31.05.2013

Sportfreunde Stiller über Schweini, Lorant und die Nationalmannschaft

»Hau ab, du Bayern-Sau!«

Im WM-Sommer 2006 wurden die Sportfreunde Stiller von ihrem eigenen Erfolg überrollt. Jetzt kommen sie mit einem neuen Album zurück. Ein Gespräch über Spätfolgen des WM-Hypes, die Hausmeisterqualitäten von Werner Lorant und Haschisch im Basskoffer.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Gerald von Foris

Peter Brugger, Flo Weber und Rüde Linhof, haben Sie sich eigentlich schon mal persönlich bei Oliver Pocher bedankt?
Peter: Wofür?

Immerhin hat er Ihnen mit dem unsäglichen »Schwarz und Weiß« den Rang als ultimative Nationalmannschaftshymne abgelaufen. Ein Segen?
Peter: Wir wurden damals gefragt, ob wir das spielen wollen, haben aber sofort gesagt: Wenn wir etwas machen, dann schreiben wir es selber. Das haben wir auch getan. Jetzt könnte man spekulieren, was geschehen wäre, wenn »Schwarz und Weiß« niemals erschienen wäre.
Flo: Vielleicht würden wir dann nach jedem Tor der Nationalmannschaft gespielt?
Peter: Ich glaube kaum. Das passt ja vom Text auch gar nicht. Deswegen gibt es keinen Grund dafür, dass wir uns bei Oliver Pocher für irgendwas zu bedanken.

Hatten Sie nie Angst, mit »54, 74...« für immer und ewig zum Grölhit Nummer eins zu werden?
Flo: Das Lied passte einfach perfekt zur Stimmung im Sommer 2006. Es stand für Aufbruch, für den Wunsch mal wieder was zu gewinnen. Wenn man jetzt nach jedem Treffer diesen zeitlich bezogenen Refrain grölen würde, würde selbst der größte Hornochse irgendwann mürbe werden.
Peter: Ich war 2008 beim EM-Finale in der Kurve mit deutschen Fans. Da standen Nasen neben mir, das waren prächtigste Arschlöcher. Natürlich will man nicht, dass die dein Lied mitsingen. Andererseits hat man es nicht in der Hand, dass nur nette, sozial engagierte, gutaussehende Menschen unsere Lieder singen.
Flo: Das wäre ja auch fatal und ein bisschen vermessen.

Hat Ihnen der Hype um Ihren Song auch ein bisschen Sorgen gemacht?
Flo: Diese schleichende Entwicklung zu beobachten, war schon der Wahnsinn. Wir waren gegen Costa Rica beim Eröffnungsspiel im Stadion...
Rüde (brüllt): Lahm zieht rein, Tor, da hat es schon das erste Mal gezuckt.
Flo: Gegen Ecuador hörte man dann vor dem Stadion erste Gesänge. Aber so richtig explodiert ist es erst nach dem Argentinien-Spiel. Als das Lied plötzlich im Olympiastadion über die Lautsprecher lief, bin ich fast zusammengeklappt vor Stolz.     
Rüde: Nach dem Polen-Spiel schallte das Lied zumindest in München durch die Gassen. Da hab ich mir erst mal ein Bier aufgemacht.

Blieb da Zeit, um mal durchzuatmen und das alles zu verarbeiten?
Peter: Wir waren so froh, dass wir mit diesen ganzen offiziellen Songs nichts am Hut hatten. Unser Lied hat sich langsam in die Herzen gefressen. Natürlich war dieser Sommer für uns ein einziger Rausch.

Vorsorglich haben Sie auch gleich eine 2010er-Version aufgenommen.
Peter (grinst): Ne, die haben wir natürlich erst nach dem Ausscheiden gegen Italien aufgenommen.
Rüde: Wir sind nachts noch schnell ins Studio. Wir wollten die Euphorie nutzen. (alle lachen)

