbst nie so, wie man eigentlich ist. Man spielt also nicht  nur anderen etwas vor, sondern vor allem sich selbst. Wenn ich Ihnen als Schauspieler etwas vorspiele, dann bleibe ich für mich immer noch bei mir selbst. Aber schwule Fußballer können nicht bei sich selbst bleiben, weil sie dann fürchten müssen, erkannt zu werden. Das muss zu einer ungeheuren psychischen Belastung führen, der sich ein Schauspieler so nicht aussetzt.

Inwieweit ist der Fußball in diesem Sinne Spiegelbild der Gesellschaft?

Beim Fußball kommt es natürlich raus, was in der gesamten Gesellschaft vor sich geht. Das fängt mit Begriffen wie »schwul« oder »Schwuchtel« an. Mittlerweile ist es im Fußball gang und gäbe, dass beispielsweise gesagt wird: »Was war das denn für ein schwuler Pass?« Diese Abwertung in den Begrifflichkeiten muss man auch im gesellschaftlichen Leben überprüfen. Jeder für sich.

Deutschland hat einen schwulen Außenminister und Berlin einen schwulen Bürgermeister. Hat der Fußball zu archaische Strukturen oder was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür, dass die Homophobie hier besonders stark ausgeprägt ist?

Es hat natürlich etwas mit modernen Gladiatorenkämpfen zu tun. Das Feld für die Toleranz von Homosexuellen im Fußball ist noch nicht bereitet, in der Kultur und Politik ist das etwas anderes.

Bei einer Vorführung in Hamburg kam übrigens ein Trainer aus dem lokalen Bereich zu mir und erzählte, dass ihm vor zehn Jahren genau das passiert war, was ich zuvor auf der Bühne erzählt hatte. Er flog aus seinem Verein und Leute, die ihn kannten, wechselten plötzlich die Straßenseite. Die Geschichte hat also auch echten Bezug zu dem, was im Fußball teilweise vor sich geht. 

Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir mit Stefan Jürgens über seinen ersten Kinofilm »Nordkurve« und über die Parallelen zwischen Schauspiel und Fußball. Den zweiten Teil findet Ihr am Donnerstag auf 11freunde.de.

Alles zum Theaterstück »Seitenwechel«: www.stefanjuergens.com

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