29.09.2008

Spielanalytiker Clemens im Interview

»England ist Längen voraus«

Wohin entwickelt sich der Fußball? Wir sprachen mit Christofer Clemens von »MasterCoach« über 4-4-2, 3-5-2 und andere Zahlenspiele,  die Fußball-Datenflut, unbelehrbare Schleifer und den perfekten Trainer.  

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Herr Clemens, es wird viel über den modernen Fußball gesprochen. Wohin geht denn tatsächlich der Trend?

Seit zweieinhalb Jahren wird verstärkt daran gearbeitet, sich Handlungsalternativen in der Offensive anzueignen. Die WM 2006 war noch geprägt von der Qualität der Defensivleute und der Organisation einer Mannschaft. Das war entscheidend. Nicht umsonst gewann Italien den Weltmeistertitel, und nicht umsonst ist mit Fabio Cannavaro ein Abwehrspieler zum besten Mann des Turniers gewählt worden. Weil inzwischen selbst Teams wie San Marino oder Liechtenstein - zumindest über eine bestimmte Zeit - recht gut organisiert sind, wird das Offensivspiel immer wichtiger. Es geht darum, die gegnerischen Abwehrreihen aus der Balance zu bringen.



Und wie schafft man das?

Zum Beispiel durch das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff, wie beim 1:0 von Schweinsteiger im EM-Viertelfinale gegen Portugal. Die Spanier haben auch auf diese Weise in der Vorrunde oder im Halbfinale ihre Tore erzielt. Überhaupt hat Spanien bei der Euro einen nahezu perfekten Fußball gezeigt. Die Laufbereitschaft war hoch und die Ballannahme- und -mitnahme selbst unter Druck sehr sicher. Schnelligkeit in der Ballverarbeitung und die läuferische Komponente – darauf kommt es an.

Was den Klubfußball angeht, sind die englischen Teams derzeit das Maß aller Dinge. Lässt sich das in Zahlen ausdrücken?

Das Spiel der englischen Mannschaften schaut nicht nur sehr schnell aus, sondern ist es auch unter objektiven Gesichtspunkten. Verglichen mit der Premier League sind beispielsweise die Ballkontaktzeiten in der Bundesliga doppelt so hoch.

Schnell spielen muss nicht immer gut sein, sondern kann auch zu einer hohen Fehlpassquote führen.


Das ist richtig. Aber auch wenn man diesen Punkt einbezieht, sind die englischen Spitzenklubs der Bundesliga um Längen voraus. Die Topteams der Premier League brauchen die Hälfte der Zeit, um den Ball erfolgreich zum eigenen Mann zu spielen. In der Bundesliga dauert das durchschnittlich 1,9 Sekunden, in der Premier League eine Sekunde. Ein solch schnelles Spiel erfordert hohe technische Fähigkeiten. Der Spieler muss den Ball so annehmen und mitnehmen, dass er ihn gleich weiterspielen kann.

In Deutschland ist diese Entwicklung verschlafen worden. Holen die Bundesligateams in punkto Spieltempo wenigstens auf?

Das Bestreben, an internationale Maßstäbe heranzukommen, ist spürbar. Aber man braucht die Spieler dafür. Es gilt im Jugendbereich anzusetzen. Dort braucht es gute Trainer, die die Talente fußballerisch optimal ausbilden. Das dauert und erfordert Geduld. Die Franzosen hatten vor 15 Jahren auch Probleme, leisteten dann aber im Jugendbereich vorbildliche Arbeit und müssen nun aufpassen, dass sie nicht wieder in ein Loch fallen.

4-4-2, 3-5-2 oder das Vierermittelfeld als Raute - in Expertenrunden wird viel über taktische Formationen diskutiert. Wird deren Bedeutung für den Ausgang des Spiels nicht überbewertet?

Das sind schöne Zahlenspiele, mit denen ich so meine Probleme habe. Sie sagen allenfalls etwas über die grundsätzliche Ordnung aus, mehr aber auch nicht. Wenn der Trainer taktisch gut ausgebildete Spieler hat, ist es egal ob er mit einem oder zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr spielen lässt. Die Leute wissen dann schon, was in der oder der Situation zu tun ist. Die Holländer haben bei der EM mit einem 4-2-3-1-System gespielt. Aber wenn die in Ballbesitz waren, kamen die plötzlich mit drei Stürmern und drei Mittelfeldspielern.

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