Stefan Beinlich über Hansa Rostocks Aufstieg

»Wir waren eine Wundertüte«

Hansa Rostock hat den direkten Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga geschafft – und das zum 20. Jubiläum der letzten Ost-Meisterschaft (siehe 11FREUNDE-Heft #114). Manager Stefan Beinlich über Kaderplanung, Klischees und Krawall. Stefan Beinlich über Hansa Rostocks Aufstieg

Stefan Beinlich, als Hansa Rostock im letzten Jahr aus der 2. Bundesliga abstieg, war vom Niedergang einer ganzen Region die Rede. Befindet sich Mecklenburg-Vorpommern aktuell im absoluten Höhenflug?

Wir befinden uns auf einem guten Weg. Schon in der Hinrunde hat man gemerkt, dass hier eine gewisse Euphorie entsteht. Die Menschen haben honoriert, wie sich die Mannschaft entwickelt, und sind auch gerne wieder ins Stadion geströmt.

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Schlüsseln Sie diese Phrase vom »Niedergang einer Region« doch bitte mal auf. Geht es um eine finanzielle Schwächung des Standortes oder eher um ideelle Werte, darum, was in den Köpfen der Menschen passiert? Was bedeutet Hansa den Rostockern?


Stefan Beinlich: Ich glaube, dass es in Deutschland natürlich gang und gäbe ist, schwarz und weiß zu malen. Jetzt, nach dem Aufstieg, sind wir die Größten, sollte es mal weniger gut laufen, können wir auch schnell die Deppen sein. Natürlich war der Abstieg im letzten Jahr extrem hart für alle, auch für die Region, weil der FC Hansa hier vielen den Lebensinhalt bedeutet. Für Hansa-Fans ist das nicht nur ein Fußballverein, zu dem man gelegentlich hingeht. Die Menschen lechzen nach dem Klub und wollen, dass es ihm gut geht. Insofern war der Abstieg ein riesiger Genickschlag. Man ist umgefallen, kam auf die Intensivstation, im letzten Sommer gab es dann die Not-OP.

Das hieß konkret?

Stefan Beinlich: Betriebsbedingte Entlassungen, viele Einschnitte, wenig finanzieller Spielraum. Alle Mitarbeiter haben auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet, um dem Verein zu helfen. Viele fragten sich auch, wie die 3. Liga denn funktioniert. Wir waren eine große Wundertüte.  

Haben Sie in der Winterpause das Saisonziel korrigiert?

Stefan Beinlich: Intern war natürlich klar, dass angesichts so vieler Punkte der Aufstieg das Ziel sein muss. Wer weiß, ob wir jemals wieder so viele Zähler sammeln. Nach außen hin war für uns wichtig, die Ruhe zu behalten, auch weil wir nicht wussten: Wie kommen wir aus der Winterpause raus? Können wir die Form halten?

Sie wurden am 30. Mai 2010 als neuer Manager vorgestellt und haben in der denkbar schwierigsten Lage angefangen. Kann so ein Abstieg trotzdem auch Chance sein, weil niemand Hansa den direkten Wiederaufstieg zugetraut hat? Sie konnten nur überraschen.


Stefan Beinlich: Komfortabel sieht trotzdem anders aus. Vorgabe war, innerhalb von zwei Jahren den Wiederaufstieg zu schaffen. Wir hatten 14 Tage Zeit bis zum ersten Training, um den Kader zusammenzustellen. Es gab viele verschiedene Puzzleteile, die glücklicherweise einfach sehr gut zusammengepasst haben. Wir wollten alle gemeinsam neu anfangen. Unter diesem Motto stand die Saison für den gesamten Verein.

14 Tage Kaderplanung, das klingt nach Schwerstarbeit für einen Jungmanager. Von den vormals 27 Spielern aus Liga 2 waren nur noch sechs vertraglich gebunden. Saßen Sie nur im Auto, Flugzeug und am Telefon?

Stefan Beinlich: Für teure Flüge war kein finanzieller Spielraum vorhanden. Autofahrten zu Spiel- und Spielerbeobachtungen hätten wenig Sinn gehabt, weil die Saison vorbei war. In dieser Situation erwies es sich als großer Vorteil, neben einem Neuling wie mir einen erfahrenen Trainer zu wissen. Peter Vollmann kannte die 3. Liga. Zusammen mit Präsident Bernd Hofmann haben wir unsere Netzwerke in Bewegung gesetzt und versucht, den Kader vom Kopf aufs Papier und dann auf den Platz zu bringen. Wenn wir einen Spieler wollten, haben wir diesen kontaktiert, eingeladen und auf Sonne gehofft, weil wir ihm Rostock mit Strand und Meer näher bringen wollten. Außerdem mussten wir zudem erreichen, dass er für die Perspektiven, die Hansa Rostock bietet, auf ein paar Euro verzichtet (lacht).

