11.11.2010
Sportfotograf Ferdi Hartung erinnert sich
»Pelé lud mich ein«
Seit fast 60 Jahren ist Sportfotograf Ferdi Hartung auf den großen und kleinen Sportplätzen des Planeten zu Hause. Er beschenkte Pelé und soff mit Felix Magath. Wir sprachen mit ihm über sein Leben. Und zeigen seine schönsten Bilder.
Interview:
Alex Raack
Bild: Imago
Während Ihrer Arbeit am Spielfeldrand waren Sie den Fußballern immer sehr nahe. Wie eng waren die Beziehungen zwischen Fußballer und Fotografen?
Ein allgemeines Urteil kann ich Ihnen nicht geben, aber ich persönlich war und bin eng mit Felix Magath befreundet. Der spielte ja früher auch in meiner Heimatstadt Saarbrücken (von 1974-1976, d. Red.), und wir sind nicht selten zusammen nach den Spielen einen trinken gegangen. Der Felix ist ein Bombenkerl!
War Magath gleichzeitig auch Ihr liebstes Fotoobjekt?
Nein, da muss ich andere nennen.
Zum Beispiel?
Natürlich die beiden Größten: Pelé und Maradona. Pelé habe ich nach der WM 1970 in Brasilia sogar mal ein Foto geschenkt, dass ich von Ihm während des Endspiels gegen Italien gemacht hatte. Er hat sich riesig gefreut und mich zum Bankett der brasilianischen Nationalmannschaft eingeladen. Und Maradona? Der hat einfach alles mitgemacht, keine Pose, die er nicht für die Kamera machen wollte. Wissen Sie, wen ich von den Deutschen am liebsten fotografiert habe?
Sagen Sie es mir.
Lothar Matthäus! Bis heute der freundlichste und zugänglichste Spieler, den ich je kennen gelernt habe. Wenn seine Mitspieler zu verabredeten Fototerminen einfach nicht aus ihren Hotelzimmern kommen wollten, kam eben Matthäus und hat sich vor die Kamera gestellt. Der war auch für jeden Spaß und jede Idee zu haben.
Haben Sie ein Lieblingsfoto?
Ein wirklich schönes Bild, das mir in Erinnerung geblieben ist, stammt vom Spiel um Platz drei bei der WM 1970 in Mexiko-City – Deutschland gegen Uruguay, 1:0. Der Wolfgang Weber aus Köln und der Uruguayer Maneiro (Ildo Maneiro, Foto: siehe unten, d. Red.) waren gemeinsam zum Fallrückzieher hochgestiegen, quasi zum Luftkampf um den Ball. Ich lag direkt neben dem Tor, war also ganz nah dran. Ein außergewöhnliches Motiv!
Gibt es besondere Erinnerungen, die Ihnen im Gedächtnis hängen geblieben sind?
Lassen Sie mich kurz überlegen...ach ja. Folgende Geschichte: Sie kennen doch den Petar Radenkovic?
Sicher.
Bin i Radi bin i König und so weiter. Der Radi jedenfalls war immer dafür bekannt, sehr weit vor seinem Tor zu stehen, oft sogar an der Mittellinie. Seine Sechzger (1860 München, d. Red.) spielten gegen Saarbrücken und führten bereits deutlich. Die Münchener waren im Angriff und Radi natürlich wieder 40 Meter vor seinem Kasten. Aber plötzlich kam Winfried Richter an den Ball, überrannte Radi mühelos und stürmte mit dem Ball Richtung Löwen-Tor. Und was macht der Kerl? Stoppt an der Torlinie, wartet, bis Radenkovic bis auf ein paar Meter dran ist, kniet sich hin und köpft den Ball ins Tor. Wirklich ein tolles Ding, stellen Sie sich das mal vor!
Haben Sie auch davon ein Foto?
Leider nicht. Die Münchener waren doch klarer Favorit, warum hätte ich mich also hinter das Tor der Sechzger stellen sollen?
Sie haben seit 1954 beinahe jedes große Turnier verfolgt. Welche Veranstaltung war die Schönste?
Mexiko 1970.
Warum?
Waren Sie schon mal in Mexiko?
Nein.
Ein herrliches Land, müssen Sie unbedingt mal hin. Die WM war wunderschön, allein die beiden Spiele der Deutschen gegen England und Italien waren die lange Reise wert. Außerdem habe ich dort gutes Geld verdient. Die meisten Sportfotografen haben sich ja nicht nur die Spiele, sondern auch die Trainingseinheiten und Mannschaftshotels angeschaut. Was sollte ich dort? Ich bin lieber durch die Gegend gefahren und habe Land und Leute fotografiert. Die Bilder habe ich dann an Reisemagazine verkaufen können.
Und die negativste Erfahrung als Fotograf?
Die musste ich ebenfalls in Mexiko erleben: 1992 spielte die deutsche Nationalmannschaft erst in San Francisco gegen die USA, dann in Mexiko. Ich hatte extra meine Frau und meine Kinder mitgenommen, wir wollten Urlaub in Acapulco machen. Ich fuhr also über die Autobahn, als mich die Polizei anhielt und mich aufforderte, den Kofferraum zu öffnen. »Und nun holen sie mal ihre Papiere!« Als ich vom Handschuhfach wiederkam, war der ganze Kofferraum voller Waffen! Gewehre, Pistolen, Granaten, Munition. Das hatten die mir blitzschnell untergejubelt.
Wie ging es weiter?
Die Polizisten verlangten 10.000 Dollar, sonst würde man uns einsperren. Meine Frau, frech wie sie war, drückte dem Beamten 20 Dollar in die Hand und meinte: »Mehr haben wir nicht.« Die Kerle haben die Waffen wieder ausgeladen und wir durften weiterfahren. Ich hatte mich schon wieder im Knast sitzen sehen.
Gemeinsam mit Dieter Gräbner hat Ferdi Hartung 2007 einen formidablen Fotoband veröffentlicht. Hier geht es zur Ansicht!



