Slomka und Schmadtke im Interview

»Hier herrschte Ausnahmezustand«

Im zweiten Teil unseres großen Interview mit Mirko Slomka und Jörg Schmadtke stellt sich das Duo von Hannover 96 den Fragen nach den Folgen des tragischen Tods von Robert Enke und der brisanten Personalie Jan Schlaudraff. Best of 2010: Slomka und Schmadtke im Interview
Heft#108 11/2010
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Wie kommen Sie beide eigentlich mit Ihrem Boss, Martin Kind, aus?

Jörg Schmadtke: Jeder Klub hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Es gibt phantastische Trainer, Manager oder Spieler, die an manchen Standorten einfach nicht funktionieren. Die Krux ist also, dass man in der Lage ist, sich auf die jeweiligen Gegebenheiten bestmöglich einzustellen.

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Und das heißt konkret bezogen auf Martin Kind und Hannover 96?

Schmadtke: Dass es hier drei Entscheidungsträger gibt: Präsident, Trainer, Manager. Mit Martin Kind haben wir einen Partner, auf dessen Wort Verlass ist. Und das ist aus meiner Sicht eine optimale Lösung. Denn wir können in unserer wirtschaftlichen Lage nur Erfolg haben, wenn wir schneller sind als andere Klubs. Und das geht nicht, wenn ich erst einmal 35 Leute im Verein überzeugen muss, um eine Idee durchzubringen.

Eine Personalie, die der Präsident für Sie entschieden hat, ist Jan Schlaudraff. Kind sagte, Schlaudraff würde aus disziplinarischen Gründen nie mehr für 96 auflaufen. Das kann Ihnen nicht gefallen haben.

Schmadtke:
Wir haben deshalb versucht, bis zum Ende der Transferperiode andere Voraussetzungen für Jan Schlaudraff zu schaffen.

Sprich: ihn zu verkaufen.

Schmadtke: Aber solange das nicht gelingt, ist der Jan vollwertiger Teil der Lizenzmannschaft und bekommt hier alle Möglichkeiten. Aber natürlich muss er aufgrund seines Verhaltens ein paar Widerstände mehr ausräumen als andere. 

Nämlich?

Schmadtke:
Er hat in Hannover nie richtig seine Rolle gefunden. Er war verletzt, kam wieder, verletzte sich erneut und fand nicht den Weg in die Mannschaft. Dazu kommt, dass er deutlich besser verdient als andere, deswegen wird er auch kritischer gesehen.

Sie kennen Jan Schlaudraff noch als Youngster aus Aachen. Hat er sich in seiner Zeit bei Bayern München verändert?

Schmadtke:
Nur in Nuancen. Seine Unabhängigkeit ist vielleicht etwas größer geworden. Wirtschaftliche Unabhängigkeit verändert die Menschen.

Jörg Schmadtke, Mirko Slomka, jetzt mal ehrlich: Wie gut ist Hannover 96 im Moment?

Schmadtke: Eine große Frage. Was zieht man zur Beantwortung hinzu, die Tabelle? Oder bewertet man das Gesamte?

Mirko Slomka: Die Frage ist zunächst: Was meinen Sie mit Hannover 96?

Die erste Mannschaft.

Slomka: Die Lizenzmannschaft hat sich, wenn man von der Situation der vorigen Saison ausgeht, verbessert. Wir haben einen neuen Teamgeist entwickelt, neue Spieler dazu geholt, die sehr leistungsorientiert sind, weil sie in ihrer Karriere noch etwas erreichen wollen. Das sind immer gute Voraussetzungen für eine zielgerichtete Arbeit.

An welchen Stellschrauben müssen Sie noch drehen?

Slomka:
Was uns noch fehlt, ist die nötige Konsequenz, wenn wir mehr Ballbesitz haben als der Gegner. Gegen den VfL Wolfsburg und den FC St. Pauli hatten wir mehr Ballbesitz – und beide Spiele haben wir verloren. Wir müssen Strategien entwickeln, um auch gegen defensiv orientierte Mannschaften zu Torchancen zu kommen.

Zwischen dem Zeitpunkt Ihres jeweiligen Dienstantrittes in Hannover liegt ein halbes Jahr. In welcher Verfassung fanden Sie den Klub vor?