Vor der nächsten WM sind Sie dann einfach abgetaucht. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2010 steht: »2006 gaben sich Höhepunkte der absurdesten Art gaben sich die Klinke in die Hand. Alles wurde für ein paar Wochen auf den Kopf gestellt. Wir lebten wie russische Ölbarone, aßen Nahrungsmittel, die in fernen Ländern als Spezialität bezeichnet werden, winkten unseren Großeltern aus deren Fernsehern hinaus, bekamen Angebote, von denen wir als 16-Jährige immer geträumt hatten, wurden beklatscht, bejubelt, hofiert. Das ist nicht mehr zu toppen, deswegen fahren wir jetzt in den Urlaub.« Was war das Absurdeste, was Sie 2006 erlebt habt?
Rüde: Am Tag nach dem Ausscheiden sollten wir ja am Brandenburger Tor spielen. Da standen eine Million Menschen – und mehrere Tausendschaften USK-Beamte, die den Bereich sicherten. Ich kam da also mit meine Basskoffer angelatscht und kurz vor der Polizeikette fällt mir ein, dass in dem Koffer noch ein kleiner Hobel Gras liegt.
Flo: Rüde, dafür kannst Du jetzt noch verhaftet werden.
Rüde: Quatsch, viel zu lange her. Hab das Zeug natürlich auch nie angerührt. Das hat mir da jemand reingelegt (alle lachen). Die Polizisten kamen auf mich zu marschiert und fragten, was ich hier wolle. Und ich mit meinem konstant schlechten Gewissen hab mich schon auf der Wache gesehen, mit Kabelbindern um die Handgelenke. Als ich gesagt habe, dass ich hier mit den Sportfreunden Stiller spiele, musste ich dann eine halbe Stunde Fotos mit diesen Schränken machen. Und ich schwöre, auf jedem Foto ist mein Basskoffer, der nur zwei Zentimeter vor den Polizistennasen schwebt, aber keiner hat dem Humpen bemerkt. (alle lachen) Für mich zeigt diese Situation den komplett surrealen Zustand, in dem das ganze Land in diesem Sommer war.

Wenn man vor einer Millionen Menschen am Brandenburger Tor spielt, kommt es einem wahrscheinlich auch gar nicht so verrückt vor, dass Lukas Podolski plötzlich neben einem steht.
Flo: Ich bin Sechzger. Und als dann plötzlich der Schweinsteiger neben mit am Schlagzeug auftauchte, hab ich aus Reflex gebrüllt: »Hau ab, du Bayern-Sau.« (alle lachen)
Peter: Alle denken immer, das wäre unser größter Moment gewesen, aber ich glaube, das haben wir alle eher vernebelt wahrgenommen. So richtig verarbeitet hat das wohl noch keiner. Wie auch?
Flo: Ich erinnere mich zum Beispiel besser an unser Treffen mit Pelé.

Pelé kannte die Sportfreunde Stiller?
Flo: Keine Ahnung, zumindest haben wir uns mit ihm über Musik unterhalten. Er erzählte, dass er in seiner Freizeit auch Musik macht. Dann hat er mir eine CD in die Hand gedrückt und gesagt: »Ich würde mich freuen, wenn ihr sie euch mal anhört.«

Und wie war es?
Flo: Ich hab nie reingehört. (alle lachen)
Peter: Ich erinnere mich auch noch an dieses Foto beim Kerner. Wir haben da gespielt und im Studio stand ein Imitat vom WM-Pokal. Wir waren fertig, der Kerner hat weitermoderiert, und wir haben uns den Pokal geschnappt und erst einmal ein Foto gemacht. In dem Moment fühlte es sich ein bisschen so an, als hätten wir auch etwas gewonnen.

Haben Sie auch noch irgendeine Erinnerung, Peter Brugger?
Peter: Meine schönste Erinnerung wurde zerstört.

Bitte was?
Peter: Ich hatte Robert Huth auf meiner Gitarre unterschreiben lassen. Das war mein ganzer Stolz. Aber dann kam irgendein anderes Bandmitglied und hat dieses wertvolle Autogramm einfach weggewischt.
Flo: Ich kann es ja zugeben: Ich war’s. Ich habe mir die Gitarre mal umgehängt und ein bisschen gespielt. Dann sah ich diesen schwarzen Fleck. Und weil ich keine Spuren hinterlassen wollte, habe ich ihn einfach weggewischt. Peter, ich hatte keine Ahnung, was diese Unterschrift für eine Bedeutung für dich hat.
Peter: Seitdem spielt Robert Huth in der Nationalmannschaft übrigens überhaupt keine Rolle mehr. Denk mal darüber nach.

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