Sportwissenschaftler Nopp über Messi

»Messi wäre heute anders«

Stephan Nopp arbeitet seit 2005 eng mit dem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler zusammen. Mit uns sprach der Analytiker der Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Sporthochschule in Köln über Messi und falsches Training. Sportwissenschaftler Nopp über MessiImago

Herr Nopp, erinnern sie sich noch an das WM-Viertelfinale 2006 zwischen Deutschland und Argentinien?

Natürlich erinnere ich mich noch genau daran. Damals habe ich wie alle anderen als Fan und in meiner Sonderrolle als Mitarbeiter für den DFB mit der deutschen Mannschaft mitgefiebert.

Damals nahm Argentiniens Trainer Jose Pekerman seinen Spielmacher Riquelme raus und wechselte den defensiveren Cambiasso ein. Auf der Bank saß damals schon Lionel Messi. War Messi 2006 schon auf der Liste der DFB-Scouts?

Messi stand definitiv auf unserer Liste. Die argentinische Mannschaft war damals wie heute gespickt mit Superstars und war nicht umsonst Mitfavorit auf den Titel. Dass Messi 2006 noch nicht so zum Zuge kam, lag sicherlich auch an seiner fehlenden Erfahrung bei einem solchen Großereignis. Der Trainer hat damals eben auf Erfahrung gesetzt und die Einzelkünste eines jungen, talentierten Spielers verzichtet.

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Wie wurde Messi damals bewertet?

Es ist so, dass wir immer die gesamte Mannschaft beobachten. Messi war da natürlich nicht zu übersehen. Ein Junge mit seinen Fähigkeiten fällt immer auf, auch wenn er in der argentinischen Mannschaft von 2006 in einer Reihe mit anderen Hochkarätern stand.

Ballt man als Mitarbeiter im Scoutingbereich des DFB schon mal die Siegerfaust, wenn ein Offensivwirbel wie Messi auf der Bank schmoren muss?

Natürlich beobachtet man die Aufstellungen des Gegners sorgfältig, gerade weil man aktiv an der Spielvorbereitung beteiligt war. Letztendlich war es für mich aber nicht so entscheidend, dass Messi in diesem Viertelfinale auf der Bank geblieben ist, da waren genug andere, die uns Sorge bereitet haben. Aufgrund der individuellen Fähigkeiten, die Messi besitzt, hätte er durchaus für Wirbel sorgen können. Aber das ist alles sehr hypothetisch. Man muss sich mal vor Augen führen, dass das Viertelfinale vor vier Jahren stattfand. Damals war Messi noch ein Jugendlicher.

Heute ist Messi nicht mehr aus der argentinischen Nationalmannschaft wegzudenken. Auch beim FC Barcelona ist er der auffälligste Akteur. Was macht Messi so gut?

Messi ist heute noch mal deutlich weiter als 2006. Sein Tempo ist einfach sensationell. Seine koordinativen Fähigkeiten sind ebenfalls unglaublich. Seine Orientierung im Raum, wie schnell er Spielsituationen antizipieren und lesen kann, seine Mitspieler sieht, das können nur die wenigsten. Seine Körpergröße macht in zudem extrem beweglich.

Das klingt ja fast wie eine Huldigung...

Wir sprechen hier von Spielen auf internationalem Topniveau. Wer sich da so dermaßen abhebt wie Messi, den muss man loben. Messi sucht ja nicht nur andauernd das Eins gegen Eins gegen die besten Defensivreihen der Welt, er nimmt es sogar mit zwei oder drei Gegenspielern auf – und hat dabei eine hohe Erfolgsquote.

Hat er denn auch Schwächen?

Schwächen sind immer relativ. Wenn Messi gut gedoppelt wird, dann ist die Chance größer, dass man ihm die Freude am Spiel nimmt. Chelsea London hat das im letzten Jahr im Champions League-Halbfinale hervorragend gemacht. Sie haben immer sehr fair, aber energisch attackiert. Da hat Messi dann nur wenige Chancen. Das Problem ist, dass dann ein anderer frei steht.