Schmadtke:
Als ich kam, traf ich auf einen Kader, der dringend verändert werden musste. Obwohl es dafür eigentlich gar keine wirtschaftlichen Möglichkeiten gab. Wir haben dennoch versucht, einen neuen Geist rein zu bekommen. Das ist uns anfänglich auch ganz gut gelungen – bis zum Tod von Robert Enke. Danach ist uns der Laden auseinandergebrochen. Wir haben sehr lange gebraucht, um die Mannschaft wieder leistungsorientiert auf den Platz zu stellen.


Sie kamen etwa drei Monate nach dem Suizid von Robert Enke, Mirko Slomka.

Slomka: Als Trainer versucht man seine Ideen in Bezug auf das Training und den Umgang mit Spielern in möglichst kurzer Zeit durchzusetzen. Damit hatten wir zu Beginn große Schwierigkeiten, auch die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen bei der Mannschaft und im Umfeld zu erreichen. Wenn dann eine Serie von sechs Niederlagen dazu kommt, wird das Leben nicht unbedingt leichter.

Bei allem Respekt vor der Entscheidung von Robert Enke, aus dem Leben zu treten. Aber wie kann in einem hochprofessionellen Betrieb wie dem Lizenzkader eines Bundesligateams durch den Tod eines Spielers fast ein halbes Jahr sportlicher Stillstand herrschen?

Schmadtke: Das Innenverhältnis einer Profimannschaft ist ein anderes als das in einem normalen Betrieb, allein weil eine ständige körperliche Nähe vorhanden ist. Die Spieler duschen zusammen, sind tagtäglich zusammen, teilen sich Hotelzimmer. Die Situation hat uns überrollt, hier herrschte Ausnahmezustand. Es war nicht einmal ansatzweise an irgendetwas zu denken, was mit Fußball zu tun hatte. Roberts Selbstmord hatte folglich nicht nur emotionale, sondern auch sportliche Auswirkungen.

Nämlich?

Schmadtke: Während die anderen Mannschaften weitergearbeitet und nachjustiert haben, haben wir erstmal zehn Tage nicht trainiert. Zehn Tage – mitten in der Saison. Wir haben trotzdem geglaubt, dass es keine so dramatischen Folgen haben wird, aber die folgenden Spiele zeigten uns, dass wir uns geirrt hatten. Die Mannschaft war nicht in der Lage, sich dem Spiel zu widmen.

Mirko Slomka sagt, es sei ihm anfänglich nicht gelungen, Glaubwürdigkeit zu erlangen. Wie haben Sie seine ersten Tage als Chefcoach erlebt?

Schmadtke: Es war nicht leicht, eine Mannschaft am Rande der Aufmerksamkeitsfähigkeit zu erreichen. Das neue Trainerteam hatte Schwierigkeiten den Zugang zur Gruppe zu finden. Das Ganze hatte sich irgendwann verselbständigt: Wir haben nicht trainiert, wir haben Spiele verloren und das Selbstvertrauen ist in den Keller gegangen. Und außerdem stellte sich allen die Frage: Wie gehe ich mit Freude um?

Slomka:
Das Thema Spaß wurde zum zentralen Problem. Darf ich im Training lachen, darf ich nach einem Tor jubeln, darf ich mich über einen Punkt freuen? Den Spielern klar zu machen, dass man das darf, war meine größte Schwierigkeit. Eine solche Blockade zu lösen, ist für ‚Hobbypsychologen’, wie wir es als Trainer sind, gar nicht machbar.

Musste Slomkas Vorgänger, Andreas Bergmann, vor diesen Problemen kapitulieren?

Schmadtke: Um das ganz klar zu sagen: Die Misserfolge waren nicht die Schuld des Trainers. Robert hat den Schlussstrich gezogen. Er hat sich entfernt aus einer bestehenden, intakten Gruppe. Das Erstaunliche für mich war, dass der Sog um seinen Selbstmord dann auch Spieler erfasste, die ihn erst ganz kurz kannten. Hier herrschte eine bedrückte Stimmung, die sich nicht nacherzählen lässt. Das Stadion verband niemand mehr mit Fußballatmosphäre.

Slomka: Wir haben versucht, den Spielern wieder beizubringen mit Erfolgserlebnissen umzugehen. Haben kleine Gruppen gebildet und Wettkämpfe initiiert, bei denen es Sieger gab. Dass es sich in der vergangenen Saison aber nie ganz gelöst hat, zeigte sich nach dem Erfolg in Bochum am letzten Spieltag. Nach dem Schlusspfiff fiel die Belastung explosionsartig von den Spielern ab und die Erinnerung an Robert kam wieder hoch. Da gab es bei vielen noch mal Tränen.

