Stefan Aigner über die Eintracht, 1860 und eine alberne Maske

»So brutal unter Adrenalin!«

Seine erste richtige Bundesligasaison läuft nahezu ideal: Stefan Aigner hat bereits sieben Tore erzielt und steht mit Eintracht Frankfurt überraschend auf dem 5. Tabellenplatz. Ein Gespräch über Harlem Shakes, Heimat und Schwalben.

Stefan Aigner, müssen sich die Eintracht-Fans nach den letzten Spielen Sorgen machen, dass die sensationelle Hinrunde noch verspielt wird?
Keine Angst, wir hatten in der Hinrunde auch eine Phase, in der es nicht so gut lief. Die haben wir auch überwunden. Und generell kann niemand erwarten, dass wir hier die Gegner aus dem Stadion schießen oder mal eben nach Hannover fahren und die weghauen. Das sind Europa-League-Teams, gegen die wir in den letzten Wochen gespielt haben. Aber klar: Es wäre mal wieder Zeit für einen Sieg.
 
Die Medien beschwören schon eine Tor-Krise. Ist es ein Thema innerhalb der Mannschaft, dass seit fünf Spielen nicht mehr getroffen wurde?
Absolut nicht. In Hannover hat Alex Meier ja ein Tor gemacht – das leider nicht gegeben wurde. Außerdem spielen wir uns genug Chancen heraus. In Hannover, auch zuvor gegen Gladbach, wo ich eine Hundertprozentige versemmelt habe und auch Takashi Inui zwei gute Chancen hatte.
 
Inui sprang gegen Gladbach über eine Grätsche seines Gegenspielers, die mit Sicherheit einen Elfmeter bedeutet hätte. Ganz ehrlich: Hätten Sie sich fallen lassen?
Das weiß ich nicht, das geht alles so schnell. Es war fair von ihm, sich nicht fallen zu lassen. Ich hatte direkt im Anschluss eine Chance. Wenn ich die reingemacht hätte, würden wir da jetzt gar nicht drüber reden. Jetzt müssen wir eben gegen Stuttgart wieder treffen.
 
Die Hinrunde der Eintracht war teilweise berauschend. Was war da los?
Ich habe selber oft kaum glauben können, was wir für einen attraktiven und auch noch erfolgreichen Fußball spielen. Die ersten Spiele der Hinrunde waren mit entscheidend. Letztlich gingen wir dann als Sieger vom Platz.. Das hat Selbstvertrauen gegeben und eine gewisse Leichtigkeit erzeugt. Mittlerweile nehmen uns die Gegner nicht mehr auf die leichte Schulter ­– wahrscheinlich mit ein Grund, dass wir uns schwerer tun. Aber trotzdem spielen wir eine sensationelle Saison.
 
Es heißt, die gute Stimmung im Team sei mit ein Grund für den Erfolg.
Der Zusammenhalt ist wirklich gut. Wenn wir Mittagessen gehen, sind immer gleich acht, neun Jungs dabei und nicht nur kleine Grüppchen. Wir treffen uns auch privat oft, gehen ins Kino oder gucken Champions-League.
 
Die gute Stimmung dringt auch nach außen. Diese Woche war Heiko Butscher gut gelaunt am Schlagzeug zu bewundern, vergangene Woche gab es einen Harlem Shake in der Eintracht-Kabine. Waren Sie dabei?
Ja, hinten links in der Ecke. Verkleidet mit einem Bademantel und einer albernen Maske. Ich weiß schon gar nicht mehr, was das eigentlich für eine Maske war.
 
Sie spielen mit 25 Jahren Ihre erste richtige Bundesligasaison. Warum so spät?
Ich bin bereits mit 18 Jahren von Burghausen nach Bielefeld in die Bundesliga gewechselt – nach nur einer guten Saison in der zweiten Liga. Im Nachhinein war das zu früh. Aber wenn ein Angebot aus der Bundesliga kommt, nimmst du das wahr. In der ersten Liga zu spielen war ein Kindheitstraum von mir. In Bielefeld hat es dann nicht gut funktioniert. Ich war oft verletzt, habe mich nicht wohl gefühlt und letztlich nur fünf Spiele gemacht. Trotzdem war es lehrreich für mich. Nach ein paar Jahren bei meinem Heimatverein 1860 München, wo es wieder sehr gut lief, war es an der Zeit, es nochmal in der Bundesliga zu probieren. Aber ganz im Ernst: So alt ist 25 jetzt auch wieder nicht.
 
Zwischendurch wären Sie fast mal beim VfB Stuttgart, dem Gegner des 26. Spieltags, gelandet.
Das stand kurz zur Debatte, als 1860 mal wieder Geld brauchte. Aber mir ging das zu schnell. Der VfB ist sicherlich ein toller Verein, aber ich wollte nicht schon wieder überstürzt wechseln.
 
