22.03.2007

Sergio Olguín im Interview

„Maradona ist ein lebendiger Gott“

Er ist während der besten Zeit von Diego Maradona aufgewachsen und seit Jahrzehnten treuer Fan der Boca Juniors. Sergio Olguín, Schriftsteller aus Buenos Aires, betrachtet das Spiel der Spiele aus der Sicht eines fußballverrückten Literaten.

Interview: Erik Wegener Bild: Imago
Deine Geschichte erzählt auch vom ersten Lederball des Straßenkickers Maradona. Was bedeutet Diego für dich persönlich?

Er ist ein Held des 20. Jahrhunderts, der sich immer wieder selbst zerstört hat. Er war ganz unten und er ist immer zurückgekehrt. Ich war und bin sein Zeitgenosse, habe ihn noch live spielen gesehen - das werde ich einmal meinen Enkeln erzählen. Für einen, der den Fußball liebt, ist das etwas Wunderbares, absolut Unvergleichliches.



Maradonas bizarres Leben hat allerdings auch viel von einer Tragödie.

Ja, sein Charakter ist extrem wechselhaft, er hat viel Ambivalenz in sich. Auf dem Platz war er immer ein echter Kumpeltyp, außerhalb des Rasens ein total verrückter Artist. Er ist ein Rebell. In seiner Meinung, egal ob sportlich oder politisch, ist er vollkommen unabhängig. Ihn stört nicht, was man über ihn denkt. Er macht einfach, unterstützt Fidel Castro, attackiert die FIFA ...

Dennoch gibt es keinen Zweiten, der bei den Argentiniern noch heute diese Liebesgefühle weckt.

Weil seine Tore, wie das bei der WM 1986 gegen England, zu den größten Kunstwerken Argentiniens gehören, sie sind ein Äquivalent zu den schönsten Gedichten von Jorge Luis Borges. Maradona ist ein nationales Emblem wie Evita Perón und der Tangosänger Carlos Gardel. Die drei sind fast wie Heilige. Bis auf Maradona sind aber alle längst tot. Egal was er macht, er bleibt ein lebendiger Gott.

Aber für seinen Klub, die Boca Juniors, würde er sterben. Maradona liebt seinen Heimatverein.

Er ist ein fanatischer Anhänger, er leidet wie ein Hund, wenn Boca verliert. Kaum einer ist so mit dem Herzen dabei. Er fühlt sich einfach zugehörig. Andere Profis interessieren sich ja überhaupt nicht für ihren Ex-Klub. Gabriel Batistuta etwa sieht man nie in der Bombonera. Auf der anderen Seite ist es natürlich befremdlich, wenn Maradona, sonst das Idol aller Argentinier, plötzlich im Boca-Trikot die Fans von Estudiantes oder Banfield beschimpft.

Was macht den Mythos Boca aus? Warum ist es der populärste Klub in Argentinien?

Boca hat seinen Ursprung im gleichnamigen Hafenviertel, die Gründer waren italienische Einwanderer, sie kamen 1905 zu Tausenden mit Schiffen aus Genua. Daher heißen die Anhänger schlicht „Xeneizes“, die Genovesen. Der Klub trägt eine typisch italienische Tragik in sich. Dadurch ist irgendwann dieses Mystische entstanden, das die Leute so anzieht.

Und fußballerisch, was ist ihr Stil?


Boca ist ein Klub der Krieger, der krasse Gegensatz zu River Plate. Der Erzrivale steht fürs feine Spiel, für die Reichen. Boca hat oft die schlechtere Ausgangsposition gehabt,
am Ende aber doch triumphiert. Wie 1977, als man auswärts in Mönchengladbach 3:0 siegte und den Weltpokal gewann. Boca hat immer Spieler, die bedingungslos kämpfen und sich stark mit dem Klub identifizieren. Das honorieren die Fans.

Hast du einen Lieblingsspieler?

Roberto Cabañas, ein Paraguayer, er war von 1991 bis 94 der Mittelfeldlenker. Er spielte eher unauffällig, wirkte bisweilen faul, aber wenn es darauf ankam, war er hellwach. Viele Spieler, wie heute Barros Schelotto, sind im Superclásico hypernervös und kriegen nichts auf die Reihe. Cabañas spielte gegen River Plate immer brillant und machte seine Tore. Dafür liebten wir ihn. Noch heute ist er bei den Fans sehr angesehen.

Wo findet man dich im Stadion?

Als Kind und Jugendlicher ging ich immer auf die legendäre steile Stehtribüne, heute sitze ich meistens auf der Gegengeraden.

„Sitzen ist für den Arsch“ lautet in Deutschland ein Fanspruch.

Da ist was dran. Auf der Sitztribüne (Platea) sind die Leute sehr kritisch, sie sind mit nichts zufrieden, nörgeln nur rum. Im Stehplatzbereich (Popular) erlebst du die 90 Minuten ganz anders. Hinter dem Tor stehen die harten Jungs mit den selbst gestochenen Tattoos. Die wollen sich freuen und genießen das Match in vollen Zügen. Sie rauchen Shit, tanzen, hüpfen und singen Lieder wie „Boca, un buen amigo“. Die beklatschen alles, jede Kleinigkeit - sogar die Fehlpässe der eigenen Mannschaft.

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