Sodoms Tom Angelripper über Schalke, Whiskey und Scooter

»Beim Fußball kann man verlieren – beim Wacken gewinnt jeder!«

Die E-Jugend von Eintracht Duisburg läuft neuerdings zu Heavy-Metal-Musik auf und trägt Pullover mit Sodom-Schriftzug. Eingefädelt hat diese außergewöhnliche Kooperation Sodom-Sänger Thomas Such alias Tom Angelripper. Ein Gespräch über Schalke, Whiskey und Scooter.

Sodom

Thomas Such, es scheint unter Bands gerade sehr angesagt, Jugendfußballer zu sponsern. Seit Mitte Juli unterstützt die Band »Dritte Wahl« die B-Jugend des Rostocker FC. Wer hat sich von wem die Idee abgeguckt?
Von der »Dritte-Wahl«-Geschichte höre ich zum ersten Mal. Ich würde »Sodom« auch nicht unbedingt einen Sponsor nennen. Wir supporten die U10 von Eintracht Duisburg, weil dort der Sohn unseres Freundes und ehemaligen Tourmanagers Theo Papadopoulos spielt.
 
Sie haben Geld gespendet, nachdem das Team einen Pokal gewonnen hat.
Als Dank haben die Jungs dann Kapuzenpullover mit dem Sodom-Schriftzug anfertigen lassen. Natürlich wurden vorher die Eltern gefragt. Ist ja nicht so, dass jeder Mensch »Sodom«-Fan ist...
 
...geschweige denn Heavy-Metal-Fan. Die Vorstellung ist jedenfalls schön: »Mama, dürfen wir Sodom auf der Brust tragen«?
Das hat der Trainer übernommen. (lacht)
 
Wissen die Kleinen überhaupt, was sie da tragen?
Der Manoli (Sohn von Theo Papadopoulos, d. Red.) weiß, was das ist. Ein super Junge! Ein kleiner Metaller und dazu noch Schalke-Fan.
 
Das Mannschaftsfoto, auf dem die Kinder mit der sogenannten Metal-Pommesgabel posieren, ist also nicht gestellt?
Nein, überhaupt nicht. Dieses Zeichen kennt doch jeder – sogar Roberto Blanco hat das gemacht, als ich mal mit ihm zusammen gearbeitet habe.


Wir dachten, die Kinder von heute hören Bushido.
Ach, die meisten Kinder hören in dem Alter bewusst gar keine Musik. Wobei für viele die erste Band sehr wichtig ist. Insofern finde ich es schön, dass das Sodom ist. Wir brauchen Nachwuchs. (lacht) Ein Song von Onkel Tom (Soloprojekt von Thomas Such, d. Red.), »Auf immer und ewig«, ist mittlerweile sogar die Hymne der Jungs geworden. Das Ding läuft bei Spielen, und die Leute mögen es.
 
Beim HSV wird Scooter gespielt.
Jeder wie er will, ich habe nichts gegen Scooter.
 
Sie haben einige Jahre mit der Band »Die Knappen« Fußballlieder gemacht. Was zeichnet einen guten Fußballsong aus?
Tor- oder Einlaufsongs müssen gute Stimmung verbreiten. Ansonsten sollten Fußballsongs hymnenartig sein. Dazu ein thematischer Bezug zum Klub. Die Songs der »Knappen« handelten immer von Kohle, Stahl und Schalke.
 
Ohne Lokalpatriotismus geht es also nicht.
Das ist doch ein großer Teil des Fußballs. Ich gehe seit den siebziger Jahren ins Stadion. Früher mit meinem Vater, später mit meinen Kumpels. Mein bester Freund wohnte in einer Straße mit Rüdiger Abramczik, ein anderer direkt neben den Kremers-Zwillingen, die ja auch ein eigenes Schwimmbad in der Nähe vom Parkstadion hatten. Wir haben uns dort getroffen und geredet. Alles ganz normal, alles wie eine Familie. Und wenn wir keine Karten bekommen haben, saßen wir auf den Bäumen oder haben auf die zweite Halbzeit gewartet, denn dann kam man umsonst rein.

Das klingt sehr romantisch. Können Sie dem heutigen Fußball noch etwas abgewinnen oder ist Ihnen das alles zu kommerziell geworden?
Ich habe auch den Verdacht, dass es viel um Geld geht. (lacht) Im Ernst: Ich werde immer wieder mitgerissen. Und so geht es vielen hier im Pott. Für viele ist Schalke eine Religion und das Einzige in ihrem Leben. Natürlich kann man ein bisschen wehmütig sein, dass es nicht mehr so ist wie zu Zeiten von Ernst Kuzorra, der vor und nach dem Training unter Tage malocht hat, um sich seine Fußballschuhe leisten zu können. Doch was nützt die Nörgelei? Letztendlich kann man sich sein Fußballerlebnis immer noch so gestalten, wie man möchte.
 
