22.07.2013

Souleymane Sané im großen Karriere-Interview

»Du kannst der Erste sein, der etwas bewegt!«

Er war der erste Schwarze, der den Rassisten in Bundesligastadien die Stirn bot. Er versuchte sich im Ringen, Boxen und Breakdance – und hörte mit dem Fußball erst auf, als er 47 Jahre alt war. Souleymane Sané in unserer Rubrik »Der Fußball, mein Leben und ich«.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Haben Sie sich heimisch gefühlt?
Wenn man neu ist, fühlt man sich überall zunächst ein bisschen fremd. So verhielt es sich ja auch mit dem Senegal: Als ich mein erstes Länderspiel machte, lebte ich lange schon in Deutschland und kannte ganz andere Maßstäbe. Ich kam damals im Mannschaftshotel an und dachte, ich sei auf einem Flohmarkt gelandet. Da gingen neben den Spielern hunderte von wildfremden Menschen ein und aus. Plötzlich saßen Verwandte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, bis tief in die Nacht bei mir auf dem Zimmer – vor einem wichtigen Spiel.
 
Wie fanden Sie im Schwarzwald Anschluss?
Durch den Fußball. Ein Leutnant hatte meine Akten durchgesehen. Er fragte: »Was machst du hier? Du bist Fußballprofi!« Ich erklärte ihm die Situation. Dann sagte er, dass die Lage leider aussichtslos sei und ich das Beste draus machen solle. Er integrierte mich in die Kompaniemannschaft, mit der wir ein Soldaten-Turnier spielten und gewannen – das erste Mal seit 20 Jahren. Später nahm er mich mit zum FV Donaueschingen, die gerade gegen den Abstieg spielten. In dieser Mannschaft spielten zwei Lehrer, die gutes Französisch sprachen. Mit denen habe ich sehr viel Deutsch geübt.
 
Hatten Sie damals vor, nach Frankreich zurückzugehen?
Auf jeden Fall. Ich wollte ein Jahr meinen Militärdienst ableisten, parallel für Donaueschingen spielen – und dann wieder heim. Es kam anders. Denn der Präsident bat mich ein weiteres Jahr zu bleiben. Er konnte mir mithilfe eines Sponsors ein ähnliches Gehalt zahlen, das ich auch in Frankreich bekommen hätte. Gleichzeitig musste ich bei dem Sponsor, einem Schuhfabrikanten, arbeiten.
 
War das nicht trotzdem ein Rückschritt für Sie? Schließlich waren Sie zuvor auf dem Weg in die erste französische Liga.
Die Sache mit der Arbeit war ein wenig seltsam für mich. Ich hatte zwar vier Jahre als Konditor gearbeitet, wo ich um 4 Uhr morgens aufstehen musste – aber als ich in der Zweiten Liga anfing, habe ich das beendet. Und ja, auch sportlich war es natürlich ein Rückschritt, und ich habe mich oft gefragt, ob das klug ist. Schließlich entschied ich mich: Ein Jahr noch Donaueschingen – und dann kann ich immer noch zurück nach Frankreich.
 
Sie blieben aber, weil der SC Freiburg sie verpflichtete. War es damals üblich, dass Scouts von Profiklubs auf Landesligaplätzen nach neuen Spielern suchten?
Die hatten über mich in den Zeitungen gelesen. Hier Sané fünf Tore, da Sané sechs Tore. Stuttgarter Kickers, Hessen Kassel und Kickers Offenbach fragten an. Die meisten dachten allerdings, ich sei eh bald wieder weg. Sie wussten nicht, dass ich gar nicht mehr beim Militär war. Schließlich gab jemand den Freiburgern einen Tipp – und dann stand eines Tages Achim Stocker auf dem Platz und beobachtete ein Spiel, bei dem ich schon in der ersten Halbzeit fünf Tore machte. Nach dem Spiel kam unser Trainer zu mir und sagte: »Weißt du, wer heute hier war? Der Präsident vom SC Freiburg! Er will sich nächste Woche mit dir treffen!«

>> Souleymane Sanés Karriere in Bildern
 
Nach zwei Jahre Amateurfußball kehrten Sie also in den Profifußball zurück. Hatten Sie keine Sorge, dass Sie sich zwischenzeitlich verschlechtert hatten?
Doch, klar. Zumal in der Zweiten Liga beim SC ein anderer Wind wehte. Ich lernte, was deutsche Disziplin heißt. Früher, in Frankreich, war ich immer fünf Minuten vor Trainingsbeginn gekommen, jetzt hieß es: Eine halbe Stunde vor Start in der Kabine. Ich zuckte mit Schultern, egal, dachte ich. Am Ende des Monats guckte ich dann ins Portemonnaie und dachte: Wo sind die 500 Mark hin? Alles war für Strafen draufgegangen. Danach habe ich einige Dinge geändert. (lacht)
 
Auch Ihr Spiel?
Das musste ich. Einmal sagte Jörg Berger: »Du kannst gerne weiterhin mit Hacke und Beinschüssen spielen. Nur sei dir sicher: Beim ersten Mal wird niemand was sagen, beim zweiten Mal können wir den Krankenwagen rufen.« Und er hatte Recht, die Spieler in der Zweiten Liga gingen viel härter rein, und wer gefoppt wurde, der trat richtig drauf. Ich lernte also abzugeben.
 
Und Sie trafen regelmäßig. In der ersten Saison 17 und der zweiten 18 Mal. Warum bekamen Sie eigentlich keine Angebote von Bundesligaklubs?
Das habe ich mich damals auch häufig gefragt. Nicht dass ich auf Teufel komm raus aus Freiburg wegwollte, doch die Bundesliga reizte natürlich. Nach der zweiten Saison nahm mich Jörg Berger zur Seite und sagte: »Du musst immer besser als Deutscher sein. Gleichgut reicht nicht!« Na dann, dachte ich, werde ich halt Torschützenkönig... 
 
...mit 21 Toren in der dritten Saison. Sie waren der Stürmerstar im Breisgau. Blieb Freiburg für Sie trotzdem so familiär und unaufgeregt wie zu Beginn?
In Freiburg konnten Fußballprofis entspannt durch die Stadt gehen. In Nürnberg wurde das Ganze ein bisschen größer. Damals wussten die Fans ja auch, wo wir wohnen. Die standen fast täglich vor unserer Tür und fragten nach Autogrammen. Das hat mir zwar geschmeichelt, allerdings war ich meistens gar nicht zu Hause. Und meiner Frau wurde das irgendwann zu viel, und sie hing einen Zettel vor die Tür: »Für Autogrammwünsch fragt doch bitte direkt beim Verein nach. Danke!«
 
Es gab auch andere Fans, die sie jahrelang aufs Übelste beschimpften. Wie sind Sie damit umgegangen?
Anfangs habe ich nicht verstanden, was sie gerufen haben. »Husch, husch, Neger in den Busch!« Was sollte das? Später, als ich die deutsche Sprache besser beherrschte, hat mich das natürlich getroffen. Das prallte jedenfalls nicht ab. Manchmal habe ich versucht, diese Schreier über Ironie bloßzustellen.
 
Was haben Sie gemacht? 
Einmal, als ich beim HSV ein Tor gemacht hatte, bin ich zur Eckfahne gelaufen und habe getanzt. Dann hagelten die Bananen und Orangen auf mich nieder. Ich hob eine Banane auf, schälte und aß sie.
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