1860 München ist Ihr Heimatverein. Verfolgen Sie noch, was die Sechzger machen?
Natürlich, Sechzig ist meine sportliche Heimat, ich habe alle Jugendmannschaften durchlaufen und lange bei den Profis gespielt. Jetzt bin ich so eine Art Fan. Wenn ich in München bin, gehe ich auch mal zum Trainingsgelände oder schaue mir ein Spiel an. 1860 muss bald mal wieder aufsteigen. Ein solcher Traditionsverein gehört einfach in die Bundesliga.
 
Ein Traditionsverein, der sehr chaotisch daherkommt.
Ach, das Chaos gehört bei Sechzig schon fast dazu, ohne geht es da ja nicht (lacht). Aber natürlich ist es schade, wenn ständig Unruhe herrscht und darunter auch die Leistung der Mannschaft leidet.
 
Vom chaotischen 1860 zur Launischen Diva – Sie waren auf das leidenschaftliche Umfeld in Frankfurt gut vorbereitet.
Zur Zeit ist es hier gar nicht so launisch, aber im Erfolg ist es ja sowieso immer ruhig. Ich lasse mich aber ohnehin nicht verrückt machen. Ich lese auch kaum Zeitung und bekomme kaum mit, wenn es im Umfeld drunter und drüber geht.
 
Auch eine Art Selbstschutz nach schwächeren Spielen?
Mit Sicherheit. Aber wenn ich am Wochenende gut spiele und ein Tor schieße muss ich auch keine Zeitung lesen, nur um mir die Bestätigung zu holen. Das ist alles sehr flüchtig, was in den Medien passiert. Schießt man ein Tor, ist man der Größte. Schießt man daneben, ist man der Depp. Dem ganzen zu viel Bedeutung beizumessen, bringt einen nur aus dem Tritt.
So langsam machen sich die Schattenseiten der erfolgreichen Saison bemerkbar. Stammspieler wie Sebastian Rode und Sebastian Jung sind begehrt, auch ist nicht klar, wie es mit Trainer Armin Veh weitergeht. Wohin geht die Reise mit der Eintracht?
Es ist doch ganz natürlich, dass die Jungs mit ihren Leistungen Begehrlichkeiten wecken. Sie sind beide jung und spielen eine starke Saison. Für das Team ist das nicht störend. Es ist ja nicht so, dass die beiden nicht mehr alles für die Mannschaft geben würden. Seppl Rode ackert, macht und tu genauso wie vorher. Ob da jetzt andere Vereine dran sind, ist doch egal.
 
Und der Trainer? Kapitän Pirmin Schwegler sagte unlängst, er habe kein gutes Gefühl, dass Armin Veh über die Saison hinaus in Frankfurt bleibt.
Ich denke, der Mannschaft täte es sehr, sehr gut, wenn der Trainer bleiben würde. Wir sind sehr erfolgreich mit ihm und er mit uns. Aber letztlich muss er die Entscheidung treffen.
 
Frankfurt hat eine sehr leidenschaftliche Fanszene, die schnell ins Träumen gerät. Werden Sie des Öfteren mal auf den Europapokal angesprochen?
Man merkt die Euphorie in der Stadt. Überall hängen Fahnen und jedes Auto hat einen Wimpel am Spiegel. Auch dass die Fans uns feiern, wenn es mal nicht so läuft, zeigt, dass sie von der Saison begeistert sind und dass die Sehnsucht nach Europa da ist. Aber das ist ja auch normal als Fan. Wenn die Mannschaft so dasteht wie zur Zeit, wollen die Fans natürlich auch das Maximum.
 
Aber Ihr Bäcker fordert nicht die Qualifikation zur Europa-League, wenn Sie morgens Ihre Brötchen holen gehen?
Nein. Aber wahrscheinlich nur, weil ich morgens nicht zum Bäcker gehe (lacht).
 
Wie kommt man wieder auf den Boden, wenn man vor 50.000 Zuschauern gespielt und vielleicht sogar ein Tor geschossen hat?
Nach Punktspielen lieg ich bis drei Uhr früh wach. Da ist man so brutal unter Adrenalin und aufgedreht, dass man nicht schlafen kann, obwohl man hundemüde ist.
 
Haben Sie einen Ausgleich? Eine Art Ventil?
Motorrad fahren ist mein Hobby. Im Sommer fahre ich viel, nach der Saison geht es auf dem Motorrad für ein paar Tage nach Italien.
 
Waren Sie eigentlich mal im Eintracht-Vereinsmuseum?
Ja, das habe ich mir schon angesehen. Sehr interessant.
 
Haben Sie ein Lieblingsexponat?
Spontan fällt mir keins ein.
 
Steht dort irgendwann etwas von Ihnen?
Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht.
 
Vielleicht der Schuh, mit dem Sie einst im Jahr 2013 das entscheidende Tor zur Champions-League-Qualifikation schossen?
Naja, ein Holzschuh vielleicht (lacht).

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