Stadion-Experte Michael Seiß gibt Tipps für Auswärtsspiele

»Stuttgart ist teuer, München der Wahnsinn«

Michael Seiß hat schon vor acht Jahren am Buch »1000 Tipps für Auswärtsspiele« mitgearbeitet, nun erscheint eine überarbeitete Neuauflage. Wir sprachen mit ihm über Eintrittspreise, Bio-Boheme und die beste Bratwurst. Stadion-Experte Michael Seiß gibt Tipps für AuswärtsspieleImago

Michael Seiß, Sie sind in einem Stadion und haben Durst. Was machen Sie?

Michael Seiß: Bei mir ist es inzwischen so weit, dass ich diesen ganzen überteuerten Wahnsinn nicht mehr mitmache. Ich versuche, im Stadion möglichst wenig zu konsumieren. So kann man auch der allgegenwärtigen Systemgastronomie aus dem Weg gehen.

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Was ist, wenn Sie doch einmal Durst haben?

Michael Seiß: Dann muss ich mir notgedrungen ein Bier für 3,50 Euro kaufen. Mich nervt jede Form von Preistreiberei – und das elektronische Bezahlsystem. Die Knappenkarte auf Schalke kennt ja jeder, aber selbst in der 6. Liga bei Wattenscheid 09 gibt es inzwischen ein Wertmarken-System. Ich muss mir dort für 5 Euro eine Wettmarke kaufen, auch wenn ich nur für 3,50 essen will.

Wieso entscheiden sich trotzdem immer mehr Klubs für die Card?

Michael Seiß: Es ist ganz klares Kalkül der Vereine, dass Restbeträge übrig bleiben. 15 bis 20 Prozent von dem, was auf der Karte an Guthaben übrig bleibt, verfällt. So macht der Betreiber noch einmal einen zusätzlichen Reibach.

Wo hat sich die Zahlungsweise noch nicht durchgesetzt?

Michael Seiß: Es gibt tatsächlich auch hypermoderne Stadien, die Barzahlung akzeptieren. In Düsseldorf wird immer noch cash gezahlt. In Dortmund können Gästefans immerhin mit der Karte aus ihrem Heimstadion bezahlen, wenn sie dort dasselbe Zahlsystem haben.

Wo ist das Stadionbier am teuersten?

Michael Seiß: Je weiter man in den Süden kommt – und das fängt schon in Köln an. Dort hat man im Umfeld aber jede Menge fliegende Händler und Kneipen, in denen man sich niederlassen kann. In Frankfurt ist man hingegen weit ab vom Schuss. Da muss man schauen, dass man vorher tankt. Stuttgart ist teuer, München der Wahnsinn.

Wie ist die allgemeine Preisentwicklung?

Michael Seiß: Der Trend in der Bundesliga ist eindeutig, dass alles immer teuerer und unbezahlbarer wird. Es macht immer weniger Spaß, etwas im Stadion zu konsumieren. Und selbst die Dosen der fliegenden Händler vor dem Stadion kosten inzwischen 2 Euro. Ich verweigere mich dem weitestgehend. Nur wenn ich mit meinen Jungs unterwegs bin, entsteht manchmal so eine Gruppendynamik...

Die Königsfrage: Wo gibt es die beste Bratwurst?

Michael Seiß: Nach wie vor in Wattenscheid. Selbst wenn der Klub in den letzten zwanzig Jahren fünf Klassen heruntergerutscht ist, hat man immerhin das Niveau auf dem Grill gehalten. In der Bundesliga schwöre ich auf Nürnberger Würstchen. Es muss aber nicht immer Wurst sein. In Aue wird zum Beispiel ein extrem leckerer Nudeltopf angeboten

Was gibt es sonst für Delikatessen?

Michael Seiß: Eigentlich alles, vom Fischbrötchen über Schnitzel bis hin zu Frikadellen. Manchmal sind sie sogar von Hand zubereitet.