Kann man in so kurzer Zeitspanne effektiv auf die Homogenität des Kaders achten oder geht es vielmehr darum, Abwehr, Mittelfeld und Sturm einfach aufzufüllen?

Stefan Beinlich: Das entscheidende Kriterium war für uns der Charakter. Mit Auswertung der letzten Saison stellten wir fest: Da hatten wir gute Einzelspieler, gute Fußballer mit ausreichend Qualität für die 2. Liga, nur hatten wir eben keine Mannschaft. Deswegen wollten wir diesmal eine echte Truppe zusammenstellen. Kann der Spieler eine Mannschaft führen? Passt der zu Hansa? Das war wichtig. Noch wichtiger war, dass nur ablösefreie Spieler in Betracht kamen (lacht).

2010 wurden die A-Junioren von Hansa Rostock deutscher Meister. Sie hatten also einen zusätzlichen Spielerfundus, aus dem Sie sich bedienen konnten. Hat Hansa Rostock die Not zur Tugend gemacht und auf die Jugend gesetzt?

Stefan Beinlich: Der sehr viel größere Vorteil war, dass diese Meisterschaft den Ruf Hansa Rostocks in ein positiveres Licht gerückt hat. Es ist ja total ungewöhnlich, dass so ein Erfolg der Jugend mit dem Abstieg der Profis zusammenfällt. Das hat gezeigt: Es ist nicht alles schlecht in diesem Verein. Es wird auch gute Arbeit geleistet. Kevin Pannewitz von den Junioren spielte schon bei uns, dazu haben wir jetzt Lucas Albrecht, Kevin Müller und Tom Trybull hochgezogen.


Seit der Reform ist die 3. Liga auch Profifußball, zumindest theoretisch. Wie weit klafft in der Praxis die Lücke zur 2. Bundesliga? Musste Hansa Rostock aufsteigen, um nicht unterzugehen?

Stefan Beinlich: Die finanzielle Lücke ist gewaltig. Man hat seine 750.000 Euro TV-Geld und mehr nicht. Willst Du die schon vorhandene Qualität behalten oder sogar ausbauen, dann musst Du aufsteigen. Wir wollten keine Einschnitte in der Jugendarbeit machen. Es wäre allerdings sehr schwer geworden, den Standard langfristig zu halten.

Vor einigen Jahren ging es noch gegen die Profimannschaft des VfB Stuttgart. Am 3. Spieltag dieser Saison verlor Hansa Rostock gegen die Reserve der Schwaben mit 0:3.  Da haben viele geunkt, das würden lange, dunkle Jahre in der 3. Liga. Sie auch?

Stefan Beinlich: Mir war klar, dass wir nicht jedes Spiel gewinnen werden. Wir wollten nach Möglichkeit in der Spitzengruppe mitmischen. Wir wussten aber einfach nicht, wie die Mannschaft in so kurzer Zeit zusammenfindet und auf gewisse Konstellationen reagiert. Das Team hat fast immer gezeigt, dass es nach Rückschlagen auch wieder aufzustehen versteht – bis vor kurzem stellte sich die Bilanz ja so dar, dass auf jede Niederlage eine kleine Siegesserie folgte.

Auch eine Trotzreaktion der Mannschaft, weil es nach Niederlagen in der Presse hieß: Hansa, das wird nichts?

Stefan Beinlich: Darauf darf man nicht hören. Außerdem hat sich die Mannschaft auch in den Niederlagen sehr gut präsentiert. Wir waren dann oft nur sehr knapp und unglücklich unterlegen. Die Siege nach vorangegangenen Niederlagen sprechen für den Charakter der Mannschaft. Es war einfach eine komplett außergewöhnliche Saison, von der wir nicht wissen, ob sie in dieser Form nochmal zu wiederholen ist.

