19.05.2010

Spüren Sie das, Toni Schumacher?

»Schmerz ist Einbildung«

In Ausgabe #91 decken wir den exzessiven Schmerzmittelkonsum im Profi-Fußball auf. Dazu sprachen wir mit Keeper-Legende Toni Schumacher über Blut im Knie, riesige Narben und Plastikblumen auf seinem Grab.

Interview: Tim Jürgens Bild: Mareike Foecking
Schmerzen sind also ein wesentlicher Bestandteil des Profi-Jobs?

Auf jeden Fall. Wenn ich mich Kopf voran ins Getümmel stürzt, habe ich nicht darüber nachgedacht, ob es mir oder einem anderen Spielen Schmerzen bereitet. Ich habe nur den Ball fokussiert. Erst nach dem Spiel registriert man, was alles weh tut. 1974 hatte ich einen Kreuzbandriss, Wolfgang Frank ist damals in mich reingerutscht. Dann habe ich zwei Tage Pause gemacht, mir wurde mir ein halber Liter Blut aus dem Knie geholt und am Samstag habe ich dann wieder gespielt – ohne Kreuzbänder und mit einem riesigen Verband.

Wie ist das möglich?

Reine Kopfsache.

Und die Ursache für die Arthrose, unter der Sie heute leiden?

Ja.

1974 standen Sie erst am Anfang Ihrer Karriere. Hatten Sie nie Angst vor einer frühzeitigen Invalidität?

Nein, auch wenn mein Arzt meinte: »Irgendwann wirst du Riesenprobleme mit deinem Knie bekommen.«

Der Arzt hat also doch was gesagt. Wie war das mit den Trainern? Sagten die eher so etwas wie: »Stell dich nicht so an!«

Ich hab mich ja nie angestellt (lacht). Die Trainer haben sich natürlich auf die Vereinsärzte und Physiotherapeuten verlassen. Und ob ich nach dem Spiel einen dicken Finger hatte, interessierte niemanden. Mich im Übrigen auch nicht.

Es wurde getaped und betäubt. Wie normal war der Konsum von Schmerzmitteln zu Ihrer aktiven Zeit, um durch den Tag zu kommen?

Tabletten wurden regelmäßig genommen. Soviel, dass ich  heute den Eindruck habe, manche nicht mehr zu vertragen oder das die nicht mehr wirken.

Was heißt viel? Jeden Tag?

Wir haben damals nie so darauf geachtet, was und wieviel wir genommen haben. Wenn ich heute Schmerzen habe, muss ich auf härtere Dinge umsteigen.

Sie waren damals also gnadenlos übermedikamentiert?

Im Spaß sage ich immer: »Wenn ich mal sterbe, könnt ihr auf meinem Grab keine Blumen pflanzen, denn die wachsen nicht. Da müsst ihr Plastikblumen nehmen.«

Sie waren ein wandelnder Medikamentenschrank.

Die Einschränkungen kamen erst, als ich in meinem Buch »Anpfiff« über Doping und Schmerzmittel geschrieben habe.

Was ich nehmen würde, um einen Party-Kater zu bekämpfen, würde bei Ihnen also vermutlich gar nicht mehr wirken?


Nein, dafür bin ich zu sehr an andere Dinge gewöhnt.

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