Spüren Sie das, Toni Schumacher?

»Schmerz ist Einbildung«

In Ausgabe #91 decken wir den exzessiven Schmerzmittelkonsum im Profi-Fußball auf. Dazu sprachen wir mit Keeper-Legende Toni Schumacher über Blut im Knie, riesige Narben und Plastikblumen auf seinem Grab. Spüren Sie das, Toni Schumacher? Mareike Foecking
Heft #91 06/2009
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91

Toni Schumacher, stimmt die Geschichte, dass sie im EM-Finale 1980 mit gebrochener Hand gespielt haben?

Ja, die Mittelhand war's. Es passierte im Abschlusstraining, als mir jemand drauf trat. Aber wer lässt sich schon gern ein Endspiel entgehen? Ich habe also meinen Arzt in Köln angerufen, der dann nach Rom einflog und mir eine schöne Dröhnung verpasste.

Was meinen Sie mit »schöner Dröhnung«?


Betäubung.

Eine Betäubung lässt im Laufe des Spiels aber irgendwann nach
.

Dann wurde in der Halbzeit nachgeladen. Außerdem habe ich schon in den frühen 70ern autogenes Training gemacht, was mir zusätzlich dabei geholfen hat, die Gedanken an Schmerzen zu verdrängen.

Gab es im EM-Finale von 1980 eine Situation, in der sie Ihre Verletzung gespürt haben?


Nein, es war ja betäubt. Und den Mittelhandbruch habe ich einfach fest getaped. Wenn ich sonst mit einem gebrochenem Finger spielte, habe ich meine Handschuhe entsprechend präpariert. Meine Schwester hatte geschwungene Haarspangen aus Horn, die  ich in die Handschuhe eingearbeitet habe und so die Belastung von dem verletzten Finger nahm.

Was waren ansonsten Ihre schmerzhaftesten Verletzungen?

Das hintere Kreuzband ist gerissen, das ist nie richtig gemacht worden. In der Folge wurde ich dort sechs Mal operiert und der Meniskus wurde geglättet. Am linken Knie hat man mich zweimal operiert, ebenfalls am Meniskus. Und natürlich taten mir die Finger immer weh. Ich habe mir Daumen und Finger gebrochen, ich hatte Kapsel- und Sehnenrisse. Fast jeder Finger ist in Mitleidenschaft gezogen. Zum Spiel wurden sie betäubt, aber nicht im Training. Bei einem Kapselriss hatte man eine »dicke Wurst«, aber man musste weiter trainieren. Eigentlich hätte ich sie schienen lassen müssen oder in Extremfällen sogar eingipsen. Das habe ich aber nie machen lassen. Auch aus Egoismus, denn wenn ich spielte, konnte es kein anderer tun.

Sie hatten ständig Schmerzen und haben trotzdem gespielt?

Das gehörte dazu. Ich hatte mein Leben lang Schmerzen, auch heute noch. Mir tun die Finger weh, die Gelenke. Aber ich bin so erzogen worden.

Haben Sie nie über die möglichen Folgen nachgedacht?

Das machte man nicht. Heute mag das anders sein. Ich habe zwar gutes Geld verdient, konnte mit Fußball aber nicht aussorgen. Deswegen habe ich um Verletzungen kein großes Aufheben gemacht, schließlich ging es uns auch um Punkte- und Auflaufprämien.

Wie gingen sie mit den Verletzungen im Profi-Alltag um?

Zwischen den Spielen nutzte ich jede Minute, die Finger zu regenerieren. Deswegen habe sie z.B. nachts mit Salbe eingerieben und ruhig gestellt, was gar nicht so einfach ist.

Was haben Ihnen die Ärzte geraten? Ein Team-Arzt kann einen Torwart doch nicht guten Gewissens mit gebrochenen Fingern auf den Platz schicken.