Am 34. Spieltag versäumte es Hansa Rostock, im eigenen Stadion vor vollem Haus hochzugehen. 0:1 gegen Sandhausen. Stattdessen gab es den Aufstieg im Bus auf der Fahrt nach München zu Bayerns zweiter Mannschaft, wo Sie von der Niederlage des Konkurrenten aus Wehen Wiesbaden gegen Erfurt erfuhren. Beschreiben Sie doch mal den spontanen Jubel?

Stefan Beinlich: Ich war privat verhindert und deshalb nicht im Bus. Trotzdem weiß ich, dass die Jungs eine Pause eingelegt und sich bei Kaffee und Kuchen gratuliert haben. Aufstieg auf dem Parkplatz. Ich habe daheim meine Frau und Kinder umarmt. Ich bin aber sowieso ab einem gewissen Alter dazu übergegangen, Abstand zu nehmen und die anderen jubeln zu lassen. So richtig zu feiern fangen wir erst ab heute an – natürlich nach dem Spiel, um uns keine Wettbewerbsverzerrung nachsagen lassen zu müssen.

Sie haben zwischen 1994 und 1997 sowie 2006 und 2008 als Aktiver zwei Bundesliga-Aufstiege mit Hansa Rostock erlebt. Jetzt einen in die 2. Liga als Manager. Welcher war am emotionalsten?


Stefan Beinlich: Kann man nicht vergleichen. Dafür unterscheidet sich der Managerjob zu sehr von dem des Spielers. Die Spieler können ihre Emotionen auf dem Platz ausleben, ich bin, am Rand sitzend, zum Daumendrücken verschlichtet, zum Schwitzen und Zittern. Außerdem habe ich jetzt eine viel größere Verantwortung als damals. Die Parallele dieser Aufstiege ist, dass alle drei ungeplant passierten.

Sie sind gebürtiger Berliner, haben auch mal für die Hertha gespielt. Trotzdem kehrten Sie immer wieder nach Rostock zurück. Was bedeutet Ihnen der Verein?

Stefan Beinlich: Die Zeit von 1994 bis 1997 hat mich unglaublich geprägt. Ich war bei Aston Villa mehr oder minder gescheitert, auch wenn ich aus der Zeit in England viel mitgenommen habe. In einem fremden Land, ohne die Sprache zu sprechen. Da kann ich gut nachvollziehen, wie sich jemand fühlt, der hier nach Deutschland kommt. In Rostock habe ich unter Trainer Frank Pagelsdorf die Chance auf 2. Liga bekommen. Die familiäre Atmosphäre, die Region, in der man unwahrscheinlich schön leben kann, und die Infrastruktur, die sich der Verein mittlerweile aufgebaut hat, haben mich dann auch 2006 dazu bewogen zu sagen: Ich will unbedingt wieder bei Hansa Rostock spielen. Das war und ist mir eine Herzensangelegenheit.

Stefan Beinlich als Manager: Choleriker, Kumpeltyp oder akribischer Arbeiter?

Stefan Beinlich: Definitiv kein Choleriker (lacht)! Ich meide auch die Tribüne, da sitzen schon zu viele »Trainer«. Ich sitze auf der Bank, bin gerne nah an der Mannschaft und bei allen Besprechungen dabei. Kumpeltyp bin ich bis zu gewissem Grad. Obwohl wir uns duzen, kann die Mannschaft sehr gut einschätzen, wo die Grenzen sind. Vielleicht bin ich auch noch zu sehr Spieler, so lange ist das ja nicht her. Als ruhigen Arbeiter würde ich mich auch bezeichnen lassen, ja.

Sie sagten, Sie hätten bei der Transferpolitik sehr auf Charakter geachtet. Glauben Sie noch daran, dass man Spielern – in Zeiten, da es heißt, der Arbeitgeber sei nur Durchreiche oder Sprungbrett – Tradition und Identifikation eines Vereins nahebringen kann?

Stefan Beinlich: Das ist eine tolle Wunschvorstellung, die wir natürlich anstreben und uns freuen, wenn das klappt. Wichtiger aber ist, dass die Spieler in der Zeit, wo sie hier Vertrag haben, alles geben und ihr Leistungspotential abrufen. Wir haben jetzt das Glück, auch einige Spieler aus Mecklenburger-Vorpommern in der Mannschaft zu haben. Die Fans freuen sich über Jungs aus der Region – bei Schalke ist das Manuel Neuer, bei uns ein Tobias Jänicke, ein Stephan Gusche, ein Lucas Albrecht. Als Verein machst du das gerne, aber die sportliche Perspektive muss stimmen. Wir haben nichts davon, mit zwanzig Jungs aus der Gegend aufzulaufen, dann aber in der 7. Liga.

