22.03.2007

Sergio Olguín im Interview

„Maradona ist ein lebendiger Gott“

Er ist während der besten Zeit von Diego Maradona aufgewachsen und seit Jahrzehnten treuer Fan der Boca Juniors. Sergio Olguín, Schriftsteller aus Buenos Aires, betrachtet das Spiel der Spiele aus der Sicht eines fußballverrückten Literaten.

Interview: Erik Wegener Bild: Imago

Im Ballungsraum Buenos Aires gibt es neben Boca noch zehn weitere Erstligaklubs. Gehst du da manchmal fremd?

Heute nicht mehr. Als Jugendlicher war ich auf dem Gymnasium in Avellaneda. Direkt nebenan war das Stadion von Independiente. Ich war eine zeitlang sogar Dauerkarteninhaber dort. Auch bei Racing war ich oft.

Die Fans in Argentinien flippen oft aus. Woher kommt das?

Die Gewalt hat ihre Wurzeln nicht im Fußball, sondern wird dort nur ausgelebt. Das hat viel mehr mit der schwierigen sozialen Situation der Jugendlichen in Argentinien zu tun. Ein Junge, der nicht für eine höhere Schule zugelassen wird und keinen Job in Aussicht hat, organisiert sich schnell mal in einem Hooligans-Klub. Diese Vereinigungen haben Geld, Drogen und gemeinsame Ziele, sind also sehr attraktiv für die Jungen.

Ist das Viertelfinal-Aus gegen Deutschland in Argentinien noch präsent?


Jetzt nicht mehr. Aber es wurde lange über Roberto Abbondanzieri diskutiert. Unser Nationaltorwart gilt als grandioser Elfmeterkiller, das hat er bei Boca oft genug bewiesen. Die Fans sagen, mit ihm hätten wir euch geschlagen. Er ist ein herausragender Schnapper.

Nach dem Abpfiff gab es Provokationen, Schläge und Tritte. Ist das Verhältnis zu den Alemanes jetzt nachhaltig getrübt?

Die beiden Teams standen sich immer in wichtigen Matches gegenüber, zwei Mal sogar im WM-Finale. Aber komischerweise gab es auch diesmal keinen Hass, keine Abneigung gegenüber den Deutschen. Überhaupt nicht. Nicht so wie es gegenüber Erzfeind England oder Nachbar Brasilien der Fall gewesen wäre und tatsächlich auch ist.

Warst du denn mit der spielerischen Leistung der Albiceleste zufrieden?

Sie haben lange nicht mehr so sauber kombiniert wie unter Pekerman. Auch wenn die Presse das anders sieht: Er hat keine gravierenden Fehler gemacht. Die Mannschaft war noch nicht reif für den Titel.

Und Messi, hätte er nicht öfter spielen müssen?

Für Weltmeister Jorge Valdano ist er ja der neue Messias. Alle sagten damals, Pekerman hätte Messi bringen müssen und wir hätten die Deutschen weggehauen. Das ist zu billig. Sorry, der Junge ist gerade 19 geworden. Ihm passiert, was allen Spielern des FC Barcelona droht: Messi wird gnadenlos überschätzt. Schuld sind die Medien.

Aber er ist doch ein absolutes Genie.

Sicher, von den Anlagen her, ist er ein „Crack“ wie wir hier am Rio del la Plata sagen. Aber Lionel muss noch wachsen, viel kräftiger werden und sich in allen Bereichen verbessern.

Dokumentiert ein solch genialer Dribbler nicht den Unterschied zwischen dem Konzept-Fußball in Europa und der inspirierten Passion in Südamerika?

Quatsch! Der Stil wird sich doch immer ähnlicher. Auch die Art, den Fußball zu genießen und durch ihn zu leiden, ist sehr ähnlich, eigentlich identisch. Das habe ich festgestellt, als ich im Juni für drei Wochen in Deutschland war. Zwischen einem Fan von Veléz Sarsfield und einem Fan von Werder Bremen gibt es keinen Unterschied. Beide sind gleich verrückt.

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Sergio Olguín wurde 1967 Buenos Aires geboren. Er studierte an der dortigen Universität Literaturwissenschaften und arbeitete zunächst als Journalist. Olguín wurde Chefredakteur der Kulturzeitschrift „La mujer de mi vida“ und veröffentlichte Artikel in den Tageszeitungen „Página/12“, „La Nación“ und „El País de Montevideo“. Im Jahr 2002 veröffentlichte er mit „Lanús“ seinen ersten Roman. Danach erschien „Filo“ (2003). Sein drittes Buch „El Equipo de mis sueños - Die Traummannschaft“ ist im Mai auf Deutsch erschienen. Der Jugendroman hat stark autobiografische Züge. Er handelt von Bandenkriegen und der Leidenschaft für den Fußball.

Das Interview mit Sergio Olguín stammt aus BOLZEN, dem Zentralorgan für Freizeitfußball www.bolzen-online.de .


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