Sportpsycholge Martin Meichelbeck über Burnout und Rangnick

»Es kann jeden treffen«

Martin Meichelbeck weiß, wovon er spricht, wenn es um psychische Erkrankungen im Profifußball geht. Der 34-Jährige spielte jahrelang für den VfL Bochum und die SpVgg Greuther Fürth, heute arbeitet er als sportpschologischer Coach in Fürth. Wir sprachen mit Ihm. Sportpsycholge Martin Meichelbeck über Burnout und Rangnick

Martin Meichelbeck, als ehemaliger Fußballer arbeiten Sie heute als Sportpsychologe für die SpVgg Greuther Fürth. Bitte erklären Sie uns: Was ist ein Burnout, bzw. ein Erschöpfungssyndrom?

Martin Meichelbeck: Im Grund genommen ist mit beiden Begriffen dasselbe gemeint: Eine Erschöpfungsdepression, die sich bei den Betroffenen sowohl körperlich, als auch psychisch bemerkbar macht. Wie das jetzt auch bei Ralf Rangnick der Fall ist: Man hat keine Energiereserven mehr, um den Belastungen des Alltags und des Berufes Stand zu halten und fühlt sich einfach ausgebrannt.

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Wie macht sich das bemerkbar?

Martin Meichelbeck: Die Symptome eines Burnouts sind sehr vielfältig: 
Von Schlafmangel über Appetitlosigkeit bis hin zu Konzentrationsstörungen. Die Burnout-Forschung hat sich auf drei grundlegende Hauptsymptome geeinigt. Erstens: Depersonalisation, sprich, man tritt seiner Umwelt und seinen Mitmenschen sehr zynisch und abwertend gegenüber. Zweitens: Man ist emotional erschöpft. 
Drittens: Reduzierte Leistungsfähigkeit im Alltag und im Beruf.

Symptome, die Sie bei Ralf Rangnick feststellen konnten?

Martin Meichelbeck: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, ich kann nur allgemeine Erklärungen dazu abgeben. Was ich sagen kann: Früher hat man Erschöpfungssyndrome vor allem bei helfenden Berufen analysiert und erforscht, zum Beispiel bei Krankenschwestern oder Ärzten. Später dann verstärkt bei Lehrern oder ähnlichen Berufsgruppen, also bei Menschen, die ständig unter einem sehr hohen Erwartungsdruck stehen, dabei jederzeit funktionieren müssen und dadurch die eigenen Bedürfnisse extrem hinten anstellen. Das ist auf Dauer nicht gesund.

Dr. Thorsten Rarreck, der Mannschaftsarzt von Schalke 04, hat auf der Pressekonferenz gesagt: »Die Diagnose lautet vegetatives Erschöpfungssyndrom.« Was genau meint »vegetativ«?

Martin Meichelbeck: Das meint, dass sich die Symptome der Krankheit über das vegetative Nervensystem äußern. Über das vegetative Nervensystem können physische Erscheinungen wie Schlafmangel, Konzentrationsschwächen, innere Unruhe und so weiter hervortreten.

Sind Profifußballtrainer für eine Burnout-Krankheit aufgrund des hohen Erwartungsdrucks und der Öffentlichkeit denn besonders gefährdet?

Martin Meichelbeck: Das würde ich nicht sagen. Wie in allen anderen Berufsgruppen auch, unterscheidet sich die Anfälligkeit von Mensch zu Mensch. Es kann jeden treffen. Einig ist man sich darüber, dass auch die genetische Komponente eine Rolle spielt, vor allem aber sind Menschen vom Burnout gefährdet, die einen sehr hohen perfektionistischen, ja fast idealistischen, Anspruch an sich selbst und ihre Leistungsfähigkeit haben.

Das wiederum klingt sehr stark nach Fußballtrainern, besonders nach Ralf Rangnick, der im Fußballgeschäft als Perfektionist bekannt ist.

Martin Meichelbeck: Das stimmt, allerdings trifft das genauso gut auf Manager zu. In diesem Arbeitsbereich ist die Zahl der Burnout-Fälle in den vergangenen Jahren quasi explodiert. Allerdings sollte man da auch vorsichtig sein: Nicht jede psychische Erschöpfung, nicht jede schlaflose Nacht, ist gleich eine psychosomatische Erkrankung.

Ralf Rangnick hat bereits nach seiner Zeit bei der TSG Hoffenheim gesagt, er bräuchte jetzt Zeit um seine Akkus wieder aufzuladen. Wie lange kann ein Mensch solche Erschöpfungssyndrome mit sich herum schleppen, ohne, dass die Umwelt etwas davon erfährt?

Martin Meichelbeck: Das ist ganz unterschiedlich und richtet sich nach den persönlichen Energieressourcen, der eigenen Belastungsgrenze und den individuellen Bewältigungsstrategien.

Ralf Rangnick hat die Reißleine gezogen, sich zu seiner Krankheit bekannt und seinen Job aufgegeben. Was wäre passiert, wenn er das nicht getan hätte?

Martin Meichelbeck: Dann riskiert man eine Chronifizierung der Symptome, psychosomatische Spätfolgen und den Eintritt in den gefürchteten Teufelskreis einer solchen Krankheit. Für Betroffene ist es sehr wichtig, sich rechtzeitig mit der Krankheit auseinander zu setzen.

Der deutsche Fußball muss vorerst ohne den Trainer Ralf Rangnick auskommen. Glauben Sie, dass er noch einmal zurückkehren wird?

Martin Meichelbeck: Warum nicht? Nach allem was man lesen konnte, haben seine Ärzte ihm eine gute Prognose für die Genesung ausgestellt. Den Vergleich mit dem Kreuzbandriss finde ich ziemlich passend: Vielleicht benötigt er ein halbes Jahr Pause und kann dann gesund und auskuriert sein Comeback geben.

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