Sky-Kommentator Tom Bayer über: Stimmen

»Maßregeln sie mal einen Brasilianer!«

Sky-Kommentator Tom Bayer hat eine der markantesten Stimmen im deutschen Fernsehen. Vor seinem heutigen Einsatz in der Champions League sprachen wir mit ihm über sein wichtigstes Werkzeug.

Tom Bayer, Jahrgang 1957, ist einer der bekanntesten Fußball-Kommentatoren Deutschlands. Mitte der achtziger Jahre heuerte der Neusser beim Radio an, 2000 wechselte er zum Fernsehen und arbeitet seitdem für Premiere bzw. Sky. Heute Abend wird er die Partie Neapel gegen Dortmund kommentieren.



(Quelle: Imago)


Tom Bayer, wie geht es der Stimme?
Danke, alles in Ordnung.

Das hören wir. Schon mal morgens aufgewacht und gedacht: Mit dieser Stimme kannst heute Abend kein Fußballspiel kommentieren?
Klar.

Und wie reagieren Sie dann? Welche geheimen Super-Medikamente hat Sky für solche Notfälle parat?
Da muss ich Sie enttäuschen: Ich trinke Tee und schone meine Stimme. Und wenn es gar nicht geht, rufe ich meinen Chef an und der muss dann den Dienstplan neu besetzen. Wenn sich ein Bäcker die Hand bricht, kann er keinen Teig kneten. Und wenn meine Stimme streikt, kann ich auch nicht arbeiten.

Sie besitzen eine der markantesten Stimmen der deutschen Kommentatoren-Gilde. Wie häufig hören Sie im Alltag den Satz: »Ihre Stimme kenne ich doch!«
Regelmäßig. Und erstaunlich viele Menschen verbinden meine Stimme noch mit dem Radio, dabei habe ich mich vor 13 Jahren vom Rundfunk verabschiedet. Erst neulich, bei einem Spiel in Leverkusen, sprach mich in der Halbzeit jemand an: »Sie kenne ich doch noch vom WDR!«

Werden Sie auf Partys von Ihren Freunden genötigt, das entscheidende Tor vom Wochenende noch einmal nachzukommentieren?
Zum Glück nicht. Ich werde dann und wann auf meinen Kommentar des Golden Goals von Oliver Bierhoff im EM-Finale 1996 angesprochen – da schrie ich vor lauter Begeisterung so laut, dass ich am Ende husten musste. Meine Freunde sind aber so höflich, dass sie mich darum bitten, den Hustenanfall nicht noch einmal zu imitieren.

Wie viele Seminare zum Thema Sprachtraining mussten Sie in Ihrer Karriere über sich ergehen lassen?
Nicht eines. Ich habe Mitte der achtziger Jahre angefangen, Sport zu kommentieren. Da waren Sprechausbildungen noch nicht Usus. Ich bewarb mich als junger Student einfach auf gut Glück beim WDR, ohne mir Chancen auszurechnen. Dann meldete sich doch der legendäre Sportchef Kurt Brumme bei mir und sagte: »Du hast den Job.« Ob ihm meine Stimme gefallen hat, habe ich nie erfahren. Aber ich denke schon, sonst hätte er mich ja nicht eingestellt.



Wer waren die großen stimmlichen Vorbilder?
Ich fand Jochen Hageleit, Werner Hansch und Heribert Faßbender toll. Das waren ja auch die Koryphäen.

Auf den Pressetribünen dieser Welt sitzen Kollegen aus aller Herren Länder. Welcher Stil der ausländischen Konkurrenz gefällt Ihnen am besten?
Die Engländer verbinden meiner Meinung nach Begeisterung und Analyse zu einer tollen Mischung. Die höre ich immer gerne.

Und welche Kollegen haben Sie gerne am anderen Ende der Tribüne sitzen?
Die Südamerikaner können zum Teil schon recht anstrengend werden. Insbesondere die Brasilianer bei Spielen ihrer heißgeliebten Nationalmannschaft. Dann rücken die mit vier oder fünf Leuten an, spielen sich lautstark die Bälle zu, stehen häufig auf und rennen sogar hin und her. Und wenn dann ein Tor fällt, rasten die völlig aus.

Sie haben doch eine feste Stimme: Hilft da keine strenge Ermahnung?
Maßregeln Sie mal einen brasilianischen Kommentator, wenn seine Mannschaft gerade ein Tor geschossen hat. Das will ich sehen! Wenn die Schmerzgrenze erreicht ist, versucht man es mal in der Halbzeitpause mit ein paar freundlichen Worten. Aber im Spiel muss man da durch und sich auf seinen Job konzentrieren.

Hand aufs Herz: Welcher Sky-Experte hat die schönere Stimme – Stefan Effenberg oder Jens Lehmann?
Ich finde die Stimme von Effe etwas schöner. Aber das ist ja ein individuelles Geschmäckle.

Gibt es Momente, wo Sie sich sagen: Stimmlich hat es gerade perfekt gepasst?
Ich achte da weniger nur auf die Stimme, als vielmehr auf das Gesamtpaket: Habe ich dem Hörer die Stimmung im Stadion eins zu eins in sein Wohnzimmer übertragen? Lag ich richtig mit meinen Entscheidungen? Habe ich das Spiel so kommentiert, dass der Hörer einen Eindruck davon bekommen hat, was hier gerade in 90 Minuten passiert ist? Ich erinnere mich an das Erstrundenspiel im UEFA-Cup zwischen Bayer Leverkusen und dem PSV Eindhoven 1995. Leverkusen gewann mit 5:4, neun Tore, ein Wahnsinnsspiel. Und ich hatte nach dem Schlusspfiff das gute Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Und andersherum: Tor verpasst, versprochen, Stimme weggebrochen?
Klar, hat es alles schon mal gegeben und wird es auch wieder geben. Aber das ist der Reiz an einem Live-Kommentar: Du kannst vieles richtig, aber noch mehr falsch machen. Ich mag das.

Was raten Sie unerfahreneren Kollegen, denen die Stimme während des Spiels einen Streich spielt?
Augen zu und durch: Wer in einem Livespiel über den Versprecher von vor fünf Minuten nachdenkt, hat schon verloren.



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