Stadionheft-Sammler Marcel Dussling im Interview

»Nutze die erste Chance!«

Am Samstag findet in Berlin das große 11FREUNDE-Fanfest statt – unter anderem mit einer großen Sammlerbörse. Wir sprachen mit Marcel Dussling, Programmheft-Sammler seit 1981, über die Suche und den besonderen Geruch von Papier. Stadionheft-Sammler Marcel Dussling im InterviewImago / Privat

Marcel Dussling, können Sie sich leicht von alten Sachen trennen?

Ehrlich gesagt: Nein. Zumindest nicht, wenn sie mit Fußball im weitesten Sinne zu tun haben. Bei Programmheften geht das schon gar nicht.

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[intext]Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus?

Mittlerweile befinden sich über 2500 Hefte – mit Tauschprogramme sind es rund 4000 Hefte – in meinem privaten Bestand, vornehmlich vom VfB Stuttgart und der deutschen Nationalmannschaft, die Stapel auf den Tischen und dem Boden sind recht hoch. Glücklicherweise habe ich viel Platz zu Hause, daher überlege ich meist erst fünf- oder sechsmal, ob ich Fußballdevotionalien wirklich wegwerfe. Und bevor Hefte im Müll landen, versuche ich zunächst junge Sammler zu finden, denen ich diese vermachen kann. So hat die Trennung von den Heften immerhin noch etwas Gutes: ich kann einem Nachwuchssammler den Einstieg in die Sammlerszene vereinfachen.

Was treibt einen Sammler eigentlich an? Ist es die Hoffnung auf Wertsteigerung oder haben Sammler die Sorge, dass Ereignisse in Vergessenheit geraten, wenn sie nicht archiviert werden?

Monetäre Gründe hat das mit Sicherheit nicht. Jedenfalls nicht bei mir. Es ist vielmehr die Leidenschaft zu den Publikationen, den Zeitschriften, den Heftchen, den Flyern. Wenn ich diese hervorkrame, schießen mir sofort zahlreiche Erinnerungen zu den Spielen und auch zu der gesamten Saison durch den Kopf.

Haben Sie als Kind Autogramme gesammelt?

Weniger. Ich habe mich hingegen recht früh schon für Fußballhefte fasziniert. Ich war fünf Jahre, als mich mein Großvater zum ersten Mal zu einem Heimspiel des VfB Stuttgart mitnahm. Damals hob ich die Hefte einfach auf, irgendwann wurden es immer mehr, und je älter ich wurde, desto mehr verstand ich die angehäuften Hefte als Sammlung. Und eine Sammlung sollte eben so lückenlos wie möglich sein. So machte ich mich auf die Suche. 

Auf Messen?

Auch. Wenngleich Messen doch eher lose Treffen sind, da geht es vornehmlich um einen Erfahrungsaustausch, um Kommunikation und darum, wichtige Kontakte zu knüpfen. Das Tagesgeschäft eines Sammlers findet jedoch vornehmlich im Internet statt.

Das es noch nicht gab, als Sie mit dem Sammeln anfingen.

Richtig. Früher gab es Sammler-Kreise, die sich gegenseitig ihre Bestände über Listen – verfasst auf hunderten Schreibmaschinenseiten – auf dem Postweg zuschickten. Oftmals dauerte es Wochen bis man wirklich Kontakt zu einem Sammler aufgebaut hatte, und dann musste man enttäuscht feststellen, dass dieses oder jenes Heft schon vor drei Wochen verkauft wurde – und längst eine aktualisierte Liste existierte.

Gibt es ein Fundstück, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Auf ein bestimmtes Fundstück kann sich wohl kaum kein Sammler festlegen. Natürlich freut sich jeder über ein besonders seltenes Programmheft. Die einfache Formel: Je älter ein Heft und je geringer die Auflage ist, desto höher ist der Wert. Daher bin ich sehr froh einige Dokumente aus den 30er und frühen 40er Jahren in meiner Sammlung zu haben, etwa zahlreiche Vereinsnachrichten, die während der Nazizeit verbrannt wurden oder dem Krieg zum Opfer fielen, und die sich heute nicht mal mehr im Besitz des VfB Stuttgart befinden. Oft kosten diese Hefte einen Betrag im dreistelligen Bereich. Auch die Programmhefte aus den Jahren der ersten VfB-Meisterschaften von 1950 und 1952 sind einiges wert.

Ist dieser Moment, in denen ein Sammler eine solche Rarität angeboten bekommt, der wichtigste und aufregendste Moment im Leben eines Sammlers?

