15.12.2012
St. Pauli-Ikone Klaus Thomforde über seine Karriere
»Ich war gerne das Tier im Tor!«
Klaus Thomforde durchlebte eine der erstaunlichsten Metamorphosen der Bundesligageschichte: Aus dem ruhigen Finanzbeamten wurde das »Tier im Tor«. Im Interview spricht die 50 Jahre alte St. Pauli-Legende über die Geburt der »Thomforde-Säge«, Rudelbildung mit Mario Basler und Pöbeleien von Matthias Sammer.
Interview:
Gareth Joswig
Bild: Imago
Klaus Thomforde über den FC St. Pauli
»Stanis Entscheidung ist eine Befreiung«
FC St. Pauli - Ein Verein und sein Viertel
Fundstücke aus 100 Jahren FC St. Pauli
Fatty Foulke, der größte Torwart aller Zeiten
»Who ate all the pies?«
Alex Rosamilia, Gitarrist bei The Gaslight Anthem, im Fußballinterview
»Making money, das ist auch Punkrock!«
Sänger Thees Uhlmann über den FC St. Pauli
»Dieser Verein funktioniert wie die Grünen«
Das war damals gar nicht so ungewöhnlich und ich war auch nicht der Einzige, der auf dem Platz gerne mal lauter wurde: Ich kann mich zum Beispiel an ein Spiel gegen den VfB Stuttgart aus dem Herbst 1990 erinnern, als wir zur Halbzeit mit 2:0 vorne lagen. Die Stuttgarter waren nicht zu einer Chance gekommen, aber auf dem Weg zur Kabine pöbelte Matthias Sammer lautstark in unserer Hörweite herum: »Gegen die Blinden fangen wir uns zwei Dinger! Kann doch nicht wahr sein, die können doch gar nichts!« Zehn Minuten nach der Halbzeit stand es 2:2. An dem Tag habe ich etwas gelernt.
Der FC St. Pauli ist für seine ausufernden Feiern bekannt. Die Aufstiegsfeier 1995 ist legendär. Was war Ihre schönste Feier?
Die Saisonabschlusspartys von »ran« mit allen Bundesligaspielern und Offiziellen waren immer feucht-fröhlich. Da konnte man sogar mal einen mit einem Schiedsrichter heben oder sich mit den Gegenspielern wieder vertragen. Legendär war auch die Feier nach dem Klassenerhalt 1995/96.
Warum?
Wir hatten den Klassenerhalt in Karlsruhe geschafft. Als wir nach Hause flogen, empfingen uns die Fans schon am Flughafen. Die Party begann an Ort und Stelle, die ganze Mannschaft ist auf einen unglücklich geparkten Kleinbus geklettert und sprang wie wild auf dem Dach herum – Totalschaden. Hinterher musste der Verein blechen. Die Partys auf der Reeperbahn waren sowieso außergewöhnlich. Auf dem Balkon der Docks zu stehen und der feiernden Menge zuzuschauen, war das Größte!
Bis heute sind Sie eine Legende am Millerntor. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Sie dem Verein Ihr Leben lang treu blieben. Wie kamen Sie überhaupt zum FC St. Pauli?
Mein Kumpel Hansi Bargfrede (Vater von Werder Bremens Phillip Bargfrede, d. Red.) hat mich zu einem Probetraining mitgenommen und ich erwischte den Tag meines Lebens: Der damalige St. Pauli-Trainer Michael Lorkowski hat mich zwei Stunden lang zusammengeschossen und war begeistert von meiner Entschlossenheit. Im Laufe meiner ersten Saison sagte er zu mir: »Aus dir mach einen Bundesligatorwart.« Wir spielten damals in der dritten Liga und ich lachte ihn aus.
Lorkowski sollte Recht behalten. Ihre Bundesligajahre sind sicher der Höhepunkt Ihrer Karriere. Welche Zeiten waren dagegen eher enttäuschend?
Am schlimmsten waren Verletzungen. An einen Freistoß von Mario Basler kam ich zum Beispiel nur noch mit einem Finger heran. Der Ball ging trotzdem ins Tor und mein Finger war kaputt: ausgewechselt, Spiel verloren, alles Scheiße. Mario Basler sagte hinterher im Interview: »Selbst schuld. Soll er die Hand doch wegziehen, der Ball geht eh rein!« Tja, da hatte er wohl Recht. Ich konnte erst sechs Wochen später mit einem eigens dafür hergestellten Vier-Finger-Handschuh zur Fixierung auflaufen.
Als Sie in der Saison 1996/1997 verletzt waren und es beim FC St. Pauli nicht lief, sagten Sie in einem Interview: »Einige Spieler leiden an grenzenloser Selbstüberschätzung. Nach der Euphorie des letzten Jahres, dem Klassenerhalt, wird jetzt auf Scheiß-Egal-Haltung umgeschaltet, wenn's nicht läuft. Es kotzt mich an!« Gab es nach solchen Ansagen keinen Stress mit den Kollegen?
Meine Kritik war eigentlich immer konstruktiv gemeint. Aber natürlich musste ich nach solchen Aussagen von Verein und Kollegen Prügel einstecken. Im Grunde wollte ich jedoch einfach Tacheles reden, um den Stein ins Rollen zu bringen.
Nach Ihrem ersten Bundesligaspiel sagten Sie: »Es ist einfach unheimlich geil, in der Bundesliga Bälle zu halten. Da geht mir voll einer ab!« Solche Sprüche und Ihre Eskapaden auf dem Platz haben dafür gesorgt, dass Sie in der öffentlichen Kritik standen. Wie sind Sie mit der Medienschelte umgegangen?
Meine Frau hat dabei geholfen, meine Sprüche und Ausbrüche auf dem Platz zu relativieren. Sie hat Interviews gegeben und den Journalisten erzählt, dass sie mich zuhause schon für meine Eskapaden gemaßregelt hätte. Nach dem Motto: »Was sollen denn unsere Kinder von ihrem Papa halten?« Auf diese Weise konnte ich immer sagen, dass ich mein Fett schon weg bekommen hatte. So konnten wir jeden vermeintlichen Skandal umschiffen.
Sie sind momentan Torwarttrainer bei den Jugend-Nationalmannschaften. Geben Sie Ihre Kniffe an die Nachwuchstorhüter weiter?
Selbstverständlich gebe ich meine Erfahrungen gerne weiter, aber ich werde keinen emotionslosen Typen dazu zwingen, 90 Minuten lang wild mit den Armen zu rudern oder eine andere Persönlichkeit anzunehmen – sonst fehlt die Authentizität. Das ist ein sehr schmaler Grat. Aber dennoch hilft solches Verhalten, das Hirn abzuschalten und als Torwart zu funktionieren.



