»Sport-Bild«-Reporter Raimund Hinko über Lothar Matthäus

»Lothar ist ein Opfer«

»Sport-Bild«-Reporter Raimund Hinko über Lothar Matthäus

Raimond Hinko, Sie kennen Lothar Matthäus so gut wie nur wenige in Deutschland. Bitte erklären Sie es uns: Warum hat Matthäus einen so schlechten Ruf?

Raimund Hinko: Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens: Weil er selber viel dafür getan hat, zweitens: Weil ein Typ wie Lothar ein ideales Opfer für das typisch deutsche Schubladendenken ist.

Was meinen Sie damit?

Raimund Hinko: Die Klischees, die mit ihm assoziiert werden! Seit er sich damals bei seiner Vorstellung bei den Metro Stars etwas mit seinem englisch verhaspelte, glaubt Gott und die Welt, dass Lothar Matthäus zu blöd ist, englisch zu sprechen. Das ist Quatsch. Dieser Mann ist seit Jahren im Ausland unterwegs und muss sich nicht nur im Alltag, sondern auch auf dem Trainingsplatz auf englisch verständigen. Auch mit seiner Ex-Frau Marijana hat er die meiste Zeit englisch sprechen müssen. Ich denke, sein englisch ist teilweise deutlich besser, als das seiner Kritiker.

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Viele sagen: Den Matthäus kann man doch nicht unbeaufsichtigt als Deutscher ins Ausland schicken.

Raimund Hinko: Noch so ein dämliches Klischee. Ich habe mal ein Interview mit Charlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, geführt. Und die hat mir bestätigt, dass Lothar Matthäus in seinem Jahr als Trainer von Maccabi Netanya mehr für die deutsch-israelischen Beziehungen geleistet hat, als so mancher Politiker.

Klischee Nummer drei: Lothar und die Frauen.

Raimund Hinko: Da weiß er selber, dass er Fehler gemacht hat. Auch ich denke, dass die Ehe mit Liliana nicht hätte sein müssen. Aber das ist sein Privatleben und damit auch seine Angelegenheit. Seinem Sohn hat er jedenfalls schon gewünscht: »Ich hoffe, dass du mehr Glück mit den Frauen haben wirst, als ich.«

Wenn Sie an den Fußballer Lothar Matthäus denken, was fällt ihnen da als Erstes ein?

Raimund Hinko: Seine beiden Tore im deutschen Auftaktspiel bei der WM 1990 gegen Jugoslawien. Wie er da über den Platz marschierte und den Ball ins Tor wuchtete, das war atemberaubend. Mit dieser Leistung hat er Deutschland den Weg zur Weltmeisterschaft geebnet, seine Leistung in diesem Spiel hat der ganzen Mannschaft klar gemacht: Wir können dieses Turnier tatsächlich gewinnen! Andreas Brehme sagte damals nach dem Spiel zu mir: »Jetzt verlieren wir kein Spiel mehr.«

Welche Anekdote verbindet Sie mit Lothar Matthäus?

Raimund Hinko: Da gibt es unzählige Geschichten. Einmal besuchte ich ihn in Mailand, er spielte damals gemeinsam mit Andreas Brehme bei Inter. Wir fuhren in seinem kleinen roten Peugeot Cabrio vom Mailänder Trainingsgelände zu seinem Haus bei Como. Plötzlich tauchte vor uns ein Hindernis auf: Ein Lastwagen stand dicht an einer Mauer, eigentlich kein Vorbeikommen. Nicht für Lothar. Er sagte zur mir: »Wetten, dass wir da durchkommen?« Der Kerl, er wusste ja, dass ich weiß Gott kein Freund von Schnellfahrerei war! Ich wollte noch was sagen, da raste er auch schon los. Wir kamen tatsächlich durch – nur ein Außenspiegel fehlte.

War er auch als Privatmensch so ein Draufgänger?

Raimund Hinko: Überhaupt nicht. Ich kenne ihn als sehr nachdenklichen und fürsorglichen Menschen. Wenn er mich sah und ich nicht gesund wirkte, gab er mir immer gleich ein paar Wohlfühltipps: »Iss gesünder und arbeite nicht so viel!« So ist Lothar Matthäus, ein äußerst sympathischer Kerl.

Und warum will ihn dann kein Bundesligist als Trainer verpflichten?

Raimund Hinko: Ich weiß es nicht. Aber ich halte es für töricht, dass das noch nicht passiert ist! Ich kenne keinen Menschen auf der Welt, der so schnell und so präzise ein Spiel analysieren und anschaulich erklären kann, wie Lothar Matthäus. Ein Beispiel: Bei Atlético Paranaense war er zwar nur sechs Wochen, aber in der Zeit besuchte ich ihn für eine Story. Nach dem Training schleppte er seine gesamte Mannschaft vor den Fernseher, sie sahen sich ein Spiel der Champions League an. Die Jungs hingen an seinen Lippen, als er ihnen erklärte, warum die eine Mannschaft so und die andere Mannschaft so spielte. Phänomenal. Was die analytischen Fähigkeiten angeht, kann es Lothar Matthäus mit solchen Koryphäen wie Berti Vogts und Jupp Heynckes aufnehmen.

Wäre er denn in der Lage, eine Bundesliga-Mannschaft anzuführen?

Raimund Hinko: Durchaus. Er kann sich für Fußball begeistern, wie ein kleines Kind. Und die Begeisterung überträgt er auf seine Spieler. Zugegeben, nicht alle Trainerstationen waren bislang von Erfolg gekrönt, aber in Belgrad, wo er Partizan 2003 erstmalig in die Champions League führte, tragen ihn die Menschen auf den Schultern, so bald er die Stadt betritt. Eine ähnliche Euphorie könnte er auch in Deutschland entfachen.

Raimund Hinko, heute wird Lothar Matthäus 50 – was wünschen Sie ihm zum Geburtstag?

Raimund Hinko: Er braucht einen soliden Verein aus dem Mittelfeld der 1. Bundesliga, bei dem er die Möglichkeit bekommt, eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zu formen. Dann bin ich mir sicher, dass auch seine letzten Kritiker verstummen werden.

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