Jeder Sammler weiß bei solchen Heften auf jeden Fall, dass er sie vermutlich nur einmal im Leben angeboten bekommt. Wenn man Glück hat, stößt man vielleicht später nochmal auf einen Nachlass von verstorbenen Spielern, wo sich auch immer wieder vergriffene und vergilbte Hefte finden lassen. Doch eigentlich sollte man erste Chancen immer nutzen.

Wie suchen Sie? Haben Sie Listen mit fehlenden Heften, die Sie abarbeiten?

Die hat jeder. Doch als Sammler bekommt man irgendwann ein fotografisches Gedächtnis, man weiß sofort, welches Heft fehlt und welches man schon mehrfach hat. Wobei man auch immer wieder überrascht werden kann. So habe ich es auf Messen häufig erlebt, dass ich auf Hefte stieß, die ich gar nicht gesucht hatte, schlichtweg, weil ich von ihrer Existenz nichts wusste.

Wie haben sich Stadionhefte im Laufe der Zeit verändert?

In den Anfängen um das Jahr 1900 gab es das klassische Stadionheft logischweise noch gar nicht. Zu den Spielen wurden so genannte Matchcards verteilt, das waren im Grunde doppelseitige Flyer oder Flugblätter. Aus den zwei Seiten wurden später vier, dann acht Seiten und mehr. Heute kann der Fan unter anderem 120-seitige Hochglanzmagazine kaufen, das sind richtige Zeitschriften. Wobei die oftmals zur Hälfte mit Werbung aufgefüllt werden. Da fragt sich natürlich mancher Stadionbesucher: Warum soll ich für eine Werbepostille zwei Euro zahlen?  Ein Sammler sieht das wiederum aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Ihnen sind die alten Hefte lieber?

Zumindest versprühen sie einen Charme, den man heute nicht mehr findet – schon der Geruch und die Beschaffenheit des Papiers machen jeden Sammler rührig.

Sie betreiben die Homepage stadionheft.de. Wie kamen Sie dazu?

Das begann im April 2002 und entstand aus der Erkenntnis, dass in Deutschland die Programmheft-Szene im Vergleich zu Großbritannien bis dato noch sehr im Hintertreffen war. Zu der Zeit hatte die Deutsche Programmsammlervereinigung (DPV) zwar die grundlegende Idee, eine Homepage, als eine Art Community, im Netz zu etablieren, um die Kommunikation zu vereinfachen. Leider kam es nie zur Umsetzung, so dass ich den immer schwächer werdende Sammlerkreis auffangen und mittelfristig wieder aufbauen wollte. Eines möchte ich in diesem Zusammenhang jedoch hervorheben. Solch ein Projekt steht und fällt mit dem Engagement seiner Mitglieder und da haben wir erfreulicherweise sehr aktive und und hilfsbereite Sammler in unseren Reihen.

Die DPV war bis dahin der zentrale Knotenpunkt der Sammlerszene?

Genau. Die DPV ist ein eingetragener Verein den es seit 1985 gibt. Nach dem Siegeszug des Internets spielte dieser Verein aber mit seinen Print-Produkten eine immer kleinere Rolle. Nachdem sich stadionheft.de drei Jahre nach dem Start zu einem festen Bestandteil der europäischen Sammlerszene entwickelte, fanden beide Institutionen wieder zueinander und kooperieren seither in erfolgreicher Weise. Heute ist Stadionheft.de nicht nur ein Markenname sondern verfügt mit rund 1400 Forenmitgliedern und mehr als 550 Mitgliedern aus 29 Nationen über eine breite Sammlergemeinschaft.

Auch aus England?

Ja. wobei es in England eine sehr eigenständige Szene gibt. Die Engländer spielen eine Art Vorreiterrolle, einfach weil sie seit jeher einen ganz anderen Bezug zu Stadionheften haben. Da gibt es in den Innenstädten sogar Stadionzeitungs-Shops. Ein Paradies für jeden deutschen Sammler.


***Hier geht es zu stadionheft.de >>

***11FREUNDE-Sammlerbörse am 30. Mai in Berlin-Kreuzberg:
Am 30. Mai trifft sich ganz Fußball-Deutschland zum DFB-Pokalfinale in Berlin. Und damit sich die Anhänger nicht den ganzen Tag an der Gedächtniskirche herumtreiben müssen, veranstaltet 11 FREUNDE am 29. und 30. Mai zum ersten Mal das große Fußballwochenende »Tor in Berlin«. Am 30. Mai findet neben dem ersten Maskottchenrennen in Deutschland, eine Fußballsammlerbörse statt, auf der eifrige Sammler Kontakte knüpfen, Devotionalien tauschen oder einfach nur bestaunen können. Weitere Infos zum Wochenende findet ihr hier: www.11freunde.de/torinberlin
 

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