Shinji Okazaki über deutsche Eigenschaften, seine Leistungsexplosion und die WM

»Stürmer? Ich war mir nicht mehr sicher«

Nach drei durchschnittlichen Jahren beim VfB Stuttgart startete Shinji Okazaki in dieser Saison beim FSV Mainz 05 als Torjäger durch. Wir sprachen mit ihm über Europacup-Ambitionen, Thomas Tuchels deutliche Ansagen und das 3-4-3-System von Japans Nationaltrainer Alberto Zaccheroni.

Shinji Okazaki, Ihr guter Freund und Nationalelf-Kollege Gōtoku Sakai vom VfB Stuttgart hat einmal gesagt: »Für mich ist Tapferkeit und Robustheit etwas typisch deutsches.« Was verbinden Sie mit Ihrer fußballerischen Heimat?
Deutsche wollen nie verlieren. Das gilt nicht nur für das Spiel auf dem Platz, sondern für alle Lebensbereiche.

Mit den Rahmenbedingungen kommen Sie mittlerweile bestens zurecht. Sie haben in dieser Saison für den FSV Mainz 14 Tore erzielt. In der Vorsaison, als Sie noch beim VfB Stuttgart spielten, war es nur ein Treffer.
Ich habe im vergangenen Jahr viel Selbstvertrauen gewonnen. Der Wechsel zum FSV Mainz 05 war ein Glücksfall. Ich habe hier für mich selbst erkannt, was für eine Art Spieler ich bin.

Beim VfB haben Sie zuvor in drei Jahren nur zehn Tore geschossen. Auch, weil Sie teilweise nicht im Sturm gespielt haben.
Ich bin eigentlich als Stürmer nach Stuttgart gekommen, bin dort aber meist im Mittelfeld eingesetzt worden. Am Ende war ich mir selbst nicht mehr sicher, wo ich hingehöre. Bin ich nun ein Stürmer? Ein Mittelfeldspieler mit defensiver oder offensiver Ausrichtung? Das war eine schwierige Situation und hat sich letztlich auch auf meine Leistungen ausgewirkt. Wenn ich ehrlich zurückblicke, konnte ich ja insgesamt nicht so viel zu den Erfolgen der Mannschaft beitragen.

Warum ist das in Mainz anders?
Mainz hat mich als Stürmer verpflichtet. Da gab es von Anfang an klare Signale. So konnte ich in die Rolle, die ich jetzt ausfülle, hineinwachsen.

Welchen Anteil hat Trainer Thomas Tuchel an Ihrer Leistungsexplosion?
Der Trainer hat mir seit dem ersten Tag deutlich gesagt, was er von mir erwartet und auf welcher Position er mich sieht. Und zwar vehement, immer und immer wieder. Die Teamkollegen haben das auch gemacht. Das hat mich einerseits gefördert, andererseits aber auch gefordert. Ich habe diese Art der Unterstützung aber wohl gebraucht, gerade zu Saisonbeginn, als ich nach meinem Tor am ersten Spieltag (Okazaki traf beim 3:2-Erfolg gegen den VfB Stuttgart, d. Red.) erst einmal für längere Zeit nicht getroffen habe und mein Selbstvertrauen noch nicht so ausgeprägt war.

Waren die Jahre in Stuttgart im Nachhinein verlorene Jahre?
Ich bin als junger Spieler in die Bundesliga gekommen und wusste nicht, ob ich überhaupt das Zeug dazu habe, in Europa mitzuhalten. So geht es vielen japanischen Spielern, die ihr Land verlassen. Ein bisschen Ungewissheit ist immer dabei. Der VfB gab mir die Möglichkeit, mich zu beweisen, und dafür bin ich dankbar. Ich konnte auch in der Europa League spielen und dort Erfahrungen sammeln, die für meine Entwicklung wichtig waren. Und ein paar gute Spiele müssen ja dann doch dabei gewesen sein, sonst hätte das mit dem Wechsel nach Mainz sicherlich nicht geklappt.