Den Vereinsärzten habe ich immer gesagt: »Ob ich spiele oder nicht, entscheide ich. Es sei denn, mein Leben ist in Gefahr.« Ich habe eine lange Narbe über dem Knie, die ich mir in einem Mittwochabend-Spiel zugezogen habe. Die Verletzung sah aus wie damals bei Ewald Lienen. Der Riss wurde noch während des Spiels verbunden, nach dem Spiel bin ich ins Krankenhaus gefahren und habe die Wunde mit 20 Stichen nähen lassen. Am Samstag habe ich dann wieder gespielt. Mir war bewusst: Im schlimmsten Fall reißt die Naht wieder auf.

Und dann?

Dann wird eben nochmal genäht.

Schmerzen sind also ein wesentlicher Bestandteil des Profi-Jobs?

Auf jeden Fall. Wenn ich mich Kopf voran ins Getümmel stürzt, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob es mir oder einem anderen Spielen Schmerzen bereitet. Ich habe nur den Ball fokussiert. Erst nach dem Spiel registriert man, was alles weh tut. 1974 hatte ich einen Kreuzbandriss, Wolfgang Frank ist damals in mich reingerutscht. Dann habe ich zwei Tage Pause gemacht, mir wurde mir ein halber Liter Blut aus dem Knie geholt und am Samstag habe ich dann wieder gespielt – ohne Kreuzbänder und mit einem riesigen Verband.

Wie ist das möglich?

Reine Kopfsache.

Und die Ursache für die Arthrose, unter der Sie heute leiden?

Ja.

1974 standen Sie erst am Anfang Ihrer Karriere. Hatten Sie nie Angst vor einer frühzeitigen Invalidität?

Nein, auch wenn mein Arzt meinte: »Irgendwann wirst du Riesenprobleme mit deinem Knie bekommen.«

Der Arzt hat also doch was gesagt. Wie war das mit den Trainern? Sagten die eher so etwas wie: »Stell dich nicht so an!«

Ich hab mich ja nie angestellt (lacht). Die Trainer haben sich natürlich auf die Vereinsärzte und Physiotherapeuten verlassen. Und ob ich nach dem Spiel einen dicken Finger hatte, interessierte niemanden. Mich im Übrigen auch nicht.

Es wurde getaped und betäubt. Wie normal war der Konsum von Schmerzmitteln zu Ihrer aktiven Zeit, um durch den Tag zu kommen?

Tabletten wurden regelmäßig genommen. Soviel, dass ich  heute den Eindruck habe, manche nicht mehr zu vertragen oder das die nicht mehr wirken.

Was heißt viel? Jeden Tag?

Wir haben damals nie so darauf geachtet, was und wieviel wir genommen haben. Wenn ich heute Schmerzen habe, muss ich auf härtere Dinge umsteigen.

Sie waren damals also gnadenlos übermedikamentiert?

Im Spaß sage ich immer: »Wenn ich mal sterbe, könnt ihr auf meinem Grab keine Blumen pflanzen, denn die wachsen nicht. Da müsst ihr Plastikblumen nehmen.«

Sie waren ein wandelnder Medikamentenschrank.

Die Einschränkungen kamen erst, als ich in meinem Buch »Anpfiff« über Doping und Schmerzmittel geschrieben habe.

Was ich nehmen würde, um einen Party-Kater zu bekämpfen, würde bei Ihnen also vermutlich gar nicht mehr wirken?


Nein, dafür bin ich zu sehr an andere Dinge gewöhnt.

Dieter Prestin hat künstliche Kniegelenke und versteifte Handgelenke, Bernd Cullmann hat steife Zehen, weil er sich vor jedem Spiel in den Zeh spritzen ließ. War es in der Kölner Kabine Anfang der Achtziger normal, dass man auf diese Weise fit gemacht wurde?

Sonst hätte man nicht spielen können. Ich bin ja kein Masochist und habe Spaß an Schmerzen. Tabletten konnte man nicht immer nehmen, weil die den ganzen Körper beeinflussten, aber örtliche Betäubungen waren normal.

Haben Sie mit Tabletten mal negative Erfahrungen gemacht?

Nein, ich habe sie nicht genommen, weil mir bewusst war, dass sie den kompletten Organismus beeinflussen. Deswegen kam es nur zur lokalen Betäubung, z.B. mit Novokain.

Mussten Sie vor Schmerzen auf dem Platz manchmal Tränen unterdrücken?

