08.07.2011

Stadion-Experte Michael Seiß gibt Tipps für Auswärtsspiele

»Stuttgart ist teuer, München der Wahnsinn«

Michael Seiß hat schon vor acht Jahren am Buch »1000 Tipps für Auswärtsspiele« mitgearbeitet, nun erscheint eine überarbeitete Neuauflage. Wir sprachen mit ihm über Eintrittspreise, Bio-Boheme und die beste Bratwurst.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Imago
Michael Seiß, Sie sind in einem Stadion und haben Durst. Was machen Sie?

Michael Seiß: Bei mir ist es inzwischen so weit, dass ich diesen ganzen überteuerten Wahnsinn nicht mehr mitmache. Ich versuche, im Stadion möglichst wenig zu konsumieren. So kann man auch der allgegenwärtigen Systemgastronomie aus dem Weg gehen.



Was ist, wenn Sie doch einmal Durst haben?

Michael Seiß: Dann muss ich mir notgedrungen ein Bier für 3,50 Euro kaufen. Mich nervt jede Form von Preistreiberei – und das elektronische Bezahlsystem. Die Knappenkarte auf Schalke kennt ja jeder, aber selbst in der 6. Liga bei Wattenscheid 09 gibt es inzwischen ein Wertmarken-System. Ich muss mir dort für 5 Euro eine Wettmarke kaufen, auch wenn ich nur für 3,50 essen will.

Wieso entscheiden sich trotzdem immer mehr Klubs für die Card?

Michael Seiß: Es ist ganz klares Kalkül der Vereine, dass Restbeträge übrig bleiben. 15 bis 20 Prozent von dem, was auf der Karte an Guthaben übrig bleibt, verfällt. So macht der Betreiber noch einmal einen zusätzlichen Reibach.

Wo hat sich die Zahlungsweise noch nicht durchgesetzt?

Michael Seiß: Es gibt tatsächlich auch hypermoderne Stadien, die Barzahlung akzeptieren. In Düsseldorf wird immer noch cash gezahlt. In Dortmund können Gästefans immerhin mit der Karte aus ihrem Heimstadion bezahlen, wenn sie dort dasselbe Zahlsystem haben.

Wo ist das Stadionbier am teuersten?

Michael Seiß: Je weiter man in den Süden kommt – und das fängt schon in Köln an. Dort hat man im Umfeld aber jede Menge fliegende Händler und Kneipen, in denen man sich niederlassen kann. In Frankfurt ist man hingegen weit ab vom Schuss. Da muss man schauen, dass man vorher tankt. Stuttgart ist teuer, München der Wahnsinn.

Wie ist die allgemeine Preisentwicklung?

Michael Seiß: Der Trend in der Bundesliga ist eindeutig, dass alles immer teuerer und unbezahlbarer wird. Es macht immer weniger Spaß, etwas im Stadion zu konsumieren. Und selbst die Dosen der fliegenden Händler vor dem Stadion kosten inzwischen 2 Euro. Ich verweigere mich dem weitestgehend. Nur wenn ich mit meinen Jungs unterwegs bin, entsteht manchmal so eine Gruppendynamik...

Die Königsfrage: Wo gibt es die beste Bratwurst?

Michael Seiß: Nach wie vor in Wattenscheid. Selbst wenn der Klub in den letzten zwanzig Jahren fünf Klassen heruntergerutscht ist, hat man immerhin das Niveau auf dem Grill gehalten. In der Bundesliga schwöre ich auf Nürnberger Würstchen. Es muss aber nicht immer Wurst sein. In Aue wird zum Beispiel ein extrem leckerer Nudeltopf angeboten

Was gibt es sonst für Delikatessen?

Michael Seiß: Eigentlich alles, vom Fischbrötchen über Schnitzel bis hin zu Frikadellen. Manchmal sind sie sogar von Hand zubereitet.

Was verkauft sich am besten?

Michael Seiß: Immer noch die Bratwurst und das Pils dazu. Das ist einfach Stadionkulturgut, nicht nur im Ruhrgebiet.

