Sportphilosoph Gebauer im Interview

»Fußball ist Schmierstoff«

Fußball als Proletensport? Das war einmal. Quer durch alle gesellschaftlichen ist das Spiel zu einem Massenphänomen geworden. Wir sprachen mit Sportphilosoph Gunter Gebauer über Feuilletonisten und Trendsetter. Sportphilosoph Gebauer im Interview

Professor Dr. Gebauer, vor 20 Jahren noch war das Thema Fußball in weiten Kreisen der Gesellschaft verpönt. Heute unterhalten sich Akademiker ganz offen über Viererketten und ein zu lasches Zweikampfverhalten auf dem Rasen. Fußball hat sich zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen entwickelt. Was ist bloß passiert?

Zuerst einmal hat sich in den vergangenen 30 Jahren grundsätzlich das Verhältnis zum Sport verändert. Als ich begann, mich als Philosoph mit dem Thema Sport und auch Fußball zu beschäftigen, war ich in universitären Kreisen selbst ein Außenseiter. Nach und nach kam es zu einer Öffnung der Gesellschaft gegenüber der Sinnlichkeit, dem Körper und damit auch gegenüber dem Sport, der lange Zeit als unfein galt. Die äußere Erscheinung ist immer wichtiger geworden. Bräune, ein gut gebauter Körper – solche Dinge fanden mehr und mehr Beachtung. Entsprechend schick wurde es, selbst Sport zu treiben. Und der Sport wurde auch Gegenstand der Unterhaltung. Er entwickelte sich sozusagen zum sozialen Schmierstoff.

[ad]

Warum hat sich gerade Fußball zum wichtigsten sozialen Schmierstoff entwickelt? Es hätte doch auch Handball, Eishockey oder Tennis sein können.

Fußball hat eine Menge Vorteile. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Das ist schon mal der ideale Zeitraum. Nicht umsonst dauert das klassische Drama 90 Minuten. Und dazu die optimale Sichtbarkeit. Das Spielfeld ist groß, aber nicht zu groß. Mit 22 Spielern ist der Platz nicht voll gestellt. Im Gegensatz zu anderen Ballsportarten, in denen es immer wieder zu einer Verdichtung kommt, wird beim Fußball die Breite und Tiefe des Raums voll ausgenutzt. Und ganz wichtig: Der Ball ist groß genug, um ihn stets von jedem Punkt im Stadion, aber auch am Fernseher gut sehen zu können.  Beim Eishockey fällt es schon schwer, die kleine Scheibe immer im Auge zu behalten.

Dafür fallen beim Eishockey mehr Tore.

Ja, aber gerade diese Verknappung macht doch den Fußball auch so interessant. Jeder Fehler kann spielentscheidend sein. Ein Tor ist etwas besonderes. Selbst einem 1:1 oder einem 0:0 kann eine enorme Spannung beiwohnen. Das ist doch viel dramatischer als ein 126:122 im Basketball. Dazu kommt, dass der Fußball sehr mediengeeignet ist, sich hervorragend in Szene setzen lässt.

Das einfache Volk wusste schon immer, was es am Fußball hat. Wie kam es, dass sich auch die Reichen und Gebildeten dem ursprünglich als Proletensport verpönten Treiben zuwandten?

Das hat sicher auch damit zu tun, dass sich der Fußball zu einem Profisport entwickelt hat, in dem sehr hohe Gehälter gezahlt werden und zugleich das Spielniveau gestiegen ist. Fußballer verdienen heute keine 370 Mark mehr im Monat und laufen nicht mit einem Faconschnitt herum wie Anfang der 60er Jahre. Fußballer sind heute Trendsetter. Die Feuilletonisten wichtiger Tageszeitungen haben sich zudem mit dem Thema Fußball beschäftigt und ihn damit geadelt.

Der Fußball liefert heute einfach unwahrscheinlich viele Storys. Die Lebenswelten der Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten driften in vielen Bereichen zunehmend auseinander. Ist der Fußball vielleicht das wichtigste Bindeglied unserer Gesellschaft?

