Stefan Beinlich im Interview

„Eine Herzensangelegenheit“

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Herr Beinlich, der Begriff Musterprofi kommt mir als erstes in den Sinn, wenn ich ihren Namen höre.

Wirklich? Ach nein, ich glaube das nicht (lacht).

Sie fallen nie durch Geschichten abseits des Platzes auf, haben immer für jeden ein Lächeln auf den Lippen, überzeugen durch einen hohen Einsatz auf dem Platz und sind ungemein diszipliniert. Wie haben Sie es geschafft, eine so tadellose Karriere hinzulegen?

Ich denke, dass man Spaß an seinem Beruf haben sollte, egal welchen man ausübt. Der Fußball war und ist mein Ein und Alles. Ich bin Fußballprofi und könnte mir nichts Besseres vorstellen. Die Freude, die ich dabei empfinde, versuche ich zu vermitteln. Natürlich hat meine Familie ebenfalls einen sehr hohen Anteil daran. Ohne sie wäre ich nicht soweit gekommen. Meine Frau und die drei Kinder geben mir den nötigen Halt.

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Sie sind ein Berliner Junge. Wie begann ihre Karriere in der damaligen Hauptstadt der DDR?

Bereits im Alter von zwei Jahren bin ich dem runden Leder hinterher gejagt. Um das ganze dann in vernünftige Bahnen zu lenken, meldete mich mein Vater einige Jahre später beim BFC Dynamo an.

Später dichtete man Ihnen Herzrhythmusstörungen an und schob sie vom BFC zu Bergmann Borsig ab.

Es ist richtig, dass ich damals mit dem Fußballspielen aufhören musste. Herzryhtmusstörungen wurden dann vorgeschoben, aber eigentlich war es meine Tante im Westen, die den Genossen Sorgen bereitete. Ein Jahr lang spielte ich keinen Fußball, bis ich mich dann bei Bergmann Borsig in Pankow anmeldete.

Zu dieser Zeit absolvierten Sie eine Lehre zum Elektriker. Wäre das eine ernsthafte Option für sie gewesen. Elektro-Beinlich statt Fußballprofi?

(lacht) Ich weiß nicht, was gekommen wäre. Ich hatte damals meine Ausbildung ordentlich abgeschlossen. Wenige Monate zuvor hatte ich jedoch einen Nichtamateurs-Vertrag unterzeichnet – ja, so hieß das damals in der DDR –, und so war ich mir sicher, erst mal nicht als Elektriker arbeiten zu müssen. Ich war darüber sehr froh, denn mein Interesse galt doch mehr dem Sport.

Warum sind Sie nach dem Fall der Mauer nach England gewechselt?

Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn Anfang der 90er absolvierte ich mit Bergmann Borsig ein Trainingslager in Holland. Ebenfalls vor Ort war ein Scout von Aston Villa. Matthias Breitkreuz und ich fielen ihm auf, und wenig später wurden wir zum Probetraining auf die Insel eingeladen. Dort hinterließen wir beide dann einen so guten Eindruck, dass man uns unter Vertrag nahm. Hilfreich waren sicherlich auch die beiden Buden, die Matthias und ich in einem Testspiel vor Ort erzielten.

Wie hat Sie die Zeit in England geprägt?


Ich war 19 Jahre alt, als ich nach England ging, und stand das erste Mal in meinem Leben auf eigenen Füßen. Meine heutige Frau begleitete mich, und wir führten unseren ersten gemeinsamen Haushalt dort. Menschlich und fußballerisch hat mich die Zeit in Birmingham ungemein weitergebracht.

Obwohl Sie es in drei Jahren auf lediglich 16 Einsätze bei Villa brachten?


Ich habe es zwar nur auf diese geringe Anzahl von Erstligaspielen gebracht, aber in der Reservemannschaft habe ich jede Woche gespielt und das Niveau dort war ebenfalls nicht zu verachten. Man konnte es mit der Zweiten Liga hier in Deutschland vergleichen.

