19.05.2010

Spüren Sie das, Toni Schumacher?

»Schmerz ist Einbildung«

In Ausgabe #91 decken wir den exzessiven Schmerzmittelkonsum im Profi-Fußball auf. Dazu sprachen wir mit Keeper-Legende Toni Schumacher über Blut im Knie, riesige Narben und Plastikblumen auf seinem Grab.

Interview: Tim Jürgens Bild: Mareike Foecking

Toni Schumacher, stimmt die Geschichte, dass sie im EM-Finale 1980 mit gebrochener Hand gespielt haben?

Ja, die Mittelhand war's. Es passierte im Abschlusstraining, als mir jemand drauf trat. Aber wer lässt sich schon gern ein Endspiel entgehen? Ich habe also meinen Arzt in Köln angerufen, der dann nach Rom einflog und mir eine schöne Dröhnung verpasste.

Was meinen Sie mit »schöner Dröhnung«?


Betäubung.

Eine Betäubung lässt im Laufe des Spiels aber irgendwann nach
.

Dann wurde in der Halbzeit nachgeladen. Außerdem habe ich schon in den frühen 70ern autogenes Training gemacht, was mir zusätzlich dabei geholfen hat, die Gedanken an Schmerzen zu verdrängen.

Gab es im EM-Finale von 1980 eine Situation, in der sie Ihre Verletzung gespürt haben?


Nein, es war ja betäubt. Und den Mittelhandbruch habe ich einfach fest getaped. Wenn ich sonst mit einem gebrochenem Finger spielte, habe ich meine Handschuhe entsprechend präpariert. Meine Schwester hatte geschwungene Haarspangen aus Horn, die  ich in die Handschuhe eingearbeitet habe und so die Belastung von dem verletzten Finger nahm.

Was waren ansonsten Ihre schmerzhaftesten Verletzungen?

Das hintere Kreuzband ist gerissen, das ist nie richtig gemacht worden. In der Folge wurde ich dort sechs Mal operiert und der Meniskus wurde geglättet. Am linken Knie hat man mich zweimal operiert, ebenfalls am Meniskus. Und natürlich taten mir die Finger immer weh. Ich habe mir Daumen und Finger gebrochen, ich hatte Kapsel- und Sehnenrisse. Fast jeder Finger ist in Mitleidenschaft gezogen. Zum Spiel wurden sie betäubt, aber nicht im Training. Bei einem Kapselriss hatte man eine »dicke Wurst«, aber man musste weiter trainieren. Eigentlich hätte ich sie schienen lassen müssen oder in Extremfällen sogar eingipsen. Das habe ich aber nie machen lassen. Auch aus Egoismus, denn wenn ich spielte, konnte es kein anderer tun.

Sie hatten ständig Schmerzen und haben trotzdem gespielt?

Das gehörte dazu. Ich hatte mein Leben lang Schmerzen, auch heute noch. Mir tun die Finger weh, die Gelenke. Aber ich bin so erzogen worden.

Haben Sie nie über die möglichen Folgen nachgedacht?

Das machte man nicht. Heute mag das anders sein. Ich habe zwar gutes Geld verdient, konnte mit Fußball aber nicht aussorgen. Deswegen habe ich um Verletzungen kein großes Aufheben gemacht, schließlich ging es uns auch um Punkte- und Auflaufprämien.

Wie gingen sie mit den Verletzungen im Profi-Alltag um?

Zwischen den Spielen nutzte ich jede Minute, die Finger zu regenerieren. Deswegen habe sie z.B. nachts mit Salbe eingerieben und ruhig gestellt, was gar nicht so einfach ist.

Was haben Ihnen die Ärzte geraten? Ein Team-Arzt kann einen Torwart doch nicht guten Gewissens mit gebrochenen Fingern auf den Platz schicken.

Den Vereinsärzten habe ich immer gesagt: »Ob ich spiele oder nicht, entscheide ich. Es sei denn, mein Leben ist in Gefahr.« Ich habe eine lange Narbe über dem Knie, die ich mir in einem Mittwochabend-Spiel zugezogen habe. Die Verletzung sah aus wie damals bei Ewald Lienen. Der Riss wurde noch während des Spiels verbunden, nach dem Spiel bin ich ins Krankenhaus gefahren und habe die Wunde mit 20 Stichen nähen lassen. Am Samstag habe ich dann wieder gespielt. Mir war bewusst: Im schlimmsten Fall reißt die Naht wieder auf.

Und dann?

Dann wird eben nochmal genäht.

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