Stefan Jürgens in der Hooliganszene

»Das war ein heftiger Ritt«

Stefan Jürgens steht für das Fußball-Theaterstück »Seitenwechsel« auf der Bühne und war im Streifen »Nordkurve« zu sehen. Im Interview erzählt er vom K.O.-System im Theater und wie er mit Dortmunder Hooligans losgezogen ist. Stefan Jürgens in der HooliganszeneOliver Fantitsch

Herr Jürgens, Sie sind in Unna geboren, im Herzen des Ruhrgebiets, einer fußballverrückten Region. Für welchen Verein schlägt ihr Herz?

Ich bin schon eine Lokalhure. Seitdem ich hier in Berlin lebe, habe ich Sympathien für die Hertha. Mit 15 habe ich natürlich noch immer am Radio gehangen und bin ins Stadion zum BVB gegangen. Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Viele meiner Schauspielkollegen aus dem Ruhrgebiet sind da intensiver dabei. Nach einer Niederlage ist für manchen bis heute das gesamte Wochenende versaut. Ich bin schon in der Lage, danach einmal zu schmunzeln.

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Haben Sie während Ihrer Jugend denn auch Fußball gespielt?

Wir haben eher gepölt. Aber nur auf der Straße, im Verein war ich nie. Ich war eigentlich schon immer eine sportfaule Sau…

Aufgewachsen im Ruhrgebiet, Straßenfußball, das klingt nach einer Fußballjugend aus dem Bilderbuch...

Ich war aber nicht nur BVB-Fan. Ich weiß noch, dass ich Bettwäsche von Bayern München hatte. Das hatte fast schon schizophrene Züge. Das durfte ich in der Schule auch keinem erzählen. Bayern war genauso tabu wie Schalke. Diese ganze Kontroverse zwischen Schalke und Dortmund habe ich allerdings nie so richtig kapiert. Wahrscheinlich weil ich nicht in Dortmund, sondern in Unna aufgewachsen bin. Dietmar Bär sagt ja immer, Unna sei »der Parkplatz von Dortmund«.

Aber Sie gehen schon noch öfters ins Stadion. Was sind Sie für ein Typ Fan im Stadion?

Wenn ich im Stadion bin, dann bin ich laut. Ich würde sagen, ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter. 

Ihr erster Kinofilm »Nordkurve« spielt im Epizentrum der Fankultur, dem Dortmunder Westfalenstadion.

Das Komische ist, dass »Nordkurve« in Dortmund spielt, obwohl die Fankurve da eigentlich die Südtribüne ist. Auf Schalke steht man in der »Nordkurve«. Das heißt, den Film haben Adolf Winkelmann und Michael Klaus eigentlich für Schalke geschrieben. 

Sie spielen in diesem Film Hupsi, einen wenig zimperlichen Borussen. Wie haben Sie sich eigentlich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich bin damals zur Vorbereitung auf den Film mit Dortmunder Hools umhergezogen. Das war schon heftig. Jemand vom Fanprojekt hat mich dahin vermittelt. Der Platzhirsch der ganzen Truppe kam aus Ahlen und wusste als Einziger, dass ich Schauspieler war. Die anderen dachten, ich wäre ein Neuzugang. Dieser Typ hat mich dann auch immer beiseite genommen, wenn es richtig zur Sache ging. Denn soweit geht die Rollenvorbereitung dann auch nicht, dass ich mich in eine Schlägerei einmische. Ich konnte aber sehr viel erfahren über die Truppe, habe vier Wochen lang regelmässig  mit den Typen in einer Ahlener Kneipe zugebracht.

Gab es da denn bestimmte Initiationsrituale?

Es war schon alles ein bisschen »undercover« und es herrschten strikte Hierarchien. Es gab da auch immer eine latente Ausländerfeindlichkeit, gegen die man nicht ankam. Meine Aufgabe war aber auch nicht, diese Leute zu missionieren. Dafür hätte ich ein paar Wochen mehr gebraucht. Ich wollte lediglich die Figuren aufsaugen. Das war ein ganz schöner heftiger Ritt.

Ein anspruchsvoller Einstieg als Kinodebüt.

