23.11.2011

Souleyman Sané über Rassismus

»...und dann seid Ihr stumm«

Samy Sané kam als einer der ersten Afrikaner in die Bundesliga. Einigen Zeitgenossen fiel keine bessere Begrüßung ein, als ihm Bananen zuzuwerfen. Im Gespräch erklärt er uns, wie er den Rassisten die Stirn bot.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Souleyman Sané, Ihre Geschwister leben in Paris, Ihre Eltern sind zurück in den Senegal gegangen. Sie blieben in Bochum-Wattenscheid. Wieso?

Ich fühle mich hier sehr wohl, ich mag die Menschen, zudem habe ich hier auch meine berufliche Basis: Ich versuche momentan ein eigenes Textilunternehmen aufzubauen und arbeite als Scout bei einer privaten Spielervermittlerfirma. Wenn ich mir ein Bundesligaspiel anschauen will, dann muss ich von Bochum maximal eineinhalb Stunden fahren – insofern ist Wattenscheid ein perfekter Wohnort. Ein anderer Grund für meinen Verbleib war meine Frau, die hier lange Zeit in der rhythmischen Gymnastik tätig war und in der Textilbranche arbeitete.

Haben Sie nie Heimweh gehabt?


Wissen Sie, ich lebe jetzt schon seit so vielen Jahren hier. Deutschland ist meine Heimat geworden. Natürlich freue ich mich, wenn ich Bekannte und Verwandte in Paris oder im Senegal besuche. Aber Heimweh? Nein, das nicht.

Als Sie Mitte der 80er Jahre nach Deutschland kamen, wurden Sie allerdings nicht gerade herzlich empfangen.

Ich erlebte ein ganz anderes Niveau von Rassismus, als ich es gewohnt war. Das stimmt. Aber ich machte anfangs auch gute Erfahrungen. Ich ging damals aus Paris für den Militärdienst nach Donaueschingen und spielte nebenher in der Verbandsliga. Die Mannschaft hat mich sehr unterstützt – ich sprach zu der Zeit ja überhaupt kein Deutsch, konnte mich also nicht gegen die rassistischen Beleidigungen der Zuschauer wehren. Meine Mannschaftskollegen sagten stets: »Samy, hör nicht auf diese Leute! Die wissen, dass du gut bist und wollen dich deshalb verunsichern. Mach dein Spiel, und wenn wir gewinnen, dann hast du gewonnen!«

Fühlten Sie sich trotz der Beleidigungen wie ein Gewinner?

In gewisser Weise schon. Ich lernte während meiner Militärzeit einen Berufssoldaten aus Frankreich kennen, der schon länger in Deutschland lebte. Das war vielleicht meine wichtigste Begegnung zu der Zeit. Der Mann sagte mir eines Tages: »Bleib hier und kämpfe! Weglaufen bringt nichts!« Er glaubte daran, dass ich eine Art Grundstein im deutschen Fußball legen könnte.

Und Sie glaubten auch daran?

Ja. Ich war damals einer der ersten Schwarzen auf den Fußballplätzen in Deutschland. Ich war der festen Überzeugung, dass ich Pionierarbeit leisten könnte. Und auch wenn ich in Frankreich mehr Geld verdient hätte, wollte ich in Deutschland bleiben. Ich dachte immer: Samy, du kannst hier etwas bewegen!

Haben Sie etwas bewegt?

Ich glaube schon. Wir haben damals für die Akzeptanz von schwarzen Spielern gekämpft. Und heute ist sie größtenteils da. Zwar nicht immer, aber die Fans und Spieler haben gelernt, toleranter zu sein.

In den späten 80er Jahren waren viele Fans nicht sehr lernwillig. In Hamburg oder auf Schalke prasselten über Jahre hinweg Bananen und rassistische Schmährufe auf Sie ein. Haben Sie nie gedacht: Jetzt reicht es, ich gehe zurück nach Frankreich?

Manchmal. In Frankreich hatte ich solche Rassismen nie erlebt. Da war es vollkommen normal, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Kultur zusammenspielen. Die Hälfte der Mannschaften bestand aus Ausländern, aus Migranten. Sie hatten afrikanische Wurzeln, arabische oder italienische. Es war bunt durchmischt. Und die französischen Fans waren an diesen multikulturellen Charakter der Teams gewöhnt.

In Deutschland schien es fast so, als hätten die Menschen Angst vor dem schwarzen Mann.

Ja, sie fürchteten sich regelrecht. Es gab seinerzeit sehr wenige Schwarze in Deutschland. In manchen Dörfern kannten die Bewohner dunkelhäutige Menschen nur aus dem Fernsehen – sie hatten Afrikaner noch nie zuvor in Natura gesehen. Für diese Leute war das ein richtiger Schock, als sie das erste Mal einen Afrikaner an der Ampel sahen. Und in der Bundesliga waren Schwarze auch die Ausnahme. Es gab die Stars Anthony Yeboah, Tony Baffoe und ein paar wenige andere.

Es klingt fast so, als ob Sie die »Fans«, die Bananen und Orangen nach Ihnen warfen, verstehen können.


Nein, verstehen kann ich sie nicht. Aber so schlimm der Rassismus in den Stadien auch war, ich empfinde heute keinen Hass gegen diese vermeintlichen Fans. Das waren für mich unzufriedene Menschen. Denen ging es privat vielleicht nicht gut, die hatten keine Arbeit, Probleme in der Ehe oder ähnliches. Und die sind dann ins Stadion gegangen und haben ihre Wut raus gelassen. Das war wie ein Ventil für die.

Fanden Sie es nicht erschreckend, wie eine kleine Gruppe eine ganze Kurve zum kollektiven Affengeschrei animieren konnte?

Sicher. Aber wie Sie sagen: Es war immer eine kleine Gruppe, das waren ein paar Wenige. Diese Massenwirkung konnte sich nur dann entfalten, wenn ihre Mannschaft zurücklag. Dann dachte auch der Rest: »Jetzt verwirren wir den Gegner, und wir fangen beim besten Mann an.« Ich glaube, viele von denen machten das ganz unbewusst. Die waren ja nicht alle Rassisten.

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