23.11.2011

Souleyman Sané über Rassismus

»...und dann seid Ihr stumm«

Samy Sané kam als einer der ersten Afrikaner in die Bundesliga. Einigen Zeitgenossen fiel keine bessere Begrüßung ein, als ihm Bananen zuzuwerfen. Im Gespräch erklärt er uns, wie er den Rassisten die Stirn bot.

Interview: Andreas Bock Bild: imago
Viele würden Ihnen per Definition widersprechen. Fehlten in den späten 80er Jahren vielleicht auch Aufklärungskampagnen, die darüber informierten, wann Rassismus anfängt?

Vielleicht. De facto gab es damals kaum Diskussionen über dieses Thema. Anthony Yeboah, Tony Baffoe und ich schrieben deshalb einen öffentlichen Brief an alle Fußballfans. Danach gründeten sich einige Organisationen, die über Rassismus in Fußballstadien informierten, und auch die Vereine begannen, sich mit der Thematik zu beschäftigen.

Wie sieht gute Aufklärungsarbeit für Sie aus?

Ich denke, dass die schon zu Hause anfangen muss. Die Eltern müssen ihren Kindern erklären, warum die Menschen unterschiedliche Hautfarben haben, warum sie unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Gewohnheiten pflegen. Und sie müssen ihnen beibringen, mit jedem Menschen respektvoll umzugehen, egal welcher Herkunft er ist. Sie müssen ihnen aus der Geschichte Deutschlands erzählen, darüber berichten, dass vor 40 oder 50 Jahren Italiener und Türken nach Deutschland geholt wurden, um dieses Land aufzubauen. Und man muss den Kindern verdeutlichen, dass alle voneinander lernen können, und dass man niemals pauschalisieren soll. Natürlich gibt es schlechte Schwarze, es gibt genauso gut auch schlechte Deutsche, Polen, Franzosen. Was mich immer sehr aufgeregt hat, war dieses ständige Verallgemeinern.

Sie wurden in einem DFB-Pokal-Spiel gegen den HSV im Volksparkstadion 90 Minuten lang mit Neger-raus-Rufen beschimpft. Sie gewannen mit Wattenscheid 2:1 und erzielten selbst ein Tor. Danach sagten Sie: »Nix Neger raus, der HSV ist raus!«. Waren Spiele wie diese eine besondere Motivation für Sie?

Manchmal. Wie ich schon sagte: Am Anfang habe ich die Leute nicht verstanden. Ich wusste, dass sie mich beschimpfen, aber ich verstand nicht, was sie sagten. Und ich konnte mich verbal nicht verteidigen. Ich war also anfangs vollkommen machtlos. Ich versuchte die Sprüche zu ignorieren oder sie als Motivation zu sehen. Ich wollte diesen Rassisten die Stirn bieten.

Tony Baffoe begegnete dem Rassismus sehr offensiv. Einem Fan, der ihn rassistisch beleidigte, entgegnete er: »Du kannst auf meiner Plantage arbeiten!« War dieser ironische Umgang mit Rassismus für Sie eine Option?

(lacht) Der Tony war immer so. Und er beherrschte die deutsche Sprache perfekt. Er sprach besser Deutsch als manch Deutscher. Dann kann man das natürlich machen. Dann kann man den Rassisten mit Ironie bloßstellen. Aber für mich war das schwierig – eben aufgrund der Sprachbarriere. Ich konnte nur über Tore und gute Spiele die Rassisten mundtot machen. Immer wenn diese Affenrufe losgingen, dachte ich: Gleich schieße ich ein Tor, und dann seid Ihr stumm!

Es war auch Tony Baffoe, der sagte: »Ein Afrikaner muss mehr Leistung bringen als ein Deutscher.« Sind Sie derselben Meinung?

Das gilt nicht nur für Afrikaner, das gilt generell für Ausländer. Und das hat auch nichts damit zu tun, dass der Ausländer per se benachteiligt wird, sondern das liegt einfach an dem Fakt, dass der Spieler extra aus dem Ausland geholt wurde. Das ganze Umfeld – also Presse, Fans und auch Mitspieler – fragt sich doch: Warum holt man den Spieler aus dem Ausland? Der muss etwas Besonderes können. Und die wissen auch, dass wir Afrikaner die Sportart ganz gut beherrschen. Die Erwartungshaltung ist also sofort hoch. Und ähnlich ist es ja auch, wenn ein Brasilianer verpflichtet wird oder wenn ein Deutscher nach Afrika geht.

Nicht nur die Fans beschimpften Sie, auch die Spieler. Der Kölner Paul Steiner pöbelte mal: »Scheiß Nigger, hau ab! Was willst du in Deutschland?« Hat er sich jemals dafür entschuldigt?

Ach, das ist fast 20 Jahre her, und ich habe das längst vergessen. Ein Spruch im Eifer des Gefechts. Vielleicht war das damals auch sein Mittel, um mich auszuschalten. Andere ziehen, spucken oder foulen. Er beleidigte mich. Er wusste wahrscheinlich selbst, dass das nicht korrekt war. Er denkt heute bestimmt auch anders. Wir sind ja erwachsen geworden.

Wie sind die Fans mit Ihnen abseits des Stadions umgegangen?


Da habe ich erstaunlicherweise nie Probleme mit Fans gehabt. Wenn mich Leute auf der Straße gesehen haben, grüßten sie mich, fragten nach einem Autogramm oder schauten schüchtern weg. Oft scherzten die auch mit mir: »Guck, da kommt der Samy, der trifft das Tor aus zwei Metern nicht.« Selbst in Hamburg waren die Leute immer freundlich. Meine Frau kommt aus Winsen an der Luhe, das liegt südlich von Hamburg. Ich hatte dort nie Probleme. Es schien fast so, als ob die Fankurven die Menschen irgendwie verwandelten.

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