Was verkauft sich am besten?

Michael Seiß: Immer noch die Bratwurst und das Pils dazu. Das ist einfach Stadionkulturgut, nicht nur im Ruhrgebiet.

Ist der Einfluss der Bio-Boheme auch schon im Stadion spürbar?

Michael Seiß: Die Systemgastronomie legt keinen Wert darauf, dass die Bratwurst aus dem Umland kommt. Da geht es eher um »Masse« und »viel«. Nur Kaiserslautern genießt, was Fleisch angeht, einen sehr guten Ruf. Dort bieten unterschiedliche Metzger aus der Pfalz ihre Kostbarkeiten feil.

Wo wird man als Vegetarier fündig?

Michael Seiß: Die beste Behandlung erfährt man auf St. Pauli. Dort gehören vegetarische Spezialitäten zum Standard. Flächendeckend haben sich die Bundesliga-Klubs zu dem Thema aber noch keine Gedanken gemacht.

Wenn wir schon dabei sind: Wie kommt man an Schampus?

Michael Seiß: Dafür braucht man schon eine VIP-Karte. Ganz normal im Stadion wird bis zum heutigen Tag nirgendwo Champagner angeboten. Im Südwesten kann man allerdings Äbbelwoi trinken, in Kaiserslautern und Freiburg auch richtigen Wein.

Ihr Buch handelt nicht nur von Essen und Trinken. Wo gibt es die unfreundlichsten Ordner?

Michael Seiß: Das hängt oft auch von der Tagesform ab. Mein Negativerlebnis hatte ich in Wolfsburg, als ich mit einer Karte für den Hertha-Gästeblock ausgestattet war. Es wurde nur ein Tor geöffnet, sogar die Kameraakkus wurden einkassiert und wir waren zu spät im Stadion. Die Karte hatte 28 Euro gekostet.

Was ist für Auswärtsfans das Wichtigste, wenn sie ins Stadion kommen?

Michael Seiß: Ein Auswärtsfan möchte in aller Ruhe das Spiel sehen, ohne in seiner persönlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein – und nach Möglichkeit ein Bier trinken. Wenn Hundertschaften an Polizei den Weg zum Stadion säumen, fühlt man sich unter Beobachtung und schnell kriminalisiert.

Gast und Gästefan – ein Widerspruch?

Michael Seiß: Nicht immer, aber immer öfter. Das passiert auch normalen Stadiongängern wie mir und sorgt für großes Unbehagen. Es entspricht einfach nicht meiner Intention, als friedlicher Fußballliebhaber.

Die schlimmste Fahrt zum Stadion?

Michael Seiß: Mit der Straßenbahn zur SchalkeArena. Das war schon früher zum Parkstadion der helle Wahnsinn. Es wird gehüpft und gewackelt, die Bahnen sind maßlos überfüllt. Die Jungen kennen keine Schmerzen. Wenn man etwas sentimentaler gestrickt ist, möchte man nach einer solchen Fahrt nie wieder zum Fußball.

Wie geht es auf Schalke weiter, wenn man aus der Bahn gestiegen ist?

Michael Seiß: In Gelsenkirchen wird man tatsächlich wie Vieh in den Gästeblock geführt, durch einen ganz schmalen Tunnel. Dort steht man dann in einem kuriosen Gäste-Dreieck und hat außerdem extrem schlechte Sicht, weil ganz viel Plexiglas um einen herum ist.

Welchen Tipp haben Sie?

Michael Seiß: Es braucht schon ein sehr frühes Zeitfenster, um einen Platz zu kriegen, der den Blick aufs Spielfeld ermöglicht. Das Problem ist dann aber: Wenn man ein Stadionbier oder Programmheft kaufen möchte, kann man das nicht, weil man nicht mehr aus dem Dreieck rausgelassen wird.

Ein positives Beispiel?

