Simon Rolfes im Interview

„Zerstören genügt nicht mehr“

Über einen dornigen Weg ist Simon Rolfes in Leverkusen und auch in der Nationalmannschaft angekommen. Auf der vielbesungenen Position des Sechsers gilt er als Mann der Zukunft. Wir sprachen mit ihm über seinen unorthodoxen Karriereplan. Imago

Herr Rolfes, in der noch jungen Saison haben Sie schon einiges durchgemacht. Vom Pokal-Aus gegen St. Pauli bis zum berauschenden Sieg gegen den KSC. Wie beurteilen Sie den Saisonstart von Bayer?

In dem Heimspielen waren wir spielerisch gut, haben uns aber aus den beiden Partien gegen Cottbus und Karlsruhe sechs statt vier Punkte erhofft. In Hamburg hatten wir nicht unseren besten Tag, da hat der HSV verdient gewonnen.

Was sagt ein Trainer nach so einer Partie gegen Cottbus, in der Bayer hoch überlegen war, aber einfach kein Tor fallen wollte?

Unser Trainer und wir lassen uns nach so einem 0:0 nicht aus der Fassung bringen. Wir sind nicht leichtfertig mit den Chancen umgegangen, so dass man sagen könnte, dass es an Überheblichkeit oder Schlafmützigkeit gelegen hätte. Cottbus Torwart Piplica hatte einen überragenden Tag, und es war auch viel Pech dabei, wenn ich an den Pfostentreffer von Schneider denke. Wichtig ist, dass man sich Chancen heraus spielt. Das ist uns gelungen, unser Spielaufbau war gut. Damit haben wir schon vieles richtig gemacht.

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Der Saisonstart war nahezu ein Spiegelbild der Leistungen Bayers in der letzten Saison. Können Sie uns erklären, warum die Leistungen in der Vergangenheit immer wieder so unkonstant waren?


Das ist schwer zu greifen. Natürlich könnte man da unsere junge Mannschaft als Grund anführen. Wenn es bei uns läuft, sind wir zu sehr vielem fähig. An schlechten Tagen aber haben wir die Punkte zu leicht hergegeben. Wie müssen versuchen, dahin kommen, insbesondere in engen Matches, unsere Chancen konsequenter zu nutzen. Insgesamt müssen wir sicherlich noch abgezockter werden.

Was macht Sie zuversichtlich, dass Bayer in dieser Saison konstanter wird?

Wir haben in dieser Saison hinten weniger Tore gefangen. Das ist eine gute Basis, um auch die Spiele zu gewinnen, in denen nicht so gut läuft. Überhaupt haben wir in dieser Saison einen besseren und breiteren Kader als im letzten Jahr. Somit können wir Ausfälle nun besser kompensieren, insbesondere in der Defensive.

Was ist mit dem verbesserten Kader in dieser Bundesligasaison für Leverkusen möglich?


Unser Ziel ist es, ganz klar mehr Punkte zu holen als die 51 Zähler im letzten Jahr. Wenn wir das schaffen, sind wir nächsten Jahr auch wieder international dabei. Wenn möglich, wollen wir den Abstand zu den ersten vier Mannschaften verkürzen, denn der war in der letzten Saison doch recht groß.

Und international?

Das erste Ziel ist natürlich, in die Gruppenphase zu kommen. Bis zum Finale sind es 15 Spiele, das ist ein sehr langer Weg. Wir wollen in dem Wettbewerb von Runde zu Runde schauen.

Zurück zum Anfang: Wie alt waren Sie eigentlich, als Sie zum ersten Mal so wirklich daran geglaubt haben, Fußballprofi zu werden?

Den Traum hatte ich schon als kleines Kind. Ich war damals großer Bremen-Fan und habe schon mit vier Jahren gesagt: „Ich spiele mal bei Werder“. Wirklich konkret wurde es, als ich von meinem Heimatverein tatsächlich in die Bremer A-Jugend gewechselt bin. In meinem zweiten Jahr, als ich noch A-Jugend hätte spielen können, war ich dann bereits im Regionalligakader. Da habe ich gespürt, dass ich es packen kann.

