30.04.2011

Stefan Beinlich über Hansa Rostocks Aufstieg

»Wir waren eine Wundertüte«

Hansa Rostock hat den direkten Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga geschafft – und das zum 20. Jubiläum der letzten Ost-Meisterschaft (siehe 11FREUNDE-Heft #114). Manager Stefan Beinlich über Kaderplanung, Klischees und Krawall.

Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago
Stefan Beinlich, als Hansa Rostock im letzten Jahr aus der 2. Bundesliga abstieg, war vom Niedergang einer ganzen Region die Rede. Befindet sich Mecklenburg-Vorpommern aktuell im absoluten Höhenflug?

Wir befinden uns auf einem guten Weg. Schon in der Hinrunde hat man gemerkt, dass hier eine gewisse Euphorie entsteht. Die Menschen haben honoriert, wie sich die Mannschaft entwickelt, und sind auch gerne wieder ins Stadion geströmt.

 

Schlüsseln Sie diese Phrase vom »Niedergang einer Region« doch bitte mal auf. Geht es um eine finanzielle Schwächung des Standortes oder eher um ideelle Werte, darum, was in den Köpfen der Menschen passiert? Was bedeutet Hansa den Rostockern?


Stefan Beinlich: Ich glaube, dass es in Deutschland natürlich gang und gäbe ist, schwarz und weiß zu malen. Jetzt, nach dem Aufstieg, sind wir die Größten, sollte es mal weniger gut laufen, können wir auch schnell die Deppen sein. Natürlich war der Abstieg im letzten Jahr extrem hart für alle, auch für die Region, weil der FC Hansa hier vielen den Lebensinhalt bedeutet. Für Hansa-Fans ist das nicht nur ein Fußballverein, zu dem man gelegentlich hingeht. Die Menschen lechzen nach dem Klub und wollen, dass es ihm gut geht. Insofern war der Abstieg ein riesiger Genickschlag. Man ist umgefallen, kam auf die Intensivstation, im letzten Sommer gab es dann die Not-OP.

Das hieß konkret?

Stefan Beinlich: Betriebsbedingte Entlassungen, viele Einschnitte, wenig finanzieller Spielraum. Alle Mitarbeiter haben auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet, um dem Verein zu helfen. Viele fragten sich auch, wie die 3. Liga denn funktioniert. Wir waren eine große Wundertüte.  

Haben Sie in der Winterpause das Saisonziel korrigiert?

Stefan Beinlich: Intern war natürlich klar, dass angesichts so vieler Punkte der Aufstieg das Ziel sein muss. Wer weiß, ob wir jemals wieder so viele Zähler sammeln. Nach außen hin war für uns wichtig, die Ruhe zu behalten, auch weil wir nicht wussten: Wie kommen wir aus der Winterpause raus? Können wir die Form halten?

Sie wurden am 30. Mai 2010 als neuer Manager vorgestellt und haben in der denkbar schwierigsten Lage angefangen. Kann so ein Abstieg trotzdem auch Chance sein, weil niemand Hansa den direkten Wiederaufstieg zugetraut hat? Sie konnten nur überraschen.


Stefan Beinlich: Komfortabel sieht trotzdem anders aus. Vorgabe war, innerhalb von zwei Jahren den Wiederaufstieg zu schaffen. Wir hatten 14 Tage Zeit bis zum ersten Training, um den Kader zusammenzustellen. Es gab viele verschiedene Puzzleteile, die glücklicherweise einfach sehr gut zusammengepasst haben. Wir wollten alle gemeinsam neu anfangen. Unter diesem Motto stand die Saison für den gesamten Verein.

14 Tage Kaderplanung, das klingt nach Schwerstarbeit für einen Jungmanager. Von den vormals 27 Spielern aus Liga 2 waren nur noch sechs vertraglich gebunden. Saßen Sie nur im Auto, Flugzeug und am Telefon?

Stefan Beinlich: Für teure Flüge war kein finanzieller Spielraum vorhanden. Autofahrten zu Spiel- und Spielerbeobachtungen hätten wenig Sinn gehabt, weil die Saison vorbei war. In dieser Situation erwies es sich als großer Vorteil, neben einem Neuling wie mir einen erfahrenen Trainer zu wissen. Peter Vollmann kannte die 3. Liga. Zusammen mit Präsident Bernd Hofmann haben wir unsere Netzwerke in Bewegung gesetzt und versucht, den Kader vom Kopf aufs Papier und dann auf den Platz zu bringen. Wenn wir einen Spieler wollten, haben wir diesen kontaktiert, eingeladen und auf Sonne gehofft, weil wir ihm Rostock mit Strand und Meer näher bringen wollten. Außerdem mussten wir zudem erreichen, dass er für die Perspektiven, die Hansa Rostock bietet, auf ein paar Euro verzichtet (lacht).

Kann man in so kurzer Zeitspanne effektiv auf die Homogenität des Kaders achten oder geht es vielmehr darum, Abwehr, Mittelfeld und Sturm einfach aufzufüllen?

Stefan Beinlich: Das entscheidende Kriterium war für uns der Charakter. Mit Auswertung der letzten Saison stellten wir fest: Da hatten wir gute Einzelspieler, gute Fußballer mit ausreichend Qualität für die 2. Liga, nur hatten wir eben keine Mannschaft. Deswegen wollten wir diesmal eine echte Truppe zusammenstellen. Kann der Spieler eine Mannschaft führen? Passt der zu Hansa? Das war wichtig. Noch wichtiger war, dass nur ablösefreie Spieler in Betracht kamen (lacht).

2010 wurden die A-Junioren von Hansa Rostock deutscher Meister. Sie hatten also einen zusätzlichen Spielerfundus, aus dem Sie sich bedienen konnten. Hat Hansa Rostock die Not zur Tugend gemacht und auf die Jugend gesetzt?

Stefan Beinlich: Der sehr viel größere Vorteil war, dass diese Meisterschaft den Ruf Hansa Rostocks in ein positiveres Licht gerückt hat. Es ist ja total ungewöhnlich, dass so ein Erfolg der Jugend mit dem Abstieg der Profis zusammenfällt. Das hat gezeigt: Es ist nicht alles schlecht in diesem Verein. Es wird auch gute Arbeit geleistet. Kevin Pannewitz von den Junioren spielte schon bei uns, dazu haben wir jetzt Lucas Albrecht, Kevin Müller und Tom Trybull hochgezogen.

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