02.12.2009

Sportwissenschaftler Nopp über Messi

»Messi wäre heute anders«

Stephan Nopp arbeitet seit 2005 eng mit dem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler zusammen. Mit uns sprach der Analytiker der Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Sporthochschule in Köln über Messi und falsches Training.

Interview: Benni Kuhlhoff Bild: Imago
Sportwissenschaftler Nopp über Messi
Herr Nopp, erinnern sie sich noch an das WM-Viertelfinale 2006 zwischen Deutschland und Argentinien?

Natürlich erinnere ich mich noch genau daran. Damals habe ich wie alle anderen als Fan und in meiner Sonderrolle als Mitarbeiter für den DFB mit der deutschen Mannschaft mitgefiebert.

Damals nahm Argentiniens Trainer Jose Pekerman seinen Spielmacher Riquelme raus und wechselte den defensiveren Cambiasso ein. Auf der Bank saß damals schon Lionel Messi. War Messi 2006 schon auf der Liste der DFB-Scouts?

Messi stand definitiv auf unserer Liste. Die argentinische Mannschaft war damals wie heute gespickt mit Superstars und war nicht umsonst Mitfavorit auf den Titel. Dass Messi 2006 noch nicht so zum Zuge kam, lag sicherlich auch an seiner fehlenden Erfahrung bei einem solchen Großereignis. Der Trainer hat damals eben auf Erfahrung gesetzt und die Einzelkünste eines jungen, talentierten Spielers verzichtet.



Wie wurde Messi damals bewertet?

Es ist so, dass wir immer die gesamte Mannschaft beobachten. Messi war da natürlich nicht zu übersehen. Ein Junge mit seinen Fähigkeiten fällt immer auf, auch wenn er in der argentinischen Mannschaft von 2006 in einer Reihe mit anderen Hochkarätern stand.

Ballt man als Mitarbeiter im Scoutingbereich des DFB schon mal die Siegerfaust, wenn ein Offensivwirbel wie Messi auf der Bank schmoren muss?

Natürlich beobachtet man die Aufstellungen des Gegners sorgfältig, gerade weil man aktiv an der Spielvorbereitung beteiligt war. Letztendlich war es für mich aber nicht so entscheidend, dass Messi in diesem Viertelfinale auf der Bank geblieben ist, da waren genug andere, die uns Sorge bereitet haben. Aufgrund der individuellen Fähigkeiten, die Messi besitzt, hätte er durchaus für Wirbel sorgen können. Aber das ist alles sehr hypothetisch. Man muss sich mal vor Augen führen, dass das Viertelfinale vor vier Jahren stattfand. Damals war Messi noch ein Jugendlicher.

Heute ist Messi nicht mehr aus der argentinischen Nationalmannschaft wegzudenken. Auch beim FC Barcelona ist er der auffälligste Akteur. Was macht Messi so gut?

Messi ist heute noch mal deutlich weiter als 2006. Sein Tempo ist einfach sensationell. Seine koordinativen Fähigkeiten sind ebenfalls unglaublich. Seine Orientierung im Raum, wie schnell er Spielsituationen antizipieren und lesen kann, seine Mitspieler sieht, das können nur die wenigsten. Seine Körpergröße macht in zudem extrem beweglich.

Das klingt ja fast wie eine Huldigung...

Wir sprechen hier von Spielen auf internationalem Topniveau. Wer sich da so dermaßen abhebt wie Messi, den muss man loben. Messi sucht ja nicht nur andauernd das Eins gegen Eins gegen die besten Defensivreihen der Welt, er nimmt es sogar mit zwei oder drei Gegenspielern auf – und hat dabei eine hohe Erfolgsquote.

Hat er denn auch Schwächen?

Schwächen sind immer relativ. Wenn Messi gut gedoppelt wird, dann ist die Chance größer, dass man ihm die Freude am Spiel nimmt. Chelsea London hat das im letzten Jahr im Champions League-Halbfinale hervorragend gemacht. Sie haben immer sehr fair, aber energisch attackiert. Da hat Messi dann nur wenige Chancen. Das Problem ist, dass dann ein anderer frei steht.

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