Sind Sie noch modern, Armin Veh?

»So denkt ein Trainer nicht!«

Mit einem Sieg gegen Werder Bremen könnte sich Aufsteiger Eintracht Frankfurt schon am Wochenende für die Europa League qualifizieren. Einer der Kandidaten für den »Trainer der Saison« wäre dann sicherlich er: Armin Veh. Ein Gespräch über moderne und unmoderne Kollegen, Mitleid für Thomas Schaaf und das Kaugummi von Alex Ferguson.

Armin Veh, Ihr Trainerkollege Alex Ferguson hat kurz vor unserem Gespräch seinen Rücktritt bekannt gegeben. Nach 26 Jahren als Teammanager von Manchester United! Geben Sie es zu, Sie sind geschockt.
Ach was. Der Mann ist 71 Jahre alt, da darf man doch auch mal zurücktreten, oder?
 
Um dem Mann Respekt zu zollen, könnten Sie ja am Samstag gegen Bremen 90 Minuten Kaugummi kauen. Was halten Sie von dieser Idee?
Gar nichts. Dieses Dauerkaugummi ist übrigens das Einzige, was mich an Ferguson immer gestört hat. Das macht man doch nicht, wenn man zum »Sir« geadelt wird! (lacht)
 
Ihr Gegenüber am Wochenende ist auch so ein Evergreen im Fußballgeschäft: Thomas Schaaf. Der steht bei Werder mit dem Rücken zur Wand und muss sich seit Monaten erhebliche Kritik an seiner Arbeit gefallen lassen. Werden Sie dem Kollegen vor dem Spiel noch ein paar aufbauende Schulterklopfer verpassen?
Dann würde mir Thomas aber die Meinung geigen! Im Ernst: Ein so erfahrener Kollege wie Thomas Schaaf braucht bestimmt kein Mitleid aus Frankfurt. Der ist schon so lange dabei, hat schon so viel gesehen und erlebt – der wird auch diese Phase überstehen.
 
Vor zehn Jahren galt der Fußball, den Schaaf in Bremen spielen ließ, als supermodern. Heute macht man ihm regelmäßig den Vorwurf, mit seiner Arbeit nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Ist das der schlimmste Vorwurf, den man sich als Trainer gefallen lassen muss: Dass man zu unmodern sei?
Wer einem Mann wie Thomas Schaaf, der seit nunmehr 14 Jahren ohne Unterbrechung Bundesligatrainer ist, so einen Vorwurf macht, der weiß nicht, wovon er spricht! Natürlich ist Schaaf ein »moderner« Trainer, sonst wäre er doch schon lange nicht mehr im Geschäft.
 
Und warum ist dann der Wurm drin bei Werder Bremen?
Ich maße mir da kein Urteil an. Aber natürlich spielt eine Mannschaft erfolgreicher wenn Spieler vom Format eines Mesut Özil, Johan Micoud oder Diego den Ton angeben. Letztendlich entscheiden noch immer die Spieler wie modern oder unmodern eine Mannschaft nach außen wirkt.
 
Die Diskussionen über angeblich moderne Spielweisen mögen Sie nicht, oder?
Ich habe heute andere Möglichkeiten, um zusätzliche Erkenntnisse über das Spiel meiner Mannschaft zu gewinnen. Meine Trainer hatten früher nach dem Spieltag keine statistischen Auswertungen über unsere Laufwege zur Verfügung. Aber, und das ist das Schöne am Fußball, heute wie damals stehen auf jeder Seite elf Fußballer und haben 90 Minuten Zeit, das Spiel zu gewinnen.
 
Menschen mit anderen Berufen müssen sich ständig fortbilden, um nicht irgendwann mit ihrem Wissen auf der Strecke zu bleiben. Was beispielsweise ein Informatiker heute weiß, kann in einem Jahr schon wieder überholt sein. Wie entwickeln Sie sich weiter?
Ich arbeite nicht mit Bytes, ich arbeite mit Menschen. Selbstverständlich entwickle ich mich weiter, bewusst oder aber auch unbewusst. Die wichtigste Eigenschaft, die ein Trainer meiner Meinung nach haben kann. Und die kann man bekanntlich nicht erlernen, die gewinnt man erst im Laufe der Zeit.
 
