Sergio Olguín im Interview

„Maradona ist ein lebendiger Gott“

Er ist während der besten Zeit von Diego Maradona aufgewachsen und seit Jahrzehnten treuer Fan der Boca Juniors. Sergio Olguín, Schriftsteller aus Buenos Aires, betrachtet das Spiel der Spiele aus der Sicht eines fußballverrückten Literaten. Imago

Deine Geschichte erzählt auch vom ersten Lederball des Straßenkickers Maradona. Was bedeutet Diego für dich persönlich?

Er ist ein Held des 20. Jahrhunderts, der sich immer wieder selbst zerstört hat. Er war ganz unten und er ist immer zurückgekehrt. Ich war und bin sein Zeitgenosse, habe ihn noch live spielen gesehen - das werde ich einmal meinen Enkeln erzählen. Für einen, der den Fußball liebt, ist das etwas Wunderbares, absolut Unvergleichliches.

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Maradonas bizarres Leben hat allerdings auch viel von einer Tragödie.

Ja, sein Charakter ist extrem wechselhaft, er hat viel Ambivalenz in sich. Auf dem Platz war er immer ein echter Kumpeltyp, außerhalb des Rasens ein total verrückter Artist. Er ist ein Rebell. In seiner Meinung, egal ob sportlich oder politisch, ist er vollkommen unabhängig. Ihn stört nicht, was man über ihn denkt. Er macht einfach, unterstützt Fidel Castro, attackiert die FIFA ...

Dennoch gibt es keinen Zweiten, der bei den Argentiniern noch heute diese Liebesgefühle weckt.

Weil seine Tore, wie das bei der WM 1986 gegen England, zu den größten Kunstwerken Argentiniens gehören, sie sind ein Äquivalent zu den schönsten Gedichten von Jorge Luis Borges. Maradona ist ein nationales Emblem wie Evita Perón und der Tangosänger Carlos Gardel. Die drei sind fast wie Heilige. Bis auf Maradona sind aber alle längst tot. Egal was er macht, er bleibt ein lebendiger Gott.

Aber für seinen Klub, die Boca Juniors, würde er sterben. Maradona liebt seinen Heimatverein.

Er ist ein fanatischer Anhänger, er leidet wie ein Hund, wenn Boca verliert. Kaum einer ist so mit dem Herzen dabei. Er fühlt sich einfach zugehörig. Andere Profis interessieren sich ja überhaupt nicht für ihren Ex-Klub. Gabriel Batistuta etwa sieht man nie in der Bombonera. Auf der anderen Seite ist es natürlich befremdlich, wenn Maradona, sonst das Idol aller Argentinier, plötzlich im Boca-Trikot die Fans von Estudiantes oder Banfield beschimpft.

Was macht den Mythos Boca aus? Warum ist es der populärste Klub in Argentinien?

Boca hat seinen Ursprung im gleichnamigen Hafenviertel, die Gründer waren italienische Einwanderer, sie kamen 1905 zu Tausenden mit Schiffen aus Genua. Daher heißen die Anhänger schlicht „Xeneizes“, die Genovesen. Der Klub trägt eine typisch italienische Tragik in sich. Dadurch ist irgendwann dieses Mystische entstanden, das die Leute so anzieht.

Und fußballerisch, was ist ihr Stil?


Boca ist ein Klub der Krieger, der krasse Gegensatz zu River Plate. Der Erzrivale steht fürs feine Spiel, für die Reichen. Boca hat oft die schlechtere Ausgangsposition gehabt,
am Ende aber doch triumphiert. Wie 1977, als man auswärts in Mönchengladbach 3:0 siegte und den Weltpokal gewann. Boca hat immer Spieler, die bedingungslos kämpfen und sich stark mit dem Klub identifizieren. Das honorieren die Fans.

Hast du einen Lieblingsspieler?

Roberto Cabañas, ein Paraguayer, er war von 1991 bis 94 der Mittelfeldlenker. Er spielte eher unauffällig, wirkte bisweilen faul, aber wenn es darauf ankam, war er hellwach. Viele Spieler, wie heute Barros Schelotto, sind im Superclásico hypernervös und kriegen nichts auf die Reihe. Cabañas spielte gegen River Plate immer brillant und machte seine Tore. Dafür liebten wir ihn. Noch heute ist er bei den Fans sehr angesehen.

Wo findet man dich im Stadion?

Als Kind und Jugendlicher ging ich immer auf die legendäre steile Stehtribüne, heute sitze ich meistens auf der Gegengeraden.

„Sitzen ist für den Arsch“ lautet in Deutschland ein Fanspruch.

