St. Pauli-Ikone Klaus Thomforde über seine Karriere

»Ich war gerne das Tier im Tor!«

Klaus Thomforde durchlebte eine der erstaunlichsten Metamorphosen der Bundesligageschichte: Aus dem ruhigen Finanzbeamten wurde das »Tier im Tor«. Im Interview spricht die 50 Jahre alte St. Pauli-Legende über die Geburt der »Thomforde-Säge«, Rudelbildung mit Mario Basler und Pöbeleien von Matthias Sammer.

Klaus Thomforde, wenn sich bei uns auf dem Bolzplatz jemand zu überschwänglich über ein Tor gefreut hat, wurde er sofort ermahnt, nicht »den Thomforde zu machen«. Wussten Sie, dass Ihre Emotionalität in den Neunzigern sprichwörtlich war?
Schön zu hören. Trotz viel Kritik an meiner emotionalen Art, muss ich einigen Einfluss auf die Torhütergeneration nach mir gehabt haben: Als ich mit St. Pauli einmal auf den blutjungen Frank Rost in einer Partie gegen Werder Bremen traf, hat er sich nach dem Spiel über mein »unmögliches Verhalten« beschwert – Jahre später schrie er auf dem Platz genauso herum wie ich zu besten Zeiten. Und da war er nicht der einzige: Auch Oliver Kahn und andere Lautsprecher haben sich von mir inspirieren lassen.

Dabei waren Sie nicht immer so emotional auf dem Platz. Zu Karrierebeginn sollen Sie eher ein ruhiger Vertreter Ihrer Zunft gewesen sein.
Zu meiner Anfangszeit war ich ja nicht nur Fußballprofi, sondern auch noch Finanzbeamter mit geregeltem Tagesablauf. Ich war sogar schon »Beamter auf Lebenszeit«. Ich musste jeden Tag um sechs Uhr morgens aufstehen und nach dem vollen Arbeitstag noch zum Training. Abends um zehn bin ich todmüde ins Bett gefallen.

Wie wird man vom Finanzbeamten zum »Tier im Tor«? Gab es einen Grund für den Stilbruch?
1988 hatte ich ein Aha-Erlebnis: Bei einem gemeinsamen Trainingslager mit dem FC Southampton erlebte ich die englischen Torhüter Tim Flowers und John Burridge in Aktion. Während die Engländer im Kasten standen, haben sie geflucht wie die Seemänner. Kein Satz ohne »fuck« oder ein englisches Schimpfwort! Ich war beeindruckt und merkte, dass ich nicht der einzige war, der sich davon imponieren ließ. Das habe ich mir dann einfach angeeignet.

Von Engländern lernen, heißt also fluchen lernen?
Das verrückte war, dass es funktionierte: Auf einmal standen meine Leistungen in einem ganz anderen Licht. Von diesem Zeitpunkt an habe ich meine Schimpftiraden und Jubelposen als bewusste Showelemente in mein Spiel integriert.

Die Geburtsstunde des »Tieres im Tor« lässt sich also genau datieren. Wann haben Sie die berühmte »Thomforde-Säge« erfunden?
Im Abstiegskampf der Zweitligasaison 1992/1993: Wir durften uns an den letzten drei Spieltagen kein Gegentor mehr fangen, weil es für den Klassenerhalt auch auf das Torverhältnis ankam. Also feierte ich alle meine Paraden und jeden vorbei gegangenen Torschuss wie ein Traumtor. Wir gewannen 3:0 gegen SV Meppen, spielten 0:0 gegen FC Homburg und gewannen 1:0 gegen Hannover 96 – dreimal zu null, die Klasse war gehalten.

Haben Sie danach mit Ihrer Rolle bewusst kokettiert?
Ich war gerne das Tier im Tor! Diese Rolle hat sich positiv auf meine Leistungen ausgewirkt. Ich habe durch diese Art des Spiels weniger über meine Fehler nachgedacht. Im Vergleich zu heutigen Torhütern war ich nicht sonderlich gut ausgebildet – Siegermentalität und Selbstvertrauen haben mir den nötigen Halt gegeben.