Messi wurde mit überwältigender Mehrheit zu »Europas Fußballer des Jahres« gewählt. Können Sie als Fachmann sagen, was ihn von allen anderen Spielern unterscheidet?

Das sind mit Sicherheit seine Fähigkeiten in der Ballbehandlung bei einer enormen Handlungs- und Aktionsschnelligkeit auf engstem Raum. Es gibt viele Spieler die schnell in ihren Bewegungen sind, aber in engen Situationen den Überblick verlieren. Daraus resultieren oft Ballverluste, die der eigenen Mannschaft schaden.

In Deutschland spielt mit Marko Marin ein ähnlicher Spielertyp. Kann Marin vielleicht einmal der deutsche Messi werden?

Marko Marin hat deutschlandweit und auch international gesehen ein sehr gutes Verhalten im Eins gegen Eins. Diese Qualität sollte man auch schätzen, das haben wir in Deutschland in den letzten Jahren nicht so oft gehabt. Aber Marin kann noch sehr viel dazu lernen, Lionel Messi ist ihm da doch noch ein deutliches Stück voraus.

Warum fehlen denn den deutschen Spielern diese Fähigkeiten? Ist das immer noch ein Problem der Ausbildung?

Der viel zitierte »Straßenfußball« ist in anderen Ländern eben noch gang und gäbe. Da passiert alles viel unbewusster. Es ist nicht so, dass die sich an der Copacabana hinstellen und erstmal Passen oder Fintieren üben, das kommt aus dem Spiel heraus. Die bauen sich zwei Tore auf und kicken einfach Fußball. Dazu kommt, dass das alles auf sehr engem Raum passiert. Möglicherweise - das hat auch noch niemand erforscht - ist vieles auch genetisch bedingt. Grundsätzlich glaube ich, dass spielgemäße Konzepte beim Erlernen von Fähigkeiten in Sportspielen eben eine gewisse Spielfreude gedeihen lassen. Diese Art der Ausbildung war oder ist in Deutschland falsch akzentuiert.

Angeblich soll man beim FC Barcelona sogar auf das Einstudieren von Standardsituationen verzichten...

Das ist nicht verwunderlich. Eckstöße sind zu meist eine 50:50 Chance: Komme ich an den Ball komme oder nicht? Da kann ich so viele Laufwege trainieren wie ich will, wenn die Flanke nicht exakt kommt, ist die Chance verpufft. Für so viele Eventualitäten im Training Zeit zu verschwenden, ist eben nicht gerade sinnvoll. In Barcelona legt man wohl andere Schwerpunkte: Spielformen in allen Variationen, um eine hohe Frequenz an spielnahen Aktionen zu haben und die koordinativen, technischen und taktischen Fähigkeiten zu schulen, hohe Ausführungsintensitäten insbesondere bei Laufwegen, Spielformen mit einstudierten Laufwegen – das ist viel effektiver im Ausbildungprozess, als Standards wie Eckstöße zu trainieren.

Wie sehr profitiert eigentlich ein Spieler wie Messi von der Spielphilosophie des FC Barcelona?

Er profitiert enorm von dieser Spielidee. Aber es ist auch immer ein schmaler Grat, einen Spieler in ein taktisches Konzept zu pressen. In Deutschland ist man gerade im Jugendbereich manchmal zu steif. Da wird lieber auf Dribblings verzichtet und der Fokus im Grundlagen- und Aufbaubereich auf ein Spiel mit möglichst wenig Kontakten gelegt. So nimmt man einem Spieler schon in jungen Jahren den Mut, in Situationen gegen einen oder mehrere Gegenspieler direkt zu gehen. Natürlich scheut man dann auch in späteren Jahren das Risiko, denn was ich nicht gelernt habe, kann ich auch nicht anwenden. Da müsste man junge Spieler viel mehr ermutigen. Nur so können wir auch wieder Spieler wie Messi in Deutschland sehen. Die Ausbildung in spanischen oder südamerikanischen Vereinen legt genau auf diese Schwerpunkte Wert.

Ist es vorstellbar, dass Messi in einem anderen Verein eine weniger strahlende Präsenz hätte?