Wo es sie dann auch hinzog. Wenn Sie zurückblicken, erkennen Sie Parallelen zwischen der gegenwärtigen Situation in Rostock und Hansas damaligen Aufstiegssaison 1994/95?

Durchaus. Die Qualität des Kaders ist schon sehr ähnlich. Eine gelungene Mischung zwischen vielen jungen Akteuren und einigen alten Hasen. Die Rollen haben sich jetzt eben geändert. War ich damals der junge Spund, so bin nun einer der erfahrenen Spieler im Team. Doch bei allen Parallelen, die Situation damals war ein wenig anders. Seinerzeit waren wir erst ab dem 24. Spieltag dauerhaft auf einem Aufstiegsplatz.

Damals waren sie mit 15 Toren der treffsicherste Schütze des Vereins. Aktuell haben sie lediglich ein Tor auf dem Konto. Liegt es am Alter oder an ihrem Rückzug in die Defensive?

Die Tore sind im Laufe der Jahre, bedingt durch meine defensivere Ausrichtung, natürlich weniger geworden. Heutzutage spiele ich direkt vor der Abwehr und da ist dann meist kurz hinter der Mittellinie Schluss für mich. Aber ein wenig schade ist es schon. Ich schieße sehr gerne Tore (lacht).



Aktuell hatte Hansa nach einer grandiosen Hinrunde ein wenig zu kämpfen. Worin sehen Sie die Gründe?

Ich glaube, dass die Hinserie in ihrer Perfektion das Problem war. In meiner 16-jährigen Karriere als Profi habe ich so was noch nicht erlebt. Sicherlich war es ein schönes Gefühl, die weiße Weste über die gesamte Hinrunde zu tragen. Aber ein oder zwei Niederlage wären mir lieber gewesen.

Weil die Erwartungen dadurch zu sehr stiegen.

Exakt. Man wird daran gemessen, und logischerweise kann man solch eine Serie nicht ewig durchhalten. Natürlich war es dann sehr ärgerlich, dass wir gleich die ersten beiden Partien der Rückrunde verlieren mussten. Doch eine Überraschung war es nicht, schließlich sind wir keine Übermannschaft.

Mittlerweile haben sie wieder eine Serie gestartet und sind seit zehn Spielen ohne Niederlage.

Ja, aber anfangs spielten wir einfach zu häufig Remis. Seitdem wir nun wieder als Mannschaft kompakt auftreten und jeder an seine Grenzen geht, haben wir auch den nötigen Erfolg. Das immer wieder ein Rückschlag dabei sein kann, ist mir durchaus bewusst – bei einer solch jungen Truppe ist das aber unvermeidbar.

Es scheint eine klare Hierarchie in der Mannschaft zu geben – und sie sind der Anführer. Ist eine gewisse Hackordnung von Nöten, gerade bei einem solch jungen Team wie in Rostock?

Ja klar, das zählt schon eine Menge. Jedoch reicht das allein nicht. Die Mannschaft ist geschlossen und das Klima in der Truppe perfekt. Es gibt in der 2. Liga sicherlich Teams mit besseren Einzelspielern, aber wir sind das bessere Kollektiv. Von der ersten Elf bis zu den Reservespielern haben wir alle ein gemeinsames Ziel, das uns zusammenschweißt: den Aufstieg.

Rostock hat aktuell vier Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. Kann sich Hansa auf dem Weg zurück ins Fußballoberhaus nur noch selber aufhalten?

Absolut, wir haben alles in der eigenen Hand und schauen auch nur auf uns. Wichtig ist, dass wir unsere Punkte einfahren, dann können die anderen Vereine machen, was sie wollen.



Wie erleben Sie die Euphorie im Rostocker Umfeld?

Man merkt, dass jeder hier in der Region hinter uns steht. Die Leute kommen wieder gerne zum FC Hansa. Schauen Sie sich allein den Zuschauerschnitt in der Hinserie an. So gute Zahlen hatten wir nicht einmal in Liga Eins.

