15.12.2012

St. Pauli-Ikone Klaus Thomforde über seine Karriere

»Ich war gerne das Tier im Tor!«

Klaus Thomforde durchlebte eine der erstaunlichsten Metamorphosen der Bundesligageschichte: Aus dem ruhigen Finanzbeamten wurde das »Tier im Tor«. Im Interview spricht die 50 Jahre alte St. Pauli-Legende über die Geburt der »Thomforde-Säge«, Rudelbildung mit Mario Basler und Pöbeleien von Matthias Sammer.

Interview: Gareth Joswig Bild: Imago

Klaus Thomforde, wenn sich bei uns auf dem Bolzplatz jemand zu überschwänglich über ein Tor gefreut hat, wurde er sofort ermahnt, nicht »den Thomforde zu machen«. Wussten Sie, dass Ihre Emotionalität in den Neunzigern sprichwörtlich war?
Schön zu hören. Trotz viel Kritik an meiner emotionalen Art, muss ich einigen Einfluss auf die Torhütergeneration nach mir gehabt haben: Als ich mit St. Pauli einmal auf den blutjungen Frank Rost in einer Partie gegen Werder Bremen traf, hat er sich nach dem Spiel über mein »unmögliches Verhalten« beschwert – Jahre später schrie er auf dem Platz genauso herum wie ich zu besten Zeiten. Und da war er nicht der einzige: Auch Oliver Kahn und andere Lautsprecher haben sich von mir inspirieren lassen.

Dabei waren Sie nicht immer so emotional auf dem Platz. Zu Karrierebeginn sollen Sie eher ein ruhiger Vertreter Ihrer Zunft gewesen sein.
Zu meiner Anfangszeit war ich ja nicht nur Fußballprofi, sondern auch noch Finanzbeamter mit geregeltem Tagesablauf. Ich war sogar schon »Beamter auf Lebenszeit«. Ich musste jeden Tag um sechs Uhr morgens aufstehen und nach dem vollen Arbeitstag noch zum Training. Abends um zehn bin ich todmüde ins Bett gefallen.

Wie wird man vom Finanzbeamten zum »Tier im Tor«? Gab es einen Grund für den Stilbruch?
1988 hatte ich ein Aha-Erlebnis: Bei einem gemeinsamen Trainingslager mit dem FC Southampton erlebte ich die englischen Torhüter Tim Flowers und John Burridge in Aktion. Während die Engländer im Kasten standen, haben sie geflucht wie die Seemänner. Kein Satz ohne »fuck« oder ein englisches Schimpfwort! Ich war beeindruckt und merkte, dass ich nicht der einzige war, der sich davon imponieren ließ. Das habe ich mir dann einfach angeeignet.

Von Engländern lernen, heißt also fluchen lernen?
Das verrückte war, dass es funktionierte: Auf einmal standen meine Leistungen in einem ganz anderen Licht. Von diesem Zeitpunkt an habe ich meine Schimpftiraden und Jubelposen als bewusste Showelemente in mein Spiel integriert.

Die Geburtsstunde des »Tieres im Tor« lässt sich also genau datieren. Wann haben Sie die berühmte »Thomforde-Säge« erfunden?
Im Abstiegskampf der Zweitligasaison 1992/1993: Wir durften uns an den letzten drei Spieltagen kein Gegentor mehr fangen, weil es für den Klassenerhalt auch auf das Torverhältnis ankam. Also feierte ich alle meine Paraden und jeden vorbei gegangenen Torschuss wie ein Traumtor. Wir gewannen 3:0 gegen SV Meppen, spielten 0:0 gegen FC Homburg und gewannen 1:0 gegen Hannover 96 – dreimal zu null, die Klasse war gehalten.

Haben Sie danach mit Ihrer Rolle bewusst kokettiert?
Ich war gerne das Tier im Tor! Diese Rolle hat sich positiv auf meine Leistungen ausgewirkt. Ich habe durch diese Art des Spiels weniger über meine Fehler nachgedacht. Im Vergleich zu heutigen Torhütern war ich nicht sonderlich gut ausgebildet – Siegermentalität und Selbstvertrauen haben mir den nötigen Halt gegeben.

Am elften Spieltag Bundesligasaison 1995/1996 erkämpften Sie mit St. Pauli ein 1:1-Unentschieden gegen Werder Bremen. Sie hielten grandios und feierten Ihre Paraden frenetisch. Danach sagte Werder-Stürmer Bernd Hobsch, dass »die ganze Liga sich freuen« würde, wenn sie mal »sechs Dinger« bekämen. Waren viele Gegenspieler nachtragend?
Nach Abpfiff war meistens alles gegessen. Hin und wieder hat ein Gegenspieler zwar mal einen Handschlag verweigert, aber ich freute mich immer diebisch, wenn sich Gegner über mich aufgeregten. Das war ja genau mein Ziel: Unsere meist individuell besseren Gegenspieler sollten sich mit mir beschäftigen. Wenn man sie erst mal soweit hatte, konnten sie ihre Klasse nicht mehr ausspielen.

In besagtem Spiel gegen Bremen gerieten Sie auch noch mit Mario Basler zusammen. Was war da los?
Alleine Mario Basler war in diesem Spiel viermal in Eins-zu-eins-Situationen an mir gescheitert, dazu hielt ich noch einen Elfmeter von ihm. Ich feierte meine Paraden wie gewohnt, es kam zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit. Aber Rudelbildung war damals an der Tagesordnung und wurde ja auch nicht bestraft. Nach dem Spiel haben Basler und ich sogar noch die Trikots getauscht.

Hatten Sie eine bestimmte Strategie, um die Gegner aus dem Takt zu bringen?
Ich erinnere mich gerne an ein Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart aus der Saison 1995/96. Wir spielten gegen das »Magische Dreieck« mit Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Élber. Nach zehn Minuten war noch nichts los, aber dann beging Balakov ein kleines Foul an der Mittellinie. Vollkommen übermotiviert sprintete ich laut schreiend aus meinem Kasten und ging auf Balakov los. Das Ergebnis, wie immer: Rudelbildung. Danach hat Balakov nichts mehr hinbekommen, er war total außer sich. Heute wäre ich für meine Schimpftiraden wahrscheinlich vom Platz geflogen, damals gewannen wir mit 2:1.

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