Ich denke schon, dass Lionel Messi in der englischen Liga wesentlich mehr Probleme haben würde. Dort wird robuster gespielt, weniger abgepfiffen als in Spanien. Nichtsdestotrotz würde einer der besten Spieler der Welt bleiben.

In der Bundesliga würde er dennoch über allen stehen?

In der momentanen Verfassung schon. Würde man aber mal annehmen, Messi wäre in Deutschland ausgebildet worden, so wage ich zu bezweifeln, dass er so gut wäre, wie er es heute ist.



Bei der Wahl zum besten Fußballer Europas fällt auf, dass unter den Top 5 mit Xavi lediglich ein echter Mittelfeld-Stratege zu finden ist. Gerät die Wahrnehmung der taktischen Fähigkeiten immer mehr in den Hintergrund?

Es ist schwierig für die breite Öffentlichkeit, taktische Dinge überhaupt noch wahrzunehmen. Der Fußball ist sehr schnell geworden, dementsprechend wird es schwieriger zu erkennen, welcher Spieler sich taktisch gut verhält. Das auf einen Blick zu sehen, ist selbst für Fachmänner manchmal schwer. Wenn dann ein Spieler einen Übersteiger macht oder mit der Hacke über den Gegenspieler hebt, ist das eine Aktion, die nicht der Normalität entspricht und dementsprechend als positiv empfunden wird.

Das spektakuläre Dribbling kann aber auch über die eine oder andere Schwäche hinwegtäuschen...

Natürlich und das tut sie auch manchmal. Der Spieler, der sich taktisch hervorragend verhält, viele Situationen defensiv erkennt und meist auch den spektakuläreren Spieler in Position bringt, wird aber immer im Schatten des Offensivmannes stehen. Das liegt in der Natur der Sache. Es würde mich wundern, wenn eine Jury einen Defensivspieler auszeichnen würde und die breite Masse das nachvollziehen könnte, da Fußball komplizierter ist, als nur das „Runde ins Eckige“ zu schießen.

Gerade offensive Feingeister wie Ronaldo oder Messi gelten in der Defensive als schlampig. Welchen Preis zahlt ein Trainer, wenn er solche Spieler in seiner Mannschaft hat?


Diese offensiv ausgerichteten Spieler reißen automatisch Löcher in die eigene Defensive. Das muss dann der Rest der Mannschaft durch gutes Verschieben ausbügeln. Die Offensivspieler sollen ja mit Risiko spielen, da ist eine Fehlerquote X ganz normal.

Können diese Spieler einer Mannschaft auch mal schaden?

Ein gutes Beispiel ist Bremen. Per Mertesacker hat es letztens in einem Interview schon angedeutet: Diego war bei Werder ein überragender Spieler, aber eben auch ein Alibi für seine Mitspieler. An schlechten Tagen haben viele Mitspieler auf Diego gespielt und gehofft, dass er die Sache schon regeln wird. Er hat sich in der Offensive voll reingehängt, um das Vakuum zu füllen, dadurch entstanden dann hinten riesige Lücken.

Dribblings und Finten sind das eine, bei welchem Spieler gerät der kühle Analytiker ins Schwärmen?

Dribblings und Finten erfreuen auch mich. Das will man doch im Fußball sehen. Aber bei einer nüchternen Betrachtung des Spiels gucken wir natürlich auf die mittlerweile entscheidenden Positionen des „Sechsers“ oder des Innenverteidigers. Die verteidigen eben nicht mehr nur, sondern lösen eben fast jeden Angriff nach der Balleroberung aus. In der Bundesliga ragt da wohl Wolfsburgs Josué heraus, weltweit ist Xavi jemand, der letztendlich nicht die Wertschätzung bekommt, die ihm eigentlich zustehen würde.

Gibt es einen vergleichbaren Spieler aus Deutschland?

Per Mertesacker wird oft als klassischer Innenverteidiger wahrgenommen, dabei ist er viel mehr. Neben seinem hervorragenden Zweikampfverhalten ist er ein sehr wichtiger Mann im Spielaufbau. Sowohl in Bremen als auch in der Nationalmannschaft ist er in dem Bereich ein zentraler Mann.

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