Wie war die Umstellung vom „kleinen“ TuS Recke zum großen SV Werder Bremen?


Fußballerisch habe ich mich recht schnell akklimatisiert. Das größte Problem waren die höheren körperlichen Anforderungen. Statt zwei Mal Traing pro Woche waren es in Bremen vier Trainingseinheiten plus Spiel. Das war anfangs sehr hart.

Waren Sie schon in der Jugend defensiver Mittelfeldspieler, oder wurden Sie umgeschult?

In der A-Jugend habe ich im offensiven Mittelfeld hinter den Spitzen gespielt. Jetzt spiele ich defensiver, aber ich sehe mich als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive.

Können Sie einem Laien erklären, was der Unterschied für einen 6er ist, wenn die Mannschaft mit einer Raute spielt, gegenüber der taktischen Formation mit zwei 6ern vor der Abwehr?

Wenn man alleine auf der 6 spielt, ist man sehr an Defensivaufgaben gebunden. Es ist eine wichtige Position, die besetzt sein muss. Wenn man den Raum da zu sehr aufgibt, dann brennt´s bei Kontern. Spielt man mit zwei 6ern, kann man sich mehr in die Offensive einschalten und variabler spielen.

Früher galten die 6er als Staubsauger, als biedere Arbeiter. Merken Sie, dass dieser Position heute eine höhere Wertschätzung zukommt als in früheren Tagen?

Ich bin noch nicht so lange dabei, um zu sagen, wie es früher war. Ich denke aber, dass sich das Spiel im Allgemeinen sehr verändert hat. Auch den klassischen 10er gibt es heute nicht mehr. Früher hatte der 6er oft einzig und allein die Aufgabe, den gegnerischen Spielmacher zu bekämpfen. Heute ist alles sehr viel variabler. Die Spielermacher müssen auch defensiv arbeiten, und genauso müssen die 6er auch Offensivqualitäten besitzen und das Spiel eröffnen können. Nur Zerstören genügt einfach nicht mehr. Das gilt genauso für die Abwehrspieler.

In welchen Bereichen haben Sie noch Steigerungspotential?

Das Dazulernen hört nie auf. Ich kann mich sicherlich noch in vielen Bereichen verbessern. Mein rechter Fuß kann besser werden, und körperlich kann ich auch noch etwas zulegen. Es ist wichtig, sich seine ganze Karriere hindurch weiter zu entwickeln.

Sind Sie ein Spieler, der nach Trainingsschluss noch ein paar Extraschichten schiebt?


Natürlich bleibe ich nach dem Training oft noch länger draußen, übe lange Pässe, Flanken und den Torabschluss oder gehe in den Kraftraum. Da hat sich viel gewandelt. Bei uns machen das mittlerweile viele Spieler.

Ihre Karriere hatte keinen stetigen Verlauf. Sie begann in der Regionalligamannschaft von Bremen, wo Sie dann auch einen Profivertrag bekommen haben. Wie viel Zeit hat sich Thomas Schaaf für einen talentierten Nachwuchsspieler wie Sie genommen?

Im Profigeschäft läuft es schon anders als in der 2. Mannschaft. Da muss man sich zum großen Teil selbst durchkämpfen. Wenn man in der Jugend der beste Spieler ist und man als Nachwuchshoffnung gilt, dann nehmen sich der Jugendtrainer und der Nachwuchsmanager sehr viel Zeit für einen. Wenn man dann zu den Profis kommt, ist das auf einmal nicht mehr so, weil es da in dem Bereich auch gar nicht mehr in dem Maße möglich ist. Das war eine große Umstellung für mich – und ist es sicher auch für viele andere Nachwuchsspieler – wenn man vom Umsorgten Jugendspieler auf einmal bei den Profis weitestgehend auf sich allein gestellt ist und sich Stück für Stück hochbeißen muss.