Michael Seiß: In Hamburg ist das viel besser geregelt. Dort kann man – aus dem Stehplatz-Bereich kommend – durch das ganze Stadion laufen. Wenn das beim HSV möglich ist, verstehe ich nicht, warum Fans anderswo immer noch eingepfercht werden.



Die Spieltage sind inzwischen aufgesplittet; die Anstoßzeiten variieren stark. Wer ist der größte Härtefall?

Michael Seiß: Borussia Mönchengladbach, weil die An- und Abreise mit dem Auto katastrophal ist. Ich habe mir dort einmal ein Spiel angeschaut und bin anschließend mit der Bahn heimgefahren. Kaum war ich zurück in Bochum, bekam ich eine SMS von einem Kumpel: »Wir sind immer noch auf dem Parkplatz, kommen hier nicht runter.« Und ich hatte mit der Bahn immerhin auch zweieinhalb Stunden gebraucht.

Zusammengefasst: Nach Schalke und Gladbach sollte man früh aufbrechen...

Michael Seiß: ...weil die Stadien dermaßen am Arsch der Welt liegen. Eine Straßenbahnfahrt nach Gelsenkirchen-Buer oder eine Busfahrt in die Gladbacher Mondlandschaft kann sich schon mal etwas in die Länge ziehen.

Brauchen weibliche Fans eigentlich andere Tipps als männliche?

Michael Seiß: Eigentlich nur, was die Sauberkeit der Sanitäranlagen betrifft. Die Besucherstruktur hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten sehr stark verändert, es sind unglaublich viele Frauen hinzugekommen. Der Nachholbedarf an Toiletten ist inzwischen gedeckt. In Bochum wurde die Zahl der Frauen-Toiletten anlässlich der Frauen-WM noch einmal verdoppelt.

Gibt es schon Bindenbehälter in Fußballstadien?

Michael Seiß: Das weiß ich wirklich nicht, da muss ich mal meine Frau fragen.

Wann hat Ihnen Ihr Job als Stadiontester der Moderne am wenigsten Spaß gemacht?

Michael Seiß: Die ganzen Multifunktionsarenen, die seit der Jahrtausendwende entstanden sind, können noch so schick und komfortabel sein, sie sind aber auch total einheitlich und seelenlos. Natürlich ist der Borussia-Park irgendwie toll: komplett überdacht, gute Sicht von allen Plätzen. Mit dem Bökelberg würde ich ihn trotzdem nicht vergleichen wollen.

Warum?

Michael Seiß: Die modernen Stadien berühren mich emotional nicht mehr. Ich stelle immer wieder fest, dass ich nur noch als Konsument hinfahre, trotz wachsenden Komforts. Die Leidenschaft früherer Jahre ist mir abhanden gekommen.

Was hat sich sonst noch verändert?

Michael Seiß: Die Eintrittspreise sind explodiert. Wenn ich in Duisburg wieder mal total leere Ränge sehe, frage ich mich, ob weniger nicht manchmal mehr wäre. Warum kann ein Sitzplatz nicht 15 statt 25 Euro kosten? Wer erst einmal im Stadion ist, gibt doch automatisch noch mehr Geld aus.

Ihr Tipp, wenn man das Derby Dortmund gegen Schalke oder umgekehrt im Stadion sehen will?

Michael Seiß: Mitglied von einem der beiden Klubs sein oder eine Dauerkarte besitzen. Sonst gibt s wirklich nur noch irgendwelche Schwarzmarkthaie oder Ebay. Oder man muss die richtigen Freunde haben. Wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt.

Wie viele Stadionbratwürste mussten Sie eigentlich für das Buch essen?

Michael Seiß: Zum Glück habe ich noch ein paar Gastautoren, die mir mit ihrem Insiderwissen geholfen haben. Was mich anbetrifft: Ich habe nie etwas gegen eine Bratwurst einzuwenden – jedenfalls so lange ich sie nicht mit einer Bezahlkarte bezahlen muss.

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