Schmadtke: Psychologen sagen, dass Trauerbewältigung mindestens ein Jahr dauert. Das Problem war, die Trauer zuzulassen und gleichzeitig Tag für Tag zu funktionieren. Das war ein Zwiespalt, den wir über weite Strecken nicht gelöst haben.

Als Manager müssen Sie möglichst rational auf so eine Extremsituation wie den Suizid reagieren. Können Sie uns beschreiben, was Ihre ersten Maßnahmen waren, nachdem Sie den ersten Schock überstanden hatten?

Schmadtke:
Es fing an mit der Benachrichtigung des Spielerrats, dann haben wir uns in der Arena getroffen, um den Spielern ein paar Möglichkeiten zur psychologischen Verarbeitung an die Hand zu geben. Zum Beispiel einen Seelsorger als externe Instanz. Wir haben gesagt: Da ist jemand, mit dem Ihr reden könnt, unabhängig von uns. Gleichzeitig standen auch bei uns alle Türen offen, bei Trainer, Manager und Präsident.

Wie häufig wurde der Seelsorger frequentiert?

Schmadtke: Das habe ich nie kontrolliert. Ich habe immer gesagt: Jungs, Ihr könnt da hingehen, aber das ist kein Zwang. Und wenn Ihr hingeht, ist und bleibt das eure private Sache.

Sind auch Spieler zu Ihnen gekommen?

Schmadtke:
Ja, es waren auch einige bei mir, mit denen wir sehr intensiv gesprochen haben.

Slomka:
Als Außenstehender – ich war noch nicht Trainer, wohnte aber in Hannover – dachte ich: Großartig, wie der Verein reagiert, wie er die Geschichte auffängt.


Für Florian Fromlowitz war es als Enke-Nachfolger besonders schwierig.

Schmadtke: Er war in dieser Phase erstaunlich stabil. Natürlich hatte er auch ein paar Schwankungen, im Training unter der Woche. Aber an den Spieltagen hat er nicht gewackelt, im Gegenteil.

Fromlowitz trägt seit dieser Saison wieder die »1«. Lange hieß es, dass die Rückennummer in Gedenken an Enke nicht mehr vergeben wird.

Schmadtke:
Darüber haben wir intern lange diskutiert, aber letztlich ging es uns um ein Stück Normalität. Die Nummer »1« gehört nun mal zum Fußball dazu. Und die Erinnerung an Robert Enke hat nichts damit zu tun, ob wir die »1« verteilen oder nicht.

Slomka:
So haben wir keinen übermäßigen Druck aufgebaut. Florian hat das uneingeschränkte Recht, die Nummer zu tragen, weil er die Position von Robert übernommen hat. Und er ist sein würdiger Nachfolger.

Jörg Schmadtke, ist Mirko Slomka vor der Mannschaft eigentlich genauso analytisch und freundlich, wie man ihn als TV-Experte kennt?

Schmadtke: (überlegt lange) Ja, ja. Das ist schon sehr gut, wie er versucht, die Dinge zu versachlichen. Viele Trainer sind oft zu emotional in den Spielablauf einbezogen. Letztens als wir gegen Bremen spielten, hatte ich den Eindruck, dass die Mannschaft ein bisschen nachlässt. Da habe ich ihm gesagt: »Weck die doch noch mal.« Das hat er dann auch gemacht.

Slomka: Deswegen meinte ich, dass es von Vorteil sein kann, einen Fußballlehrer als Manager zu haben.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie Slomka in der Pause in der Umkleide beobachten?

Schmadtke: Emotionale Trainer tun sich manchmal schwer, in der Kürze der Zeit die richtigen Dinge anzusprechen. Mirko ist da sehr ruhig und analytisch.

Und inwieweit entspricht Jörg Schmadtke seinem Image als eigenbrötlerischer, mitunter zum Sarkasmus neigender Manager, Mirko Slomka?

Slomka: Sarkasmus, also nee, das geht mir zu weit. Neben den Dingen, die ein Manager ohnehin für einen Klub tut, finde ich es durchaus von Vorteil, dass Jörg auch noch seinen eigenen Blick auf das Gesamtbild hat.

Quatscht der Manager Ihnen auch in die Aufstellung rein?

Slomka:
Nein, er sagt höchstens: »Hast Du darüber nachgedacht, dass…?« oder »Was hältst Du von.…?«.

Schmadtke: Aber, um es Ihnen auch zu erleichtern: Ich bin schon recht eigen, wenn auch nicht eigenbrötlerisch.

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