St. Pauli-Ultra trifft »Oldtra« – Wie hat sich der Support verändert?

»95 Prozent aller Stadionbesucher können nicht singen!«

Ultra meets »Oldtra«: Ben Tohmfor (37) ist Vorsänger bei „Ultrà Sankt Pauli“ (USP) – Hermann Klauck (78) ist Frontmann der nach eigenen Angaben »ältesten Boygroup der Welt«. Vor dem heutigen Heimspiel des FC St.

Christoph Nagel

Hermann Klauck, Sie sind nicht nur Manager der U23 des FC St. Pauli, sondern leiten auch den Chor des »Alten Stamms«, der bei besonderen Vereinsanlässen vor bis zu 20.000 Zuschauern auftritt. Ben Tohmfor, Sie peitschen als USP-Vorsänger die Massen auf der Südtribüne des Millerntor-Stadions ein. Wie sind Sie zu Ihren jeweiligen Rollen gekommen?
Hermann Klauck: Das hat sich einfach so ergeben! Wir sind ja ursprünglich kein Chor, sondern einfach eine gesellige Runde der ältesten St. Paulianer. 2008 sind wir mit dem „Alten Stamm“ erstmals öffentlich aufgetreten, beim Spiel gegen die kubanische Nationalmannschaft zur Einweihung der neuen Südtribüne. Und weil ich beim Proben als erster und einziger den Mut hatte, mich vorne hinzustellen und vorzusingen, haben die Jungs gesagt: „Hermann, Du bist jetzt unser Chorleiter!“ Mittlerweile werde ich intern schon der „Karajan vom Millerntor“ genannt – dabei kann ich nicht einmal Noten lesen (lacht)!

Ben Tohmfor: (Lacht mit) Ich auch nicht! Ich war zwar mal drei Jahre lang in einer Musikklasse – aber auch nur, weil meine Freunde da waren. Das waren harte Jahre an der Triangel ... Was meine Rolle als Vorsänger angeht, ging es mir ähnlich wie Hermann: Ich bin für einen guten Freund eingesprungen, weil’s keinen anderen gab. Zum Glück sind als Vorsänger im Fußball andere Qualitäten wichtiger als Musikalität.

Was zeichnet einen guten Vorsänger denn aus?
Ben Tohmfor: Idealerweise ein Rod-Stewart-Organ: Laut und in einer Stimmlage, die sich vom Klangteppich in der Kurve abhebt. Und man muss ein Stück weit Rampensau sein. Wenn man als Typ introvertiert ist, kann man sich weder als Chorleiter noch als Vorsänger hinstellen. Außerdem: Wenn es am Anfang schiefgeht – und das ging es bei mir öfter –, dann muss man damit leben können und einfach weitermachen.

Wie haben Sie Ihr erstes Mal auf dem Zaun erlebt? Aufgeregt?
Ben Tohmfor: Schon, aber weniger wegen der Funktion, sondern weil sich dadurch die Optik so radikal verändert hat. Als ich das erste Mal aufs Vorsängerpodest geklettert bin, hatte ich einen ganz anderen Blick. Es ist eine alte Mär, dass man als Vorsänger weniger vom Spiel mitbekommt. Das ist nicht so. Wenn man ein paar Jahre dabei ist, weiß man schon aufgrund der Akustik, was gerade auf dem Spielfeld passiert.

Hermann Klauck: Und dann kann man sich ja im richtigen Moment umdrehen.

Ben Tohmfor: Genau! Man antizipiert die Situation 20 Sekunden vorher, dreht sich um und hat einen viel besseren Blick auf das Geschehen.

Wie wichtig sind Fangesänge für die Unterstützung der Mannschaft?
Hermann Klauck: Ich bin ja eher bei der U23. Da bekommt man selten Fangesänge zu hören, weil viel weniger Zuschauer kommen. Ich bin ohnehin nicht überzeugt, dass Gesang leistungssteigernd wirkt – obwohl ich Fangesänge sehr gerne höre. Außer der Gegner wird verunglimpft, aber das ist bei uns ja sehr selten.

Ben Tohmfor: Situationsbedingt kann das Stadion eine Mannschaft schon puschen. Aber wenn heute ein langweiliges Spiel läuft, rutscht man viel zu schnell in einen Mantra-ähnlichen Singsang ab – und der kann wirklich nichts bringen.

Hermann Klauck: Ich denke, der Gesang spiegelt eher das Geschehen auf dem Rasen wider: Wenn die Leistung erbracht ist, nach ein, zwei guten Aktionen – dann kommt die Stimmung.