Ich wollte zumindest nicht, dass man mir etwas anmerkt. Das hätte ja auch der Gegner gemerkt.

Tut ein Profi einem Gegenspieler vorsätzlich weh, wenn er weiß, dass er angeschlagen sind?

Wenn ich weiß, dass mein Gegner einen dicken Knöchel hat, gehe ich schon ein bisschen härter rein. Das würde ich noch nicht einmal als unfair bezeichnen, sondern als professionell.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: »Das Spiel halte ich nicht mehr durch«?


Nein. Das autogene Training hat mir über viele schwierige Situationen hinweg geholfen. Beim erstem Spiel nach dem Zusammenprall mit Battiston in Frankreich hing hinter dem Tor eine Schumacher-Puppe am Galgen. Das war schlimm, aber ich konnte es ausblenden.

Sind seelische Schmerzen schlimmer als körperliche?

Weiß ich nicht, jedenfalls habe ich gelernt, mir einzureden, dass Schmerz nur Einbildung sei.

Und das funktioniert auch bei Brüchen?


Ja, das geht. So ist damals auch die Geschichte mit meiner damaligen Frau entstanden, die ich aufforderte, eine Zigarette auf meinem Arm auszudrücken. Ich wollte demonstrieren, dass man Schmerz unterdrücken kann.

Auch, wenn Sie das Schmerzempfinden weitgehend in Kopf regelten: Hatten Sie stets die nötigen Medikamente dabei?


Gespritzt haben wir uns ja nicht selbst, das hat der Arzt gemacht. Aber Tabletten hatten wir immer dabei. Das würde heute sogar gegen meine aktuellen Ellenbogenprobleme helfen, aber ich will nehme nur noch ungern solche Medikamente.

Bei Ihnen hat also ein Umdenken stattgefunden?

Ich muss es nicht mehr nehmen, denn ich stehe nicht mehr im Tor. Meine Frau achtet auch sehr darauf, dass ich möglichst wenig solcher Sachen nehme. Als ich sie kennen lernte, hat sie bei mir erst einmal den Badezimmerschrank entrümpelt. Die war total von den Socken, was ich da alles drin habe.

Befürchten Sie internistische Spätfolgen wegen Ihres früheren Medikamentenkonsums?

Nein. Ich lasse mich auch regelmäßig durchchecken. Es ist alles okay.

Toni Schumacher, inwieweit ist der Gebrauch von Schmerzmitteln Doping?


Schwer zu sagen. Wenn ich nur mit ausreichend Schmerzmitteln spielen könnte, wäre das jedenfalls Doping.

Das heißt, dass Sie früher eigentlich gedopt waren, wenn auch nicht in der juristischen Auslegung.

Wir haben nichts genommen, was unsere Leistung gesteigert hat. Aber wenn der DFB zum Beispiel schmerzstillende Spritzen zum Doping erklärt hätte, kann man so eben nicht mehr spielen.

Was würde passieren, wenn der DFB das täte?

Dann würden viele Spieler gar nicht mehr spielen. Und die Regenerationszeiten würden um einiges länger dauern.

Hätte es ein solches Schmerzmittelverbot zu Ihrer aktiven Zeit gegeben, als die Kader selten größer als 20 Spieler waren, hätten Sie dann an manchen Wochenenden mit acht Spieler auflaufen müssen?


Dann hätten wir ganz sicher mit Amateuren auffüllen müssen. Bei der heutigen medizinischen Betreuung hätte ich bestimmt desöfteren Spielverbot vom Arzt erteilt bekommen.

Was war Ihr schmerzhaftester Moment auf dem Platz?
Auf dem Platz hat mir nie etwas weh getan. Da war ja das Adrenalin! Aus heutiger Sicht ist schade, dass ich nicht mehr joggen kann. Ich habe es immer wieder mit Aufbautraining probiert, aber das geht nicht mehr. Ich kann noch Fahrrad fahren und schwimmen. Die Gelenke und die Sehnen, ich habe Arthrose in den Händen, alles tut weh. Aber das gehört dazu, wenn man Fußballprofi ist.

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