02.12.2009

Sportwissenschaftler Nopp über Messi

»Messi wäre heute anders«

Stephan Nopp arbeitet seit 2005 eng mit dem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler zusammen. Mit uns sprach der Analytiker der Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Sporthochschule in Köln über Messi und falsches Training.

Interview: Benni Kuhlhoff Bild: Imago
Sportwissenschaftler Nopp über Messi


Messi wurde mit überwältigender Mehrheit zu »Europas Fußballer des Jahres« gewählt. Können Sie als Fachmann sagen, was ihn von allen anderen Spielern unterscheidet?

Das sind mit Sicherheit seine Fähigkeiten in der Ballbehandlung bei einer enormen Handlungs- und Aktionsschnelligkeit auf engstem Raum. Es gibt viele Spieler die schnell in ihren Bewegungen sind, aber in engen Situationen den Überblick verlieren. Daraus resultieren oft Ballverluste, die der eigenen Mannschaft schaden.

In Deutschland spielt mit Marko Marin ein ähnlicher Spielertyp. Kann Marin vielleicht einmal der deutsche Messi werden?

Marko Marin hat deutschlandweit und auch international gesehen ein sehr gutes Verhalten im Eins gegen Eins. Diese Qualität sollte man auch schätzen, das haben wir in Deutschland in den letzten Jahren nicht so oft gehabt. Aber Marin kann noch sehr viel dazu lernen, Lionel Messi ist ihm da doch noch ein deutliches Stück voraus.

Warum fehlen denn den deutschen Spielern diese Fähigkeiten? Ist das immer noch ein Problem der Ausbildung?

Der viel zitierte »Straßenfußball« ist in anderen Ländern eben noch gang und gäbe. Da passiert alles viel unbewusster. Es ist nicht so, dass die sich an der Copacabana hinstellen und erstmal Passen oder Fintieren üben, das kommt aus dem Spiel heraus. Die bauen sich zwei Tore auf und kicken einfach Fußball. Dazu kommt, dass das alles auf sehr engem Raum passiert. Möglicherweise - das hat auch noch niemand erforscht - ist vieles auch genetisch bedingt. Grundsätzlich glaube ich, dass spielgemäße Konzepte beim Erlernen von Fähigkeiten in Sportspielen eben eine gewisse Spielfreude gedeihen lassen. Diese Art der Ausbildung war oder ist in Deutschland falsch akzentuiert.

Angeblich soll man beim FC Barcelona sogar auf das Einstudieren von Standardsituationen verzichten...

Das ist nicht verwunderlich. Eckstöße sind zu meist eine 50:50 Chance: Komme ich an den Ball komme oder nicht? Da kann ich so viele Laufwege trainieren wie ich will, wenn die Flanke nicht exakt kommt, ist die Chance verpufft. Für so viele Eventualitäten im Training Zeit zu verschwenden, ist eben nicht gerade sinnvoll. In Barcelona legt man wohl andere Schwerpunkte: Spielformen in allen Variationen, um eine hohe Frequenz an spielnahen Aktionen zu haben und die koordinativen, technischen und taktischen Fähigkeiten zu schulen, hohe Ausführungsintensitäten insbesondere bei Laufwegen, Spielformen mit einstudierten Laufwegen – das ist viel effektiver im Ausbildungprozess, als Standards wie Eckstöße zu trainieren.

Wie sehr profitiert eigentlich ein Spieler wie Messi von der Spielphilosophie des FC Barcelona?

Er profitiert enorm von dieser Spielidee. Aber es ist auch immer ein schmaler Grat, einen Spieler in ein taktisches Konzept zu pressen. In Deutschland ist man gerade im Jugendbereich manchmal zu steif. Da wird lieber auf Dribblings verzichtet und der Fokus im Grundlagen- und Aufbaubereich auf ein Spiel mit möglichst wenig Kontakten gelegt. So nimmt man einem Spieler schon in jungen Jahren den Mut, in Situationen gegen einen oder mehrere Gegenspieler direkt zu gehen. Natürlich scheut man dann auch in späteren Jahren das Risiko, denn was ich nicht gelernt habe, kann ich auch nicht anwenden. Da müsste man junge Spieler viel mehr ermutigen. Nur so können wir auch wieder Spieler wie Messi in Deutschland sehen. Die Ausbildung in spanischen oder südamerikanischen Vereinen legt genau auf diese Schwerpunkte Wert.

Ist es vorstellbar, dass Messi in einem anderen Verein eine weniger strahlende Präsenz hätte?


Ich denke schon, dass Lionel Messi in der englischen Liga wesentlich mehr Probleme haben würde. Dort wird robuster gespielt, weniger abgepfiffen als in Spanien. Nichtsdestotrotz würde einer der besten Spieler der Welt bleiben.

In der Bundesliga würde er dennoch über allen stehen?

In der momentanen Verfassung schon. Würde man aber mal annehmen, Messi wäre in Deutschland ausgebildet worden, so wage ich zu bezweifeln, dass er so gut wäre, wie er es heute ist.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden