26.12.2010

Slomka und Schmadtke im Interview

»Hier herrschte Ausnahmezustand«

Im zweiten Teil unseres großen Interview mit Mirko Slomka und Jörg Schmadtke stellt sich das Duo von Hannover 96 den Fragen nach den Folgen des tragischen Tods von Robert Enke und der brisanten Personalie Jan Schlaudraff.

Interview: Tim Jürgens und Thorsten Schaar Bild: imago

Sie kamen etwa drei Monate nach dem Suizid von Robert Enke, Mirko Slomka.

Slomka: Als Trainer versucht man seine Ideen in Bezug auf das Training und den Umgang mit Spielern in möglichst kurzer Zeit durchzusetzen. Damit hatten wir zu Beginn große Schwierigkeiten, auch die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen bei der Mannschaft und im Umfeld zu erreichen. Wenn dann eine Serie von sechs Niederlagen dazu kommt, wird das Leben nicht unbedingt leichter.

Bei allem Respekt vor der Entscheidung von Robert Enke, aus dem Leben zu treten. Aber wie kann in einem hochprofessionellen Betrieb wie dem Lizenzkader eines Bundesligateams durch den Tod eines Spielers fast ein halbes Jahr sportlicher Stillstand herrschen?

Schmadtke: Das Innenverhältnis einer Profimannschaft ist ein anderes als das in einem normalen Betrieb, allein weil eine ständige körperliche Nähe vorhanden ist. Die Spieler duschen zusammen, sind tagtäglich zusammen, teilen sich Hotelzimmer. Die Situation hat uns überrollt, hier herrschte Ausnahmezustand. Es war nicht einmal ansatzweise an irgendetwas zu denken, was mit Fußball zu tun hatte. Roberts Selbstmord hatte folglich nicht nur emotionale, sondern auch sportliche Auswirkungen.

Nämlich?

Schmadtke: Während die anderen Mannschaften weitergearbeitet und nachjustiert haben, haben wir erstmal zehn Tage nicht trainiert. Zehn Tage – mitten in der Saison. Wir haben trotzdem geglaubt, dass es keine so dramatischen Folgen haben wird, aber die folgenden Spiele zeigten uns, dass wir uns geirrt hatten. Die Mannschaft war nicht in der Lage, sich dem Spiel zu widmen.

Mirko Slomka sagt, es sei ihm anfänglich nicht gelungen, Glaubwürdigkeit zu erlangen. Wie haben Sie seine ersten Tage als Chefcoach erlebt?

Schmadtke: Es war nicht leicht, eine Mannschaft am Rande der Aufmerksamkeitsfähigkeit zu erreichen. Das neue Trainerteam hatte Schwierigkeiten den Zugang zur Gruppe zu finden. Das Ganze hatte sich irgendwann verselbständigt: Wir haben nicht trainiert, wir haben Spiele verloren und das Selbstvertrauen ist in den Keller gegangen. Und außerdem stellte sich allen die Frage: Wie gehe ich mit Freude um?

Slomka:
Das Thema Spaß wurde zum zentralen Problem. Darf ich im Training lachen, darf ich nach einem Tor jubeln, darf ich mich über einen Punkt freuen? Den Spielern klar zu machen, dass man das darf, war meine größte Schwierigkeit. Eine solche Blockade zu lösen, ist für ‚Hobbypsychologen’, wie wir es als Trainer sind, gar nicht machbar.

Musste Slomkas Vorgänger, Andreas Bergmann, vor diesen Problemen kapitulieren?

Schmadtke: Um das ganz klar zu sagen: Die Misserfolge waren nicht die Schuld des Trainers. Robert hat den Schlussstrich gezogen. Er hat sich entfernt aus einer bestehenden, intakten Gruppe. Das Erstaunliche für mich war, dass der Sog um seinen Selbstmord dann auch Spieler erfasste, die ihn erst ganz kurz kannten. Hier herrschte eine bedrückte Stimmung, die sich nicht nacherzählen lässt. Das Stadion verband niemand mehr mit Fußballatmosphäre.

Slomka: Wir haben versucht, den Spielern wieder beizubringen mit Erfolgserlebnissen umzugehen. Haben kleine Gruppen gebildet und Wettkämpfe initiiert, bei denen es Sieger gab. Dass es sich in der vergangenen Saison aber nie ganz gelöst hat, zeigte sich nach dem Erfolg in Bochum am letzten Spieltag. Nach dem Schlusspfiff fiel die Belastung explosionsartig von den Spielern ab und die Erinnerung an Robert kam wieder hoch. Da gab es bei vielen noch mal Tränen.

Schmadtke: Psychologen sagen, dass Trauerbewältigung mindestens ein Jahr dauert. Das Problem war, die Trauer zuzulassen und gleichzeitig Tag für Tag zu funktionieren. Das war ein Zwiespalt, den wir über weite Strecken nicht gelöst haben.

Als Manager müssen Sie möglichst rational auf so eine Extremsituation wie den Suizid reagieren. Können Sie uns beschreiben, was Ihre ersten Maßnahmen waren, nachdem Sie den ersten Schock überstanden hatten?

Schmadtke:
Es fing an mit der Benachrichtigung des Spielerrats, dann haben wir uns in der Arena getroffen, um den Spielern ein paar Möglichkeiten zur psychologischen Verarbeitung an die Hand zu geben. Zum Beispiel einen Seelsorger als externe Instanz. Wir haben gesagt: Da ist jemand, mit dem Ihr reden könnt, unabhängig von uns. Gleichzeitig standen auch bei uns alle Türen offen, bei Trainer, Manager und Präsident.

Wie häufig wurde der Seelsorger frequentiert?

Schmadtke: Das habe ich nie kontrolliert. Ich habe immer gesagt: Jungs, Ihr könnt da hingehen, aber das ist kein Zwang. Und wenn Ihr hingeht, ist und bleibt das eure private Sache.

Sind auch Spieler zu Ihnen gekommen?

Schmadtke:
Ja, es waren auch einige bei mir, mit denen wir sehr intensiv gesprochen haben.

Slomka:
Als Außenstehender – ich war noch nicht Trainer, wohnte aber in Hannover – dachte ich: Großartig, wie der Verein reagiert, wie er die Geschichte auffängt.

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