Da ist was dran. Auf der Sitztribüne (Platea) sind die Leute sehr kritisch, sie sind mit nichts zufrieden, nörgeln nur rum. Im Stehplatzbereich (Popular) erlebst du die 90 Minuten ganz anders. Hinter dem Tor stehen die harten Jungs mit den selbst gestochenen Tattoos. Die wollen sich freuen und genießen das Match in vollen Zügen. Sie rauchen Shit, tanzen, hüpfen und singen Lieder wie „Boca, un buen amigo“. Die beklatschen alles, jede Kleinigkeit - sogar die Fehlpässe der eigenen Mannschaft.


Im Ballungsraum Buenos Aires gibt es neben Boca noch zehn weitere Erstligaklubs. Gehst du da manchmal fremd?

Heute nicht mehr. Als Jugendlicher war ich auf dem Gymnasium in Avellaneda. Direkt nebenan war das Stadion von Independiente. Ich war eine zeitlang sogar Dauerkarteninhaber dort. Auch bei Racing war ich oft.

Die Fans in Argentinien flippen oft aus. Woher kommt das?

Die Gewalt hat ihre Wurzeln nicht im Fußball, sondern wird dort nur ausgelebt. Das hat viel mehr mit der schwierigen sozialen Situation der Jugendlichen in Argentinien zu tun. Ein Junge, der nicht für eine höhere Schule zugelassen wird und keinen Job in Aussicht hat, organisiert sich schnell mal in einem Hooligans-Klub. Diese Vereinigungen haben Geld, Drogen und gemeinsame Ziele, sind also sehr attraktiv für die Jungen.

Ist das Viertelfinal-Aus gegen Deutschland in Argentinien noch präsent?


Jetzt nicht mehr. Aber es wurde lange über Roberto Abbondanzieri diskutiert. Unser Nationaltorwart gilt als grandioser Elfmeterkiller, das hat er bei Boca oft genug bewiesen. Die Fans sagen, mit ihm hätten wir euch geschlagen. Er ist ein herausragender Schnapper.

Nach dem Abpfiff gab es Provokationen, Schläge und Tritte. Ist das Verhältnis zu den Alemanes jetzt nachhaltig getrübt?

Die beiden Teams standen sich immer in wichtigen Matches gegenüber, zwei Mal sogar im WM-Finale. Aber komischerweise gab es auch diesmal keinen Hass, keine Abneigung gegenüber den Deutschen. Überhaupt nicht. Nicht so wie es gegenüber Erzfeind England oder Nachbar Brasilien der Fall gewesen wäre und tatsächlich auch ist.

Warst du denn mit der spielerischen Leistung der Albiceleste zufrieden?

Sie haben lange nicht mehr so sauber kombiniert wie unter Pekerman. Auch wenn die Presse das anders sieht: Er hat keine gravierenden Fehler gemacht. Die Mannschaft war noch nicht reif für den Titel.

Und Messi, hätte er nicht öfter spielen müssen?

Für Weltmeister Jorge Valdano ist er ja der neue Messias. Alle sagten damals, Pekerman hätte Messi bringen müssen und wir hätten die Deutschen weggehauen. Das ist zu billig. Sorry, der Junge ist gerade 19 geworden. Ihm passiert, was allen Spielern des FC Barcelona droht: Messi wird gnadenlos überschätzt. Schuld sind die Medien.

Aber er ist doch ein absolutes Genie.

Sicher, von den Anlagen her, ist er ein „Crack“ wie wir hier am Rio del la Plata sagen. Aber Lionel muss noch wachsen, viel kräftiger werden und sich in allen Bereichen verbessern.

Dokumentiert ein solch genialer Dribbler nicht den Unterschied zwischen dem Konzept-Fußball in Europa und der inspirierten Passion in Südamerika?

Quatsch! Der Stil wird sich doch immer ähnlicher. Auch die Art, den Fußball zu genießen und durch ihn zu leiden, ist sehr ähnlich, eigentlich identisch. Das habe ich festgestellt, als ich im Juni für drei Wochen in Deutschland war. Zwischen einem Fan von Veléz Sarsfield und einem Fan von Werder Bremen gibt es keinen Unterschied. Beide sind gleich verrückt.

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Sergio Olguín wurde 1967 Buenos Aires geboren. Er studierte an der dortigen Universität Literaturwissenschaften und arbeitete zunächst als Journalist. Olguín wurde Chefredakteur der Kulturzeitschrift „La mujer de mi vida“ und veröffentlichte Artikel in den Tageszeitungen „Página/12“, „La Nación“ und „El País de Montevideo“. Im Jahr 2002 veröffentlichte er mit „Lanús“ seinen ersten Roman. Danach erschien „Filo“ (2003). Sein drittes Buch „El Equipo de mis sueños - Die Traummannschaft“ ist im Mai auf Deutsch erschienen. Der Jugendroman hat stark autobiografische Züge. Er handelt von Bandenkriegen und der Leidenschaft für den Fußball.

Das Interview mit Sergio Olguín stammt aus BOLZEN, dem Zentralorgan für Freizeitfußball www.bolzen-online.de .


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