Als Nachwuchsspieler haben Sie den Durchbruch in Bremens Profimannschaft nicht geschafft. In der Winterpause 2002/03 sind dann für eine Halbserie zum SSV Reutlingen gegangen. Haben Sie lange überlegt, ob Sie den Schritt in die 2. Liga wagen sollen?

Es war mein Wunsch, mich ausleihen zu lassen, um einen neuen Impuls zu bekommen. In Bremen hatte ich zu dem Zeitpunkt das Gefühl, dass es dort für mich nicht weitergeht. In Bremen hatte ich nur in der Regionalliga gespielt, deswegen war der Schritt in die 2. Liga für mich ein Schritt nach vorne, und die Chance, mich auf höherem Niveau zu beweisen.

In Reutlingen war dann Abstiegskampf angesagt.

Die Situation in Reutlingen war nicht einfach. Da gab es Abstiegkampf, Trainerwechsel, hin und her... Aber aus solchen Situationen kann man als junger Spieler nur lernen. Das war beim Wechsel schließlich mein Ziel. Es war natürlich schade, dass wir damals abgestiegen sind, aber mich hat es weitergebracht.

Welche Erfahrungen haben Sie aus Reutlingen für Ihre weitere Karriere mitgenommen?

Beim SSV habe ich zum ersten Mal in der ersten Mannschaft eines Profivereins gespielt. Da steht man in einer ganz anderen Verantwortung als vor ein paar Zuschauern in der Amateurmannschaft von Werder Bremen. Da ist der Druck einfach nicht so hoch.

Glauben Sie, dass in Zukunft junge Spieler auf ihrem Weg vermehrt auch in die 2. Liga gehen, um ihr Ziel 1. Bundesliga zu erreichen?

Ja, denn dort kann man sich auf höherem Niveau beweisen und sich besser entwickeln als in der Regionalliga. Ich denke, dass es ein gutes Sprungbrett in die 1. Liga ist. Die fußballerische Qualität in der zweiten Liga hat sich gesteigert und wird immer besser. Bei Spielern wie Schlaudraff, Federico und mir hat das super geklappt. Mittlerweile sind die Bundesligisten eher bereit, die Top-Spieler der zweiten Liga zu verpflichten, als dies früher der Fall war.

Nach dem Abstieg mit Reutlingen sind Sie zurück nach Bremen gegangen, haben dort aber wieder keine Chance bekommen. Sie sind in etwa im selben Alter wie Tim Borowski. Er hat den Durchbruch in Bremen geschafft. Haben Sie sich manchmal gedacht: „Was Borowski kann, das kann ich doch eigentlich auch“?

Ich habe mich weniger mit anderen verglichen. Natürlich hätte ich gerne eine Chance bekommen, zu spielen und zu zeigen, dass ich auf Erstliganiveau mithalten kann. Ich denke auch, dass ich eine Chance verdient gehabt hätte. Im Nachhinein muss ich aber auch sagen, dass ich zu der Zeit noch längst nicht soweit war, wie ich es heute bin.

Wie kam es dann zu dem Wechsel nach Aachen?

Als ich aus Reutlingen zurück nach Bremen kam, war es schon mal ein Thema. Ich habe mich dann aber dazu entschlossen, es noch einmal in Bremen zu versuchen. Der Kontakt ist aber nicht abgerissen, und am Ende der Saison war dann klar, dass ich zur Alemannia gehe. Zum einen war Aachen ein Top-Team in der zweiten Liga. Und zum anderen stand zu dem Zeitpunkt auch schon fest, dass Aachen im UEFA-Cup spielt, und das hat die Entscheidung natürlich noch leichter gemacht, als sie ohnehin schon war.

In Aachen haben Sie dann schließlich den Durchbruch als Profi geschafft. Welchen Anteil hatten die UEFA-Cup-Spiele mit der Alemannia daran?

Die waren sehr wichtig für meine Entwicklung. Grade in den UEFA-Cup-Spielen habe ich richtig gute Leistungen abgeliefert. Da habe ich mir sehr viel Selbstvertrauen geholt und gemerkt, dass ich auf dem Niveau mithalten konnte. Außerdem sind dadurch auch viele Bundesligisten auf mich aufmerksam geworden. Insgesamt ist in Aachen durch unsere internationalen Auftritte eine große Euphorie entstanden.

