Sind alle europäischen Fußballfans Antisemiten, Herr Samuels?

»Eine kalkulierte Entscheidung«

Das Simon Wiesenthal Center nahm die europäischen Fußballfans in seine Liste der »Top Ten Antisemitic/Anti Israel Slurs 2012« auf. Wir sprachen mit Dr. Shimon Samuels, Direktor für internationale Beziehungen des Zentrums, über die Gründe.

Dr. Shimon Samuels, das Simon Wiesenthal Center hat die europäischen Fußballfans in die Liste der »Top Ten Antisemitic/ Anti Israel Slurs 2012« (Slur=Beleidigung Anm. d. Red.) aufgenommen. Können Sie kurz skizzieren, was diese Liste ist?
Das Simon Wiesenthal Center ist eine internationale Menschenrechstorganisation mit Fokus auf den Holocaust. Seit 2010 veröffentlichen wir jährlich eine Liste, auf der wir diejenigen Personen oder Organisationen versammeln, die sich im jeweiligen Jahr durch antisemitische Aussagen hervorgetan haben.

Anhand welcher Kriterien stellen Sie die Liste zusammen?
Wir orientieren uns an der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der »European Union Agency for Fundamental Rights« und der »Berliner Erklärung« der Antisemitismus-Konferenz der OSZE. Hinzu kommen die so genannten »Drei Ds«: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelmoral. Wir überprüfen, inwieweit Äußerungen zu Israel von einem oder mehreren der »Ds« geprägt sind, um zu schauen, wo Kritik aufhört und Diskriminierung anfängt. 

Auf Platz vier der Liste finden sich die europäischen Fußballfans. Warum?
Rassismus und Antisemitismus im Fußball unterliegen gewissen Phasen, in denen sie ab- oder zunehmen. Zuletzt haben wir eine Zunahme antisemitischer Zwischenfälle beobachtet, und das nicht nur in osteuropäischen Ländern. Wir haben in der Erklärung explizit die Fans von West Ham United genannt, die seit langem als problematisch gelten und unlängst rivalisierende Tottenham-Fans aufs Übelste antisemitisch verunglimpft hatten.

Aber in ihrer Liste ist von »europäischen Fußballfans« die Rede, nicht von West-Ham-Fans.
Die Fans von West Ham sind als Symbol für ein Problem zu verstehen, das europaweit existiert. Es gab vor Kurzem auch Zwischenfälle in Ungarn, wo im Länderspiel gegen Israel antisemitische Gesänge zu hören waren. Oder in Wien, wo ein Rabbiner von Fußballfans attackiert wurde. Wir wollten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Antisemitismus im Fußball weiterhin existent ist.

Die Fans stehen in einer Reihe mit Leuten wie Mahmud Ahmadinedjad oder der Muslimbruderschaft. Können Sie verstehen, dass das vielen Fans, die sich als friedlich und tolerant verstehen, sauer aufstößt?
Natürlich und ich entschuldige mich bei jedem, der sich dadurch ungerecht behandelt fühlt. Die Sache ist aber die: Ohne diese Kontroverse wäre das Problem nicht so deutlich in den Fokus gerückt, wie es jetzt der Fall ist. Wir würden jetzt wahrscheinlich gar nicht miteinander reden. In diesem Sinne war es eine kalkulierte Entscheidung, den Rahmen weiter zu fassen. Natürlich ist nicht jeder Fan ein Antisemit. Und ein Fußballfan ist auch nicht so gefährlich wie Ahmadinedjad. Er kann es im Einzelfall aber werden. Was den antisemitischen Fans und allen anderen auf der Liste gemein ist, ist die Verbreitung des Hasses. Und der Sprung von antisemitischen oder rassistischen Fangesängen zu konkreten Bedrohungen und Taten kann sehr klein sein.

Haben sich die Verantwortlichen von West Ham schon zu Wort gemeldet?
Nein. Ich denke auch nicht, dass sie sich äußern werden. Es sei denn, sie werden von der FA oder der UEFA dazu aufgefordert.

Und die Verantwortlichen von Tottenham?
Nein, auch nicht. Ich würde mir aber wünschen, dass die Vereine darauf reagieren und sich klar positionieren. 

Passiert denn überhaupt etwas?
Absolut. Ich sehe Licht am Horizont, sowohl im Kleinen als auch auf Verbandsebene. Organisationen wie »FARE« (Football Against Racism in Europe) oder »Never Again« leisten wichtige Arbeit. Auch UEFA und FIFA sind sehr engagiert, da rennen wir quasi offene Türen ein. Gerade erst wurden gegen die Verbände von Bulgarien und Ungarn wegen antisemitischer und rassistischer Zwischenfälle Sanktionen erhoben. Ein wichtiges Signal. Antisemitismus im Stadion ist genauso untragbar wie rassistische Entgleisungen.

Haben Sie auch schon persönlich im Stadion Diskriminierung miterleben müssen?
Erst vor Kurzem war ich in Malmö in Schweden, wo im Stadion antiziganistische Gesänge angestimmt wurden. Es kann nicht sein, dass die Zuschauer »Tod den Zigeunern« rufen und niemand etwas unternimmt. Fußball ist ein so wunderschönes Spiel. Fans, Spieler, Vereine und Verbände müssen Seite an Seite stehen, um Hass und Intoleranz an den Rand zu drängen.

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