09.05.2014

Shinji Okazaki über deutsche Eigenschaften, seine Leistungsexplosion und die WM

»Stürmer? Ich war mir nicht mehr sicher«

Nach drei durchschnittlichen Jahren beim VfB Stuttgart startete Shinji Okazaki in dieser Saison beim FSV Mainz 05 als Torjäger durch. Wir sprachen mit ihm über Europacup-Ambitionen, Thomas Tuchels deutliche Ansagen und das 3-4-3-System von Japans Nationaltrainer Alberto Zaccheroni.

Interview: Christoph Erbelding Bild: Imago

Shinji Okazaki, Ihr guter Freund und Nationalelf-Kollege Gōtoku Sakai vom VfB Stuttgart hat einmal gesagt: »Für mich ist Tapferkeit und Robustheit etwas typisch deutsches.« Was verbinden Sie mit Ihrer fußballerischen Heimat?
Deutsche wollen nie verlieren. Das gilt nicht nur für das Spiel auf dem Platz, sondern für alle Lebensbereiche.

Mit den Rahmenbedingungen kommen Sie mittlerweile bestens zurecht. Sie haben in dieser Saison für den FSV Mainz 14 Tore erzielt. In der Vorsaison, als Sie noch beim VfB Stuttgart spielten, war es nur ein Treffer.
Ich habe im vergangenen Jahr viel Selbstvertrauen gewonnen. Der Wechsel zum FSV Mainz 05 war ein Glücksfall. Ich habe hier für mich selbst erkannt, was für eine Art Spieler ich bin.

Beim VfB haben Sie zuvor in drei Jahren nur zehn Tore geschossen. Auch, weil Sie teilweise nicht im Sturm gespielt haben.
Ich bin eigentlich als Stürmer nach Stuttgart gekommen, bin dort aber meist im Mittelfeld eingesetzt worden. Am Ende war ich mir selbst nicht mehr sicher, wo ich hingehöre. Bin ich nun ein Stürmer? Ein Mittelfeldspieler mit defensiver oder offensiver Ausrichtung? Das war eine schwierige Situation und hat sich letztlich auch auf meine Leistungen ausgewirkt. Wenn ich ehrlich zurückblicke, konnte ich ja insgesamt nicht so viel zu den Erfolgen der Mannschaft beitragen.

Warum ist das in Mainz anders?
Mainz hat mich als Stürmer verpflichtet. Da gab es von Anfang an klare Signale. So konnte ich in die Rolle, die ich jetzt ausfülle, hineinwachsen.

Welchen Anteil hat Trainer Thomas Tuchel an Ihrer Leistungsexplosion?
Der Trainer hat mir seit dem ersten Tag deutlich gesagt, was er von mir erwartet und auf welcher Position er mich sieht. Und zwar vehement, immer und immer wieder. Die Teamkollegen haben das auch gemacht. Das hat mich einerseits gefördert, andererseits aber auch gefordert. Ich habe diese Art der Unterstützung aber wohl gebraucht, gerade zu Saisonbeginn, als ich nach meinem Tor am ersten Spieltag (Okazaki traf beim 3:2-Erfolg gegen den VfB Stuttgart, d. Red.) erst einmal für längere Zeit nicht getroffen habe und mein Selbstvertrauen noch nicht so ausgeprägt war.

Waren die Jahre in Stuttgart im Nachhinein verlorene Jahre?
Ich bin als junger Spieler in die Bundesliga gekommen und wusste nicht, ob ich überhaupt das Zeug dazu habe, in Europa mitzuhalten. So geht es vielen japanischen Spielern, die ihr Land verlassen. Ein bisschen Ungewissheit ist immer dabei. Der VfB gab mir die Möglichkeit, mich zu beweisen, und dafür bin ich dankbar. Ich konnte auch in der Europa League spielen und dort Erfahrungen sammeln, die für meine Entwicklung wichtig waren. Und ein paar gute Spiele müssen ja dann doch dabei gewesen sein, sonst hätte das mit dem Wechsel nach Mainz sicherlich nicht geklappt.

Sie stehen mit dem FSV Mainz 05 vor dem Einzug in die Europa League. Wäre dieser Schritt für den Verein machbar oder droht nicht doch eine vielleicht zu große Belastung, wie sie zuletzt Eintracht Frankfurt und der SC Freiburg gespürt haben?
Aus Spielersicht kann ich nur sagen, dass es für jeden Einzelnen eine großartige Sache wäre, wenn wir uns qualifizieren. Selbst wenn wir große Gegner bekommen und die eine oder andere Niederlage einstecken müssen, würde jeder Spieler dennoch an diesen Erfahrungen wachsen.

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