Es ist auch ein super Film. Vor allem weil er die Geschichten rund um den Fußball erzählt. Im Kino war der Film nicht sonderlich erfolgreich,  hat aber immerhin den deutschen Filmpreis bekommen. Und man kriegt schon mit, dass er immer noch geschätzt wird.

Haben Sie die Leute von damals noch einmal wieder getroffen?

Den Regisseur, Kameraleute und andere Schauspieler trifft man schon manchmal. Aber die Hools von damals habe ich nicht mehr getroffen. Die meisten sind jetzt auch bestimmt Staatsminister oder sitzen irgendwo im Verwaltungsrat…  



Die Rolle des Fußballers weist viele Parallelen zu ihrer Profession auf. Fußballer und Schauspieler stehen unter großem Druck und spielen für die Massen.

Ich kenne das Gefühl. Sich zu präsentieren löst auch Angstreflexe aus. Da werden Hormone ausgestoßen wie Adrenalin. Das bringt den enormen Push. Wenn dieser Punkt der Angst zu groß wird, wirkt es destruktiv.  Sport und Schauspiel sind schon zu vergleichen.

In Ihrem Stück gehen Sie alleine auf die Bühne. Ist das ein noch gesteigerter Reiz?

Zwei Stunden lang alleine auf der Bühne zu stehen ist enorm anstrengend. Es ist nicht zu vergleichen mit der Situation, wenn man mit anderen zusammen spielt. Da lassen sich unkonzentrierte Momente durch die Spielpartner schon eher ausbügeln. Ich stehe allerdings schon seit vielen Jahren allein auf der Bühne. Man wird aufmerksamer, wie jeder einzelne Zuschauer reagiert. Man geht von der erste Minute mit offenen Augen auf das Publikum zu.

Also verhält es sich auch hier wie beim Fußball. Ein Team trägt den Einzelnen und man ist aufs Publikum angewiesen. Werden Sie auf der Bühne auch vom Publikum getragen?

Natürlich. Deshalb heißt es im Theater auch, dass man die »vierte Wand« öffnet in der Interaktion mit dem Publikum. Wenn es gut läuft, trägt das Publikum einen auf Flügeln durch den Raum. Das ist ein bioenergetischer Vorgang, man saugt die Kraft des Publikums auf. Nach zwei Stunden ist man dann nicht mehr in der Lage, seinen eigenen Namen zu buchstabieren, aber man spürt den Kick danach. Wenn es nicht läuft, ist es dementsprechend nicht so angenehm… 

Das Stück dreht sich um den Fußball. Wie schafft man es ganz allein, die Emotionen einer ganzen Mannschaft und eines Stadions auf die Bühne zu transportieren?

Man muss das glauben, was man erzählt. Man muss die Geschichte so beschreiben, als wäre sie wirklich passiert. In sich selbst nach Emotionen zu suchen, die man kennt, um eine Stimmung zu vermitteln. Ich muss Bilder verkaufen, keine Sprache. Zudem muss man den Leuten die Möglichkeit geben, das Geschehen nachzuempfinden, das heißt Pausen und Platz beim Erzählen zulassen. Wenn es dann noch gelingt, einen Charakter darzustellen, dann packt man den Zuschauer. Dann ist die klassischste Hürde des Erzählens genommen.

Wie haben Sie sich die einzelnen Spieler, von denen der Trainer auf der Bühne erzählt, denn im Kopf vorgestellt?

Man hat schon bestimmte Bilder im Kopf und ertappt sich dabei, wie man zu jedem eine Geschichte und Namen erdichtet. (lacht) Die sitzen übrigens jetzt auch alle hier.

Wünscht man sich nach einem misslungenem Abend auf der Bühne eigentlich manchmal ein Rückspiel?

Man möchte immer als Sieger vom Platz geben. Aber im Theater hat man ja leider ein K.O.-System. Wenn es 0:0 steht, haben alle verloren. Wenn die Leute unentschieden aus dem Theater geben, haben die Schauspieler etwas falsch gemacht. 

Stefan Jürgens steht derzeit in Hamburg für das Theaterstück »Seitenwechsel« auf der Bühne. Alle Infos hier.

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