Sie stehen mit dem FSV Mainz 05 vor dem Einzug in die Europa League. Wäre dieser Schritt für den Verein machbar oder droht nicht doch eine vielleicht zu große Belastung, wie sie zuletzt Eintracht Frankfurt und der SC Freiburg gespürt haben?
Aus Spielersicht kann ich nur sagen, dass es für jeden Einzelnen eine großartige Sache wäre, wenn wir uns qualifizieren. Selbst wenn wir große Gegner bekommen und die eine oder andere Niederlage einstecken müssen, würde jeder Spieler dennoch an diesen Erfahrungen wachsen.

Vorher steht die WM in Brasilien an. Japan spielt in der Vorrunde gegen Kolumbien, Griechenland und die Elfenbeinküste. Eine schwere oder machbare Gruppe?
Mit Elkin Soto habe ich darüber schon ab und zu gesprochen und wir sind uns einig, dass es für alle Teams eine schwere Gruppe ist. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass auf jeden Fall Chancen da sind, sich für die nächste Runde zu qualifizieren.

Bei bisher vier WM-Teilnahmen ist Japan nicht über das Achtelfinale hinausgekommen. Wäre es nicht an der Zeit, dass in Brasilien der Durchbruch gelingt?
Durch die vielen Spieler, die in Europa und teilweise bei Spitzenclubs aktiv sind, haben wir viel Potenzial. Das macht uns optimistisch. Wichtiger, als sich im Vorfeld irgendwelche Ziele zu setzen, ist aber, dass bei jedem Einzelnen der Wille da ist – und den spüre ich bei mir und meinen Mannschaftskollegen.

Was muss die Mannschaft besser machen als beim Confederations Cup 2013, als Japan in der Vorrunde ausschied?
Der Confed Cup war ein Test. Wir wollten sehen, wie weit wir schon sind und wo wir uns noch verbessern müssen. Wir verfügen – wie immer eigentlich – über großes spielerisches Potenzial. Was unsere Siegermentalität angeht, gab es aber noch Nachholbedarf. Daran haben wir im vergangenen Jahr gearbeitet.

Wie sah das konkret aus?
Es ging darum, noch konzentrierter zu spielen. In einigen Testspielen war es beispielsweise unser Ziel, in bestimmten Phasen der Partie nichts zuzulassen und die Aufmerksamkeit dadurch weiter zu steigern. Hinzu kommt, dass wir immer mehr zu einer agierenden Mannschaft werden und nicht nur abwarten, was der Gegner macht. Das wäre für Japan vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Ihr Trainer Alberto Zaccheroni hat mit dem AC Milan, Inter Milan und Juventus Turin schon die großen italienischen Vereine trainiert. Was zeichnet Ihn aus?
Er ist ein sehr akribischer Trainer, der alles bis ins Detail erklärt. Das schätze ich. Es ist mir wichtig, dass ich alles verstanden habe, was ein Trainer von mir will, bevor ich auf den Platz gehe.

Zaccheroni hat 2011 auch versucht, Japan sein italienisches 3-4-3-System einzutrichtern, davon aber nach zwei torlosen Unentschieden und einem 1:0 gegen Vietnam wieder Abstand genommen.
Im Training üben wir diese Spielform immer noch. Es spricht für einen Trainer, wenn er vieles ausprobiert. Nur so kann er sich mehrere Pläne aneignen. Und Zaccheroni hat viele Pläne in der Tasche.

Shinji Okazaki, Sie fahren mit einem Bundesliga-Rekord zur WM: Noch nie hat ein Japaner in einer Saison so viele Tore erzielt wie Sie. 2010 in Südafrika waren sie mit vier Einwechselungen noch Ergänzungsspieler. Verspüren Sie nun einen besonderen Druck, es allen zeigen zu wollen?
Keine Frage, der Rekord ist in meiner Heimat registriert worden. So etwas würde wohl erst dann nicht mehr auffallen, wenn Japan zu den absoluten Topnationen im Weltfußball zählen würde. Unter Druck setzt mich das aber nicht. Ich fahre auch nicht mit dem Gefühl zur WM, unumstrittener Stammspieler zu sein. Ich weiß, wo ich nach einem Jahr mit nur einem Tor herkomme. Die 14 Treffer in dieser Saison ändern nichts an der Tatsache, weiter hart arbeiten zu müssen.  

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!