Am elften Spieltag Bundesligasaison 1995/1996 erkämpften Sie mit St. Pauli ein 1:1-Unentschieden gegen Werder Bremen. Sie hielten grandios und feierten Ihre Paraden frenetisch. Danach sagte Werder-Stürmer Bernd Hobsch, dass »die ganze Liga sich freuen« würde, wenn sie mal »sechs Dinger« bekämen. Waren viele Gegenspieler nachtragend?
Nach Abpfiff war meistens alles gegessen. Hin und wieder hat ein Gegenspieler zwar mal einen Handschlag verweigert, aber ich freute mich immer diebisch, wenn sich Gegner über mich aufgeregten. Das war ja genau mein Ziel: Unsere meist individuell besseren Gegenspieler sollten sich mit mir beschäftigen. Wenn man sie erst mal soweit hatte, konnten sie ihre Klasse nicht mehr ausspielen.

In besagtem Spiel gegen Bremen gerieten Sie auch noch mit Mario Basler zusammen. Was war da los?
Alleine Mario Basler war in diesem Spiel viermal in Eins-zu-eins-Situationen an mir gescheitert, dazu hielt ich noch einen Elfmeter von ihm. Ich feierte meine Paraden wie gewohnt, es kam zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit. Aber Rudelbildung war damals an der Tagesordnung und wurde ja auch nicht bestraft. Nach dem Spiel haben Basler und ich sogar noch die Trikots getauscht.

Hatten Sie eine bestimmte Strategie, um die Gegner aus dem Takt zu bringen?
Ich erinnere mich gerne an ein Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart aus der Saison 1995/96. Wir spielten gegen das »Magische Dreieck« mit Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Élber. Nach zehn Minuten war noch nichts los, aber dann beging Balakov ein kleines Foul an der Mittellinie. Vollkommen übermotiviert sprintete ich laut schreiend aus meinem Kasten und ging auf Balakov los. Das Ergebnis, wie immer: Rudelbildung. Danach hat Balakov nichts mehr hinbekommen, er war total außer sich. Heute wäre ich für meine Schimpftiraden wahrscheinlich vom Platz geflogen, damals gewannen wir mit 2:1.
Waren Sie nach solchen Auftritten nicht der Buhmann der Liga?
Das war damals gar nicht so ungewöhnlich und ich war auch nicht der Einzige, der auf dem Platz gerne mal lauter wurde: Ich kann mich zum Beispiel an ein Spiel gegen den VfB Stuttgart aus dem Herbst 1990 erinnern, als wir zur Halbzeit mit 2:0 vorne lagen. Die Stuttgarter waren nicht zu einer Chance gekommen, aber auf dem Weg zur Kabine pöbelte Matthias Sammer lautstark in unserer Hörweite herum: »Gegen die Blinden fangen wir uns zwei Dinger! Kann doch nicht wahr sein, die können doch gar nichts!« Zehn Minuten nach der Halbzeit stand es 2:2. An dem Tag habe ich etwas gelernt.

Der FC St. Pauli ist für seine ausufernden Feiern bekannt. Die Aufstiegsfeier 1995 ist legendär. Was war Ihre schönste Feier?
Die Saisonabschlusspartys von »ran« mit allen Bundesligaspielern und Offiziellen waren immer feucht-fröhlich. Da konnte man sogar mal einen mit einem Schiedsrichter heben oder sich mit den Gegenspielern wieder vertragen. Legendär war auch die Feier nach dem Klassenerhalt 1995/96.

Warum?
Wir hatten den Klassenerhalt in Karlsruhe geschafft. Als wir nach Hause flogen, empfingen uns die Fans schon am Flughafen. Die Party begann an Ort und Stelle, die ganze Mannschaft ist auf einen unglücklich geparkten Kleinbus geklettert und sprang wie wild auf dem Dach herum – Totalschaden. Hinterher musste der Verein blechen. Die Partys auf der Reeperbahn waren sowieso außergewöhnlich. Auf dem Balkon der Docks zu stehen und der feiernden Menge zuzuschauen, war das Größte!

