Spielanalytiker Clemens im Interview

»England ist Längen voraus«

Wohin entwickelt sich der Fußball? Wir sprachen mit Christofer Clemens von »MasterCoach« über 4-4-2, 3-5-2 und andere Zahlenspiele,  die Fußball-Datenflut, unbelehrbare Schleifer und den perfekten Trainer.   Spielanalytiker Clemens im InterviewImago

Herr Clemens, es wird viel über den modernen Fußball gesprochen. Wohin geht denn tatsächlich der Trend?

Seit zweieinhalb Jahren wird verstärkt daran gearbeitet, sich Handlungsalternativen in der Offensive anzueignen. Die WM 2006 war noch geprägt von der Qualität der Defensivleute und der Organisation einer Mannschaft. Das war entscheidend. Nicht umsonst gewann Italien den Weltmeistertitel, und nicht umsonst ist mit Fabio Cannavaro ein Abwehrspieler zum besten Mann des Turniers gewählt worden. Weil inzwischen selbst Teams wie San Marino oder Liechtenstein - zumindest über eine bestimmte Zeit - recht gut organisiert sind, wird das Offensivspiel immer wichtiger. Es geht darum, die gegnerischen Abwehrreihen aus der Balance zu bringen.

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Und wie schafft man das?

Zum Beispiel durch das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff, wie beim 1:0 von Schweinsteiger im EM-Viertelfinale gegen Portugal. Die Spanier haben auch auf diese Weise in der Vorrunde oder im Halbfinale ihre Tore erzielt. Überhaupt hat Spanien bei der Euro einen nahezu perfekten Fußball gezeigt. Die Laufbereitschaft war hoch und die Ballannahme- und -mitnahme selbst unter Druck sehr sicher. Schnelligkeit in der Ballverarbeitung und die läuferische Komponente – darauf kommt es an.

Was den Klubfußball angeht, sind die englischen Teams derzeit das Maß aller Dinge. Lässt sich das in Zahlen ausdrücken?

Das Spiel der englischen Mannschaften schaut nicht nur sehr schnell aus, sondern ist es auch unter objektiven Gesichtspunkten. Verglichen mit der Premier League sind beispielsweise die Ballkontaktzeiten in der Bundesliga doppelt so hoch.

Schnell spielen muss nicht immer gut sein, sondern kann auch zu einer hohen Fehlpassquote führen.


Das ist richtig. Aber auch wenn man diesen Punkt einbezieht, sind die englischen Spitzenklubs der Bundesliga um Längen voraus. Die Topteams der Premier League brauchen die Hälfte der Zeit, um den Ball erfolgreich zum eigenen Mann zu spielen. In der Bundesliga dauert das durchschnittlich 1,9 Sekunden, in der Premier League eine Sekunde. Ein solch schnelles Spiel erfordert hohe technische Fähigkeiten. Der Spieler muss den Ball so annehmen und mitnehmen, dass er ihn gleich weiterspielen kann.

In Deutschland ist diese Entwicklung verschlafen worden. Holen die Bundesligateams in punkto Spieltempo wenigstens auf?

Das Bestreben, an internationale Maßstäbe heranzukommen, ist spürbar. Aber man braucht die Spieler dafür. Es gilt im Jugendbereich anzusetzen. Dort braucht es gute Trainer, die die Talente fußballerisch optimal ausbilden. Das dauert und erfordert Geduld. Die Franzosen hatten vor 15 Jahren auch Probleme, leisteten dann aber im Jugendbereich vorbildliche Arbeit und müssen nun aufpassen, dass sie nicht wieder in ein Loch fallen.

4-4-2, 3-5-2 oder das Vierermittelfeld als Raute - in Expertenrunden wird viel über taktische Formationen diskutiert. Wird deren Bedeutung für den Ausgang des Spiels nicht überbewertet?

Das sind schöne Zahlenspiele, mit denen ich so meine Probleme habe. Sie sagen allenfalls etwas über die grundsätzliche Ordnung aus, mehr aber auch nicht. Wenn der Trainer taktisch gut ausgebildete Spieler hat, ist es egal ob er mit einem oder zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr spielen lässt. Die Leute wissen dann schon, was in der oder der Situation zu tun ist. Die Holländer haben bei der EM mit einem 4-2-3-1-System gespielt. Aber wenn die in Ballbesitz waren, kamen die plötzlich mit drei Stürmern und drei Mittelfeldspielern.