Ben Tohmfor: Wobei sich andererseits die Frage stellt, woher eigentlich so ein Heimvorteil kommt. Das kann ja heutzutage kaum daran liegen, dass die Anreise für den Gegner so strapaziös wäre. Wahrscheinlich ist das Problem eher, dass für ihn alles etwas anders ist.

Stellt der Auswärtssupport also den Versuch dar, das Zuhause akustisch mitzunehmen?
Ben Tohmfor: Natürlich! Oder im besten Fall daraus ein Heimspiel zu machen.

Machen Sie sich vor dem Spiel eigentlich eine Art „akustischen Masterplan“?

Ben Tohmfor: Eigentlich nicht. Man überlegt sich ja auch nicht, wie man morgens die Zähne putzt. Das ist zugleich ein Punkt, den viele bei USP kritisch sehen: Manches ist zum Trott geworden. Es gibt Bestrebungen, das wieder knackiger zu halten. Ein bisschen mehr, wie’s früher war, auch mal ein bisschen Stakkato dazwischen.

Hermann Klauck: Ihr habt ja auch das Problem, dass ihr jede Woche oder alle 14 Tage Stimmung machen müsst. Dann ist es schwierig, immer etwas Neues zu bringen. Wir vom „Alten Stamm“ haben es leichter, weil wir nur selten auftreten. Dann kommt das besser an, obwohl wir unser Repertoire bewusst auf drei Lieder beschränken: „Das Herz von St. Pauli“, den „Hamborger Veermaster“ und „Das gibt’s nur bei uns am Millerntor“.

Hermann Klauck, wie ist das eigentlich bei Ihnen in der FC St. Pauli U23? Wird da noch gesungen?
Hermann Klauck: Ich denke, dass früher viel mehr gesungen wurde. Ich hab das ja selbst noch erlebt, als ich fußballerisch großgeworden bin bei Komet Blankenese. Heute sind die Jungs im Bus eher mit ihren Handys beschäftigt.

Ben Tohmfor: Das kenne ich. Im Grunde sind das bei uns ja die gleichen 18-Jährigen wie bei Euch – nur dass die bei uns nicht so gut Fußball spielen (lacht). Das ist das gleiche Prinzip wie wenn die Mannschaft einsteigt in den Bus und alle gleich ihre Smartphones herausholen und da reinklicken. Du musst manchen schon ziemlich in den Arsch treten, damit sie aus sich herauskommen!

Hermann Klauck: Ja, Du musst immer wieder auffordern und mitreißen. Automatismen gibt es da nicht.

Ben Tohmfor: Auf dem Zaun mache ich in letzter Zeit meist ohne Megaphon den „Kaspermodus“. Das hat zwei Gründe: Der eine ist, jedem 18-Jährigen zu zeigen: Es gibt keinerlei Ausrede, gähnend in der Kurve zu stehen! Nicht solange einer, der 20 Jahre älter ist, einfach nur den Schalter in seinem Kopf umlegen muss, und schon geht das ‚Duracell-Männchen’ los (klatscht rhythmisch).

Und der andere Grund?
Ben Tohmfor: Ich möchte nicht riskieren, beleidigend zu werden (schmunzelt). Es ist ja ein Irrglaube, dass alle bei USP immer zufrieden sind mit dem, was in der „Süd“ vonstatten geht. Also ich schon mal gar nicht. Wenn du mal so etwas wie Besiktas Istanbul erlebt hat, wo das komplette Stadion mit 32.000 Leuten 90 Minuten lang abgeht – ob 40, 80 oder 10 Jahre alt, alle zusammen, dass der Beton wackelt! – dann kannst du gar nicht mehr zufrieden sein mit dem, wie’s hier ist. Und wenn wir so was wie bei Besiktas auch wollen, dann darf keiner da rumstehen und schon mit seiner Körpersprache signalisieren, dass ihm das eigentlich egal ist, ob das nun 0:0 oder 1:0 ausgeht.

Hermann Klauck: Macht das Vorsingen bei euch eigentlich nur jeweils einer alleine?