Bis heute sind Sie eine Legende am Millerntor. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Sie dem Verein Ihr Leben lang treu blieben. Wie kamen Sie überhaupt zum FC St. Pauli?
Mein Kumpel Hansi Bargfrede (Vater von Werder Bremens Phillip Bargfrede, d. Red.) hat mich zu einem Probetraining mitgenommen und ich erwischte den Tag meines Lebens: Der damalige St. Pauli-Trainer Michael Lorkowski hat mich zwei Stunden lang zusammengeschossen und war begeistert von meiner Entschlossenheit. Im Laufe meiner ersten Saison sagte er zu mir: »Aus dir mach einen Bundesligatorwart.« Wir spielten damals in der dritten Liga und ich lachte ihn aus.

Lorkowski sollte Recht behalten. Ihre Bundesligajahre sind sicher der Höhepunkt Ihrer Karriere. Welche Zeiten waren dagegen eher enttäuschend?
Am schlimmsten waren Verletzungen. An einen Freistoß von Mario Basler kam ich zum Beispiel nur noch mit einem Finger heran. Der Ball ging trotzdem ins Tor und mein Finger war kaputt: ausgewechselt, Spiel verloren, alles Scheiße. Mario Basler sagte hinterher im Interview: »Selbst schuld. Soll er die Hand doch wegziehen, der Ball geht eh rein!« Tja, da hatte er wohl Recht. Ich konnte erst sechs Wochen später mit einem eigens dafür hergestellten Vier-Finger-Handschuh zur Fixierung auflaufen.

Als Sie in der Saison 1996/1997 verletzt waren und es beim FC St. Pauli nicht lief, sagten Sie in einem Interview: »Einige Spieler leiden an grenzenloser Selbstüberschätzung. Nach der Euphorie des letzten Jahres, dem Klassenerhalt, wird jetzt auf Scheiß-Egal-Haltung umgeschaltet, wenn's nicht läuft. Es kotzt mich an!« Gab es nach solchen Ansagen keinen Stress mit den Kollegen?
Meine Kritik war eigentlich immer konstruktiv gemeint. Aber natürlich musste ich nach solchen Aussagen von Verein und Kollegen Prügel einstecken. Im Grunde wollte ich jedoch einfach Tacheles reden, um den Stein ins Rollen zu bringen.

Nach Ihrem ersten Bundesligaspiel sagten Sie: »Es ist einfach unheimlich geil, in der Bundesliga Bälle zu halten. Da geht mir voll einer ab!« Solche Sprüche und Ihre Eskapaden auf dem Platz haben dafür gesorgt, dass Sie in der öffentlichen Kritik standen. Wie sind Sie mit der Medienschelte umgegangen?
Meine Frau hat dabei geholfen, meine Sprüche und Ausbrüche auf dem Platz zu relativieren. Sie hat Interviews gegeben und den Journalisten erzählt, dass sie mich zuhause schon für meine Eskapaden gemaßregelt hätte. Nach dem Motto: »Was sollen denn unsere Kinder von ihrem Papa halten?« Auf diese Weise konnte ich immer sagen, dass ich mein Fett schon weg bekommen hatte. So konnten wir jeden vermeintlichen Skandal umschiffen.

Sie sind momentan Torwarttrainer bei den Jugend-Nationalmannschaften. Geben Sie Ihre Kniffe an die Nachwuchstorhüter weiter?
Selbstverständlich gebe ich meine Erfahrungen gerne weiter, aber ich werde keinen emotionslosen Typen dazu zwingen, 90 Minuten lang wild mit den Armen zu rudern oder eine andere Persönlichkeit anzunehmen – sonst fehlt die Authentizität. Das ist ein sehr schmaler Grat. Aber dennoch hilft solches Verhalten, das Hirn abzuschalten und als Torwart zu funktionieren.

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