Inwiefern?
Ein Beispiel: Ein Bekannter kauft sich manchmal Schläuche, die man normalerweise für künstliche Darmausgänge benötigt. Die kosten in der Apotheke 50 Cent, und da passt ein Liter Whiskey rein. Drinnen kippt er ein bisschen Cola dazu und fertig ist ein guter Drink.
 
Die Ordner stört es nicht?
Ich glaube, die erkennen das gar nicht. Wenn man diesen Schlauch am Körper trägt, sieht man jedenfalls nicht nach einem Whiskey-Schmuggler aus. Das alles heißt übrigens nicht, dass wir das Bier im Stadion nicht mehr trinken. Gehört ja dazu. Auch wenn das mit diesen Knappenkarten und den Schlangen vor den Buden nicht immer einfach ist.
 
Können Sie sich mit den Spielern identifizieren? 
Die Identifikation mit Schalke speist sich heutzutage weniger aus den Spielern. Mir ist es sogar relativ egal, wen die holen und wer geht. Natürlich ist jemand wie Leon Goretzka interessant. Und ich denke auch, dass Felipe Santana eine faire Chance bei den Fans bekommt. Ich finde den Keller auch in Ordnung. Doch letztendlich geht es um was ganz anderes: Es geht um den Klub als Ganzes. Um die gemeinsamen Erinnerungen, die Mythen, die Historie. (überlegt) Wobei ich natürlich von der Meisterschaft träume. Ich bin mir auch sicher, dass es eines Tages klappt.
 
Wo waren Sie am 19. Mai 2001, als Schalke für vier Minuten und 38 Sekunden Meister war?
Ich war jagen.
 
Jagen?
Ja, ich bin Jäger. Die Sache war so: Ich war skeptisch, dass wir den Titel doch noch holen würden, also bin ich mit einem Kumpel rausgefahren zum Jagen. Als wir zurückkamen, stand seine Frau vor der Tür und schrie: »Wir sind Meister!« Ich organisierte prompt eine Kneipenrunde für den Abend, doch dann hatte sie auf einmal Tränen in den Augen: »Hat nicht geklappt. Die Bayern haben noch ein Tor gemacht.« Wir haben den Fernseher angemacht und starrten apathisch auf den Bildschirm: Die Spieler am Boden, Charly Neumann am Heulen, es war alles sehr traurig. Wir zweifeln immer noch, ob das alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Stimmt es eigentlich, dass Sie mit den »Knappen« an diesem Spieltag verschiedene Meister-Songs rausbringen wollten?
Nein, das war 2007, als Schalke bis zum 32. Spieltag wie der sichere Meister aussah. Wir haben in der Schlussphase der Saison vier Lieder aufgenommen und eine Plattenfirma sowie den Verein dafür gewinnen können. Was dann passierte, weiß man ja...
 
Der VfB Stuttgart wurde Meister. Verraten Sie, wie die Lieder heißen sollten?
Nein, die liegen gut versteckt in der Schublade und bleiben unser Geheimnis. Wobei es sich genau genommen nur um zwei Songs handelte, denn »Schalke ist Papst« und das »Steigerlied« sollten auch auf diese EP, und die sind ja bekannt.
 
Es gibt Künstler, die stimmen ihren Tourplan mit dem Fußball-Spielplan ab. Wie ist das bei Ihnen?
Auf Tour haben wir einen Laptop dabei und gucken Bundesliga. Und wenn es mal nicht klappt, dann habe ich meinen Kontakt in der Heimat, der mich ständig per SMS über den Zwischenstand auf Schalke informiert.
 
Gerade ist Festival-Saison. Spricht man da im Backstage-Bereich mit anderen Bands über Fußball?
Nein, da steht die Musik im Vordergrund. Von vielen Bands weiß ich nicht mal, ob sie Fußball mögen. Nur wenn wir die Jungs von »Tankard« sehen, gibt es Sticheleien. Die sind Frankfurt-Anhänger.
 
Sie haben auch zwei Rivalen in der Band.
Richtig, zwei Dortmund-Fans. Stress gibt’s aber nicht. Der Pott hält da zusammen. Nur unser Produzent ist von einem anderen Schlag. Als ich einmal mit einem Schalke-Shirt in sein Tonstudio kam, gab’s richtig Ärger. Der ist ebenfalls BVB-Anhänger und findet so was überhaupt nicht lustig. Ich sehe das alles ein bisschen lockerer. (überlegt) Waren Sie mal auf dem Wacken-Festival?
 
Dort sollen die Menschen sehr freundlich sein.
So sind Metaller. Die liebsten Menschen der Welt. In Wacken sind jährlich über 100.000 Leute, und es passiert nichts. Beim Fußball habe ich es erlebt, wie Fans mit vereinten Kräften eine Straßenbahn umgeworfen haben, weil dort Gegner drinsaßen. Mir haben sie schon mal Bier in den Nacken gekippt oder Kümmerling-Fläschchen an den Kopf geworfen. Ohne Grund.
 
Woher kommt das?
Die Antwort ist recht einfach: Beim Fußball geht’s ums Gewinnen und Verlieren. Beim Wacken gewinnt jeder.

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