Nach dem Treffer zum 2:0 von Régis Dorn gegen Paderborn hat auch Trainer Frank Pagelsdorf ungewohnt heftig gejubelt.

(lacht) Es gab natürlich schon ein paar Spiele in der Saison, wo er vergleichsweise deutlich gejubelt hat. Aber das war schon ein besonderer Ausbruch. Der Trainer hat sich ungemein für Régis gefreut, und das ging uns allen so. Ein Stürmer wird leider an Toren gemessen, und Régis hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht für uns getroffen.

Régis Dorn, der von Offenbach an die Ostsee wechselte, stellt eine Ausnahme dar. Denn ansonsten sieht sich ihr Klub als Ausbildungsverein an. Viele Talente schafften gerade in dieser Saison den Sprung in den Profikader. Sind Sie auch schon ein Ausbilder?

Nein (lacht). Ich bin bestimmt kein Ausbilder. Da legt der Verein schon die nötigen Grundlagen. Aber als erfahrener Spieler bin ich die Stütze für die Jungs in schwierigen Situationen. Ich sehe manchmal eben ein wenig mehr als die jungen Burschen und kann dann schon ein paar Sachen auf dem Feld dirigieren.

Nicht umsonst gelten Sie als der verlängerte Arm von Trainer Frank Pagelsdorf. Sie scheinen ein sehr inniges Verhältnis zum Coach zu haben. Woher rührt diese perfekte Chemie?

Der Grundstein zu unserem guten Verhältnis wurde in meiner ersten Zeit bei Hansa gelegt. Es hat einfach gepasst zwischen uns. Wir beide sprechen oft miteinander und liegen in unseren Ansichten auf einer Wellenlänge – eine gute Vorraussetzung für erfolgreichen Fußball. Darüber hinaus war mir von Anfang an klar, dass ich hier in der Verantwortung stehen werde und eine junge Mannschaft führen soll. Dahingehend unterstütze ich den Trainer, wo ich kann, und fülle diese Rolle mit größter Freude aus.

Demnächst steht das Rückspiel gegen Karlsruhe im Ostseestadion an. Können sie den Fans eine ebenso rasante Partie versprechen wie im Hinspiel?

(lacht) Versprechen kann ich das nicht, und ich will auch nicht wieder mit 1:4 hinten liegen. Aber das war natürlich eine beeindruckende Partie und hat uns gezeigt, dass manchmal das anscheinend Unmögliche plötzlich machbar ist.

War es für Sie eigentlich eine Umstellung, wieder in der 2. Liga zu spielen?

Ich habe den Weg nach Rostock gewählt und wusste, worauf ich mich einlasse. Sicherlich musste ich mich ein wenig umstellen, aber das war absolut kein Problem. Und natürlich wird in der 2. Liga mit härteren Bandagen gekämpft. Doch Einsatz und Kampfeswillen brauchst du in jeder Liga der Welt, wenn du Erfolg haben willst.

Sie selbst spielten so erfolgreich Fußball, dass Ihnen der Sprung in die Nationalelf gelang. In fünf Partien trugen Sie den Adler auf der Brust. Warum wurden es nicht mehr Spiele?

Meine Verletzungen haben mich aus dem Kreis der Nationalelf geworfen. Später habe ich es dann einfach nicht mehr geschafft, wieder ranzukommen. Aber immerhin habe ich unter drei verschiedenen Nationaltrainern gespielt (Anm. d. Red.: Berti Vogts, Erich Ribbeck und Rudi Völler).

Sie sprachen Ihr Verletzungspech an. In Hamburg standen sie kurz vor dem Karriereende. Ümüt Davala von Werder Bremen musste aufgrund derselben Verletzung am Schambein seine Profilaufbahn beenden. Sie ließen sich operieren und griffen wieder an. Dachten Sie ebenfalls ans Aufhören?

Es lag nicht in meinen Händen. Ein operativer Eingriff war meine einzige Chance gewesen, weiter Fußball spielen zu können. Doch garantieren konnte mir das niemand. Die OP hätte genau so gut wirkungslos bleiben können und ich hätte meine Karriere beenden müssen.