Ben Tohmfor: Nein, wir machen das zu mehreren, alle zehn Meter einer – ein bisschen wie die Hühner auf der Stange. Der Stehplatzbereich in der „Süd“ ist ja eine Art Lindwurm. Ich glaube, 74 Meter ist der lang, bei nur 10 Metern Höhe. Da kannst du als einzelner gar nicht alle direkt erreichen, zumal ja auch der Schall eine Weile braucht. Besser ist so etwas wie die „gelb-schwarze Wand“ in Dortmund. Das geht da hoch wie ein Quadrat. So ähnlich werden ja auch klassische Chöre aufgebaut.
Wie synchronisieren Sie sich denn untereinander auf dem Zaun?
Ben Tohmfor: Das ist relativ einfach, weil die Leute, die da sitzen, alle schon mindestens 15 Jahre dabei sind. Die müssen nicht lange überlegen und setzen dann auch schon zum richtigen Zeitpunkt ein.

Hermann Klauck: Also, wenn ich das alles so höre, bin ich ganz froh, dass ich nur eine begrenzte Anzahl überblicken muss in meinem Chor. Das ist natürlich wesentlich einfacher, als so eine ganze Masse in Wallung zu bringen.

Hätten Sie denn Lust, mal die Südkurve einzupeitschen, Herr Klauck?
Hermann Klauck: Ich könnte doch schon aufgrund meines Alters keine 90 Minuten da oben stehen (schmunzelt)! Aber wenn ich die Gewähr hätte, dass die Leute aufmerksam sind und mich als Chorleiter akzeptieren – vielleicht könnte ich das mal überlegen. Beim „Hamborger Veermaster“ mach ich ja auch immer den Vorsänger.

Ben Tohmfor: Was man tatsächlich probieren könnte: Dass du mal das „Aux armes“ bei Spielbeginn anstimmst! („Aux armes“ – französisch „Zu den Waffen“ – ist ein von Olympique Marseille übernommener Wechselgesang, mit dem die Südkurve und das übrige Stadion am Millerntor das Spiel einleiten, d. Red.) Wenn man das richtig verbreitet im Vorfeld, dann würde ich glatt behaupten, dass das Stadion gleich doppelt so laut wäre (schmunzelt).

Und wie wäre es umgekehrt mit der einen oder anderen Übernahme aus der Südkurve für den „Alten Stamm“ – ein bisschen wie der Shantychor, der beim Jubiläumskonzert zum 100. Geburtstag des FC St. Pauli am Millerntor Fangesänge vortrug?
Hermann Klauck: Ich weiß nicht ... Der Chor vom „Alten Stamm“ ist ein reiner Hobbychor, und wenn man das vielseitiger machen wollte, müsste man schon wesentlich mehr üben. Und vielleicht auch gesanglich noch ein bisschen mehr bringen.

Ben Tohmfor: Ach komm schon, Hermann! 95 Prozent aller Leute, die in einem Stadion stehen, können doch überhaupt nicht singen. Dabei es gar nicht so sehr um das Organ. Die Atemtechnik ist das Problem! Darum kann ein Großteil der Leute ihr Potential nicht voll abrufen. Wenn ich keine Atemtechnik habe, kann ich keinen Ton halten, ziehe alles über den Kehlkopf, entsprechend klingt das auch.

Hermann Klauck: Genau richtig. Die Atemtechnik ist entscheidend.

Ben Tohmfor: Aber im Zusammenspiel von ganz, ganz vielen Leuten, die nicht singen können, entsteht letzten Endes etwas, dass man als völlig normal empfindet – oder sogar als erhaben. Ich glaube, da könntet ihr nicht viel falsch machen!

Hermann Klauck: (Schmunzelt) Na ja, ich werde das mal mit den anderen besprechen.

Vielleicht der erste Schritt zu einem gemeinsamen Chor?
Ben Tohmfor: Ich hätte nichts dagegen (lacht)!

Zum Abschluss noch die Grundsatzfrage: Warum singt man überhaupt beim Fußball?

Ben Tohmfor: Da gibt es ja diverse Erklärungsversuche. Oft werden religiöse Ursprünge herangezogen oder Chortraditionen, gerade auch in England. Andere behaupten, das wären eine Art Stammesgesänge.

Hermann Klauck: Ich glaube, der Gesang demonstriert ein Gemeinschaftsgefühl, die Zugehörigkeit zu einer Sache. Es gibt ja auch Sportarten, wo überhaupt nicht gesungen wird. Aber im Fußball will man sagen: Ich gehöre dazu. Man will Zusammenhalt vermitteln – und eine gute Stimmung. Warum wird jemand ausgepfiffen? Weil man unzufrieden ist. Aber wer singt, ist nicht unzufrieden.

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Dieses Interview erschien in ähnlicher Form auch in der Stadionzeitung VIVA ST. PAULI, Heft Nr. 173.
Download: http://www.fcstpauli.com/home/media/stadionzeitung/viva_st._pauli

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