Sie sind 52 Jahre alt und seit 23 Jahren Trainer. Hat Ihnen dieser Erfahrungsschatz geholfen, nach dem sensationellen Saisonstart mit der Eintracht auf dem Boden zu bleiben?
Die Gefahr abzuheben, bestand bei mir nie.

Haben Sie deshalb in der Hinrunde so penetrant betont, dass Eintracht Frankfurt in dieser Saison vorrangig gegen den Abstieg spielt?
Das unterscheidet Sie und mich, den Journalisten und den Trainer. Was ich sage, das meine ich auch genau so. Da steckt kein Kalkül hinter, kein langfristiger Plan. Ich muss es doch auch so meinen, um glaubwürdig zu bleiben. Wenn ich also vom Klassenerhalt sprach, dann habe ich auch an den Klassenerhalt gedacht.
 
Aber irgendwann wird Ihnen doch im Laufe der Hinrunde der Gedanke durch den Kopf geschossen sein: Mann, mit dieser Truppe schaffen wir es nach Europa!
So denkt ein Trainer nicht! So darf ein Trainer gar nicht denken!
 
Andere Frage: Wann haben Sie gespürt, dass der Welpenschutz, den Ihre Mannschaft als Aufsteiger zu Beginn hatte, verloren ging?
Ziemlich früh, so nach etwa zehn Spieltagen.
 
Und wann wurde Ihnen bewusst, dass der Klassenerhalt durchaus ein bald zu erreichendes Ziel sein würde?
Die 30 Punkte, die wir zur Winterpause eingefahren hatten, waren schon ein sehr angenehmes Polster. Einerseits war mir da klar, dass schon sehr viel schief gehen musste, damit wir doch noch abgestiegen wären und andererseits waren wir dank dieser Hinrunde für alle Eventualitäten gut gewappnet.
 
Wie zum Beispiel die sieben sieglosen Spiele zwischen dem 21. und dem 26. Spieltag?
Zum Beispiel.
 
Wie hat sich das Punkte-Polster auf Ihre Arbeit in der Mini-Krise ausgewirkt?
Ich konnte gelassen reagieren und damit meine Spieler beruhigen.
 
Statt Straftraining also ein wenig Fußballtennis?
Darum geht es nicht, sondern um meinen persönlichen Umgang mit den Spielern. Ich war entspannt genug, um nicht in Aktionismus zu verfallen. Wenn ein Trainer so weit ist, bleibt er nicht mehr lange im Amt.
 
Nach dem späten 3:2-Sieg der Dortmunder im Champions-League-Viertelfinale gegen Malaga sollen Sie am nächsten Tag Ihre Spieler mit dieser Partie auf die Schlussphase der Bundesliga eingestimmt haben. Wie muss man sich das vorstellen? Saßen Sie am Vorabend gemeinsam vor dem Fernseher und gingen die entscheidenden Szenen noch einmal durch?
Ich trainiere doch keine B-Jugend! Nein, nein, die Spieler haben die Partie auch ohne Ihren Trainer genießen dürfen (lacht). Um das Spiel an sich ging es mir nicht, das war ja nicht unbedingt ein Highlight. Vielmehr die Emotionen, die der späte Siegtreffer bei der Mannschaft, dem Trainerstab und vor allem bei den Zuschauern ausgelöst hat. Ich habe der Mannschaft gesagt: So etwas wollen wir auch für Frankfurt, für die Eintracht! Allein die theoretische Möglichkeit solch ein Spiel mal erleben zu können und seinen Fans anzubieten, muss Motivation genug sein, um die Europa League erreichen zu wollen.
 
Dann wird es Sie ja beruhigen, dass am Samstag mit Werder Bremen die Mannschaft mit der schlechtesten Defensive der Bundesliga auf Ihre Elf wartet. Das wird ein einfaches Spiel, oder?
Sie schon wieder. Werder Bremen als einfache Aufgabe? Stellen Sie sich vor, ich würde so ticken wie Sie!
 
Ich stelle hier gravierende Unterschiede in den Denkweisen zwischen Trainern und Journalisten fest.
Das ist doch auch gut so. Sonst wäre es ja sterbenslangweilig (lacht).
 
Also, Werder Bremen. Sagen Sie schon Ihren Satz.
Der da wäre?
 
Der nächste Gegner ist immer der…
…schwerste! Natürlich, so ist es schon seit Sepp-Herberger-Zeiten und so wird es immer sein. Da sehen Sie mal, wie modern wir Bundesligatrainer sein können.
 

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