Noch immer wird Hansa Rostock gelegentlich als »Leuchtturm« oder »Flagschiff« des Ostens bezeichnet. Nervt Sie diese nicht aufhörende Unterteilung in Ost und West – und ist sie überhaupt noch passend, wo auch Energie Cottbus und Erzgebirge Aue in der 2. Liga vertreten sind?

Stefan Beinlich: Für mich gibt es schon lange nicht mehr diese Trennung zwischen Ost und West. Fragen Sie doch mal die jungen Fußballfans, die Kinder, danach. Die wissen damit gar nichts anzufangen. Man unterscheidet ja auch nicht so drastisch zwischen Nord und Süd. Das wird gerne von den Medien bedient und gepusht, sollte aber aus meiner Sicht nicht mehr relevant sein. Es geht schließlich um Fußball.

Mit dem Aufstieg jährt sich auch die letzte DDR-Meisterschaft von Hansa Rostock aus 1991, die damals zugleich Qualifikation für die Bundesliga bedeutete. Waren Sie sich dieses Jubiläums während der jetzigen Spielzeit immer bewusst?

Stefan Beinlich: Natürlich, auch dadurch bedingt, dass auf unserer Geschäftsstelle einige Helden von damals beschäftigt sind. Juri Schlünz, Pressesprecher Axel Schulz, Axel Rietentiet, Jens Dowe, Mike Werner oder Thomas Finck, unser Chefscout. Die Parallele passt wie die Faust aufs Auge. Das hätte man nicht schöner schreiben können. Und die Veranstaltung, die das am 4. Mai feiert, wird bestimmt schön: ein Rostocker Meisterteam mit Spielern aus dem aktuellen Kader spielt bei der »Rückkehr der Helden« gegen eine All-Star-Mannschaft.

Hansa Rostock hat einen starken Zuschauerschnitt von 13.000 in der 3. Liga. Bestimmte Anhänger schafften es zuletzt wieder, aus dieser stattlichen Menge herauszustechen. Wie sehr ärgern Sie die Fankrawalle zum Beispiel aus Dresden, die den sportlichen Erfolg überdecken?

Stefan Beinlich: Diese Situation ist absolut enttäuschend. Wir spielen eine außergewöhnliche Saison, die durch diese Ereignisse, die nicht hinnehmbar sind, überschattet wird. Der Verein spricht sich ganz klar gegen solche Dinge aus und bezieht Stellung. Wir ergreifen eine Vielzahl von Maßnahmen, um diese Probleme in den Griff zu kriegen. Pyrotechnik ist in Deutschland nun mal verboten und hat deshalb im Stadion nichts verloren. Trotzdem glaube ich, dass diese Begleiterscheinungen allzu oft als Hansa-Problem dargestellt werden. Schaut man Woche für Woche in andere Stadien deutschland- und europaweit, muss man von einem gesellschaftlichen Problem sprechen.  

Trotzdem fällt es Hansa Rostock ob solcher Schlagzeilen natürlich besonders schwer, sich vom negativen Ruf, der auch in den Neunziger Jahren entstanden ist, zu lösen.


Stefan Beinlich: Einige Unverbesserliche bedienen dieses Klischee leider. Aber unser Vorstandsvorsitzender sucht seit seinem Amtsantritt den permanenten Dialog mit den Fans. Es ist eine Politik der kleinen Schritte, doch Bernd Hofmann macht da einen tollen Job! Es gibt auch einige erfreuliche Beispiele, die zeigen, dass derzeit eine Selbstregulierung unter den Fans stattfindet. Wenn sich unsere Anhänger nicht politisch vereinnahmen und missbrauchen lassen oder Böllerwerfer aussortiert werden, dann stimmt mich das für die Zukunft sehr optimistisch. Diese Aktionen wirken dem gängigen Vorurteil entgegen.

Wie ist Hansa Rostock für die 2. Bundesliga aufgestellt?

Stefan Beinlich: Es geht erstmal nur ums Überleben. Wir wollen die Klasse halten, nach Möglichkeit nicht erst am letzten Spieltag. Das wäre nervlich doch sehr angenehm. Wir basteln im Moment an der Mannschaft, werden einen Großteil des aktuellen Kaders behalten und uns nur punktuell verstärken.

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