11.11.2010

Sportfotograf Ferdi Hartung erinnert sich

»Pelé lud mich ein«

Seit fast 60 Jahren ist Sportfotograf Ferdi Hartung auf den großen und kleinen Sportplätzen des Planeten zu Hause. Er beschenkte Pelé und soff mit Felix Magath. Wir sprachen mit ihm über sein Leben. Und zeigen seine schönsten Bilder.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Sportfotograf Ferdi Hartung erinnert sich

Ferdi Hartung, Sie sind einer der bekanntesten deutschen Sportfotografen aller Zeiten. Wann begann Ihre Karriere?

1954, bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz. In Lausanne sollte das Eröffnungsspiel Frankreich gegen Jugoslawien stattfinden. Ich setzte mich auf meine Vespa und fuhr von Saarbrücken zum Spielort. Eine Akkreditierung hatte ich nicht, ich musste mich ins Stadion schleichen. Dort hockte ich also neben dem Tor, bis mich nach einigen Minuten ein Ordner entdeckte, die Polizei rief und mich rausschmeißen ließ.



Und das Turnier war für Sie gelaufen?

Ach was! Ich habe mich einfach noch mal ins Stadion geschmuggelt und meine Bilder gemacht. Das ging auch einige Zeit gut, bis mich derselbe Ordner erneut entdeckte, am Kragen packte und in einen Raum unter der Tribüne einsperrte. Dort saß ich dann bis zum Abpfiff. Ein etwas ungewöhnlicher Berufsstart, finden Sie nicht?

Wie sind Sie überhaupt zur Fotografie gekommen?

In Saarbrücken hatte ich kurz vor dem Turnier meine Ausbildung als Drogist bestanden. Mit Auszeichnung! Bis auf eine Ausnahme: Im Teilbereich »Fotografie« bekam ich eine Fünf. Was mich nicht davon abgehalten hat, ein Praktikum in einem Fotogeschäft zu machen. Der Chef hat mir auch gleich eine Kamera in die Hand gedrückt und mich ins Stadion Kieselhumus (bis 1953 Stadion des 1. FC Saarbrücken, der 1953 in den neu gebauten Ludwigspark umzog, d. Red.) mitgenommen – ich musste die Zuschauer fotografieren. Alle 15 Meter ein neues Bild. Die Fotos haben wir damals zusammengesetzt und im Laden ausgestellt. Quasi das erste Stadionposter Deutschlands. Das erste halbe Jahr durfte ich nur die Tribünen fotografieren, die Spielszenen waren dem Chef vorenthalten. Das änderte sich erst 1954.

Das Eröffnungsspiel haben Sie also im Stadionknast verbringen müssen. Hat man Sie später wenigstens ungestraft arbeiten lassen?

Na klar. Aber auch nur, weil ich Glück hatte: Das Saarland hatte damals genau eine Innenraumakkreditierung bekommen, die hatte ein Fotograf von der »Sportwelt«. Der hatte nach dem 3:8 der Deutschen gegen Ungarn keine Lust mehr auf die Veranstaltung und ist einfach abgereist. Seine Armbinde, damals quasi der notwendige Presseausweis, hat er mir geschenkt. Und mir damit zum Geschäft meines Lebens verholfen.

Wie meinen Sie das?

Mit den Bildern vom WM-Finale 1954 verdiene ich noch heute, mit bald 80 Jahren, das meiste Geld! Beim Endspiel von Bern waren nur drei deutsche Fotografen vor Ort – und ich war einer von ihnen.

Das ist jetzt 56 Jahre her. Was sind die wesentliche Unterschiede zwischen der Sportfotografie von damals und heute?

Früher war es spannender. Selbst wenn du dir sicher warst ein tolles Motiv getroffen zu haben, konntest du ja erst im Fotolabor genau wissen, ob das Bild nun wirklich so toll war, oder nicht. War der Ball auf dem Foto? Ist das Bild doch überbelichtet? Hat die Filmrolle Schaden genommen? Das ist heute, mit der digitalen Fotografie, natürlich etwas ganz anderes. Du siehst sofort, was du produziert hast. Das mag bequemer sein, aber ein Abenteuer ist es nicht.

Was hat sich noch verändert?

Heute stehst du als Fotograf sehr weit weg vom Spielfeld, sogar noch hinter der Werbebande. Früher saßen und knieten die Fotografen direkt hinter dem Tor, ich war der Erste, der damit anfing, sich sogar hinter das Tor zu legen. Dadurch hatte ich natürlich eine ganz eigene und neue Perspektive. Die dadurch entstandenen Bilder haben mir später zu Preisen verholfen.

Welche Fähigkeiten muss ein guter Sportfotograf eigentlich besitzen?

Vor allem: Ahnung von dem Sport, den er da fotografiert. Ich war mein Leben lang Fußballfan, und habe auch selber gespielt. Ich hatte also eine ungefähre Ahnung davon, wann Stürmer und Torwart zum Ball hoch springen, oder wann ein Spieler aufs Tor schießt. Und ich wusste, hinter welchem Tor ich die besten Chancen auf gute Bilder bekommen würde.

Sie konnten sich Ihren Platz selbstständig aussuchen?

Oh ja. Das änderte sich erst bei der WM 1978 in Argentinien, als wir plötzlich Leibchen mit Nummern bekamen: Ungrade hinter Tor A, grade hinter Tor B. Was habe ich mich aufgeregt, als ich beim Spiel Deutschland gegen Österreich in Cordoba hinter das deutsche Tor kommandiert wurde! Wenn der Ball ins Netz gehen würde, so dachte ich, dann doch ins Tor der Österreicher. Es kam alles etwas anders, wie wir heute wissen. Österreich gewann mit 3:2 und ich hatte die Bilder vom Siegtreffer. Dabei wäre ich freiwillig nie hinter das deutsche Tor gegangen.

Sie saßen damals extrem nah am Spielfeld – sicherlich nicht ungefährlich.

Beim Spiel Saarbrücken gegen Borussia Neunkirchen ist mir der Saar-Nationalspieler Siedl (Gerd Siedl, d. Red.) mal so unglücklich entgegen gerutscht, dass ich mir zwei Rippen brach. Und nach einem Spiel in Offenbach musste ich mit Lungenentzündung ins Krankenhaus – 90 Minuten lang hatte ich auf dem nasskalten Rasen gelegen. Einmal krachte ein harter geschossener Ball während der Partie Hertha BSC gegen Eintracht Frankfurt genau auf meine Linse, die Kamera schlug mir so heftig gegen das Gesicht, dass ich vier Wochen lang nicht unter die Leute gehen konnte – das ganze Gesicht war blau. Mehr ist mit in einem halben Jahrhundert Sportfotografie aber nicht passiert.

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