In der Tat gibt es nicht mehr so viele soziale Schmierstoffe, die klassenunabhängig sind. Musik ist sehr alters- und geschmacksspezifisch. Die deutsche Kultur mit Theater und Ballet bietet einen wichtigen Schmierstoff und sorgt für einen starken Zusammenhalt – aber in erster Linie für die gehobene Gesellschaft. Fußball dagegen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung Gesprächstoff liefert. Es ist inzwischen schick, über Fußball zu sprechen. Ja, viele Leute meinen sogar, über Fußball sprechen zu müssen.

In den Stadien werden allerdings Klassenunterschiede wieder sichtbar. Auf den billigen Stehplätzen die treuen Fans, die für Stimmung sorgen, und in den teuren Business-Logen das Champagner schlürfende Edel-Publikum.

Zunächst einmal habe ich den Eindruck, dass sich die meisten dieser Hardcore-Fans, nicht aus der Unter-, sondern eher aus der Mittelschicht rekrutieren. Aber es ist nicht zu leugnen, dass seitens dieser Anhängerschaft die Verfeinerung des Fußballs abgelehnt wird. Teile der Zuschauer saugen die Vitalität dieser treuen Anhänger förmlich ab. Viele Leute gehen doch nur wegen der tollen Stimmung ins Stadion, ohne selbst etwas dafür zu tun.

Die Klubverantwortlichen bewegen sich auf einem schmalen Grat.

In der Tat. Angesichts enorm kostspieliger Spielerkader müssen die Verantwortlichen einerseits sehen, wie genügend Geld in die Kasse kommt. Und gleichzeitig laufen sie angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung Gefahr, dass ihnen die treuen Anhänger von der Fahne gehen. Nicht umsonst kommen die Klubs der Gruppe von regelmäßigen Stadionbesuchern immer wieder mal entgegen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Mehrheit der Deutschen bei aller Fußballbegeisterung nicht dazu bereit ist, für Fußball im Fernsehen Geld zu bezahlen? Der Pay-TV-Sender Sky arbeitet weiterhin stark defizitär.

Das gilt ja nicht allein für die Ware Fußball. Der Bundesbürger will generell nichts für Fernsehangebote zusätzlich zu den Rundfunkgebühren bezahlen. Man kann von einem Gewohnheitsrecht sprechen, das sich die Deutschen nicht nehmen lassen wollen. Die Franzosen lassen sich das Jagen nicht verbieten und die Deutschen beharren auf frei zugängliches Fernsehen und das Recht, mit 180 über die Autobahn brettern zu dürfen.

Fußball-Romantiker beklagen, dass das Spiel mehr und mehr zum Event verkommt. Besteht nicht die Gefahr, dass nach dem gewaltigen Hype irgendwann das ganze System zusammenbricht, sich mehr und mehr Menschen von der Fußballshow abwenden?

Diese Frage ist doch schon vor zwanzig Jahren gestellt worden. Und die Bundesliga hat nichts von ihrer Faszination verloren. Ich kenne Leute, denen das alles zu viel wurde, die gesagt haben, sie gehen nicht mehr ins Stadion, sondern zum Dorfverein, wo noch ehrlicher, authentischer Fußball gespielt wird. Glauben Sie mir, die haben das nur ein paar Wochen lang ausgehalten. Das trägt schon Züge der Abhängigkeit. Ich selbst habe nach der WM und der Überfütterung mit Fußball erst einmal durchgeatmet. Aber jetzt kann ich es kaum mehr erwarten, dass es in der Bundesliga endlich wieder losgeht.


Professor Dr. Gunter Gebauer (66) studierte nach dem Abitur Philosophie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Linguistik und Sportwissenschaft. 1978 folgte er einem Ruf auf eine Professur der Philosophie und Soziologie des Sports an der Freien Universität Berlin und lehrt seit 1995 auf einer Professur am Institut für Philosophie der FU. Gunter Gebauer ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und hat sich unter anderem in seinem Werk »Poetik des Fußballs« (2006) mit dem Rasenspiel eingehend beschäftigt. Sein Herz schlägt insbesondere für die KSV Holstein Kiel, an dessen Stadionkasse er einstmals stand.

Verwandte Artikel

0Dettmar Cramer zum 85.

Dettmar Cramer zum 85.

»Einfachheit gewinnt Spiele«

011FREUNDE #104, Titelgeschichte

11FREUNDE #104, Titelge…

Ist Fußball Pop?

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!