Ist der Einfluss der Bio-Boheme auch schon im Stadion spürbar?

Michael Seiß: Die Systemgastronomie legt keinen Wert darauf, dass die Bratwurst aus dem Umland kommt. Da geht es eher um »Masse« und »viel«. Nur Kaiserslautern genießt, was Fleisch angeht, einen sehr guten Ruf. Dort bieten unterschiedliche Metzger aus der Pfalz ihre Kostbarkeiten feil.

Wo wird man als Vegetarier fündig?

Michael Seiß: Die beste Behandlung erfährt man auf St. Pauli. Dort gehören vegetarische Spezialitäten zum Standard. Flächendeckend haben sich die Bundesliga-Klubs zu dem Thema aber noch keine Gedanken gemacht.

Wenn wir schon dabei sind: Wie kommt man an Schampus?

Michael Seiß: Dafür braucht man schon eine VIP-Karte. Ganz normal im Stadion wird bis zum heutigen Tag nirgendwo Champagner angeboten. Im Südwesten kann man allerdings Äbbelwoi trinken, in Kaiserslautern und Freiburg auch richtigen Wein.

Ihr Buch handelt nicht nur von Essen und Trinken. Wo gibt es die unfreundlichsten Ordner?

Michael Seiß: Das hängt oft auch von der Tagesform ab. Mein Negativerlebnis hatte ich in Wolfsburg, als ich mit einer Karte für den Hertha-Gästeblock ausgestattet war. Es wurde nur ein Tor geöffnet, sogar die Kameraakkus wurden einkassiert und wir waren zu spät im Stadion. Die Karte hatte 28 Euro gekostet.

Was ist für Auswärtsfans das Wichtigste, wenn sie ins Stadion kommen?

Michael Seiß: Ein Auswärtsfan möchte in aller Ruhe das Spiel sehen, ohne in seiner persönlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein – und nach Möglichkeit ein Bier trinken. Wenn Hundertschaften an Polizei den Weg zum Stadion säumen, fühlt man sich unter Beobachtung und schnell kriminalisiert.

Gast und Gästefan – ein Widerspruch?

Michael Seiß: Nicht immer, aber immer öfter. Das passiert auch normalen Stadiongängern wie mir und sorgt für großes Unbehagen. Es entspricht einfach nicht meiner Intention, als friedlicher Fußballliebhaber.

Die schlimmste Fahrt zum Stadion?

Michael Seiß: Mit der Straßenbahn zur SchalkeArena. Das war schon früher zum Parkstadion der helle Wahnsinn. Es wird gehüpft und gewackelt, die Bahnen sind maßlos überfüllt. Die Jungen kennen keine Schmerzen. Wenn man etwas sentimentaler gestrickt ist, möchte man nach einer solchen Fahrt nie wieder zum Fußball.

Wie geht es auf Schalke weiter, wenn man aus der Bahn gestiegen ist?

Michael Seiß: In Gelsenkirchen wird man tatsächlich wie Vieh in den Gästeblock geführt, durch einen ganz schmalen Tunnel. Dort steht man dann in einem kuriosen Gäste-Dreieck und hat außerdem extrem schlechte Sicht, weil ganz viel Plexiglas um einen herum ist.

Welchen Tipp haben Sie?

Michael Seiß: Es braucht schon ein sehr frühes Zeitfenster, um einen Platz zu kriegen, der den Blick aufs Spielfeld ermöglicht. Das Problem ist dann aber: Wenn man ein Stadionbier oder Programmheft kaufen möchte, kann man das nicht, weil man nicht mehr aus dem Dreieck rausgelassen wird.

Ein positives Beispiel?

Michael Seiß: In Hamburg ist das viel besser geregelt. Dort kann man – aus dem Stehplatz-Bereich kommend – durch das ganze Stadion laufen. Wenn das beim HSV möglich ist, verstehe ich nicht, warum Fans anderswo immer noch eingepfercht werden.

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