Naht das Ende der klassischen Rollenverteilung im Fußball?

Eine gewisse Spezialisierung wird es wohl immer geben. Ein linker Verteidiger muss aber heute wissen, wie er sich zu verhalten hat, wenn er mal im zentralen Mittelfeld auftaucht. Im modernen Fußball wird von den Akteuren ein hohes Maß an Flexibilität und Spielverständnis verlangt.

Dank modernster Technik können Sie eine Fülle von Daten liefern. Was erfahren die Trainer von Ihnen?

Da sind zunächst einmal die läuferischen Parameter: wie viel läuft ein Spieler, wohin läuft er und in welcher Intensität tut er das. Zudem liefert das System technisch-taktische Informationen, zum Beispiel die Ballkontaktzeiten, die Passgeschwindigkeit, wie viele erfolgreiche Pässe gespielt wurden. Der Trainer weiß, wo er ansetzen muss.

Bleibt das Spiel trotz all der Daten nicht unkalkulierbar?

Unkalkulierbar halte ich für übertrieben. Natürlich gibt es  immer Überraschungen. Aber ich bin überzeugt davon, dass man die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs erhöhen kann. Und die technische Spielanalyse kann ihren Teil dazu beitragen.

Rafael Benitez, Trainer des FC Liverpool und Laptop-Guru, hat die digitale Datensammlung als seine Geheimwaffe bezeichnet.


Das soll er mal gesagt haben. Tatsache ist, dass der FC Liverpool einen sehr kalkulierten und durchdachten Fußball spielt. Das mag nicht immer sehr attraktiv aussehen, aber Benitez ist recht erfolgreich damit. Die Klubs der Premier League haben als erstes erkannt, wie wichtig eine professionelle und objektive Spielanalyse ist. Die haben vor zehn Jahren bereits damit begonnen. Dann kamen die Spanier und später die Franzosen. Inzwischen ist auch in Deutschland erkannt worden, welche Vorteile die moderne Spielanalyse bringt.

Gibt es im deutschen Profifußball Trainer, die sich dieser Entwicklung dennoch verschließen?

Es wird immer Trainer geben, die sich nicht für die Informationen dieser Analysen interessieren und argumentieren: »Wichtig ist aufm Platz«. Aber diese Trainer werden weniger. Viele fangen an, sich für die Technik zu interessieren - wahrscheinlich auch, weil die anderen sie haben. Das ist auch eine Generationenfrage.

Sie haben mit Ihren Kollegen tausende von Spielen seziert und kennen viele Trainer persönlich. Wer ist der Beste?

(Überlegt) Ich sage mal so: Die Spielorganisation und das taktische Verständnis von Rafael Benitez, dazu der Offensivfußball von Arsène Wenger und die Vermittlungsfähigkeit und der Humor von Jogi Löw – dann käme der perfekte Trainer raus.

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Digitale Spielanalyse

Christofer Clemens ist Vertriebsleiter des Unternehmens MasterCoach, welches als Teil der europäischen Amisco Gruppe nach eigenen Angaben zufolge Marktführer in Europa und Deutschland für visuelle Analyse-Lösungen im Profifußball ist. Zu den Kunden zählen in der Bundesliga Bayer Leverkusen, VfB Stuttgart, Hamburger SV, Borussia Dortmund, TSG Hoffenheim und FC Bayern München.

Die Daten werden mit acht fest installierten Kamerasensoren ermittelt, die unter dem Stadiondach angebracht sind. Rund 50 Stadien in Europa sind mit dieser Technik ausgerüstet. Ab 30.000 Euro gibt es die Installation. Für eine aussagekräftige Analyse der eigenen Spiele ist eine Investition ab 50.000 Euro pro Saison notwendig.

Mit Hilfe von Computerprogrammen kann jedes Spiel aus der Vogelperspektive analysiert und in seine Einzelteile seziert werden. Das System liefert eine Vielzahl von Daten: Wie viel ist ein Spieler gelaufen? Wie oft ist er gesprintet? In welcher Intensität? Jedes Ereignis lässt sich herausfiltern: Tore, Befreiungsschläge, Zweikämpfe. Man kann sich von jedem Spieler alle Pässe als Pfeile anzeigen lassen, ihre Richtung, ihre Länge und ob sie beim Mitspieler oder beim Gegner gelandet sind.


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