Waren die UEFA-Cup-Spiele ein Grund dafür, dass es mit dem Aufstieg in jener Saison nicht klappte?

Das hat sicherlich eine Rolle gespielt, war aber nicht der alleinige Grund. In der Hinserie sind wir von unseren internationalen Erfolgen getragen worden, haben einen begeisternden Fußball gespielt und einige hohe Siege eingefahren. In der Rückrunde haben unsere Gegner dann oft nur gemauert, weil sie Angst hatten, von uns abgeschossen zu werden. Sie haben sich sehr gut auf uns eingestellt. Damit hatten wir Probleme, und in Folge dessen in der Rückrunde eine längere Phase, in der wir nicht gewonnen haben. Da haben wir die nötigen Punkte zum Aufstieg liegen lassen.

Nach dem verpassten Aufstieg sind sie dann nach Leverkusen gewechselt. Wären Sie im Aufstiegsfall in Aachen geblieben?


Zum Zeitpunkt meiner Wechselentscheidung hatte sich schon abgezeichnet, dass wir den Aufstieg verpassen würden. So habe ich die Chance wahrgenommen, bei einem Top-Bundesligisten wie Leverkusen zu spielen. Wenn wir aufgestiegen wären, hätte ich vor einer ganz schwierigen Entscheidung gestanden, denn Aachen ist mir absolut ans Herz gewachsen und hat mich nach der Enttäuschung in Bremen fußballerisch gewissermaßen wiederbelebt. Es war ein wunderschönes und ganz besonders Jahr.

Hatten Sie bei Ihrem Wechsel auch schon die Nationalmannschaft im Hinterkopf?


Ja. Ich habe mir schon ausgerechnet, dass ich durchaus eine Chance in der Nationalmannschaft bekommen könnte, wenn ich mich in Leverkusen durchsetze.

Mittlerweile haben Sie es in die Nationalmannschaft geschafft. Wie wurden Sie dort aufgenommen?


Sehr gut. Die anderen Spieler haben mir den Einstieg sehr erleichtert. Auch die Trainer haben es uns neuen Spielern sehr einfach gemacht, um uns im Team einzufinden.

Beim historischen Sieg der Deutschen Mannschaft in Wembley haben Sie Ihr drittes Länderspiel bestritten. Wie war die Stimmung im Team vor dem Spiel, zumal das Team eine Reihe von Ausfällen zu verkraften hatte.

Anfangs war die Anspannung sehr groß. Das hat man in den 15 Minuten auch gesehen. Aber nach dem Gegentor hat die Mannschaft die richtige Reaktion gezeigt sich und nach und nach freigeschwommen.

Können Sie Ihre Emotionen beschreiben, als Sie Mitte der zweiten Halbzeit eingewechselt wurden?

Es ist natürlich etwas Besonderes, in Wembley aufzulaufen. Bei meiner Einwechslung war ich angespannt und hoch konzentriert. Nach dem Spiel genießt die Atmosphäre natürlich, und dann kommt auch der Stolz und die Freude über den Sieg auf.

Wie haben Sie den Sieg mit der Mannschaft in der Kabine gefeiert?


Wir haben uns natürlich gefreut, aber in der Kabine ging es relativ ruhig zu. Wir waren uns der besonderen Bedeutung des Spiels zwischen England und Deutschland im neuen Wembleystadion schon bewusst, aber letztendlich war es nur ein Freundschaftsspiel.

Glauben Sie, dass Sie der EM 2008 mit dem Spiel in England ein gutes Stück näher gekommen sind?

Jeder Einsatz bringt mich weiter, aber am Ende zählt der Eindruck der ganzen Saison. Ich werde natürlich alles geben, um bei der EM dabei zu sein. Im Sommer wird abgerechnet, und dann entscheidet der Trainer.

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Im neuen 11FREUNDE-Heft findet Ihr ein Interview mit Simon Rolfes' Kapitän Bernd Schneider.

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