Sie und Sergej Barbarez waren Leistungsträger beim HSV und verließen den Verein gemeinsam nach der vergangenen Saison. Fans und Experten trauerten Ihnen nach und wurden durch die Krise bestätigt. Fehlen Typen wie sie dem HSV? Und stellt sich bei Ihnen eine späte Genugtuung über die Entwicklungen ein?

Nein, eine Genugtuung empfinde ich keineswegs. Wir saßen damals beim HSV zusammen und führten Gespräche über einen neuen Vertrag. Der Verein hatte andere Vorstellungen als ich. Bei Sergej war es ähnlich. Wir betonten, dass es eben nicht nur mit jungen Spielern funktioniert. Hamburg hat einen anderen Weg gewählt. Ich habe auch keine Schadenfreude und hoffe, dass der Verein erstklassig bleibt.

Wie nehmen sie Hansa Rostock im Kontrast zum Hamburger SV wahr?


Das muss man trennen. Das sportliche Umfeld mit Trainingsbedingungen und Stadion beispielsweise ist vergleichbar. Die finanziellen Möglichkeiten sind dagegen vollkommen andere. Während Hamburg komplette Spieler verpflichten kann, müssen wir schauen, dass wir zu einem hervorragenden Ausbildungsverein werden. Bei Hansa muss man immer damit rechnen, dass die Besten am Ende der Saison den Verein verlassen.

Ihre Beziehung zum Verein ist schon eine besondere.


Viele verstanden vor der Saison nicht, warum ich nach Rostock zurückgekehrt bin. Wenn es ums Geld gegangen wäre, hätte ich ja auch woanders anheuern können. Aber Rostock ist eine Herzensangelegenheit für mich. Auch wenn sich das abgedroschen anhört, aber so ist es.

Warum?

Der normale Arbeitsverlauf eines Fußballers sieht so aus: Du unterschreibst bei einem Verein, bekommst dein Gehalt und hängst dich in der Zeit des Vertrages voll rein. Entweder verlängerst du, oder du ziehst weiter. Bei Hansa empfinde ich anders. Das liegt auch an meiner ersten Zeit in Rostock. Schon damals hat einfach alles gestimmt und der Verein hat mich sehr unterstützt. Es tat mir damals unheimlich weh, den Klub verlassen zu müssen. Doch es war der logische Schritt, denn ich wollte international spielen. Nun nach all den Jahren habe ich die Möglichkeit, dem Verein etwas zurückzugeben. Ich kann wirklich sagen, dass Hansa zu meinem Lieblingsverein geworden ist.

Sie sind nun 35 Jahre alt und werden auch in der kommenden Saison noch für Hansa spielen. Auf der Vereins-Homepage ist zu lesen, ihr Vorbild sei Pierre Littbarski. Können sie sich ebenfalls noch ein Engagement in Japan vorstellen – oder ist nach der kommenden Saison für Stefan Beinlich Schluss mit dem Profifußball?

Ob dann Schluss ist, kann ich momentan noch nicht sagen. Doch Hansa noch einmal zu verlassen, kann ich mir schwer vorstellen. Da ist ein längerer Aufenthalt in Rostock wahrscheinlich.

Die großen Erfolge fehlen in ihrer Karriere. Besonders tragisch wird wohl die verlorene Meisterschaft mit Leverkusen gewesen sein.

Ja, es war extrem bitter, als wir am letzten Spieltag die Meisterschaft mit Leverkusen in Unterhaching vergeigt haben. Es wäre meine große Chance gewesen, deutscher Meister zu werden. Aber immerhin bin ich dreimal Ligapokal-Sieger geworden und eigentlich sind das die großen Titel, schließlich mussten wir uns gegen die ersten fünf der Bundesliga durchsetzen (lacht). Nein, große Titel habe ich leider nie gewonnen und das werde ich wohl auch nicht mehr.

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In der Bildergalerie: Paule Beinlich im Wandel der Zeit


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