26.12.2010

Slomka und Schmadtke im Interview

»Hier herrschte Ausnahmezustand«

Im zweiten Teil unseres großen Interview mit Mirko Slomka und Jörg Schmadtke stellt sich das Duo von Hannover 96 den Fragen nach den Folgen des tragischen Tods von Robert Enke und der brisanten Personalie Jan Schlaudraff.

Interview: Tim Jürgens und Thorsten Schaar Bild: imago

Wie kommen Sie beide eigentlich mit Ihrem Boss, Martin Kind, aus?

Jörg Schmadtke: Jeder Klub hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Es gibt phantastische Trainer, Manager oder Spieler, die an manchen Standorten einfach nicht funktionieren. Die Krux ist also, dass man in der Lage ist, sich auf die jeweiligen Gegebenheiten bestmöglich einzustellen.



Und das heißt konkret bezogen auf Martin Kind und Hannover 96?

Schmadtke: Dass es hier drei Entscheidungsträger gibt: Präsident, Trainer, Manager. Mit Martin Kind haben wir einen Partner, auf dessen Wort Verlass ist. Und das ist aus meiner Sicht eine optimale Lösung. Denn wir können in unserer wirtschaftlichen Lage nur Erfolg haben, wenn wir schneller sind als andere Klubs. Und das geht nicht, wenn ich erst einmal 35 Leute im Verein überzeugen muss, um eine Idee durchzubringen.

Eine Personalie, die der Präsident für Sie entschieden hat, ist Jan Schlaudraff. Kind sagte, Schlaudraff würde aus disziplinarischen Gründen nie mehr für 96 auflaufen. Das kann Ihnen nicht gefallen haben.

Schmadtke:
Wir haben deshalb versucht, bis zum Ende der Transferperiode andere Voraussetzungen für Jan Schlaudraff zu schaffen.

Sprich: ihn zu verkaufen.

Schmadtke: Aber solange das nicht gelingt, ist der Jan vollwertiger Teil der Lizenzmannschaft und bekommt hier alle Möglichkeiten. Aber natürlich muss er aufgrund seines Verhaltens ein paar Widerstände mehr ausräumen als andere. 

Nämlich?

Schmadtke:
Er hat in Hannover nie richtig seine Rolle gefunden. Er war verletzt, kam wieder, verletzte sich erneut und fand nicht den Weg in die Mannschaft. Dazu kommt, dass er deutlich besser verdient als andere, deswegen wird er auch kritischer gesehen.

Sie kennen Jan Schlaudraff noch als Youngster aus Aachen. Hat er sich in seiner Zeit bei Bayern München verändert?

Schmadtke:
Nur in Nuancen. Seine Unabhängigkeit ist vielleicht etwas größer geworden. Wirtschaftliche Unabhängigkeit verändert die Menschen.

Jörg Schmadtke, Mirko Slomka, jetzt mal ehrlich: Wie gut ist Hannover 96 im Moment?

Schmadtke: Eine große Frage. Was zieht man zur Beantwortung hinzu, die Tabelle? Oder bewertet man das Gesamte?

Mirko Slomka: Die Frage ist zunächst: Was meinen Sie mit Hannover 96?

Die erste Mannschaft.

Slomka: Die Lizenzmannschaft hat sich, wenn man von der Situation der vorigen Saison ausgeht, verbessert. Wir haben einen neuen Teamgeist entwickelt, neue Spieler dazu geholt, die sehr leistungsorientiert sind, weil sie in ihrer Karriere noch etwas erreichen wollen. Das sind immer gute Voraussetzungen für eine zielgerichtete Arbeit.

An welchen Stellschrauben müssen Sie noch drehen?

Slomka:
Was uns noch fehlt, ist die nötige Konsequenz, wenn wir mehr Ballbesitz haben als der Gegner. Gegen den VfL Wolfsburg und den FC St. Pauli hatten wir mehr Ballbesitz – und beide Spiele haben wir verloren. Wir müssen Strategien entwickeln, um auch gegen defensiv orientierte Mannschaften zu Torchancen zu kommen.

Zwischen dem Zeitpunkt Ihres jeweiligen Dienstantrittes in Hannover liegt ein halbes Jahr. In welcher Verfassung fanden Sie den Klub vor?

Schmadtke:
Als ich kam, traf ich auf einen Kader, der dringend verändert werden musste. Obwohl es dafür eigentlich gar keine wirtschaftlichen Möglichkeiten gab. Wir haben dennoch versucht, einen neuen Geist rein zu bekommen. Das ist uns anfänglich auch ganz gut gelungen – bis zum Tod von Robert Enke. Danach ist uns der Laden auseinandergebrochen. Wir haben sehr lange gebraucht, um die Mannschaft wieder leistungsorientiert auf den Platz zu stellen.

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